343 Bergläufer starten um 14 Uhr in Mittenwald

Kenianer als Erster auf dem Gipfel

Mittenwald – Was für ein Rennen. Im Tal herrschten tropische
Verhältnisse, die Strecke war so lang und so schwer wie nie zuvor und
ein Kenianer holte sich den Titel. Bereits vor dem Rennen standen die
Zeichen gut, denn über 400 Läufer waren gemeldet und der Himmel war
blau, ganz ohne Wolken. “Die Temperaturen sind ideal, es herrschen
fast tropische Verhältnisse hier”, sagt Bergwacht-Chef Heinz Pfeffer.
Auf jedem, der elf Kilometer langen Strecke, steht einer seiner
Mittenwalder Kameraden für den Notfall. Außerdem gibt es fünf
Verpflegungsstellen bis zum Gipfel. “Mehr als ausreichend”, meint
Pfeffer.

Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn
Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn

Auch die Österreicherin Sabine Reiner ist guter Dinge, denn erst vor
einer Woche holte sie Bronze bei der Europameisterschaft im Berglauf.
“Ich lasse es auf mich zukommen”, sagt sie wenige Minuten dem Start.
“Die Temperaturen sind auch nicht zu verachten.” Pünktlich um 14 Uhr
geben der Zweite Bürgermeister Gerhard Schöner und die Biathletin
Nadine Horchler den Startschuss, und das Feld der 343 angetretenen
Läufer sprintet los. Vom Zentrum des Ortes geht es zunächst auf
flachen 1,5 Kilometern Asphalt bis zum Berg. Dort wartet dann die
erste steile Rampe, eine Teerstraße. “Da kann man sich gleich
abschießen, wenn man die nicht kennt”, erklärt der Bergläufer Stefan
Paternoster, der hier zu den großen Favoriten zählt. Anschließend
folgen die Teilnehmer etliche Kilometer einer Forststraße, bis sie auf
einen schmalen Pfad treffen. Dieser windet sich in Serpentinen durch
Latschen hinauf zur Dammkarhütte. Dort beginnt der schwierige Teil der
Strecke.

Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend
Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend

“Es ist eine richtige Schinderei”, beschreibt es Paternoster treffend.
“Du machst einen Schritt und rutschst einen halben zurück”, sagt der
Kenianer Isaac Kosgei später. “Jeder Meter ist so hart.” Trotzdem kann
er sich etwas absetzen und seinen Vorsprung durch den Tunnel halten.
Wenige Minuten nach 15 Uhr erreicht er als Erster das überdimensionale
Fernrohr an der Bergstation der Karwendelbahn. Doch bis zum Ziel sind
es diesmal einhundert Höhenmeter mehr. “Wer ist das?”, fragte der
Organisator Kurt König überrascht. Bisher konnten sich die Kenianer
auf dieser anspruchsvollen Strecke nicht durchsetzen. Auf dem letzten
steilen Anstieg bis zum Gipfel der Linderspitze holt der Schotte
Robbie Simpson gefährlich schnell auf und die Zuschauer toben. Am Ende
trennten die beiden nur 43 Sekunden und Kosgei gewann das Rennen in
1:06:12 Stunden. Den dritten Platz sicherte sich der Kenianer Francis
Maina Njoroge, der nicht mit dem zähen Schotten gerechnet hatte. “Ich
dachte eigentlich, ich werde Zweiter”, sagte Njoroge nach dem Rennen.

Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert
Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert

Während den Männern die Strecke zu schaffen machte, fühlte sich Sabine
Reiner scheinbar pudelwohl. “Es war super abwechslungsreich und hat
mit voll taugt. Ich habe nicht ein Mal auf die Uhr geschaut.” Mit
einer Zeit von 1:14:27 Stunden ließ sie ihre Konkurrenz weit hinter
sich und siegte bei den Damen. Ihr Freund Stefan Hubert lief die
Strecke außerhalb der Wertung in 1:20 Stunden zum Training mit
Rucksack. Das Paar gehört zur Weltspitze der Bergläufer und befindet
sich mitten in der Vorbereitung auf die Berglauf Weltmeisterschaft im
September in den USA.

Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert hat.
Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel
ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert
hat.

Die schnellen Läufer sind allerdings nur ein kleiner Teil der
Athleten, die sich den technischen 1460 Höhenmetern stellen. Nur fünf
Teilnehmer brechen das Rennen vorzeitig ab und 338 erreichen das Ziel.
Für viele ist dieser Lauf eine große Herausforderung. “Er zählt zu den
schwierigsten Läufen im Alpenraum”, sagt der österreichische
Berglauf-Weltmeister Helmut Schmuck, der heuer erstmals mitlief. Am
Ende stand König die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. “Wir
wussten nicht, funktioniert das jetzt bis da hoch. Top. Ich habe ein
gutes Team.”

Sayram Lake

Gobi March 2014 – hinter den Kulissen

Der Gobi March zählt zu den spektakulärsten Extremläufen unseres Zeitalters, denn er führt seine Teilnehmer über eine Distanz von 250 Kilometern durch eine der entlegensten Regionen dieser gigantischen, lebensfeindlichen Wüstenlandschaft im Herzen Asiens. Extreme Hitze, klirrende Kälte und beißende Winde sind die täglichen Begleiter derer, die sich auf dieses Abenteuer wagen. Seit mittlerweile elf Jahren veranstaltet RacingThePlanet diesen Etappenlauf und dieses Jahr bereitete ich den Teilnehmern als Course Director ihren Weg.

Plötzlich sind wir mitten drin in der Baustelle
Plötzlich sind wir mitten drin in der Baustelle

Die Anreise führte mich über die chinesische Hauptstadt Peking nach Urumqi, einer Millionenstadt am Rande der Wüste in der Provinz Xinjiang. Urumqi ist seit jeher geprägt durch verschiedenste kulturelle Einflüsse, was ich direkt nach meiner Ankunft an den dreisprachig beschrifteten Verkehrsschildern ausmache; leider umfasst mein Sprachschatz keine dieser Sprachen. Wurden die mehrspurigen, breiten Stadtautobahnen Urumqis noch vor wenigen Jahren hauptsächlich von Eselkarren befahren, werden sie heute dem drastisch gestiegenen Verkehrsaufkommen der Stadt kaum noch gerecht und die Eselkarren sind nahezu vollständig von der Fahrbahn verschwunden. Lediglich auf den Randstreifen verirren sich vereinzelt Fußgänger und Radfahrer, was den Fahrer unseres Geländewagens nicht weiter zu irritieren scheint, denn dieser erklärt den Randstreifen regelmäßig zu seiner Überholspur und verursacht damit bei uns Insassen eine zwanghafte innere Unruhe. Von der Provinzhauptstadt Urumqi fahren wir ca. 450 Kilometer weiter gen Westen in Richtung des äußersten Zipfels Chinas in die chinesische Stadt Bole (Bortala).

Gobi March 2014 40

Hin und wieder tauchen am Horizont gigantische, gleißende Industrieanlagen der Größe einer Stadt auf, sonst ist es pechschwarz um uns und die lebensfeindliche Wüstenlandschaft zu beiden Seiten der schnurgeraden Autobahn lässt sich im Dunkel der Nacht nur erahnen. Wir passieren heillos überladene LKW mit blinkender Leuchtreklame oder gänzlich ohne Beleuchtung. Gegen 03:30 Uhr verliert sich die Teerstraße urplötzlich in eine staubige Piste, denn wir rumpeln in eine Baustelle. Als ich am Straßenrand eine leblose Person bemerke, bitte ich unseren Fahrer zu stoppen. Offenbar wurde die Schotterpiste einem Motorradfahrer zum Verhängnis, der jetzt schreiend und blutverschmiert auf der Fahrbahn liegt. Wir sichern die Unfallstelle, alarmieren den Rettungsdienst und leiten den nächtlichen Schwerlastverkehr zentimetergenau an seinem Körper vorbei. Gegen 05:00 Uhr und nach insgesamt knapp 40 Stunden Reisezeit erreichen wir die Retortenstadt Bole und die Vorbereitungen für den Lauf können endlich beginnen.

Pavel (vorne) und Dominik
Pavel (vorne) und Dominik

Auf die Teilnehmer wartet ein Etappenlauf über sechs Etappen mit Einzeldistanzen zwischen 14 und 68 Kilometern und bis zu 2500 Höhenmetern pro Tag. Die Planung dieser Strecke sowie aller logistischen Abläufe während des Rennens obliegen mir; bei der Markierung unterstützen mich Pavel und Dominik – beide sehr erfahrene und zähe Langstreckenläufer, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann. Noch bevor die ersten Teilnehmer in das Camp vor dem Start des Rennens verlegen, haben wir die 47 Kilometer der Auftaktetappe bereits vollständig mit kleinen pinkfarbenen Fähnchen markiert. Per Funk erfahre ich, dass das vermeintlich sichere Camp über Nacht durch einen Wüstensturm vollständig demontiert wurde und der Campmanager Hernan die Nacht unsanft, in Zeltplanen gewickelt, und an einen Generator geklammert, verbracht hat. Um den Läufern diese Erfahrung zu ersparen, bringen wir sie in der Nacht vor dem Start in einer nahegelegenen, verlassenen — zugegebenermaßen hässlichen — Bergbausiedlung unter. Während sich Dominik ein Zimmer mit einer hässlichen Hundeminiatur teilt, übernachte ich mit Hernan unter freiem Himmel und bete für beständiges Wetter. Extreme klimatische Bedingungen erfordern ein gewisses Maß an Flexibilität und Respekt gegenüber der Natur, so plane ich die erste Etappe um, noch bevor der erste Läufer die Startlinie auch nur in Sichtweite bekommt.

Gobi March 2014 32

Während die Dornbüsche und die steinigen Trails der Gobi noch vom Mantel der Nacht umhüllt sind, trabt Pavel bereits behutsam mit Stirnlampe über den Schotter und überprüft die Markierungen der ersten Etappe. In der Zwischenzeit beladen die freiwilligen Helfer die Geländewagen der Checkpoints mit Wasser und Hernan schürt uns im Camp ein Feuer, damit wir unseren Instant-Kaffee und unser Müsli mit warmem Wasser aufgießen können. Sind die Teilnehmer um 08:00 Uhr auf der Strecke, stehen alle Checkpoints in Abständen von ungefähr 10 Kilometern wartend in Position und das Course Team widmet sich der Markierung der Etappe des Folgetages. Die Auftaktetappe sorgt für ausgezeichnete Stimmung im Läuferfeld, denn sie führt durch eine Fabellandschaft, die mit bizarren, vom Wind geformten Felsen, durchsetzt ist. Zum Glück ahnen die Läufer nicht, dass mit der zweiten Etappe eine weniger spannende, dafür aber deutlich forderndere, mit trockenen Flussbetten durchsetzte, Gerölllandschaft auf sie wartet.

Checkpoint am ersten hohen Pass auf 2785 Metern
Checkpoint am ersten hoher Pass auf 2785 Metern

Als am dritten Tag das Wetter kippt und Dominik unsere pinkfarbenen Fähnchen im Schnee vorfindet, ist der Lauf längst gestartet und die ersten Athleten nähern sich ihm bereits. Erneut bewährt sich unser flexibles System und wir erklären eine nahegelegene Yurtensiedlung zum Camp und markieren die Strecke in Windeseile um. Noch bevor der erste Läufer schlotternd in eine der Yurten schlürft, haben die Nomaden Teppiche ausgelegt und die Yurten eingeheizt. Seit ich diese Siedlung kennengelernt habe, ist mir Schafkopf nicht nur als Kartenspiel bekannt, sondern zusätzlich in gekochter Form als Abendessen. Zusammen mit dem salzigen Milchtee zum Frühstück hält sich hier meine kulinarische Begeisterung stark in Grenzen.

Das Highlight des Laufes bildet seit jeher der “Long March”. Die fünfte und längste Etappe führt nicht nur die Teilnehmer an ihre Grenzen, sondern ist auch für die gesamte Organisation eine enorme Belastung, da sie die Masse der Läufer auf einer großen Distanz und über mehr als 24 Stunden betreut. Zwei gewaltige Pässe weit über 2000 Meter sind von den Teilnehmern zu bewältigen, bevor sie den unvergesslichen Blick auf den Sayram See erhalten. Der Sayram See ist ein 2000 Meter hoch gelegener, kristallklarer und azurblauer Bergsee, der von Blumenwiesen umgeben ist, die an einen überdimensionalen Golfplatz erinnern. Durchziehende Stürme mit Schnee und Hagel sind in dieser Region auch im Sommer an der Tagesordnung und es ist mir ein Rätsel, wie Menschen in diesem lebensfeindlichen Klima überleben und leben können. Immer wieder stehe ich staunend vor Kasachen und Mongolen, die mit ihren Pferden über diese Farbteppiche traben und mich während der Markierungsarbeiten begrüßen. Die Leichtigkeit und Eleganz sowie der kraftvolle Schritt einer Pferdehorde in diesem, ihrem Element, ist an Schönheit kaum zu überbieten.

Wie geschaffen scheinen diese Pferde für diese Region und das raue Klima.
Wie geschaffen scheinen diese Pferde für diese Region und das raue Klima.

