Festa Trail – Rock Festival in Frankreich

[Entwurf]
Wenige Minuten nördlich von Montpellier liegt St Mathieu-de-Tréviers – ein verschlafenes Dorf in den französischen Cevennen. Der Ort hat zwei Bäckereien, eine Bar, einen Fleischer und eine Winzerei – was ein französisches Dorf eben ausmacht. Gleich dahinter ragt das markante Bergmassiv Pic Saint-Loup hoch hinaus, welches dem Wein in dieser Region den Namen gibt. In der Turnhalle, gleich neben der Schule, händigen ältere Damen die Startnummern aus, dazu gibt es Pasta und Rotwein. Quechua stellt die neue Kollektion vor und Vincent Dellabarre gibt ein Interview mit wertvollen Hinweisen aus seinem Trail-Erfahrungsschatz. Die Stimmung ist gelassen am Abend vor dem Lauf.

In der Nacht fahren uns Busse zum Start; einzig als der Bus in einer Serpentine hinten abrutscht, wird das Murmeln etwas lauter. Kurz nach vier teilt der Bürgermeister Kuchen aus, eine Oma macht Tee. Die Läufer sind zweckmäßig und bedacht ausgestattet, keine Mode-Heinis oder Ultra-Freaks, sondern passionierte Bergläufer mit Erfahrung. Die ersten 74 Kilometer werde ich locker laufen und dann schauen, was noch möglich ist. Eine irre Taktik, wenn man sich klar macht, dass bis dahin bereits 4000 Höhenmeter auf dem Programm stehen.

Der Bürgermeister gibt das Startkommando und wir traben in die Dunkelheit. Gleich beim ersten Anstieg wird klar: Die Strecke hat es in sich. Durch Gestrüpp und über scharfkantige Felsen erreichen wir einen Grat, einfache Kletterei auf weißen Felsformationen im Morgengrauen. Was bei mir leichte Bedenken auslöst, hört sich aus der Perspektive eines Team Salomon Läufers aus Korsika wie folgt an: “It’s easy, I like rocks, that’s why I am here.”

Nach 22 Kilometern passieren wir die engen Gassen eines Bergdorfes und kommen zum ersten Verpflegungspunkt, es gibt Trockenobst, Bananen und Kuchen aber wir haben es eilig. Danach trotte ich mit zwei Läufern den nächsten Anstieg hinauf. Wir laufen ruhig und gleichmäßig, die Stöcke in der Hand, fast wie Jäger zu Urzeiten. Als der Läufer vor mir auf einem Flachstück nicht sofort in den Laufschritt übergeht, fordere ich ihn auf: “Allez!”. Er zögert zunächst, beginnt aber zu laufen. Scheinbar war er irritiert, denn wie sich später herausstellen sollte, ist es ein Top Läufer vom Team Salomon Frankreich (UTMB sub 25h). Kurz danach bin ich allein, die beiden lassen mich ziehen.
Beim Festa Trail findet man sie in allen gängigen Größen und in jeder vorstellbaren Kombination: Steine. Kaum ein Meter der Strecke ist eben, überall ragen scharfe, spitze, runde oder lose Steine hervor. Einige verstecken sich im Gras, andere liegen lose aufeinander – manche Passagen sind mörderisch. Nicht selten zweifle ich, ob ich noch auf der Strecke bin oder das Geröllfeld vor mir ein schlechter Scherz sei, aber die orangen Streckenmarkierungen sind eindeutig. Die besonders gefährlichen Stellen sind zusätzlich ausgezeichnet, allerdings zählt dazu ausschließlich kniehoher Stacheldraht – alles andere ist schließlich absehbar.
Judy sendet mir meine Position per SMS: Platz Sieben und neben mir läuft Platz 6. Fortsetzung folgt…
Andechs zu Fuß
Weiß-blauer Himmel, strahlende Sonne und ein zartes Grün auf den Wiesen locken die deutsche Berglauf-Elite am 21. April ins bayerische Flachland nach Andechs. Andechs – bekannt als Wallfahrtsort und für die gute Klosterschänke – empfängt an diesem Wochenende nicht nur die CSU-Größen zur Klausur und die Touristen zur Schweinshaxe, sondern auch die Trail-Läufer zum ersten Kräftemessen der Saison.
Auf zwei Strecken, 8 Kilometer und 15 Kilometer, haben sich über dreihundert Teilnehmer gemeldet, darunter 14 Top-Läufer vom Team Salomon. Der führende Läufer des Expert Trails (15 km) wird von einem Mountainbike begleitet, der führende des Beginner Trails von einem Läufer. Richtig verstanden: Der führende Läufer beim Beginner Trail wird von keinem Geringeren als Stefan Paternoster begleitet: Deutscher Crosslaufmeister, Bayerischer Berglaufmeister und zudem Ausrichter dieser Veranstaltung. Diesmal betritt auch er Neuland, denn die Organisation des Andechs-Trails ist eine Premiere.
Dass Stefan selbst Bergläufer ist, wird bereits vor dem Start klar: Mit den zwei Distanzen möchte er sowohl die Trail-Profis herausfordern als auch den Straßenläufern die Gelegenheit bieten, einmal Trail zu schnuppern. Trail wird dann auch reichlich geboten: Auf schmalen Pfaden geht es über Wurzeln und Pfützen; knackige Anstiege gefolgt von breiten Forststraßen lassen die Oberschenkel brennen und den Dreck aufspritzen. Alle Abzweige sind perfekt beschildert, die anspruchsvollen Passagen deutlich ausgewiesen und die Teilnehmer nehmen Rücksicht aufeinander. Scheinbar gehören die Streckenposten zu Stefans Freundeskreis – es herrscht eine familiäre Atmosphäre.
Ziel ist natürlich das Kloster auf dem heiligen Berg. Dort warten nach der Ankunft, unter bayerischem Himmel, erfrischende Andechser Getränke und hausgemachter Kuchen. So kann die Saison beginnen.
Nepal 2011
Am 20. November 2011 beginnt in der Nähe von Pokhara, Nepal ein Etappenlauf über sechs Etappen und 210 Kilometer. RacingThePlanet führt mehr als 200 Teilnehmer aus 40 Ländern durch die atemberaubende Landschaft des Himalaya. Ich habe das Rennen begleitet. Im Folgenden einige Impressionen:
Ausflug nach Italien – Morenic Trail