Während die langsamsten Läufer und letzte Teile der Organisation erschöpft aber vollzählig das sechste Camp am Ufer des Sees erreichen, nähert sich das Schnarchkonzert in den Zelten seinem Höhepunkt. Der Tag vor der finalen Etappe wird von allen gleichermaßen zum Lecken der Wunden genutzt, denn die sechste Etappe schlägt lediglich mit 14 Kilometern zu Buche und stellt keine ernstzunehmende Hürde mehr dar. Im Camp spielen sich bizarre Szenen ab: Während die Spanier ihre Oberkörper in der Höhensonne braten, sitzen die Japaner und Chinesen völlig vermummt im Schatten. Sie haben jeden Millimeter ihres Körpers verdeckt, um die Sonneneinstrahlung und deren bräunende Wirkung auf ihre Hautfarbe zu minimieren. Die Jungs aus Polen haben sich für die spanische Variante entschieden und sind mittlerweile krebsrot. Pulver für Kartoffelpampe wechselt ebenso den Besitzer wie Lachs aus der Dose oder gefriergetrocknetes Elchragout aus der Tüte. Das Ärzteteam behandelt weiterhin unzählige Blasenfüße im Medic-Zelt, das mittels iPhone in ein Partyzelt umfunktioniert wird. Der Gang zum Toilettenloch ist für einige die maximale Herausforderung des Tages — es herrscht eine Bombenstimmung!

Die letzten Meter des Laufes verbringen die Teilnehmer am Ufers des gigantischen Sees, der am heutigen Morgen keine Wellen wirft, sondern sich behutsam in den Schleier eines hauchdünnen Nebels hüllt. Der Läufer Pit aus Deutschland bemerkt im Ziel: “Bereits bevor ich das Ziel vor Augen hatte, konnte ich euch hören.” Dieser Kommentar überrascht keineswegs, denn hinter der Ziellinie erwartet die Läufer eine Partyzone, beschallt von einer lokalen Musikgruppe und krachendem Techno im Wechsel. Über dreißig Nationen tanzen ausgelassen und aufgedreht wie Kleinkinder im Kreis. Zum gebührenden Empfang gibt es Reis mit Ei, Wassermelone und natürlich Bier nach deutscher Brauart. Am Ende sind wir alle müde, erleichtert und auch ein wenig stolz, diesen Jungs und Mädels ein unvergessliches Erlebnis bereitet zu haben.

Eine Bomben-Stimmung herrscht unter den Volunteers nach dem Lauf
Eine Bomben-Stimmung herrscht unter den Volunteers nach dem Lauf
© Michel Dehaye

D-Day – auf dem Trail durch die Geschichte Europas

Annähernd 160 000 alliierte Soldaten landeten am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie und führten in den frühen Morgenstunden diese Tages die größte militärische Landungsoperation durch, die die Welt bis heute gesehen hat. Das Ausmaß der Verluste bei dieser Operation überschreitet jegliche Vorstellungskraft. Am 6. Juni 1984 feierten Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Königin Elisabeth II., François Mitterand und der kanadische Ministerpräsident Pierre Trudeau mit tausenden Veteranen den 40. Jahrestag des D-Day. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeladen, denn die Zeit hatte die Wunden auch nach 40 Jahren nicht geheilt. Als ich im März dieses Jahres einen Anruf aus Frankreich erhielt und gefragt wurde, ob ich als deutscher Soldat für den Ultra D-Day Traillauf zum 70-jährigen Gedenken an den D-Day zur Verfügung stände, war ich mir der Bedeutung dieser Veranstaltung bewusst. Der Lauf sollte eine Gruppe, bestehend aus sieben zivilen Läufern sowie sieben militärischen Läufern aus sieben verschiedenen Nationen über 100 Meilen, entlang der fünf Landungsstrände in der Normandie führen: Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword Beach.

© Michel Dehaye
© Michel Dehaye

Prinzipiell führen Trailläufe auf schmalen Pfaden abseits befestigter Wege durch die Landschaft. Darüber hinaus sind die Strecken von Ultra-Trails länger als die hinreichend bekannte Marathondistanz von 42,195km und häufig sind Berge inklusive. So ist es nicht allzu verwunderlich, dass neben mir auch Philipp aus Bad Reichenhall und Tom aus Graz zu den Bergspezialisten dieser sehr alten Sportart zählen. Eines ist sicher: Berge gibt es in der Normandie jedenfalls nicht! Das Teilnehmerfeld des Ultra D-Day umfasst außerdem Läufer aus den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Belgien und aus Polen. Allesamt stehen wir am Morgen des 12. Juni im feuchten Sand des Utah Beach und wissen nicht so recht, was uns in den folgenden Stunden bevorsteht.

© Tom Wagner
© Tom Wagner

70 Jahre nach der Landung der alliierten Truppen sind die Strände sauber, die Luft ist klar und ein Meeresrauschen liegt in unseren Ohren. Es ist schwer vorstellbar, wie sich vor 70 Jahren die Landungsboote ihren Weg durch diese Wellnessoase bahnten und die Soldaten mit klatschnassen Kleidern unter ohrenbetäubendem Lärm in den Kugelhagel liefen. Nach den ersten Metern am Strand nehmen uns französische Kinder bei der Hand und geleiten uns zur Eröffnungszeremonie. Das Medieninteresse ist gewaltig und das Klicken der Kameras erreicht seinen Höhepunkt, als die Nationalflaggen der Teilnehmer zusammen mit Roland, einem der französischen Läufer, am Fallschirm einschweben. Auch die Bundeswehr ist mit einem Kamerateam vor Ort.

Endlich laufen wir los. Die 17 Kilometer bis zum ersten Versorgungspunkt sind zäh, denn die Läufergruppe orientiert sich am schwächsten Läufer — eine völlig neue Erfahrung für uns Bergläufer. Für die Versorgungspunkte wurden die bedeutendsten historischen Stellen im Küstenverlauf im Abstand von 8 bis 24 Kilometern gewählt. Der erste befindet sich nahe der Ortschaft Carentan, einer schwer umkämpften Schlüsselstelle des D-Day. Der deutsche Soldatenfriedhof La Cambe hinterlässt bei mir gewaltigen Eindruck. 21 000 gefallene deutsche Soldaten liegen hier begraben. Während ich die Namen der Gefallenen auf den schwarzen Grabsteinen innerlich laut vorlese, überkommt mich ein seltsames Gefühl, denn die Namen klingen unheimlich vertraut.

Pegasus Bridge © Michel Dehaye
Pegasus Bridge © Michel Dehaye

Nach 60 Kilometern erreichen wir einen Versorgungspunkt am Omaha Beach und erste Verschleißerscheinungen treten bei uns Läufern hervor. Der Asphaltanteil der Strecke liegt oberhalb meiner Schmerzgrenze wie auch die Inhomogenität der Gruppe. Jason aus Kanada ist überzeugter Vegetarier, kann sich nach 60 Kilometern allerdings nicht mehr beherrschen: “Ahh, I think I am not really a Vegetarian anymore.” und stopft sich genüsslich zwei Schinkenschnittchen zwischen die Kiefer. Ich blicke noch einmal in den knallroten Sonnenuntergang, drehe mich um und trabe im Schein meiner Stirnlampe in die stille Nacht.

Gegen 24:00 Uhr laufen wir mit brennenden Fackeln zum britischen Friedhof in Bayeux. Ich bin mir nicht sicher, ob der Rauch der Fackel meines Vordermannes oder die Flammen der strauchelnden Belgierin neben mir das größere Risiko darstellten, ohne Zweifel war auch nach über 80 Kilometern höchste Konzentration angebracht. Der zeremonielle Teil dieser Station ist geprägt von einem massiven Hunger- und Kältegefühl und ich kann mir nur mühevoll ein Lächeln abringen. Immer mehr Läufer zollen der Belastung Tribut und müssen pausieren, mich eingeschlossen. Wie ein Segen erscheinen uns die ersten Sonnenstrahlen am frühen Morgen des 11. Juni und verleihen unseren müden Knochen frische Energie für die letzten 40 Kilometer nach Caen. Erst gegen 15:00 Uhr erreichen wir die Stadt, die infolge des D-Day fast völlig zerstört wurde. Zum Zielsprint treten wir gemeinsam mit 4000 französischen Kindern an. Ihr strahlendes Lachen, die kraftvoll wehenden Nationalflaggen und die Friedenstauben am Himmel bleiben mir wohl ewig im Gedächtnis und erinnern mich daran, in welch schönen und friedlichen Zeiten wir uns in Europa befinden.

Madeira @ night

Stillstand

Madeira ist ein süßer Wein mit ordentlich Umdrehungen, der von der gleichnamigen Insel stammt. Dessen spezieller Geschmack wurde durch die Schiffsreisen zum Festland und den damit verbundenen Reifeprozess überhaupt erst geprägt. Heute wird für den Reifeprozess natürlich keine Schiffsreise mehr benötigt und so sitze ich im Flugzeug, statt auf einem Segelschiff zwischen hölzernen Weinfässern zu schwanken.

Die portugiesische Insel Madeira befindet westlich von Afrika, etwa auf der Höhe Marokkos und ist in wenigen Flugstunden von Deutschland aus erreichbar. Neben mir sitzen Gerald und Jörg, zwei erfahrene Läufer, die bereits zusammen auf den Kilimandscharo gelaufen sind und dabei ihren Bergführer abgehängt haben. Diese beiden alten Hasen haben mich auf den Madeira Island Ultra Trail (MIUT) aufmerksam gemacht — ein Lauf quer über die Insel mit knackigen Anstiegen. “Das ist toll, da bekommt man in kurzer Zeit die ganze Insel zu sehen”, hörte ich es in meinen Ohren. Jetzt sitzen wir im Flugzeug und sind uns einig, dass die Laufsaison noch viel zu jung ist diesen ausgewachsenen Lauf.

Der MIUT feiert diesjährig seine sechste Austragung und wartet mit vier verschiedenen Strecken auf: 20km, Marathon, 85km und 115km. Es muss ja auch nicht immer gleich ein Ultra sein! Ist doch klar, für welche Strecke wir uns entscheiden — wir wollen schließlich die ganze Insel sehen. Am Tag vor dem Lauf landen wir auf dem einst für seinen schwierigen Anflug und seine extrem kurze Landebahn berüchtigten Flughafen Funchal, dessen Landebahn heute durch eine einzigartige Säulenkonstruktion in den Atlantik verlängert ist.

Am Abend nach der Landung düsen wir mit weiteren 380 Läufern in Reisebussen an das andere Ende der Insel. Das Feld ist klein und familiär, so wie die Insel. Man kennt sich untereinander. Punkt 24:00 Uhr passiert das Feld des UT85 und des UT115 die Startlinie in Porto Moniz und begibt sich auf eine wunderbare Reise durch die laue Nacht. Jörg ist bereits auf der Strecke unterwegs, denn er konnte keine Startnummer mehr lösen und läuft jetzt in Einzelwertung auf Teilabschnitten des UT85 und UT115 über die Insel.

An den ersten Hügeln formen die Stirnlampen leuchtende Ketten im Dunkel der Nacht. Ich verschlinge die salzige Luft mit purem Genuss und tanze auf den glitschigen Pfaden steile, schwarze Rinnen bergab – ein technischer Höchstgenuss — bis gegen 06:00 Uhr meine Stirnlampe versagt. Während des Laufens streife ich den Rucksack ab, taste nach meiner Ersatzlampe und versuche sie zu packen. Dabei linse ich immerzu über die Schulter meines Vordermannes, um einen Blick auf den beleuchteten Teil des Trails zu erhaschen. Als wir im dichten Wald auf einen Checkpoint stoßen, gewinnt mein Vordermann einige Meter Abstand und mein Licht ist plötzlich weg. Nun bin auf mich allein gestellt und stolpere mit dem diffusen Schein meiner Notlampe (Petzl E+LITE) durch das Gestrüpp. Hält die jetzt bis zum Sonnenaufgang? Falls nicht, bin ich geliefert, denke ich. Die Strecke führt schier endlos entlang der Lebensadern der Insel – den sogenannten Levadas. Das sind schmale Wasserkanäle aus Beton, die Felder und Siedlungen mit frischem, klarem Quellwasser versorgen.

Gegen 07:00 Uhr erreiche ich die Passstraße des Encumeada-Passes und treffe auf den bestens gelaunten Jörg. Er wird an den Stationen ebenso freundlich empfangen wie die Teilnehmer und trotz seines ausdrücklichen Widerspruchs genötigt sich zu verpflegen. Nach einer frischen Nacht und infolgedessen stetig gekühlten Getränken verhält sich mein Magen nun etwas irritiert und ich löffele zaghaft Hühnersuppe und knuspere an salzigen Crackern. Draußen zeichnen sich mittlerweile blaue Silhouetten der umliegenden Berge ab. Es dämmert! Jörg begleitet mich zur nächsten Levada, ich verliere ihn jedoch bereits nach wenigen Minuten aus den Augen. Es folgt ein endloser Abstieg ins Tal der Nonnen, in dessen Winkeln einst Nonnen ihre Zuflucht vor Seefahrern und fleischlichen Gelüsten suchten. Ich hingegen suche erneut Hühnersuppe und Cracker, denn der nun folgende 1300m Anstieg führt zum höchsten Berg der Insel, dem Pico Ruivo mit 1861m.

Noch befinde ich mich im Bereich der Top Ten, aber nach stundenlangem Lauf ohne ausreichende Energiezufuhr fühle ich mich jetzt leer wie ein verdorrtes Blatt in der Wüste. Sicher kennst du dieses Gefühl. Dein Vorsprung schmilzt wie Eiscreme in der Sonne und in jeder Kehre blickst du dich ängstlich um, als ob der Teufel hinter mir her sei: Wann kommen sie endlich und traben in vernichtendem Tempo an dir vorbei? Ich krieche wie Stück Butter über einen heißen Tiegel und erklimme Meter um Meter diesen endlosen Anstieg. Die Landschaft baut sich atemberaubend vor mir auf, aber dafür reicht meine Aufmerksamkeit nicht. Gefährlich schwankend stolpere ich über die ausgesetzten Felsgrate — die Auswirkungen von Dehydrierung und Unterzucker sind unverkennbar. Selbst leicht abfallende Abschnitte werden zur Quälerei. In diesem Zustand rückt das Ziel in unerreichbare Ferne. Immerhin liegen noch 55 Kilometer mit entbehrungsvollen Anstieg zwischen meinem aktuellen Zustand und der Ziellinie in Machico!

Vor drei Jahren steckte ich beim Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) in einer ähnlichen Situation und es fehlten noch knapp 70 Kilometer bis ins Ziel. Damals beendete ich den Lauf aufgrund von Magenproblemen und dem damit verbundenen Mangel an Nährstoffen vorzeitig. Wie habe ich diese Entscheidung bereut!

Als ich einen Schritt in die Holzhütte unterhalb des Pico Ruivo setze, steht mein Entschluss bereits fest. Mein Körper sackt auf einem Stuhl in der Ecke des dunklen Raumes zusammen und mein Kopf fällt schwer nach hinten. Die zuständige Ärztin schaut mich an, läuft zu mir herüber und fragt: “Geht es dir gut?” Ich erwidere: “Hätten Sie etwas Suppe? Mein Magen versagt die Funktion und ich muss pausieren.” Unverzüglich reicht mir ein Helfer warmen, schwarzen Tee. “Der ist gut für den Magen”, erklärt er in gutmütigem, väterlichen Ton. Ich sitze da, döse, lasse die Zeit verstreichen und registriere wie meine Verfolger die Hütte betreten, sich verpflegen und weiterlaufen. Meine Arme verdecken meine Startnummer, denn ich fühle mich geschlagen, völlig am Boden. Es ist mir peinlich hier zu sitzen und teilnahmslos dem Rennen zuzusehen, bei dem ich vor wenigen Minuten einer der Hauptakteure war. Wie verhalte ich mich, wenn sich mein Magen nicht beruhigt?

Schließlich raffe ich mich auf, fülle etwas Tee in meine Flaschen und lasse die Hütte hinter mir. Fünfundvierzig lange und schwere Kilometer liegen jetzt vor mir. Der landschaftlich schönste Teil der Insel breite sich unter meinen Füßen aus. Ich nehme mir Zeit, genieße die exponierten Pfade, laufe durch pechschwarze Felstunnel und erfreue mich der verstörten Gesichter der deutschen Wanderer, die sich mit einem freundlichen “Grüß Gott” einstellen. Mein Magen erholt sich allmählich. Am nächsten Verpflegungspunkt unterhalb des Pico Ariero (1818m) pausiere ich erneut ausgiebig und schlürfe wässrige Hühnerbrühe. Endlich habe ich Zeit, mir über die Hühner in der Suppe meine Gedanken zu zerbrechen. Wieder betreten meine Verfolger die Station, aber jetzt verlasse ich den Verpflegungspunkt vor ihnen. Sie sitzen mir wie Wespen im Nacken. Auf abschüssigen und flachen Trails kann ich den Abstand zu ihnen halten, ja sogar vergrößern. Allen die langen Anstiege fressen zu viel Kraft. Etwa 20 Kilometer später ist ein Finne direkt hinter mir. Ich lasse ihn passieren. Plötzlich taucht Jörg vor mir auf; er läuft mir entgegen. Ich freue mich wahnsinnig sein vertrautes Lächeln zu sehen. Er hat definitiv einen guten Tag, auch außerhalb der Wertung.

Madeira coast

Der Nordküstenweg vor Machico belohnt mich mit traumhaften Tiefblicken auf die Steilküste und den schäumenden Atlantik. Ich passiere Läufer des T20, die auf diesem Abschnitt mit den Juwelen des Trailrunning verwöhnt werden. Feinste Trails, steile Rampen und technische Leckerbissen zieren diesen Parkours. Ob diese Leckerbissen als solche wahrgenommen werden, hängt von den technischen und sportlichen Fähigkeiten der Läufer ab. Meine Gedanken wandern zu Gerald, der diese halsbrecherischen Abstiege bei Nacht absolvieren muss. Jörg erreicht Machico kurz vor Einbruch der Dunkelheit nach ca. einhundert zurückgelegten Kilometern. Am Ende erfahre ich, dass ich die Ziellinie als elfter Läufer überschritten habe und bin unendlich dankbar. Ich bin dankbar für den Mut, die Zeit verstreichen haben zu lassen.

Finally finished
Finally finished
Flugkosten: ab 250€
Startgeld
T20 35€
Marathon 55€
T85 85€
T120 105€
Übernachtungsort Machico
Übernachtung Casa da Graça
Die Strecke (T115) auf Strava

Madeira 11 copy

Grundausstattung:
– leichter Laufrucksack
– Stirnlampe mit Ersatzbatterien
– Notlampe
– Rücklicht (vom Veranstalter vorgeschrieben)
– Trinkbecher
– 1 l Wasservorrat
– Mobiltelefon

Bekleidung:
– T-Shirt
– Laufhose
– Socken
– Trailschuhe
– leichter Windbreaker
– wasser- und winddichte Jacke mit Membran
– Kopfbedeckung (Buff)
– Sonnenbrille

Notfallausrüstung:
– elastischer Verband
– Notfalldecke
– Tempotaschentücher

Nahrung:
– Salztabletten
– Nussmischung / Riegel / Gels
– Elektrolytpulver

MIUT auf GPSies
Fenix 2 18

Garmin Fenix 2 – testD

Während auf den Berggipfeln die Schneereste beharrlich glänzen und der Niederschlag hoch oben noch immer in fester Konsistenz zu Boden fällt, laufe ich für euch mit den technischen Highlights der kommenden Saison über die matschigen Trails. Die robuste Allzweckwaffe unter den GPS-Uhren wurde durch die amerikanische GPS-Schmiede Garmin einer umfangreichen Überarbeitung unterzogen. Bereits vor der Markteinführung in Deutschland habe ich für euch die neue Fenix 2 unter die Lupe genommen und getestet. Was verspricht das neue Modell und was bietet es euch auf den Trails?

Auf den ersten Blick ähnelt die GPS-Uhr ihrem Vorgänger: Die Multisport-GPS-Uhr Fenix haben hatte ich bereits hier im Vergleich zu Konkurrenzmodellen vorgestellt. Das Display der Fenix 2 zeigt helle Schrift auf schwarzem Hintergrund, bei der Fenix war das umgekehrt. Leider lässt sich diese Anzeige nicht verändern. Die rote Hintergrundbeleuchtung der Anzeige beeinträchtigt deine Nachtsichtfähigkeit etwas weniger. Mich konnte diese Neuerung während des Tests überzeugen. Das Gewicht gleicht mit 85g dem Vorgänger und ist etwas höher als das der Suunto Ambit 2. Die Anordnung der Funktionen der Knöpfe am Gehäuse wurde verändert, erscheint jedoch logisch und durchdacht.

Im Lieferumfang enthalten ist ein langes Klett-Armband, das für die Befestigung an dicken Jacken gedacht ist, die du zum Beispiel beim Skifahren oder Bergsteigen im Winter trägst. Je nach Ausstattungspaket ist ein Brustgurt zur Herzfrequenzmessung im Lieferumfang enthalten. Mit dem Brustgurt lassen sich Daten wie Schrittfrequenz, Vertikalbewegung des Brustkorbes sowie Bodenberührungszeit messen. Die Auswertung erfolgt später mit Garmin Connect. In der unten gezeigten Grafik lassen sich Aufstieg und Abstieg anhand der Schrittfrequenz klar voneinander unterscheiden. Am Gipfel habe ich mir eine Pause gegönnt und bin ein paar Meter gegangen.

Schrittfrequenz und Temperatur während einer Tour
Trittfrequenz und Temperatur während einer Tour

Der Brustgurt liefert außerdem Daten zur Herzfrequenzvariabilität und ermöglicht der Uhr Aussagen zu VO2-Max, Erholungszeit und zum erzielten Trainingseffekt. So wird nach wenigen Minuten Trainingszeit bereits ein Hinweis zur aktuellen Erholungsfähigkeit gegeben. Basierend auf VO2-Max und dem eigenen Alter kann die Fenix 2 sogar deine erwartete Bestzeit bei Rennen schätzen. Die Schätzwerte stammen aus einer intern hinterlegten Tabelle, die den VO2-Max-Wert als Grundlage verwendet. Die Aussagen zur Erholungszeit und VO2-Max sind stark abhängig von der aktuellen der Tagesform und geben lediglich einen guten Hinweis, ob das aktuelle Training angebracht ist oder besser eine Pause eingelegt werden sollte.

Aktivitäten aufzeichnen

Die bedeutendste Änderung an der Fenix 2 ist der Multisport-Modus. Im Multisport-Modus werden unterschiedliche Sportarten verzugslos miteinander kombiniert. Dieser Modus eignet sich nicht ausschließlich für Triathleten, sondern ist auch für Trail-Läufer sehr hilfreich. Fährst du zum Beispiel mit dem Fahrrad zum Berg, läufst dann einen Trail und fährst dann wieder nach Hause, kombinierst du Radfahren, Trail-Running und Radfahren zu einer Aktivität mit verzugslosen Übergängen. Leider werden in der Auswertung auf Garmin Connect diese Aktivitäten wieder als einzelne Sportarten gespeichert und nicht miteinander kombiniert. Aktivitäten können jederzeit wiederaufgenommen werden. Damit werden lange, über mehrere Tage dauernde Touren als einzelne Aktivität gespeichert. Beim Langzeittest mit unserem Modell habe ich den Akku bis an die Grenze ausgereizt und damit ca. 16 Stunden aufgezeichnet. Als mich die Uhr mehrfach durch Vibration auf den niedrigen Ladezustand des Akkus aufmerksam machte, habe ich schließlich die laufende Aktivität beendet und wollte speichern. Scheinbar gibt es bei langen Aktivitäten ein Speicherproblem, denn das Display der Uhr war anschließend eingefroren und die Uhr schaltete sich automatisch ab. Auch nach erneutem Aufladen ließ sich die Aktivität nur nach mehreren Versuchen speichern. Garmin Connect weigert sich bisher beharrlich die Aktivität von der Uhr auszulesen, nur Strava verrichtet hier seine Dienste zuverlässig wie gewohnt.

Das Löschen einzelner Trainingsaufzeichnungen ist bei der Fenix 2 leider sehr umständlich gestaltet, da die jeweilige Aktivität zuvor vollständig geladen werden muss. Der Ladevorgang nimmt viel Zeit in Anspruch. Hier wäre eine Mehrfachauswahl zum schnellen Löschen die bevorzugte Lösung. Am Rechner lassen sich die Aktivitäten über USB-Port jedoch schnell und einfach löschen.

Die Fenix eignet sich hervorragend zur Navigation bzw. zum Folgen eines vorher aufgezeichneten Tracks. Das hilft euch zum Beispiel in langen Wettkämpfen, wenn ihr vor dem Start einen GPS-Track erhaltet und während des Laufes vom Weg abkommt. Leider wird bei der Aktivität “Navigation” der UltraTrack-Modus zur reduzierten Aufzeichnung nicht angeboten und dadurch reduziert sich die Akkulaufzeit von 50 Stunden auf 16 Stunden. Nutzt ihr hingegen die Aktivität Trail Running im UltraTrac-Modus, zeichnet die Fenix zwar mit etwas weniger Genauigkeit Positionsdaten auf, bietet euch hingegen 50 Stunden Akkulaufzeit.

Bei der Anpassung an die deutsche Sprache sind noch einige Nachbesserungen nötig, wie das folgende Foto zeigt:

Aufstiegsintervall ? - hier sind noch Nacharbeiten notwendig
Aufstiegsintervall ? – hier sind noch Nacharbeiten notwendig

Genauigkeit der Uhr

Der GPS-Sensor überrascht durch recht zuverlässige Daten, jedoch nicht im Gelände mit eingeschränktem Empfang. Die Uhr liefert im ersten Teil der Strecke des Madeira Island Ultra Trails (MIUT) gute Ergebnisse, jedoch stößt sie in Tunneln und im steilen Gelände nahe des Pico do Arieiro auf Probleme. Dieses Verhalten deutet darauf hin, dass der Beschleunigungssensor in der Uhr keine optimalen Daten bei GPS-Ausfall liefert. Die gemessenen Höhenmeter auf der 110km langen Strecke wurden durch Garmin Connect und die hinterlegten Reliefkarten von 6845m Anstieg auf 6446m Anstieg korrigiert.