Mailand, Galleria Vittorio Emanuele II
Während auf dem Münchner Oktoberfest die Maßkrüge scheppern und der Dampf von knusprigen Brathendl durch die Festzelte zieht, nutze ich das letzte warme Herbstwochenende für einen Ausflug nach Italien. Ziel ist Ivrea – eine Kleinstadt irgendwo zwischen Mont Blanc und Mailand. Dreihundert Läufer haben sich für den Morenic Trail registriert und nur zwei weitere Namen auf der Startliste klingen verdächtig nach deutschem Ursprung. Ich freue mich auf einen Besuch bei den italienischen Ultratrail-Läufern.
Spät in der Nacht der Anreise versagt mein GPS und außer einem schwarzen Wildschwein befindet sich keine Seele auf den Straßen der Provinz Ivrea. Nach Mitternacht rufe ich den Gastwirt an, der mich daraufhin in italienischem Fahrstil zur Unterkunft lotst. In dem mittelalterlichen Gehöft treffe ich Wolfgang aus Bozen. Wolfgang entspricht einem der beiden erwähnten Einträge auf der Startliste; er spricht akzentfrei Deutsch und musste ebenfalls den Lotsendienst in Anspruch nehmen. Zur Sicherheit vereinbaren wir am nächsten Morgen gemeinsam zum Start nach Andrate zu fahren.

Vor mehreren hunderttausend Jahren wanderten Gletschermassen durch das Aosta-Tal und hinterließen dabei einen Gürtel aus Ablagerungen rund um Ivrea, der in seiner Form einem Amphitheater ähnelt. Der Morenic Trail verläuft halbkreisförmig auf diesem Moränen-Gürtel und umfasst eine Gesamtlänge von 109 Kilometern. Bildlich gesprochen verläuft die erste Hälfte bergab, die zweite Hälfte bergauf. Ich kenne keine bessere Möglichkeit diese Landschaftsform zu erfahren, als sie einmal komplett abzulaufen, deshalb spielt für Wolfgang die Platzierung auch keine Rolle, sondern für ihn steht das landschaftliche Erlebnis im Vordergrund. Mein Hauptziel ist der erfolgreiche Zieleinlauf und die damit verbundenen Qualifikationspunkte für den Ultra Trail du Mont Blanc.
Wir erreichen das verschlafene Bergdorf Andrate um 7:00 Uhr und nehmen die Startnummern in einer Nordic-Walking Schule entgegen. Die Atmosphäre bei der Anmeldung ist familiär und ruhig, so unterschreibe ich gutgläubig die Wettkampferklärung in italienischer Sprache. Wolfgang übersetzt die letzten Hinweise vor dem Start und kurze Zeit später fällt der Schuss.
Circa die Hälfte der Teilnehmer laufen in einer Vierer-Staffel und können auf ihren Streckenabschnitten ein höheres Tempo laufen als vergleichbare Läufer auf der Gesamtdistanz. So formiert sich unmittelbar nach dem Start eine schnelle Führungsgruppe. Die Gruppe ist mir deutlich zu schnell und ich lasse sie ziehen, behalte aber die Läufer vor mir im Auge, denn die Streckenmarkierungen sind spärlich verteilt. Aus der Ferne erkenne ich, wie die beiden Läufer vor mir dem Schotterweg nach links ins Tal folgen und dabei den Kamm verlassen. Als ich wenige Sekunden später diese Abbiegung erreiche, schimmert geradeaus oberhalb vor mir eine rot-weiße Wegmarkierung im Morgenlicht. Von den beiden Läufern ist längst nichts mehr zu sehen. Sie sind mit großen Schritten in Richtung Tal unterwegs; ich winke ihnen gedanklich hinterher und folge der Markierung bergauf.
Nun gebe ich Gas, bis ich vor mir den nächsten Läufer erkenne, denn allein und ohne GPS fühle ich mich unwohl. Etwa eine halbe Stunde später zweigt der Trail deutlich markiert, in einer scharfen Rechtskurve, vom Hauptweg ab. Die nächste T-Kreuzung ist nicht markiert, so stutze ich kurz, folge dann aber dem ausgetretenen Pfad talwärts. Nach etwa fünfhundert Metern drehe ich um und sammle die Läufer hinter mir ein. Mittlerweile hat sich eine Gruppe von zwanzig Läufern versammelt und wir erkunden gemeinsam alle vorhandenen Abzweigungen nach weiteren Wegmarkierungen: Keine Spur! Schließlich entscheiden sich zwei italienische Läufer, die ursprünglichen Markierungen an der Spitzkehre zu ignorieren und dem Hauptweg zu folgen. Ich schließe mich ihnen an und wenig später befinden wir uns wieder auf der richtigen Strecke. Mir wird nun klar, dass die Markierungen bewusst falsch gesetzt worden sind und das Rennen damit ab jetzt zum Orientierungs-Ultra ohne Karte mutiert.
Ich lasse die anderen Läufer nicht mehr aus den Augen. Wenig später passiert es erneut, wir zweigen scharf ab und nach etwa einem Kilometer stehen wir an einer Hauptstraße im Tal, ohne jede Spur von Markierungen. Der größere Teil der mittlerweile versammelten Gruppe läuft zurück bergauf. Ich schließe mich erneut fünf Italienern an und wir folgen dem Straßenverlauf. Wir atmen erneut auf, als wir kurze Zeit später auf einen Streckenposten stoßen.
In der ersten Hälfte des Laufes finde ich mich insgesamt viermal ratlos in der Landschaft wieder und suche den markierten Trail. Besonders hart trifft es einen der Staffelläufer. Er läuft deutlich schneller, überholt mich jedoch fast stündlich aufs Neue oder läuft mir entgegen. Mittlerweile grüßen wir uns, wenn wir uns sehen.