Madeira Island Ultra Trail (MIUT) auf Strava

Madeira Island Ultra Trail (MIUT) auf Garmin Connect

Der Wank bei Partenkirchen sollte als zweite Teststrecke Einblicke in das Verhalten der Uhr geben. Ich lief die Strecke im Trail-Run-Modus mit folgender Konfiguration der Fenix 2:

- Data Recording: smart
– GPS-Mode: normal

und parallel dazu mit dem Garmin GPSmap 62s:

- Record Method: auto
– Recording Interval: normal

Die Ergebnisse der Aufzeichnungen seht ihr unter folgenden Links:

Berglauf auf den Wank mit Fenix 2

Berglauf auf den Wank mit GPSmap 62s

Legt man beide Tracks parallel (siehe Google Earth Bild), gibt es sowohl beim GPSmap 62s als auch bei der Fenix 2 Abweichungen vom Weg. Die Resultate sind sehr ähnlich, Unschärfen sind auf die Abstände der aufgezeichneten Punkte zurückzuführen und nicht auf den GPS-Empfang. Bei der Wallfahrtskirche St. Anton habe ich eine kurze Schleife ohne GPS-Empfang eingebaut und auch hier lieferte der Beschleunigungssensor der Fenix 2 keine vernünftigen Daten.

Vergleich GPSmap 62s (rot) mit Fenix 2 (blau)
Vergleich GPSmap 62s (rot) mit Fenix 2 (blau)

Die Höhendaten vom GPSMap 62s liegen am Gipfel des Wank näher an der tatsächlich gemessenen Höhe von 1780m. Der Streckenunterschied der beiden Geräte von ca. 500m ist bei einer Gesamtstrecke von ca. 14km bereits erheblich.

Sensoren

Bluetooth-Smart-Sensoren werden von der Uhr nicht unterstützt, jedoch ist die Bluetooth-Kopplung mit dem Smartphone möglich. Die Android-App Garmin Connect wartet leider noch auf das Update zur Fenix 2 und damit auf die Kompatibilität. In Kürze wird die Fenix 2 damit zur Smart Watch, die Anrufe und Textnachrichten vom Trainer oder von Freunden während des Laufens auf dem Display anzeigt. Ein Live-Tracking während deines Trainings wird dann ebenfalls möglich sein, jedoch solltest du dir unbedingt vorher über den Zuschauerkreis im Klaren sein.

Radfahrer können mit der Fenix 2 verschiedene Leistungsmessgeräte für Fahrräder verwenden, die auf ANT+ Datenübertragung basieren. Die Verwendung von ANT+ Sensoren und Bluetooth Smart Datenübertragung ist gleichzeitig nicht möglich. Das Display der Uhr ist mit bis zu drei Datenfeldern pro Seite konfigurierbar und es können mehrere Seiten pro Sportart erstellt werden. Darüber hinaus kannst du deine eigenen Sportarten konfigurieren. Diese Funktionen sind direkt an der Uhr konfigurierbar, hilfreich und sehr nützlich!

Besondere Eigenschaften

Für die Schönwetterläufer bietet die Fenix 2 die Trainingsoption “im Gebäude” und misst zurückgelegte Entfernung und Geschwindigkeit — auch ohne Fußsensor — über einen Beschleunigungssensor im Gehäuse am Handgelenk. Falls du zum Ausgleich gern schwimmst, ist die Fenix 2 sowohl in freien Gewässern als auch in der Schwimmhalle dein Trainingspartner, der dir aktuelle Geschwindigkeit, Armfrequenz und zurückgelegte Distanz anzeigt. Bitte beachte allerdings, dass die Wasserdichtigkeit der Uhr auf 5 ATM begrenzt ist und damit die Eignung zum Schwimmen stark einschränkt wird. Schnorcheln zum Beispiel und häufiges Schwimmen sind nicht empfohlen. Aus diesem Grund erhält die Uhr auch nur die Wertung “duschtauglich”. Die Fenix 2 liefert auch für alpine Skifahrer interessante Auswertungen und erkennt automatisch, wenn du den Lift verlässt und du dich wieder zur Abfahrt auf die Piste begibst.

GPS Uhren: Garmin Fenix 2
Preis in € 399€ (449€ mit HF-Gurt)
Gewicht 85
Barometrischer Höhenmesser ja
Kompass 3-Achsen-Kompass
Akku-Betriebszeit mit GPS 16-50h
Akku-Betriebszeit ohne GPS 5 Wochen
Wasserdichtigkeit duschtauglich
Aufzeichnungsintervall ab 1s (konfigurierbar)

Die Fenix 2 auf Tour

Zusammenfassung

Die Fenix 2 ist eine hochwertige und robuste GPS-Uhr für Outdoor-Sportler, die sich nicht ausschließlich auf eine Sportart beschränken und viel im Gelände unterwegs sind. Die Änderungen zum Vorgängermodell beschränken sich auf Funktionen, die besonders für Multisportler interessant sind und nur in geringem Umfang auf die Hardware der Uhr. Wie alle GPS-Uhren dient sie nicht zur reinen Navigation und ersetzt die Papierkarte nicht. Die Zuverlässigkeit der Uhr ist verbesserungswürdig; bei langen Aufzeichnungen trifft die Fenix ganz schnell auf ihre Grenzen. Beim Speichern, Laden und Auslesen von Daten hatte ich mehrfach Probleme. Der Empfang der Uhr ist zufriedenstellend, konnte allerdings in Gelände mit geringem Satellitenempfang nicht vollständig überzeugen. Auch der Beschleunigungssensor am Handgelenk konnte den fehlenden GPS-Empfang nicht kompensieren. Die lange Akkulaufzeit im UltraTrack-Modus ist besonders bei langen Distanzen hilfreich und ebenso schätze ich Möglichkeit Einstellungen an Aktivitäten an der Uhr selbst vornehmen zu können.

Die Informationen in diesem Test stammen aus meinen eigenen Erfahrungen, Produktbeschreibungen des Herstellers sowie vom herausragenden Blog von Ray Maker. Falls ihr falsche oder unvollständige Informationen in meinem Beitrag findet, bin ich für euren Hinweis dankbar.

Der Blick vom Heimgarten in Richtung Zugspitze

Die Königsrunde

Der Herzogstand — kein anderer Münchner Hausberg bietet einen vergleichbaren Ausblick. Am Fuße des Berges liegt Kochel, dessen gleichnamige Kalksteinfelsen von der internationalen Kletterelite hoch geschätzt werden. Gleich dahinter breitet sich das flache Voralpenland bis zum Münchner Olympiaturm aus. Vom Pavillon auf dem Gipfel lässt sich heute noch erahnen, was König König Ludwig II. bewegte, diesen Berg zu seinem Lieblingsberg zu wählen. Die Gipfeltour zum Herzogstand lässt sich mit der Gratüberschreitung auf den Heimgarten zu einer Laufrunde der Extraklasse kombinieren. Aber Vorsicht! Die Wanderzeit auf dieser Strecke ist mit mehr als sechs Stunden angegeben und der Gratweg ist ausschließlich für trittsichere und geübte Läufer ratsam.

Anfahrtsbeschreibung

Von München kommend, fährst du zunächst nach Kochel am Kochelsee, passierst das Walchenseekraftwerk mit den markanten Wasserröhren und fährst die Serpentinen hinauf bis über die Passhöhe zwischen Kesselberg und Herzogstand. Weiter fährst du am Ufer des Walchensees bis zur Talstation der Herzogstandbahn. Die Talstation ist ebenfalls mit dem Bus aus Kochel erreichbar. Der Parkplatz vor der Bahn ist der Ausgangspunkt für unsere Laufrunde.

Der Grat hinüber zum Herzogstand mit dem Pavillon auf dem Gipfel
Der Grat hinüber zum Herzogstand mit dem Pavillon auf dem Gipfel

Wegbeschreibung

Am nordöstlichen Ende des Parkplatzes beginnt unser Trail. Dieser traumhafte Singletrail führt dich bei mäßiger Steigung und herrlichem Blick über den Walchensee durch den bewaldeten Südhang des Berges. Im Sommer ähneln die bunten Segler auf dem See kleinen Papierfähnchen, die ausgelassen im Wind tanzen. Nach ca. vierhundert Höhenmetern erreichst du eine felsdurchsetzte Passage und passierst einen Wassergraben. Dieser führt nicht zu jeder Jahreszeit ausreichend Wasser! Nach weiteren vierhundert Höhenmetern und zahlreichen Serpentinen erreichst du recht unverhofft den Berggasthof Herzogstand. Vorbei am Berggasthof und den japanischen Touristen querst du anschließend unterhalb vom Martinskopf (1675m) hinüber in die von Latschen durchwachsene Südostflanke des Herzogstandes. Nach wenigen Kehren und weiteren unbeholfenen Bahntouristen stehst du zunächst am Gipfelkreuz und anschließend am Pavillon des Königs (1731m).

Am Pavillon bietet sich dir ein herrlicher Rundblick über das weitreichende Alpenvorland, die strahlend blauen Seen und die gewaltige Alpenkulisse im Süden. In westlicher Richtung erkennst du den Gratweg und in dessen Verlängerung den Gipfel des Heimgartens. Leicht unterhalb des Gipfelpavillons befindet sich der Zugang zum Gratweg. Gleich zu Beginn erwarten dich etwas steilere Passagen, die du jedoch ohne Probleme meistern wirst. Falls nicht, dreh um! Im ständigen Auf und Ab, mit Drahtseilen gesichert, führt dich der Grat hinüber zum Heimgarten, dessen Gipfel du nach einem kurzen aber steilen Anstieg durch Latschengebüsch mühelos erreichst. Das glänzende Gipfelkreuz des Heimgartens strahlt im Abendlicht besonders schön.

Vom Gipfel begibst du dich in südlicher Richtung zur Heimgarten-Hütte, die nur im Sommer bewirtschaftet ist. Vorbei an der Hütte, folgst du dem schmalen und felsdurchsetzten Pfad durch dichten Wald hinab in Richtung Süden zur Ohlstädter Alm. Über die Almwiese, vorbei an einer Viehschleuse passierst du die Ostseite des Rotwandkopfes, weiter in südliche Richtung, leicht bergauf. Nachdem der Weg abrupt in Richtung Osten abknickt, führt er dich über kurze und gut laufbare Serpentinen bergab bis zum Rotwandgraben. Dem Weg neben dem Rotwandgraben folgst du, bis der Parkplatz der Herzogstandbahn ausgeschildert ist.

Als abschließendes Highlight der Tour empfehle ich diesmal keine Einkehr mit Kaffee und Kuchen, sondern ein erfrischendes Bad im Walchensee. Besonders in den Sommermonaten ist das für mich der krönende Abschluss dieser Tour.

Am Ufer des Walchensees mit Blick auf den Herzogstand
Am Ufer des Walchensees mit Blick auf den Herzogstand

Zeitansatz

Schnelle und erfahrene Läufer sollten für diese Tour mindestens zwei Stunden ansetzten. Weniger schnelle und weniger erfahrene Läufer sollten für die Tour ca. 3-4 Stunden einplanen. Bitte denkt an die obligatorische Ausrüstung, die ihr in den Bergen jederzeit mitführen solltet:

Ausrüstung

- wasser- und winddichte Jacke mit Membran
– wärmende zweite Schicht
– Erste-Hilfe-Päckchen
– Notlampe
– Nahrung / Wasser

Tourdaten

Link zu den Tourdaten auf Strava.com

Viel Spaß und vielleicht sehen wir uns auf dem Trail!

Salomon 4-Trails 2012 - Etappe 3

Lebensläufer – was uns antreibt

Es gibt Menschen, die heben Gewichte, um sie kurze Zeit später wieder fallen zu lassen. Andere stoßen Bälle in Tore und holen sie kurze Zeit später wieder heraus. Ich laufe für mein Leben gern auf Trails — besonders dann, wenn mir der Regen ins Gesicht peitscht, der Wind um die Ohren pfeift und meine Wangen rot glühen. Was treibt uns Menschen zu diesem unlogischen Verhalten? Warum gehen Läufer auch bei schlechtem Wetter vor die Tür, während andere es vorziehen den Fernseher einzuschalten und die Couch zu belasten?

Jeder Marathonläufer kennt diese Frage: Warum läufst du eigentlich? Die Antworten auf diese Frage sind so vielfältig wie die Läufer, die Marathons laufen. Die Quote derer, die bei dieser Antwort in Verlegenheit geraten, da sie die Startnummer quasi am Stammtisch bei eine Wette erworben haben, ist dabei erstaunlich hoch. Dieses Starterklientel ist mir persönlich deutlich lieber als das gehobene Management, bei dem es zum guten Ton gehört, einen Marathon gefinisht zu haben. Top-Läufer wie Kilian Jornet laufen um zu siegen — sie wollen mit aller Macht dieses Banner im Ziel als Erster mit ihrer Brust zerreißen, koste es was es wolle. Bloß was treibt die tausend Starter im Feld hinter ihnen an? Ihr Kampf ist ein anderer: Schaffe ich es oder schaffe ich es nicht? Bin ich schneller als meine geplante Zielzeit oder langsamer? Der David gegen Goliath Effekt treibt uns Menschen seit jeher zu Spitzenleistungen. Die Freude über den Erfolg ist dabei umso größer je schwerer die gestellte Aufgabe ist. So erscheint es plausibel, dass der Zieleinlauf beim Münchner Stadtlauf nie derart mit emotionalen Szenen beladen sein wird wie der Zieleinlauf des RacingThePlanet Gobi Marches. Saisonziele sind demnach eine gute Grundlage für zeitlich begrenzte Motivation.

UTMB Ziel TNF © Thomas Bohne

Vorübergehende Motivationsschübe werden außerdem in Form von Peitschenhieben durch den Lauftrainer, die mahnenden Blicke der Ehefrau oder das blinkende Display der Körperwaage verabreicht. Kennst du das Gefühl, auf der Couch zu sitzen und die Gipfelbilder der vermeintlichen Freunde auf Facebook vorbeirauschen zu sehen? Gleichermaßen vergänglich sind Trainingspläne, die du in Laufzeitschriften oder Büchern findest, da sie nicht auf dich, allenfalls auf den Autor des Trainingsplanes zugeschnitten sind und schnell in Vergessenheit geraten. Belohnungen, Drohungen, Gruppendynamik oder Gesundheitsbewusstsein — keine dieser extrinsischen Motivationsquellen ist auf Dauer Erfolg versprechend.

Wenn ich als Ultra-Läufer durch die Berge laufe, dabei meinen Körper beobachte, wie er sich auf den langen Distanzen verhält und genau diesen Moment genieße, dann bin ich auf dem richtigen Weg. Ich spiele in technischen Abschnitten mit dem Untergrund, atme die duftgeschwängerte Luft des Waldes und spüre den Schweiß auf der Haut. Ich laufe, weil ich es will und ich bestimme mein Tempo selbst! Meine Antwort auf die Frage “Warum läufst du?” lautet: “Weil es mir Spaß macht.” Ich genieße jede Minute in der Natur und ich sauge ihre Launen auf wie ein trockener Schwamm einen Schluck Wasser.

Pfunderer Höhenweg
Pfunderer Höhenweg

Sicher kennst du diesen Moment nach einem anstrengenden Tag auf der Arbeit: Die Beine sind schwer, der Kopf brummt und spürst bereits beim Blick aus dem Fenster eine Gänsehaut am ganzen Körper. In dieser Situation ist die beste Motivation dein Laufpartner, der an die Tür klopft und dich abholt. Ist das diesmal nicht der Fall, müssen andere extrinsische Motivationshilfen herhalten. Entweder wartet die neue Laufbekleidung im Schrank auf einen Testlauf, die Pulsuhr mahnt piepsend vor Trainingsdefiziten oder die Berichte der Cyberfreunde im sozialen Netzwerk locken verführerisch nach draußen.

Grundsätzlich ist es nicht falsch, wenn Ziele, Erfolg oder große Herausforderungen zu deiner Motivation beitragen. Spitzenleistungen sind jedoch nur in seltenen Fällen ausschließlich über extrinsische Faktoren erreichbar, sondern oft durch großes inneres Streben begründet. Der von Dieter Baumann beschriebene Lebensläufer, erreicht seine Endausprägung erst, wenn er frei von Zielen läuft und seine innere Haltung angepasst hat (D. Baumann, Laufende Gedanken, Klöpfer & Mayer, 2009). Er läuft, weil das Laufen ein Bestandteil seines Lebens geworden ist – bis dahin ist es allerdings ein langer Weg.

Wie entwickelst du dich vom Laufanfänger zum Läufer und vielleicht sogar zum Lebensläufer? Zahlreiche Strategien, angefangen bei Zielvorgaben, Partnersuche über Belohnungen und Rituale, werden alljährlich in den Laufzeitschriften angepriesen und erweisen sich als äußerst kreativ, jedoch völlig sinnfrei (Achim Achilles, Sportmotivation: Wecke den Bock!). Da bekanntlich selbst der längste Weg mit dem ersten Schritt beginnt, empfehle ich hartnäckig: Lauf einfach los!

Auf eisigen Pfaden: Trail-Running im Winter

Winterlaufen 1

Eine Gruppe Schneeschuhwanderer stapft im Gänsemarsch durch tiefen Schnee im dichten Nadelwald. Es ist Februar und der Winter hat die Berglandschaft in eine weiße Decke gehüllt. Trotz ihrer breiten Schneeschuhe sinken die Wanderer tief in die kalte, weiche Decke ein, wenn sie den Fußabdruck ihres Vordermannes verfehlen. Mittlerweile rollen ihnen die Schweißtropfen über die Stirn und der kondensierende Atem der Gruppe bildet eine Wolke wie bei einer Dampflock. Hinter ihnen nähert sich ein drahtiger Läufer, der mit langen Schritten zur Gruppe aufschließt. Sein Herz pulsiert, seine Lunge pumpt und seine Augenbrauen sind mit Reif überfroren. Die Gruppe hat ihn noch nicht bemerkt. Erst als er zum Überholen ansetzt, drehen sich die Wanderer erschrocken um. Als er die festgetretene Spur der Wanderer verlässt, sinkt er bis zum Oberschenkel ein und wühlt sich unter ungläubigen Blicken der Wanderer mit ganzer Kraft durch den tiefen Schnee an der Gruppe vorbei. Nachdem der Läufer die Gruppe überholt hat, springt er zurück in die ausgetretene Spur. Sogleich umgibt ihn wieder die stille, weiße Landschaft, und nur das Knarzen seiner Schritte im Schnee ist noch zu hören.

Winterlaufen 4

Trail-Läufer sind zu jeder Jahreszeit draußen unterwegs, denn genau das unterscheidet sie von Läufern, die im Fitnessstudio auf dem Laufband in Richtung Bildschirm laufen. Im Sommer springen sie leichtbekleidet und wie Gämsen durch hochalpines Gelände, im Winter traben sie völlig vermummt und mit Leuchtfarben dekoriert durch die eisige Kälte. Trail-Running ist zu jeder Jahreszeit möglich, allerdings gestaltet sich das Training auf den Lieblingstrails im Winter gänzlich anders als im Sommer. Liegt tiefer Schnee, ist der
Kraftaufwand ungleich höher als auf trockenem Boden und tiefe Außentemperaturen müssen vom Körper durch zusätzliche Wärmeproduktion kompensiert werden. Ihr verbraucht folglich beim Training im Winter mehr Energie als im Sommer. Aus diesem Grund nehme ich bei langen Läufen in jedem Fall Verpflegung mit. Achtet aber darauf, dass sich viele Riegel in gefrorenem Zustand nicht gut kauen lassen und verstaut diese nah am Rumpf oder greift auf Nüsse und Trockenfrüchte zurück. Gefrorenes Olivenöl lutschen nur die ganz Harten. Zum Ausgleich des Flüssigkeitsbedarfes eignen sich die üblichen Sportgetränke, diese solltet ihr allerdings warm halten. Auch wenn die Flüssigkeit in der Trinkblase auf dem Rücken angenehm temperiert ist, friert sie im Trinkschlauch schneller ein als ihr ansaugen könnt. Schnee zu essen ist auf Dauer auch keine Alternative, denn dieser enthält keine Mineralien. Vielmehr wäscht er die Mineralien eures Körpers aus und senkt zusätzlich eure Körperkerntemperatur.

Ich empfehle:

Nuss-/Beerenmischung

Winterlaufen 6

Für die Bekleidung gilt auch im Winter: Vor dem Lauf musst du leicht frieren! Zieh dich keinesfalls zu warm an, denn zu warme Bekleidung führt zu erhöhter Schweißproduktion und damit zu mehr Nässe am Körper und in der Bekleidung. In der Konsequenz kühlst du schneller aus. Ein Anzug nach dem Zwiebelschalenprinzip bewährt sich besonders im Winter und bei wechselnden Bedingungen. Die einzelnen Bekleidungsschichten können flexibel an- und ausgezogen werden und Lufteinschlüsse zwischen den Schichten isolieren zusätzlich. Da ich sehr wenig schwitze, trage ich direkt auf der Haut Textilien aus Merinowolle; für viel schwitzende Sportler eignen sich hingegen Kunstfasern wie Polyester besser. Als zweite Bekleidungsschicht empfehle ich Kleidung aus dem Material Polartec, da dies besonders gut Wärme speichert und auch bei Nässe funktioniert. Meist ist ein dünner Windbreaker als dritte Bekleidungsschicht ausreichend, bei Niederschlag und Schnee greife ich jedoch auf atmungsaktive Materialien zurück. Glich die Atmosphäre unter älteren Funktionsjacken noch der eines Gewächshauses, sind aktuelle Membranen erstaunlich durchlässig und eignen sich auch für schweißtreibende Abenteuer. Wer in den Bergen läuft, sollte für den Notfall immer eine zusätzliche, trockene Bekleidungsschicht im obligatorischen Rucksack mitführen. Und bitte vergesst Mütze und Handschuhe nicht!


Erste Bekleidungsschicht: Patagonia Long-Sleeved Thermo Flyer Shirt
Zweite Bekleidungsschicht: Patagonia Men’s Piton Pullover
Dritte Bekleidungsschicht: Patagonia Men’s M10 Jacket
Patagonia Men’s Alpine Guide Pants

Auf Schuhe möchte ich in diesem Beitrag nicht näher eingehen, denn die richtige Schuhwahl hängt in erster Linie von der Passform, den Bedingungen und den persönlichen Vorlieben ab. Im Tiefschnee sind Gamaschen von Vorteil, denn diese verhindern, dass euch der Schnee in den Schuh rutscht und den Fuß tiefkühlt. Längere Socken sind im Schnee von Vorteil, denn sie bieten einen zusätzlichen Schutz der Waden bei Bruchharsch.

Gamaschen findet ihr zum Beispiel im RacingThePlanet Shop.

Winterlaufen  bei Nacht

Berufsbedingt laufe ich in der kalten Jahreszeit meist erst nach Eintritt der Dunkelheit und bin aus diesem Grund auf meine Stirnlampe angewiesen. Diese ist leicht, hell, wird mit Akkus betrieben und besitzt eine lange Leuchtdauer. Auf langen Touren und in den Bergen habe ich zusätzlich eine Ersatzlampe im Gepäck, denn bei Nebel und im Wald ist ohne entsprechende Beleuchtung keine Orientierung mehr möglich. Für die urbanen Läufer sind Lampen von geringerer Bedeutung, vielmehr schützen ausreichend Reflektoren vor unerwarteten Begegnungen mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Meine Empfehlung:

AY UP Lights aus Australien

Winterlaufen 3

In der Tat ist der materielle Aufwand zur Vorbereitung für einen Lauf im Winter größer als der für einen Lauf im Sommer. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen die einzigartige Atmosphäre bei Nacht und das Gefühl von Freiheit gegen ein Laufband im Studio einzutauschen.

Heimgarten

GPS-Uhren für Trail-Läufer

Für einen Traillauf brauche ich lediglich ein Paar Schuhe, eine Hose und ein T-Shirt. In den Bergen habe ich zusätzlich ein Notfallpaket mit Smartphone dabei, welches bei mir oft den GPS-Track aufzeichnet. Will ich auf aktuelle Trainingsdaten zugreifen, trage ich eine Uhr am Handgelenk. Kürzlich habe ich mich gefragt: Was leisten heutige GPS-Uhren und wie können sie uns Trail-Läufer unterstützen?

GPS-Uhren überwachen ununterbrochen unseren Körper; sie zeichnen Position, Distanz, Zeit und Geschwindigkeit auf. Einige warnen sogar vor Unwettern. Hersteller von GPS-Uhren haben speziell für uns Trail-Läufer Produkte entwickelt, die eine genaue Trainingsauswertung zulassen und die entscheidenden Informationen im Wettkampf liefern. Ich hatte die Möglichkeit sieben aktuelle Modelle zu testen und präsentiere euch hier die Ergebnisse. Die spezifischen Funktionen der Uhren sind im Text beschrieben und die wichtigsten Informationen sind am Ende dieses Blogeintrages in einer Tabelle zusammengefasst. Bei allen Uhren ist die Messung der Herzfrequenz möglich, denn ein Herzfrequenzsensor war stets im Lieferumfang enthalten.

Die Informationen in diesem Test stammen aus meinen eigenen Erfahrungen, Produktbeschreibungen der Hersteller und vom herausragenden Blog von Ray Maker. Falls ihr falsche oder unvollständige Informationen in meinem Beitrag findet, bin ich für euren Hinweis dankbar.

Nike+ Sportwatch
Nike+ Sportwatch

Nike+ Sportwatch

Die Nike+ Sportwatch überzeugt durch ihr schlichtes und elegantes Äußeres sowie die große, gut lesbare Anzeige. Das Armband der Uhr fühlt sich hart und steif an und steht bei schmalen Handgelenken seitlich ab. Eine Zusatzfunktion fällt sofort auf: Das Antippen des Displays aktiviert entweder die Hintergrundbeleuchtung oder started eine neue Rundenzeit (kein Touchscreen). Somit könnt ihr die Uhr auch bei hoher Laufgeschwindigkeit bedienen. Negativ wirkt sich dieses Feature auf Radtouren aus, denn dann löst jeder größere Holperer diese Funktion aus. Zur Auswertung der Aufzeichnungen, wird die Uhr über einen verdeckten USB-Port im Armband mit dem Computer verbunden. Die Nike+ Connect Software überträgt die Daten an das Nike+ Onlineportal. Leider ist diese Auswertung nur online und auch nur laufspezifisch möglich. So verfälschen gelegentliche Radtouren die persönlichen Statistiken ganz ordentlich. Liebe Produktentwickler von Nike: Bitte schleunigst für zusätzliche Sportarten erweitern! Der mitgelieferte Schrittfrequenzsensor soll Messungen auch ohne GPS-Empfang ermöglichen, der Sensor passt allerdings nur in Nike+ Schuhe bzw. benötigt eine zusätzliche Halterung am Schuh. Die Genauigkeit des Sensors und die Aufzeichnungskapazität von 15 Stunden sind für meine Zwecke völlig ausreichend. Insgesamt ist die Nike+ Sportwatch ein toller Begleiter für den Trail-Läufer, der eine unkomplizierte und zuverlässige GPS-Uhr im unteren Preissegment sucht.