Wolfgang hat mich vor der ersten Hälfte des Laufes gewarnt. Meine Beine ächzen unter dieser langen, gleichmäßigen Bergab-Belastung. Die ersten Steigungen nach halber Strecke erzeugen Momente völliger Zufriedenheit. Taucht am Wegrand ein Campingtisch mit Keksen und Getränken auf, greife ich beherzt zu. Oft bin ich mir zunächst nicht sicher, ob es sich um einen offiziellen Verpflegungspunkt handelt oder einen privaten Posten. Ein besonders bizarrer Moment: Eine etwas beleibte Helferin schraubt vor meiner Nase eine Cola-Flasche zu, um danach selbst zu den Schinkenstreifen zu greifen. Die Temperaturen steigen bis auf dreißig Grad, das Läuferfeld wird dünner und ich genieße die schmalen, stillen Gassen italienischer Bergdörfer.

Am Abend taucht die Sonne die Landschaft in ein zartes Orange, die Luft kühlt merklich ab und ich traue meinen Augen kaum; vor mir taucht erneut der Staffelläufer auf. Wir tauschen einige Worte und er erklärt mir, dass er in einer Zweier-Staffel läuft und bei Kilometer 91 erneut an seinen Partner übergibt. Die Dämmerung treibt mich an, ich lege vor, er muss nachziehen und wir jagen uns bis zum nächsten Versorgungspunkt, wo er von seinen Freunden jubelnd empfangen wird. Am Campingtisch tanke ich auf – braunes Zuckerwasser bis zum Anschlag, ein Gel hinterher. Wir verabschieden uns herzlich und ich laufe in Richtung Ziel.
In der Dunkelheit verblasst die Landschaft zur grauen Kulisse, monoton traben meine Füße über die Pfade, Feldwege, den rauen Asphalt. Die letzten Kilometer werden immer länger, die Schritte kürzer. Der Zielort Brosso entspricht der Größe: Mehr Kühe als Einwohner. Erst im Ort höre ich die Musik vom Festzelt, sehe aber noch kein Licht. Bereit zum Zieleinlauf leitet man mich um; ich muss hinauf zur Kirche. Davor eine Treppe mit Pappschild und Schrift – ich frage mich was das soll und mache kehrt. Im selben Augenblick fängt mich ein Mann ab, zeigt auf die roten Steine auf der Treppe und deutet in Richtung Dorfmitte – alles klar! Ich nehme einen Stein in die Hand und laufe damit ins Ziel.
Nach dem Zieleinlauf winken mich die Einheimischen an ihren Tisch, sie reichen mir würzige Suppe, herzhafte Riesentortillas mit Käse und einen Becher Rotwein. Die Stimmung ist gut, hier fühle ich mich wohl.
Thomas Bohne
Ultra Trail du Mont Blanc 2k11
Der Ultra Trail du Mont-Blanc (UTMB) folgt einer Variante des Fernwanderweges Tour du Mont-Blanc, die das gesamte Mont-Blanc-Massiv umrundet. Die Strecke führt über zehn Pässe oberhalb von 2000 Metern und durch drei Länder: Frankreich, Italien und die Schweiz. Die Läufer tragen einen Rucksack mit Ausrüstung bei sich, die Verpflegungsstellen sind weit voneinander entfernt. Eine Mischung aus Distanz, Höhenprofil, Wegbeschaffenheit und unberechenbarem Wetter heben diesen Lauf in die Königsklasse der Bergläufe. Die Voraussetzungen zur Qualifikation für den Lauf sind hart, nur erfahrene Läufer nehmen daran teil, in diesem Jahr waren es 2300 Athleten aus 62 Ländern. Der UTMB ist ein Spiel, entweder man gewinnt es oder man verliert es. Das besondere daran ist: Die Mitspieler sind die besten der Welt, und jeder spielt dieses Spiel aus purer Leidenschaft.
In der Dunkelheit prasselt Regen auf den schwarzen Asphalt, bunte Lichter schwimmen in den Pfützen und es riecht nach Fichtennadeln im warmen Dunst des dicht gedrängten Läuferfeldes. Die Weltelite der Trail-Läufer hat sich auf dem Place Triangle de l’Amitie in Chamonix versammelt. Hinter der Absperrung drängen sich besorgte Blicke der Angehörigen, die ihre Regenschirme fürsorglich über die Köpfe ihrer Liebsten halten. In den letzten Sekunden vor dem Start ertönt die Vangelis-Hymne und eine Gänsehautstimmung durchzieht das Feld. Die Moderatoren brüllen aus vollem Hals und zählen laut abwärts: “Trois, Deux, Un”; dann bricht das Feld unter tosendem Applaus in ein Blitzlichtgewitter los.
Die neunte Ausgabe des UTMB startet aufgrund von Gewitterwarnungen erst um 23:30 Uhr. Im Vorfeld vermeldete die Homepage des Veranstalters stündlich neue Hiobsbotschaften: Stürme bis 80 km/h, schwere Regenfälle und Schneefall ab einer Höhe von 2000 Metern. Bereits vor dem Start hat sich die Organisation dazu entschlossen, die letzte Bergpassage zu umgehen und damit die Gesamtlänge auf 162 Kilometer verkürzt. Außerdem hat sie nach dem Rennabbruch im vergangenen Jahr die Pflichtausrüstung für jeden Teilnehmer aufgestockt. Tatsächlich steht jedoch selbst ein Läufer in bester Ausrüstung einem Schneesturm im Hochgebirge völlig hilflos gegenüber; so bleibt dieses mulmige Gefühl im Magen.
Auf den ersten Kilometern zeigt sich das Wetter gnädig, leichter Regen begleitet die Athleten auf dem Anstieg nach La Charme. Im darauffolgenden Abstieg lauern dagegen erste Bewährungsproben. Wild flackern die Kegel der Stirnlampen über den schlammigen Rinnen auf der steil abfallenden Skipiste. Geröll, Löcher und glitschige Wurzeln bilden im nächtlichen Regen einen Parcours der Extraklasse, der bis auf das Pflaster von St. Gervais reicht. Im weiteren Verlauf der Nacht verminen sturzbachartige Regengüsse den Trail mit knöcheltiefen Pfützen. Annähernd so leicht und grazil wie Vogelschwärme bewegen sich die Läufer über den schlammigen Trail und weichen dabei geschickt Hindernissen aus. Aber eben nur fast, denn regelmäßig schießt nach einem lauten “Platsch” die kalte Brühe in alle Richtungen und läuft anschließend langsam am Körper ab. Einige Profis werden an den Verpflegungsstellen von ihren Betreuern erwartet und tauschen die triefende Kleidung und Schuhe.
Gleißend hell erstrahlt die Kirche Notre Dame de la Gorge in der schwarzen Nacht. Wuchtige Bässe und kräftige Rockmusik treiben die Läufer, vorbei an lodernden Flammen eines Lagerfeuers, in den nächsten langen Anstieg. Kurz darauf ist kaum das leise Rascheln der Steine und das stetige Klacken der Stöcke hörbar. Der Himmel klart auf, in klirrender Kälte keuchen die dampfenden Läufer bergauf; der Atem vereist. Unter leuchtenden Sternen windet sich eine Lichterkette aus Stirnlampen durch die schneebedeckte Hochgebirgslandschaft – ein atemberaubender Anblick. Das Wasser in den Flaschen und Trinkblasen nähert sich jetzt dem Gefrierpunkt, Riegel und Gels werden hart und zäh. Eisplatten zieren hier die felsigen Stufen des Trails. Im Morgengrauen tauchen erste Sonnenstrahlen die steilen Gletscher des Mont-Blanc Massives in ein zartes Rot. Einzelne Läufer halten kurz inne und wischen sich die Tränen vom Gesicht – die Eindrücke sind überwältigend, sie mit den anderen Läufern zu teilen, verbindet; bisweilen entstehen daraus Freundschaften fürs Leben.
Während im Tagesverlauf die Temperaturen in den Tälern stetig klettern, bläst in den Höhenlagen ein eiskalter Wind. Zeitgleich mit den ersten Schneeflocken erreicht ein Hubschrauber den nächsten Pass und legt behutsam neben dem Kontrollposten eine gläserne Schutzhütte ab. Heftige Unwetter blockieren den Weg nach Bovine, so verändert die Organisation die Strecke erneut. Die Gesamtdistanz verlängert sich damit auf 170 Kilometer, der Anstieg summiert sich auf 9741 Höhenmeter. Die Teilnehmer erhalten die Information als Nachricht auf ihr Mobiltelefon, aber nicht jeder liest im Wettkampf Textnachrichten.
Die letzten Kilometer fordern starke Willenskraft. Gelenke und Muskelfasern sind mittlerweile gereizt und jeder einzelne Schritt schmerzt. Besonders steile Abstiege fordern fortwährend höchste Konzentration. Die Sonne entzieht dem Körper in kurzer Zeit viel Wasser, und nur wer die Signale rechtzeitig erkennt, kann entsprechend reagieren. Versagt der Magen, ist der Lauf beendet. An den Verpflegungsstellen spielen sich herzzerreißende Dramen ab; der UTMB verzeiht einfach keine Fehler. Wer es bis nach Chamonix schafft, wird rund um die Uhr von einer jubelnden Zuschauermenge erwartet.
“Der Zieleinlauf war wie ein Rockkonzert und Kilian der Superstar”, kommentiert eine Zuschauerin die Stimmung in Chamonix beim Einlauf des Siegers Kilian Jornet. Die ersten drei Läufer überschreiten die Ziellinie in kurzen Abständen am Samstag Abend. Dass der Viertplatzierte das Ziel erst zwei Stunden nach dem Drittplatzierten erreicht, ist bezeichnend für die Klasse der Top-Läufer. Lizzy Hawker gewinnt abermals die Frauenwertung nach 25 Stunden Gesamtzeit, kurz hinter dem besten Deutschen Läufer, Matthias Dippacher. Weniger als die Hälfte der Starter erreicht das Ziel in Chamonix innerhalb der vorgegebenen 46 Stunden.
Ernten Athleten andernorts für derlei Anstrengung ein gleichgültiges Lächeln, bringt man ihnen in der Mont-Blanc-Region Respekt und Anerkennung entgegen. In den Schaufenstern der Läden verstecken sich Startnummern vergangener UTMB-Veranstaltungen, und mitunter trägt der Inhaber selbst eine alte Finisher-Weste. Der UTMB unterscheidet sich deutlich von vielen Großveranstaltungen, die von kommerziellen Interessen bestimmt sind. Auf Geldpreise wird bewusst verzichtet, und der logistische Aufwand rechtfertigt die 150 Euro Startgebühr allemal. Respekt vor Umwelt und Gleichheit für alle Teilnehmer sind die höchsten Maßgaben dieser Veranstaltung. Die Leidenschaft und der Pioniergeist der Freunde, die diesen Lauf im Jahr 2003 gegründet haben, ist nach wie vor spürbar.
Trail Running in Beijing