Polar RC3 GPS
Polar RC3 GPS

Polar RC3 GPS

Polar hat mit der RC3 GPS eine sehr leichte und schmale Uhr geschaffen, die erstmals in der Polar-Produktserie das GPS-Modul integriert hat. Frühere Modelle ließen sich lediglich mit einem externen GPS-Modul kombinieren. Die RC3 GPS wurde speziell für Läufer entwickelt, lässt sich jedoch mit Zusatzgeräten und angepassten Funktion auch von Radfahrern nutzen. Wie üblich glänzt die Uhr bei der EKG-genauen Messung und bei der Analyse der Herzfrequenz. Leider ist sie sich nicht mit dem Bluetooth-Brustgurt H7 kombinierbar. In einem Fitnesstest kannst du deine Trainingsbereiche grob bestimmen und sogar deine VO2max ermitteln. Wenn du die eigenen Werte bereits kennst, kannst du diese natürlich direkt in der Uhr übernehmen und dein Training anschließend sehr gezielt steuern. Die Anzeige der Uhr ist groß und verschiedene Darstellungen sind auswählbar, diese sind allerdings nicht konfigurierbar. Die Bedienung der Uhr wirkt auf mich unübersichtlich und etwas überladen. Für Erkundungen ganz hilfreich finde ich die Funktion “back to start”, die anhand eines Pfeils die Richtung und die Entfernung zum Ausgangsort anzeigt. Eine Uhr dieser Preisklasse sollte zum Schwimmen geeignet sein und nicht — wie mir passiert — beim ersten längeren Lauf im Regen von innen anlaufen.

Über einen verdeckten Micro-USB Anschluss auf der Rückseite der Uhr lässt sie sich per Micro-USB-Kabel mit dem Computer verbinden. Die Trainingsdaten kannst du über die WebSync-Software sowohl online im PolarPersonalTrainer (PPT) als auch offline mit zahlreicher Drittsoftware bequem auswerten. Der PPT bietet dir detaillierte Statistiken und unterstützt die Erstellung von Trainingsplänen. Die Oberfläche des PPT ist leider etwas in die Jahre gekommen und bedarf einer Überarbeitung. Auch die Integration weiterer Geräte von Drittherstellern sowie die Synchronisation mit Smartphones sind unzureichend umgesetzt. Die Polar RC3 GPS ist eine Uhr für Läufer, die ihren Körper genau analysieren und ihr Training gezielt steuern möchten und dabei ab und zu auf andere Sportarten ausweichen.

Suunto Ambit 2 Silver
Suunto Ambit 2 Silver

Suunto Ambit 2 Silver

Die Suunto Ambit 2 ist die robuste Allzweckwaffe für den alpinen Läufer und Multisportler. Das massive Erscheinungsbild und das Gewicht täuschen dabei leicht über die übersichtlichen sowie konfigurierbaren Menüs und die zahlreichen Funktionen hinweg. So lassen sich Apps auf der Uhr installieren, die beispielsweise Gewitterwarnungen angeben, eure minimale Herzfrequenz während des Schlafes aufzeichnen oder die voraussichtliche Marathonzeit während des Laufes berechnen. Die Uhr ist wasserdicht und eignet sich zum Schwimmen. Besonders spannend finde ich die Kombination von barometrischer Höhe und GPS (FusedAlti). Routen können vorab im Web unter Movescount konfiguriert werden und die Uhr besitzt einen Multisport-Modus, der den Wechsel zwischen Sportarten während des Trainings ermöglicht. Die Kommunikation mit externen Sensoren ist mit Produkten zahlreicher Hersteller möglich (ANT+).

Bryton Cardio 40
Bryton Cardio 40

Bryton Cardio 40

Die Bryton Cardio 40 Uhr wurde speziell für Läufer entwickelt und ist so schmal und klein, dass man bei dieser Uhr gar kein GPS erwartet. Es ist aber drin! Sechs konfigurierbare Anzeigen stellen die Trainingsdaten übersichtlich und groß auf dem Display dar. Die Uhr verfügt über eine Intervallfunktionen und ermöglicht die Anbindung zusätzlicher Sensoren (ANT+). Die Installation der Software zur Datenübertragung funktionierte leider nicht fehlerfrei. Trainingsdaten können online auf brytonsport.com ausgewertet werden.

Garmin Fenix
Garmin Fenix

Garmin Fenix

Die Garmin Fenix richtet sich an Outdoorsportler und erfüllt mit barometrischem Höhenmesser, Kompass, Karte und vielseitig konfigurierbaren Menüs alle Anforderungen von Profis. Mehrere Alarme können als Ton oder als Vibration konfiguriert werden. De Akku-Betriebszeit mit bis zu 50 Stunden im GPS-Modus setzt Maßstäbe. Der Ant+ Standard ermöglich die Kombination mit zahlreichen Sensoren von Drittherstellern. Die Uhr lässt sich problemlos per Bluetooth 4.0 mit dem Smartphone sowie mit anderen Fenix-Uhren zum Datenaustausch verbinden. Wenn ihr euch auf Reisen in ein anderes Land begebt, kümmert euch nicht mehr um die Zeitzonen. Die Garmin Fenix übernimmt das völlig automatisch, sobald das GPS aktiviert wurde. Die Garmin Fenix unterstützt sowohl Routen, die auf Garmin Connect erstellt wurden wie auch GeoCaching. In Garmin Adventures lassen sich Bilder mit den aufgezeichneten Daten verknüpfen (Geo-Tags) und veröffentlichen. Das Angebot an Softwarepaketen wirkt verwirrend auf den Nutzer und sollte in einem Gesamtpaket integriert werden. Die Auswertung der Trainingsdaten erfolgt entweder online im web-basierten Garmin Connect oder offline mit Basecamp. Die Beschränkung in Basecamp auf Garmin-Karten im Zeitalter von GoogleMaps, Bing Maps und OpenStreetmap scheint nicht zeitgemäß.

Runtastic RUNGPS1
Runtastic RUNGPS1

Runtastic RUNGPS1

Diese vergleichsweise kleine und leichte Uhr des oberösterreichischen Unternehmens der gleichnamigen App ist ein schlichter Laufbegleiter, der dennoch die wichtigsten Funktionen bereithält. Ein kleines aber konfigurierbares Display zeigt in drei Zeilen die aktuellen Daten an, allerdings sind die Zeichen aufgrund der geringen Auflösung nicht immer gut ablesbar und die Buchstaben am Rand des Displays wirken auf mich kryptisch. Ein elektronischer Kompass ist verfügbar und Rundenzeiten können automatisch (über Wegpunkt oder Distanz) aufgezeichnet werden. Die Bedienung ist nicht sehr intuitiv, so fehlt nach dem Ende einer Aufzeichnung die Rückmeldung der Uhr, ob die Trainingsdaten tatsächlich gespeichert wurden. Das Web-Portal runtastic.com bietet die Möglichkeit zur Auswertung unterschiedlichster Sportarten, die volle Funktionalität steht aber erst bei einer Gold-Mitgliedschaft zur Verfügung, die eine nicht unerhebliche Jahresgebühr voraussetzt.

Geonaute Keymaze 700
Geonaute Keymaze 700

Geonaute Keymaze 700

Das Produkt der Decathlon-Tochter Geonaute rangiert qualitativ am unteren Ende meiner Testexemplare. Die Bedienungsanleitung liefert trotz der 18 Sprachen auf zwei Seiten nicht ausreichend Informationen und leider sind auch online nicht viele Hinweise zum Produkt auffindbar. Das Keymaze 700 wird mit einem einfachen Klett-Armband am Handgelenk befestigt. Die Uhr verfügt über einen barometrischen Höhenmesser sowie einen elektronischen Kompass. Auf vier nicht konfigurierbaren Displayseiten werden die aktuellen Trainingsdaten dargestellt. Trotz der Größe der Uhr sind die Zeichen auf dem Display schlecht lesbar. Leider können die Trainingsdaten ausschließlich über eine Microsoft Windows-kompatible Software an den Rechner übertragen werden und mit einer veralteten Software ausgewertet werden.

http://www.mygeonaute.com/

GPS Uhren: Nike+ Sportwatch Polar RC3 GPS Suunto Ambit 2 Silver Bryton Cardio 40 Garmin Fenix Runtastic RUNGPS1 Geonatue Keymaze 700
Preis in € 169 279 499,95 149,99 449 149,99 179,90
Gewicht in g 64 57 79 49 85 56 67
Barometrischer Höhenmesser nein nein ja nein ja nein ja
Kompass nein nein magnetischer 3D-Kompass nein magnetischer Kompass elektronischer Kompass elektronischer Kompass
Akku-Betriebszeit mit GPS 9h 12h 15h 8h 16-50h 14h 15h
Akku-Betriebszeit ohne GPS 7 Wochen 4 Monate 1 Monat 2 Wochen 6 Wochen k.A. k.A.
Wasserdichtigkeit duschtauglich duschtauglich schwimmen und schnorcheln schwimmen schwimmen Regen k.A.
Aufzeichnungsintervall 1s 1s 1-60s (konfigurierbar) 4s ab 1s (konfigurierbar) 1s-10min 2s

Trans-Atlas Marathon – im Land der Berber

Trans-Atlas Marathon

In zwei Reihen stehen die 25 Teilnehmer der Erstaustragung des Trans-Atlas Marathon (TAM) hinter der Startlinie. “Die erste Reihe könne genauso gut bei den Olympischen Spielen am Start stehen”, flüstert mir der neuseeländische Unternehmensberater Mike in mein rechtes Ohr, ein netter Kerl mit völlig überpacktem Trekkingrucksack. Links neben mir steht Basti Haag: Speedbergsteiger, Extremskifahrer und Produktentwickler von UvU. Im Hintergrund krächzt derweil die Vangelis-Hymne aus völlig übersteuerten Lautsprechern. Vor mir zappeln 15 drahtige marokkanische Laufmaschinen, alles Freunde der Brüder Mohamad Ahansal und Lahcen Ahansal. Mohamad und Lahcen haben den Marathon des Sables — das ist DER prestigeträchtigste Wüstenlauf der Erde — zusammen vierzehnmal gewonnen. Ihre Freunde hüpfen völlig aufgedreht vor mir im Staub der Startlinie und genießen das Blitzlichtgewitter und die Atmosphäre vor dem Start. Einige von ihnen erhalten hier erstmalig die Möglichkeit, ihr Können vor einem internationalen Publikum zu präsentieren. Große internationale Laufmagazine sind vertreten und der zweite öffentliche marokkanische Fernsehsender 2M TV überträgt täglich im Sportteil der Abendnachrichten vom Lauf.

Zaouiat Ahansal
Zaouiat Ahansal

Was erwarte ich von einem Lauf, den ein Weltklasse-Trailläufer organisiert? Das Kursbuch kündigt 275 Kilometer und 15 000 Höhenmeter an, das sind in etwa die Anforderungen vom Gore-Tex Transalpine Run (TAR); uns bleiben dafür sechs Tage Zeit, statt der acht Etappen beim TAR. Ruhetag gibt es keinen! Von Mohamad erwarte ich anspruchsvolle, aber laufbare Trails im Hohen Atlas. In meinem Rucksack möchte ich keine Expeditionsausrüstung tragen, dennoch soll die Pflichtausrüstung ausreichend Schutz vor dem extremen Klima bieten. Daher werden wir jeden Morgen unsere Reisetasche abgeben, um sie am Abend im nächsten Lager wieder in Empfang zu nehmen. Übernachtungen bei Einheimischen gehören für mich zu diesem Lauf wie die lokale Küche, denn erst dadurch bekomme ich einen Einblick in die Kultur und den Alltag der Berber. Magenverstimmungen werden dabei bewusst in Kauf genommen. Verpflegungspunkte? Die Micropur-Tabletten in der Pflichtausrüstung deuten an, dass es davon nicht viele geben wird. Was diese Premiere bringt, können die 25 Teilnehmer nur erahnen.

TAM 53

Kurz nach dem Start blicke ich mich um und stutze irritiert. Eine Traube von zehn Berber-Läufern umgibt mich. Diese Jungs laufen sich lockeren Schrittes warm und schießen obendrein Fotos mir ihrer kleinen Digitalkamera. Als wir an einer Brücke rechts auf einen halsbrecherischen Trail abbiegen und von der Ehrenrunde durch das Dorf Zaouiat Ahansal erneut in Richtung Startlinie laufen, erhalte ich einen Vorgeschmack ihres atemberaubenden und technisch perfekten Lauftstils: Wie ein Vogelschwarm erhöhen sie schlagartig ihr Tempo und fliegen wild und frei in Richtung der klickenden Kameras und wartenden Würdenträger. In dem Augenblick als ich die Startlinie erneut passiere, bemerke ich Lahcen am Streckenrand und blicke für einen Moment in ein väterlich mahnendes Lächeln, das er seinen Jungs entgegenwirft — bloß nicht zu schnell anfangen, die Woche wird noch sehr lang.