Die Luft vibriert am Rand der vierspurigen Straße, grün-gelbe Taxis rauschen hupend vorbei, dunkle Limousinen mit getönten Scheiben schwimmen majestätisch wie Raubfische im Blechstrom. Wanderarbeiter kehren den Dreck aus den Fugen der Gehwegplatten und die Mütterchen an den Garküchen schnippeln Gemüse neben dampfendem Hühnersud. Nur eine milchig-graue Silhouette bleibt von den Umrissen des nächsten Häuserblocks übrig – schwer liegt der Dunst. Zwischen Bäumen am Straßenrand krächzen Lautsprecher Volksmusik für grinsende Greise, die gleichmäßig im Takt Walzer tanzen. Abgase, Gosse und Frittenbude riecht man an einem typischen Morgen in den Straßen Pekings – kein guter Ort für einen Lauf. Ganz klar, Laufen ist in China kein Volkssport. Suchbegriffe wie “Laufen” und “Peking” führen zu Ergebnissen wie Husten, Atemmaske oder Verkehrsunfall. Durchreisende bevorzugen das Laufband im klimatisierten Fitnessstudio. Trail-Runner geben sich damit nicht zufrieden. Es gibt sie, die versteckten Pfade in der Stadt.
Ein flüchtiger Blick auf den Stadtplan verrät: Die Stadt ist riesig! Im Großraum Peking leben zwanzig Millionen Chinesen; das entspricht etwa einem Viertel der deutschen Bevölkerung. Die U-Bahn ist ein erstklassiges Transportmittel. 15 Linien befördern bis zu sechs Millionen Menschen täglich. Auch scheinbar überfüllte Zügen bieten immer noch einen Platz – im Zweifel schieben die Sicherheitskräfte von außen etwas nach. Umfallen kann dann keiner mehr. Linie 8 endet am Olympic Forest Park, einem frisch für die Olympischen Spiele angelegten Idyll nördlich vom Vogelnest, dem Olympiastadion. Im Südteil des Parks verstecken sich die Trails in einer Blumenpracht, während der nördliche Teil 176 verschiedene Baumarten beinhaltet. Wer einen Blick auf Chinas Top-Läufer erhaschen möchte, muss vor den ersten Sonnenstrahlen im Olympic Forest Park sein, denn die Läufer meiden die Sonne. Helle Haut gilt in China als Schönheitsideal.

Nach einem Lauf am frühen Morgen bietet bereits der Heimweg eine Vielzahl an kulinarischen Köstlichkeiten die leeren Glykogenspeicher zu füllen. In den Straßen Pekings warten mobile Pfannkuchen-Karren, Garküchen mit leichter Nudelsuppe oder Bäckereien verschiedener Kulturkreise mit taufrischem Werk der Nacht auf hungrig vorbeiströmende Passanten. Ob Kaffee zu Croissant oder leichter Grüntee zu warmem Eiertörtchen – jeder Geschmack wird bedient.

Michael Sjöholm verkörpert das Idealbild eines schwedischen Top-Läufers – blond, groß, athletisch gebaut, mit charmanten Sommersprossen im Gesicht. Michael trainiert mehrmals wöchentlich eine Laufgruppe in der Stadt. Meist läuft die Gruppe im Chaoyang Park, östlich vom Botschaftsviertel. Treffpunkt ist die kleine Hütte am Parkeingang. Der Wärter in der Hütte gewährt gegen eine Gebühr von 50 Cent Parkzutritt. Um gleich die Sorge vor explodierenden Kosten zu mildern, sei hier erwähnt: Die Monatskarte kostet 80 Cent. Im Park geht es dann querfeldein über Wiesen, Hügel und durch dichtes Buschwerk, vorbei an tanzenden Chinesen, Spaziergängern und hin und wieder auch an Hochzeitspaaren beim Fotoshooting. Ähnlich wie bei einem gut organisierten Marathonlauf sind Erfrischungsstände strategisch platziert und mit ausreichend Personal bestellt. Mobile Eistruhen sorgen im Sommer an jeder Ecke für kühle Getränke. Freilich kann es passieren, dass als Erfrischung eine Flasche mit Eisblock gereicht wird, die den Durst erst einige Kilometer später zu löschen vermag.
Etwas skurril wirkt der 20 km Trail neben dem Airport Expressway, der Autobahn zum internationalen Flughafen. Der Pfad windet sich grazil entlang des schmalen Grünstreifens zwischen Fahrbahn und Hochtrasse, vorbei am Künstlerbezirk 798 (Dashanzi), einem ehemaligen Rüstungsgelände, das in Kooperation zwischen China und der DDR entstand. Heute stellen Künstler Ihre Werke in den ausgedienten Fabrikhallen vor und dazwischen schlürft Pekings High-Society Cappuccino in italienischer Fassade. Ein Geheimtipp ist der Trail entlang des Kanals, südlich vom Kunstbezirk. Vorbei an einem Markt, durch einen Zaun hindurch, über Bahngleise, eröffnet sich unerwartet ein Labyrinth aus Feldern und Seen mit zahlreichen Trails.
Erst ein Lauf auf der Großen Mauer rückt die Leistung der damaligen Bauherren und Arbeiter in das richtige Licht. Über extrem steile Steintreppen führt sie von Gipfel zu Gipfel und liegt in der Landschaft wie eine Schlange im Gras. In den verfallenen Abschnitten schlängeln sich schmale Pfade durch dichten Bewuchs und hin und wieder bieten die unzähligen Wachtürme gigantische Ausblicke in das fremde Land. Dieses Paradies für Trail-Runner erfüllt damit heute einen anderen Zweck als den beim Bau angedachten und verläuft unweit von Peking. Schnellen Zugang zur Mauer bietet die Bahn-Linie S2 vom Nordbahnhof, allerdings wurde dieser Mauerabschnitt für Touristen aufbereitet, das bedeutet: Seilbahn, Asphalt, Souvenirstände. Wilde und anspruchsvolle Trails findet man in Mutianyu oder Simatai. Diese Abschnitte sind mit einem Taxi (50 €/Tag) oder mit einer Kombination aus öffentlichen Bussen und Sammeltaxi erreichbar. Die Busfahrt kann ebenfalls zum Abenteuer werden, denn Fahrpläne und Busanschriften sind in chinesischer Sprache und damit für die meisten Touristen mehr Kunstwerk als Informationsquelle. Selbstverständlich sind die Sitzplätze im Bus auch von Chinesen begehrt und ein Stehplatz im nichtklimatisierten Linienbus bei knapp vierzig Grad Celsius härtet zusätzlich ab.

A-Hotel
Nach einem harten Training hilft die traditionelle Chinesische Medizin körperliche aber auch geistigen Blockaden zu lösen. Typische Chinesische Massagen werden mit Fingern, Faust, Ellenbogen und Knie durchgeführt und rund um die Uhr angeboten. Falls Feuer zum Einsatz kommt: Bitte nicht erschrecken! Haben sich die Schmerzen der Behandlung erst gelegt, tritt meistens eine Phase der Entspannung ein.
Eine ausgefallene Unterkunft für Läufer ist das A-Hotel, ein modernes Boutique Hotel in zentraler Lage. Gäste mit Zimmern im hinteren Bereich des Hotels erhalten beim Einchecken einen Gutschein für die Hotelbar mit dem Kommentar: “Your room is a little bit far”. Ein düsterer, fensterloser Korridor führt in einer langen Rechtskurve zu den Hotelzimmern. Weich wirkt jeder Schritt auf dem abstrakt gemusterten Teppich und golden leuchtet die reichlich verzierte Stofftapete an den Wänden. Die Zimmernummern an den Türen zählen behäbig aufwärts und allmählich wird klar: Der Gutschein hat durchaus seine Berechtigung. Das Hotel befindet sich im Arbeiterstadion und die Hotelzimmer sind entlang der Außenmauern verteilt, alle mit Fenster. Im Stadion wurde bereits Läufergeschichte geschrieben und findet während des Aufenthaltes ein Fußballspiel oder Konzert statt, ist man hautnah dabei.
Eine asiatische Großstadt pulsiert unaufhörlich, gleichmäßig wie der Herzschlag. Menschen sind allgegenwärtig, Orte der Stille und Entspannung verstecken sich hinter Mauern von Tempeln und Parks. Ein Paradies für Trail-Läufer sieht anders aus. Lässt man sich jedoch auf die ungewohnte Umgebung ein, öffnet die Augen und verweilt etwas, eröffnen sich Möglichkeiten, die vielleicht nur hier existieren.
Thomas Bohne
Gobi March 2011

RacingThePlanet
Die Amerikanerin Mary Gadams nahm selbst an zahllosen Ultramarathonläufen, Wüstenrennen und Abenteuerrennen teil, bevor sie 1996 RacingThePlanet gründete. Ihr Ziel war es, Menschen in die verbliebenen abgeschiedenen Regionen unserer Erde zu führen. Sie ist allerdings nicht die Geschäftsführerin eines Reiseunternehmens, sondern schickt Extremsportler auf 250 km lange Läufe. RacingThePlanet veranstaltet seitdem mit der 4-Deserts Serie vier Etappenläufe, die Athleten durch die vier größten Wüsten unserer Erde führen: das Dünenmeer der Sahara in Ägypten, die heißen Ebenen der Gobi in China, die vertrockneten Salzseen der Atacama in Chile und nicht zuletzt durch die klirrend kalten und schier unerreichbaren Eisfelder der Antarktis. Während der Rennen tragen die Läufer ihre komplette Ausrüstung am Körper, lediglich Zelte und Wasser werden von der Organisation bereitgestellt.