Tizi N’Tichka

Prolog — 54 Kilometer

Die erste Tagesetappe schlägt bereits mit 54 Kilometern und mit 2400 Höhenmetern zu Buche, dennoch laufen die jungen Berber durch das ausgewaschene Flussbett der ersten 1000 Höhenmeter-Rampe mit einer Leichtigkeit, die mich an die Schilderungen in McDougalls “Born to Run” erinnert. Die Landschaft ähnelt der in den Star-Wars-Filmen — karge, braune Gebirgslandschaften erstrecken sich vor mir, dazwischen schimmern vereinzelt grüne Oasen. Ab und zu begegnet mir Obi-Wan Kenobi in braunem Gewand mit Kapuze, eine Ziege oder ein Schaf auf der Schulter tragend. Der Trail ist so wild wie seine Heimat. Den Großteil der Etappe laufen wir auf über 2000 Metern Höhe, was ich deutlich am Schnaufen meiner marokkanischen Begleiter vernehme. Nach den Erfahrungen beim UTAT (siehe Blogeintrag UTAT) bin ich dieses Jahr ausreichend akklimatisiert und kann besonders bergauf und während der technischen Abschnitte punkten. Die flachen Abschnitte gehören den Tarahumara. Die Versorgung während des Laufes ist minimal. An zwei bis drei Punkten wartet ein Geländewagen, und jeder Läufer erhält eine Flasche Wasser. Den Rest musst du im Rucksack haben!

Ausfall

Etappe Zwei fällt aus! Über Nacht hat es geregnet, Straßen weggespült und auf den Hochebenen geschneit. Infolgedessen erwartet uns eine siebenstündige Busfahrt auf schmalen Pisten, machmal näher am Abgrund als uns lieb ist. Als unser Konvoi die nächste Unterkunft erreicht, empfängt uns das Dorf mit einem Volksfest der besonderen Art: Am gefühlten Ende der Welt tanzt ein Dorf in traditionellem Gewand für uns und singt im Chor. Ich reihe mich in eine riesige Polonaise und wir tanzen durch die Nacht. Mohamad bemüht sich ausdrücklich um die Nähe zu den Einheimischen. So ist es uns Läufern gestattet, ja sogar gewünscht, Speisen und Getränke vor Ort zu kaufen, sowohl während des Rennens als auch danach.

Dritte Etappe — 42 Kilometer

Nach dem gemeinsamen Abendessen findet die Wettkampfbesprechung für die dritte Etappe statt und Mohamad bemerkt freundlich: “The time limit is 14 hours and if you can’t do it in 14 hours, we will wait for you at the finish line.” Eventuell gibt es nur einen Versorgungspunkt auf der heutigen Marathondistanz, da die Zugangsstraßen abermals weggespült wurden. Am nächsten Morgen sind die Beine der Berber-Jungs wieder frisch und wir schießen im gewohnten Eiltempo gen Sonnenaufgang durch das prächtigste Dorf des Hohen Atlas. Der Kerl vor mir ist hochmotiviert, so kürzen wir alle Serpentinen ab und hecheln bei maximalem Anstieg mit maximaler Herzfrequenz gen Himmel. Oben angekommen, bemerken wir schließlich, dass unsere Verfolger inzwischen abgebogen sind, da wir eine der Markierungen übersehen haben. Nach der dritten Irrfahrt übernehme ich fluchend die Führung und folge stur den Markierungen. Wenig später überholt uns Omar, ein heimischer Bergführer, der heute erstmals als Gast mitläuft. Dran bleiben, denke ich! Der kennt sich aus. Omar trabt seelenruhig vor mir her, schaltet allerdings in unregelmäßigen Abständen in den Sprintmodus, was mich an den Rand der Verzweiflung bringt. Seine Taktik funktioniert besser als erwartet, denn nach zwanzig Kilometern bricht er selbst ein und ich betrete die Südseite des Hohen Atlas in völliger Einsamkeit. In diesem Augenblick breitet sich vor mir der graue Dunst der unendlichen Sahara aus und ein warmer, trockener Wüstenwind weht mir auf 2800 Metern ins Gesicht. Den Sand in der Luft kann ich förmlich schmecken.

TAM 19

Die nächsten Stunden verbringe ich allein, nur Schafe, Ziegen und einzelne Hunde kreuzen meinen Weg. Erst wenige Kilometer vor dem Ziel erreiche ich eine grüne Oase und treffe auf Gesellschaft. Ein kleiner Junge hat mich erspäht und läuft zu mir heran. Er ist nicht älter als fünf Jahre. Wir begrüßen uns mit Handschlag und toben anschließend wie Geschwister über die felsigen Trails am Rande des grünen Idylls. “Wuaaaa” rufe ich jedes Mal ängstlich, wenn er neben mir von einem dieser schulterhohen Felsblöcken springt, da landet er bereits federleicht im Staub und lacht. Ich dagegen fühle mich wie ein träges Rhinozeros. Auf unglaublichen vier Kilometern albern wir herum und lassen die Fetzen fliegen, so dass der Zieleinlauf danach zur Formsache wird. Das breite Grinsen verharrt an diesem Abend noch lange in meinem Gesicht.

Die klaren Nächte im Hohen Atlas

Tighza-Wawrikt
Tighza-Wawrikt

Vierte Etappe — 40 Kilometer

Die ersten zwanzig Kilometer dieser Etappe verlaufen relativ flach, und ich bin bemüht, die führenden Marokkaner nicht aus den Augen zu verlieren. Beim ersten Verpflegungspunkt habe ich den Zweitplatzierten hinter mir gelassen und zum Führenden, zu Ali, aufgeschlossen. Wir nippen genüsslich süßen Minztee aus kleinen Gläsern, bevor wir gemeinsam in den längsten Anstieg des Tages traben. Ab diesem Punkt zolle ich dem hohen Anfangstempo Tribut und verbringe daraufhin den Rest der Etappe allein.

Hammam

Royal Stage — 66 Kilometer, 4500 Höhenmeter

Die Königsetappe macht ihrem Namen alle Ehre. Völlig ohne Markierungen verlassen wir uns am frühen Morgen erneut auf die Orientierung eines einheimischen Läufers. Erfreulicherweise haben wir wieder einen Berber-Läufer im Feld, der sich in dieser Region auskennt. Auch Basti Haag ist als zweiter deutscher Teilnehmer ganz vorn mit dabei. Etwas später erreiche ich mit Ali ein gigantisches Hochplateau, auf dessen Boden Werkzeuge ausgegraben wurden, die bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Die Stimmung ist gut und wir tauschen Datteln gegen geröstete Cashew-Nüsse vom Aldi. Wer jemals von Nomadenhunden angegriffen wurde, der weiß, solange die Köter bellen, ist alles in Ordnung. Falls ihr allerdings eine rotierende Staubwolke auf euch zu rasen seht, die sich in den Kurven beinahe überschlägt, dann ist Gefahr im Verzug. Völlig synchron schnappen sich Ali und ich Steine vom Boden und drehen uns um. Drei zerzauste Nomadenhunde rasen wie besessen auf uns zu. Ich werfe sofort und einer der Hunde jagt augenblicklich meinem Stein hinterher, die anderen Beiden gehen auf uns los. Im überschlagenen Rückzug werfen, laufen und werfen wir, bis die Hunde schließlich von uns ablassen — unseren Verfolgern viel Glück! Nach etwa vierzig Kilometern treffen wir auf eine Teerstraße und verpflegen uns kurz mit Wasser. Ab jetzt wirds lustig! Die Jungs von 2M TV filmen uns aus dem Geländewagen, die Einheimischen am Straßenrand klatschen und Ali dreht so richtig auf. An meiner Ehre gepackt, muss ich natürlich mithalten und klebe in brütender Hitze auf kochendem Asphalt wie eine Klette an Alis Ferse mit stetem Blick in die Kamera. Auf geschätzten fünf Kilometern brüllt mein Hirn: Langsamer du Idiot, da kommt noch mehr! Die folgenden Kilometer bezahle ich teuer. Die Sonne brennt auf mich herab, während Lahcen und Mohamad uns aus Geländewagen mit Wasserflaschen versorgen. Ich bilde mir ein, dass es jedes Mal zischt, wenn ich mir das Wasser geradewegs über den dampfenden Körper gieße. Das Gefühl, von einem der besten Läufer der Welt eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt zu bekommen, ist unbeschreiblich. Der letzte 3200 Meter hohe Pass wird zur Qual. Ali gewinnt verdient mit zwei Minuten Vorsprung und ich bin mächtig stolz — was für ein Lauf!

Oukaïmeden
Oukaïmeden

Finale — 17 Kilometer

Die letze Etappe startet in Oukaïmeden auf über 2600 Metern. Dieses marokkanische Skigebiet kenne ich bereits vom vergangenen Jahr und kann mich noch gut an das beste Restaurant erinnern: Hotel Chez Juju! Am Morgen vor dem Lauf sitze ich mit Mike und Basti vor dampfendem Cappuccino in kolonialem französischen Ambiente. Für Basti geht es heute um das Podium … vermuten wir jedenfalls. Die Gesamtplatzierung ist nicht ganz offensichtlich, aber eins ist klar: Basti muss heute kämpfen! Die Berber-Jungs wissen das leider auch und so poltern beim ersten höllischen Downhill zunächst Basti und anschließend drei Marokkaner donnernd an mir vorbei, als ich genüsslich die Serpentinen auslaufe. Mohamad hat sich die besonders technischen Passagen für die letzten Kilometer aufgehoben und ich bin froh, alle verbliebenen Teilnehmer heil und glücklich in Imlil einlaufen zu sehen. Hier endet das Rennen und eine lange Reise geht damit zu Ende.

What a great journey we had together!

Ultra-Trail du Mont-Blanc 2013

© Judy Ng
© Judy Ng

Der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) ist einer der anspruchsvollsten Trailläufe Europas und führt seine Teilnehmer auf einer 168 Kilometer langen Strecke mit 9600 Höhenmetern non-stop um das Dach Europas herum. Neben dem eigentlichen UTMB können sich die Teilnehmer für die kleinere aber nicht wesentlich zahmere Schwester, den Courmayeur – Champex – Chamonix (CCC), oder den Sur les Traces des Ducs de Savoie (TDS) registrieren.

Der Petite Trotte à Léon (PTL) zählt ebenfalls zur Serie der Läufe des UTMB, findet aber unter besonderen Rahmenbedingungen statt. Dieser Lauf startet bereits am Montagabend in Chamonix und endet sechs Tage später am gleichen Ort, dem Place Triangle de l’Amitié. Die Teilnehmer dieses Abenteuers finden sich in Zweier- und Dreierteams zusammen, bewegen sich in völliger Autonomie um den Mont-Blanc und “drehen zusätzlich noch eine Schleife durch ein anderes Gebirge”, formulierte der deutsche Teilnehmer Thomas Eller lässig. Von den 91 Teams befand sich dieses Jahr nur ein einziges deutsches Team auf diesem Parkour: “Les émeus rampants” (die schleichenden EMUs). Thomas Eller hat sich kurzfristig beim Frühstück am Montagmorgen im Deutschen Haus dazu entschlossen, das Team von Uwe Herrmann und Eric Türlings zu ergänzen. Die 288 Kilometer lange Strecke mit 25 000 Höhenmetern hat es in sich, so müssen die Teams selbstständig navigieren und werden nur an drei Labestationen versorgt. Sie passieren auf ihrem Weg nicht weniger als 33 Bergpässe und bewältigen schwere alpine Passagen bei Nacht und bei schlechtem Wetter. Bewusst wird bei dieser Kategorie auf eine Wertung verzichtet: Ankommen ist das Ziel!

Leider steht Thomas Eller zu unserer Überraschung am Mittwochmorgen völlig entkräftet, kalt und durchnässt in der Küche des Deutschen Hauses und berichtet den staunenden Gesichtern über die Strapazen der letzten Nacht, die das Team zur Aufgabe gezwungen haben. Das schlechte Wetter zu Beginn dieses Laufes setzte vielen Teams schwer zu und führte bereits in der ersten Nacht bei 12 Teams zur Aufgabe. Insgesamt konnten 43 Mannschaften den Lauf erfolgreich beenden, davon legten 31 die Gesamtdistanz zurück.

Als Tom, Bernie, Jan und Bei am Freitagmorgen bereits im Bus nach Courmayeur sitzen, schläft das Deutsche Haus noch tief. Später beim Frühstück verfolgen wir den Start des CCC per Ultratrail TV, dem online TV-Programm des UTMB. Der CCC führt seine Teilnehmer über 101 Kilometer und 6100 Höhenmeter von Courmayeur in Italien über Champex-Lac in der Schweiz nahezu vollständig auf der UTMB-Nordschleife nach Chamonix und bietet einen Vorgeschmack dessen, was der große Bruder an Herausforderungen bereithält. Direkt an der Startaufstellung kontrollieren Mitarbeiter der Organisation stichprobenartig die Ausrüstung einzelner Läufer. Extreme Wetterbedingungen und Notsituationen bei Trailläufen vergangener Jahre ließen die Pflichtausrüstung der Teilnehmer deutlich anwachsen und ziehen diese drastischen Konsequenzen nach sich. Der Start der 1901 Teilnehmer des CCC erfolgt in drei Gruppen zeitversetzt.