Vor dem Start
Ich steige am 20. Juni um 23:00 Uhr auf dem Flughafen Ürümqi aus dem Flugzeug und ein warmer Wind weht über meine Haut. Augenblicklich steigt der Geruch der Wüste in meine Nase und weckt Erinnerungen an vergangene Rennen in dieser Region. Wenige Minuten später treffe ich weitere Mitarbeiter von RacingThePlanet aus Hongkong, Großbritannien und den Vereinigten Staaten in einem Hotel in der Stadt. Chuck empfängt mich bereits in der Lobby, denn er kann es kaum erwarten aufzubrechen. Wir beide arbeiten in den folgenden zwei Wochen für RacingThePlanet. Unsere Hauptaufgabe ist die Bereitstellung einer markierten, sicheren 250 km langen Strecke für 152 Athleten und die Positionierung der einzelnen Teams der Organisation während des Rennens. In einer Gegend mit geringer Infrastruktur, extremen Naturgewalten, einem internationalen Team und nicht zuletzt eigensinnigen Fahrern stellt dies eine gewaltige Herausforderung für zwei Personen dar. Chuck Walker hat bereits alle großen Wüsten durchquert und scheint nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen.Während ich die wenigen Stunden im fünf Sterne Hotel im King-Size Bett versinke, beobachte ich, wie sich Chuck neben meinem Bett in seinen Schlafsack rollt. Am nächsten Morgen verlassen wir die Millionen-Metropole und fahren in Richtung Wüste.

Die Temperaturen steigen stetig, bei knapp 46 Grad Celsius Innentemperatur sitzen wir reglos im Auto, Klimaanlage: Fehlanzeige. Nach ca. 6 Stunden erreichen wir eine Stelle in der Wüste, die später als Camp dienen soll und entdecken erstes Leben. Völlig unerwartet vollführt Fahrer Hassan plötzlich hektische Bewegungen und zeigt vor sich auf den Boden. Zwei lange ”Arme“ bedrohlich in die Höhe gestreckt, rast eine handtellergroße Kreatur auf acht Füßen zwischen unseren Beinen hindurch. Ein Einheimischer bestätigt uns, dass diese Spinnen nicht giftig sind, jedoch Skorpione fressen. Ich stelle mir die Begegnung mit den freiwilligen Helfern vor und grinse leicht zu Chuck, der trocken meint: ”Then I guess they live where the food lives.“ Wir sind uns einig, die Nacht lieber weit entfernt in den Sanddünen zu verbringen.

In den nächsten Tagen markieren wir Abschnitte im Turpan Becken – sprichwörtlich ein Freiluftgrill. Ich greife in der Mittagshitze nach meiner Wasserflasche; sie ist heiß. Gerde platziere ich eine Flagge auf einem Erdwall, da erblicke ich ein tiefes Loch vor mir. Offenbar haben Einheimische an dieser Stelle nach Grundwasser gegraben. So weit das Auge reicht, formen hunderte Hügel eine bizarre Kraterlandschaft. Sorgsam entwerfe ich einen Parcours um die Hindernisse herum, um plötzliches Abtauchen von Athleten zu vermeiden. Chuck verliert indes im vertrockneten Aydingkol-Salzsee 154 m unter dem Meeresspiegel seine Schuhsohlen. Der Kleber zwischen Schuh und Sohle hat sich durch die Hitze gelöst. Als er seinen Wasservorrat an einer Oase auffüllen möchte, schnaubt ihn eine Herde Kamele an und versperrt ihm den Weg zur Quelle. Er watet behutsam durch das mit Kameldung gefüllte Wasserloch und beginnt sich zu erfrischen, da taucht neben ihm ein riesiger Schatten auf. Er fühlt den feuchten Atem eines Kamels direkt an seinem Körper. Im nächsten Augenblick schleckt eine glitschige, raue Zunge quer über seinen Rücken.

Die Berge
Nach den Erlebnissen im Turpan Becken blicken wir erwartungsvoll auf die Bergetappen und fahren in ein Dorf auf 2000 m Höhe. Um 02:00 Uhr nachts öffnet uns kein Tor, so werfen wir unsere Schlafsäcke auf einen leeren Anhänger am Straßenrand und schlafen unter leuchtenden Sternen ein. Ein kleiner Strom bringt etwas Wasser ins Dorf, so dass die Bauern Weintrauben und Pfirsiche anbauen können, was dem Dorf den Namen Peach Village gibt. Dennoch lassen der Zustand der Häuser und die Kleidung der Menschen auf ein Leben in Armut und Dürre schließen. Hier im Tian Shan Gebirge geben plötzlich weggespülte Straßen und Temperaturstürze von 20°C innerhalb von 15 Minuten einen kleinen Eindruck von den Naturgewalten, die diese Landschaft prägen.

Das Rennnen
Am 26. Juli startet das Rennen und damit ändert sich auch unser Tagesablauf. Als die Athleten die Startlinie überschreiten, sind wir bereits seit zwei Stunden auf der Strecke und überprüfen alle Wegmarkierungen. Oft fegen nächtliche Stürme die kleinen pinkfarbenen Fähnchen in weite Ferne oder Ziegen führen an ihnen Geschmackstests durch, ganz zu schweigen von der Anziehungskraft, die diese leuchtenden Farben auf Nomaden ausüben. Kurz nach Sonnenaufgang stoße ich auf eine Herde Kühe in den Bergen, die erschrocken auf und davon stürmt. Etwas besorgt verfolge ich die munteren Galoppsätze der Kühe in einen steilen Abhang hinein und frage mich, wie viele lebend unten ankommen. Einige Kehren später treffe ich die Herde erneut und mein Blick fällt spontan auf das Tier mit Hörnern und ohne Euter, das mich mit erhobenem Haupt mustert. Die Athleten wundern sich später sicherlich, dass der Kurs an dieser Stelle von der Ideallinie abweicht.

Als ich am zweiten Tag des Rennens das Zelt verlasse, umhüllt mich ein milchiger Schleier aus Dunst. Läufer Gian Mins sagt dazu später: ”Ich dachte ich bin im Himmel.“ Über Nacht ist dichter Nebel aufgezogen und die Sichtweite beträgt nur noch wenige Meter. Das Course Team sitzt auf das Fahrzeug auf; wir verschwinden in der grauen Masse und entfernen zwei Bergabschnitte von der heutigen Etappe. Der am Vortag Erstplatzierte Australier David Goerke nutzt die Gelegenheit und erreicht das Ziel heute bereits nach 1,5 Stunden, andere Läufer schonen sich auf der kurzen Etappe, denn sie ahnen was ihnen noch bevorsteht. Die Nacht verbringen wir erneut in Peach Village, werden jedoch diesmal fürstlich von Einheimischen bewirtet. Am folgenden Tag bereiten die lediglich zwölf Familien des Dorfes für 200 Personen ein außergewöhnliches Nachtlager.

Wenn Chuck von ”rechtmäßigen“ Dünen spricht, kann das nur bedeuten, dass die bis dahin härteste Etappe des Rennens ansteht. Die atemberaubende Schönheit der endlos erscheinenden Sanddünen gerät so schnell in den Hintergrund. Bereits beim Markieren der Etappe versinke ich tief im glühend heißen Sand und verbrenne mir meine Zehen. An besonders steilen Anstiegen zieht mich ein unsichtbares Band beständig bergab. Einige Athleten stoßen hier an ihre Grenzen, werden jedoch vom wüstentauglichen Besenwagen, dem Kamel, eingesammelt und zum nächsten Checkpoint geschaukelt. Wenige Kilometer weiter hat ein Sturm die Markierungen weggetragen, jedoch befolgen alle Athleten unsere Anweisungen vom Morgen und folgen einem frei stehenden Zaun bis zum Camp – bis auf die Koreaner. Wir schütteln ungläubig unsere Köpfe als wir erfahren, dass die Koreaner den dichten Stacheldrahtzaun überklettert haben und nun neue Wege beschreiten. Jedoch gelangen auch an diesem Abend alle Athleten sicher ins Camp und tauschen dort ihre Tageserlebnisse am Lagerfeuer oder im Ärztezelt aus. Unwesentlich überrascht aber durchaus erheitert vernahm ich die Nachricht, dass im Tagesverlauf eine der handtellergroßen Spinnen im Ärztezelt an der Decke haftete und für Aufregung sorgte. Die familiäre Atmosphäre bei RacingThePlanet wird einem bereits beim Betreten des Camps deutlich. 39 verschiedene Nationalitäten sind bei diesem Gobi March vertreten und 19 freiwillige Helfer opfern ihren Urlaub für eine Woche harte Arbeit. Wer einmal bei einem dieser Läufe war, nimmt neben den Eindrücken und neuen Bekanntschaften auch ein unbeschreibliches Gefühl mit nach Hause.

The Long March
”Der lange Marsch“ bezeichnet mit 80 km die längste Etappe des Laufes. Zunächst führt eine unwirkliche, graue Mondlandschaft die Läufer zu einem riesigen, vertrockneten Salzsee. Vorbei an den Kameloasen, die Chuck in bester Erinnerung behält, verläuft die Strecke auf direktem Weg nach Gaochang. Die Palastruinen der 2000 Jahre alten Oasenstadt Gaochang an der Seidenstraße zählen heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Am Horizont hinter Gaochang leuchten bereits die Flammenden Berge, eine rote Sandsteinformation am Rande der Taklamakan. Das Ziel dieser Etappe und damit letzte Camp des Laufes befindet sich inmitten der Flammenden Berge. Wir verteilen bis spät in die Nacht Leuchtsticks auf der Strecke, die den Läufern auch bei Nacht den Weg weisen. Am nächsten Morgen markiere ich mit Chuck gemeinsam die letzten 10 km bis zum Ziel, bevor ich vor Ende des Laufes die Heimreise antrete. Zurück in Urumqi erfahre ich, dass in der Nacht ein Sandsturm mehrere Zelte im Lager einfach weggerissen hat – die Wüste ist einfach unberechenbar.
Thomas Bohne

