UTMB 2013CCC© The North Face¨ Ultra-Trail du Mont-Blanc¨ - Pascal Tournaire
UTMB 2013CCC© The North Face¨ Ultra-Trail du Mont-Blanc¨ – Pascal Tournaire

Während Tom am ersten Pass mit Schwindel kämpft, befinden sich Jan, Bernie und Bei unterdes weiter hinten im Feld und marschieren im Gänsemarsch den 1500m-Anstieg zum Tête de la Tronche hinauf. Jan fühlt sich dabei an seine Heimat erinnert: “Das ist wie in Polen vor 30 Jahren. Da standen diese langen Schlangen vor den Geschäften.” Champex Lac hingegen gleicht eher dem Rummel wie auf dem Oktoberfest: Während sich die Masse der Läufer inbrünstig an Speisen und Getränken labt und dabei halbe Kuchen verdrückt, liegen einige zitternd und röchelnd auf Bänken und Tischen. Bernie hat hier die Linzer Törtchen entdeckt, schlürft dazu ein Tässchen Kaffee und beobachtet das wilde Treiben im Zelt mit argwöhnischer Neugier. Unser Küchenchef Jan ist begeistert von der Verpflegung auf der Strecke: “Überall gab es Nudelsuppe, an den großen Stationen sogar warme Spaghetti; die habe ich natürlich gegessen. Und die Salami erst — großartig!” Erfahrungsgemäß kehrt Jan bei Wettkämpfen gemütlich auf Berghütten ein und ordert lokale Spezialitäten. Da er sich diese Zeit beim CCC sparen konnte, lief er diesmal prompt auf Platz Eins unserer internen Hauswertung.

Der Start vom großen Bruder gleicht einem Rock Festival der Superlative: Die Zuschauermassen schieben sich durch die viel zu engen Gassen von Chamonix, Fotoapparate klicken und Catherine Poletti tanzt berauscht vor der tobenden Menge, während die Stars der Szene mit großen Schritten einmarschieren. Die Stimmung im Feld ist elektrisiert. Alle sind sie heute hier versammelt: Julien Chorier, Miguel Heras, Tony Krupicka, Mike Wolfe, Sébastien Chaigneau, Nuria Picas und dann das gigantische Feld der 2500 Läufer. Alle vereint sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen um diesen weißen Riesen laufen, so schnell und kraftsparend wie möglich. Als sich schließlich das Feld zur Vangelis-Hymne in Bewegung setzt, blicke ich in zahlreiche feuchte Augen. Es sind diese Momente, die diesen Lauf unvergleichlich werden ließen.

Nach etwas vierzig Kilometern schaltet die Spitze des Feldes in Les Contamines ihre Stirnlampen ein und trabt in die Nacht. Durch die Startzeit am Nachmittag kommt beim UTMB auch die Spitze des Feldes in den Genuss durch die Nacht zu laufen. Unter leuchtendem Sternenhimmel zieht sich die schier endlose Lichterkette über die schwarze Berglandschaft und immer wieder stehen Menschen an der Strecke und klatschen. Vom Deutschen Haus laufen Axel, Gerald, Marius und auch Thomas den UTMB. Die Frauen von Axel und Gerald beobachten den Rennverlauf per Internet und sind beruhigt, als sie im LiveTrail-Tracking sehen, dass die beiden mit geringem Abstand durch die Nacht traben: “Die beiden laufen zusammen. Bin ich froh! Da schlafe ich ruhiger”, ist Geralds Frau erleichtert. Axel genießt indes die sternklare Nacht: “Auf einem Stück Teerstraße habe ich meine Stirnlampe ausgeschaltet, um den Sternhimmel zu betrachten — unglaublich diese Pracht!” An der Kontrollstation vor dem Col du Bonhomme sagten sie ihm: “Du ziehst jetzt deine lange Hose an, sonst lassen wir dich nicht weiter.” “Das war auch gut so”, meint Axel. “Dort oben hat der Wind gepfiffen, das kannst du dir nicht vorstellen! Bei Regen möchte ich diese Strecke nicht laufen müssen.” Gerald hingegen geht es in der ersten Nacht schlecht. Schon vor dem Lauf hatte er Magenprobleme und jeder erfahrene Läufer weiß: Magenprobleme können dich richtig aus der Bahn werfen. In Courmayeur ruft er seine Frau an. Er will ihr mitteilen, dass sie ihm mit dem Auto abholen soll. Sie hat allerdings das Telefon ausgeschaltet und schläft. Gerald läuft schließlich weiter.

Xavier THEVENARD
Xavier THEVENARD

Wer kannte schon vor diesem Rennen den 25-jährigen Xavier Thevenard? Vor drei Jahren gewann der Junge aus dem französischen Jura den CCC, der bis dahin sein dritter Ultratrail war. Dieses Jahr lief er zusammen mit den Weltklasse-Läufern Julien Chorier, Miguel Heras und Tony Krupicka an der Spitze des UTMB-Feldes. Nach etwa einhundert Kilometern konnte er sich am Grand Col Ferret von seinen Verfolgern absetzen, so dass diese ihn bis zum Ende des Rennens in Chamonix nie wieder einholten. Doch damit nicht genug. Thevenard lief in 20:34 Stunden eine neue Rekordzeit auf der Strecke. Tony Krupicka plagte seine hintere Oberschenkelmuskulatur und er schied in Trient aus.

Bei den Damen führte Núria Picas auf den ersten Kilometern das Rennen an und konnte sich etwas Vorsprung vor ihren Verfolgerinnen erarbeiten. Dieser Vorsprung wurde von Rory Bosio am Col du Bonhomme aufgeholt und Bosio führte fortan das Rennen bei den Frauen an. Sie lief den Lauf ihres Lebens, scherzte an Verpflegungsstationen mit den Helfern und pulverisierte den alten Streckenrekord von Krissy Moehl um fast zwei Stunden. Sie finishte in 22 Stunden und 37 Minuten und lag damit auf Rang Sieben der Gesamtwertung hinter Julien Chorier. Sie ist damit die erste Frau, die es beim UTMB unter die besten Zehn der Gesamtwertung geschafft hat.

Das Deutsche Haus feierte mit seinen vier UTMB-Teilnehmern vier glückliche Finisher. Gerald lief auf einen fabelhaften 258. Platz in Chamonix ins Ziel und Axel landete bei seiner UTMB-Premiere sogar auf dem Treppchen seiner Kategorie. Thomas und Marius wurden am Sonntagmorgen von Julia Böttger im Ziel empfangen und beglückwünscht.

Der UTMB versammelt jährlich die Elite der Szene und das nicht zuletzt durch das Punktesystem bei der Anmeldung. Eine Auswahl der Teilnehmer, die über die Höhe des Startgeldes geregelt wird, wurde hier bisher vermieden. Die Strecke ist ein landschaftliches Highlight, technisch nicht zu schwierig, nicht zu hoch gelegen und durch die vielen Höhenmeter eine beachtliche Herausforderung für jeden Teilnehmer. Wer die Atmosphäre vor Ort, die Professionalität der Organisation und Qualität dieser Veranstaltung in Chamonix erlebt hat, der wird verstehen, dass sich die Frage nach einer Weltmeisterschaft über 100 Meilen damit erübrigt.

Deutsches Haus – UTMB 2013

Deutsches Haus

Erstmals habe ich mit Judy dieses Jahr das Deutsche Haus in Chamonix organisiert und damit einen zentralen Treffpunkt für deutschsprachige Athleten und deren Freunde und Familien geschaffen. Die bunt gemischte Hausbesatzung aus Deutschen, Franzosen, einem Polen, einer Chinesin, einer Kanadierin und vier Bayern wohnte die gesamte Wettkampfwoche in Chamonix und bereitete sich bis zur letzten Minute gewissenhaft auf die Wettkämpfe vor. Neben gemeinsamen Läufen und Filmabenden standen eine Gletscherwanderung auf dem Mer de Glace und ein gemeinsamer Akklimatisierungsausflug auf die Aiguille du Midi (3842m) auf dem Programm.

Unter den Bewohnern waren Teilnehmer des CCC, PTL und UTMB vertreten, außerdem besuchten uns viele bekannte Gesichter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. So konnten alte Hasen mit jungen Füchsen über Ernährung, Training und Wettkampfbekleidung fachsimpeln und dabei die eine oder andere neue Bekanntschaft schließen. Am Mittwochabend und am Donnerstagnachmittag lud das Haus offiziell zu Veranstaltungen ein: Der RacingThePlanet-Abend und die Patagonia Pasta Party waren ein voller Erfolg! Zusammen bereiteten wir Hausbewohner Berge von Pasta zu, dekorierten Käseplatten, backten leckeren Kuchen und bewirteten unsere Gäste mit deutschem Bier der Marke Erdinger Alkoholfrei. Küchenchef Jan war gänzlich in seinem Element und kochte wie in alten Zeiten, als er noch auf einer Berghütte als Koch gearbeitet hatte und das, obwohl er am nächsten Morgen beim CCC starten sollte. Aufgrund der zahlreichen Besuche platzte das Deutsche Haus schnell aus allen Nähten, doch dank Kaiserwetter wichen die Gäste in unseren Garten mit Mont-Blanc-Panorama aus. Im Laufe der Woche nahm die Zahl der roten Finisherwesten in den Gassen der Stadt stets zu und wir zählten am Ende allein sieben Stück im Haus. Wir freuen uns, einen Teil zum Erfolg dieses Abenteuers UTMB beigetragen zu haben. Bis ins nächste Jahr!



Weitere Berichte zum Haus findet ihr hier:


Herzlichen Dank für die Unterstützung durch:

Vom Pleisensigi

Sigi Gaugg © Judy Ng


Wenn du als Läufer in die Pleisenhütte im Karwendel kommst, fühlt sich das zunächst an wie in einer gewöhnlichen Berghütte: Du öffnest die schwere Holztür zum Gastraum, trittst in die warme Stube ein und plötzlich verstummt das Hintergrundmurmeln der Gäste, die hinter ihren Biergläsern hocken; fragende Blicke durchbohren dich und sie tuscheln leise: “Schau mal, wie der angezogen ist. Bei der Kälte da draußen trägt der kurze Hosen. Und die Schuhe erst!” So ergeht es mir sehr oft, wenn ich durch die Berge laufe. Als das Profil meiner Trailschuhe die Holzdielen des Gastraumes der Pleisenhütte berühren, steht sofort der Hüttenwirt Sigi mit einem Lächeln vor mir und begrüßt mich und meine Begleitung mit den Worten: “Servus Burschen, ihr seht aber sportlich aus. Wie lange habt ihr für den Aufstieg zur Hütte gebraucht?”

Pleisenhütte © Thomas Bohne

Sigi Gaugg ist seit 1992 Hüttenwirt auf der Pleisenhütte und läuft selbst gern auf den heimischen Trails durch das Karwendel. Dieses Jahr hatte er sich zum Salomon Zugspitz Ultratrail angemeldet. “Ich wollte mich mal richtig auspowern”, sagt er. “Außerdem ist es ganz praktisch, wenn du die Verpflegung auf einer so langen Strecke nicht mitnehmen musst, du bist dann viel leichter”. Als Hüttenwirt bleibt ihm für sein Training allerdings nicht viel Zeit, denn besonders an schönen Tagen besuchen viele Wanderer und Mountainbiker die Pleisenhütte im Karwendel. Den Großteil der Trainingszeit verbringt er deshalb auf Tourenskiern im Winter. Im Sommer kann er die Hütte mit seinem Geländewagen beliefern, doch im Winter muss er alle Nahrungsmittel aus eigener Kraft auf die 1757m hoch gelegene Hütte befördern. Dazu schnappt er sich mehrmals pro Woche eine großen Rucksack, schnallt seine Skier unter die Stiefel und geht bei Wind und Wetter hinauf zur Hütte.

Pleisenhütte 3

Eine unglaubliche Anstrengung hatte bereits sein Vater Toni Gaugg auf sich genommen als er die Hütte errichtete. Während seiner fünfjährigen Kriegsgefangenschaft in Russland schwor er sich, eine Hütte auf seinem Lieblingsberg – dem Pleisen – zu bauen, sollte er den Zweiten Weltkrieg und die Gefangenschaft überleben. Im Jahre 1953 erhielt er die Genehmigung zum Bau, jedoch glaubte niemand ernsthaft daran, dass er diesen Bau fertigstellen könnte. Damals gab es noch keine Forststraße, somit er trug alle Baumaterialien, die er nicht auf dem Berg fand, aus eigener Kraft hinauf zum Bauplatz der Hütte. Noch im selben Jahr verwirklichte er sich seinen Traum. Heute bewirtschaftet sein Sohn Sigi die Hütte und führt diese ganz im Stile seines Vaters.

Toni-Gaugg-Weg © Thomas Bohne

Für die 6.5 Kilometer lange Strecke vom Parkplatz in Scharnitz bis zur Pleisenhütte benötigt ein Trail Runner eine reichliche Stunde. Der Aufstieg ist also auch noch nach dem Feierabend möglich. Die Hütte bietet 39 Lagerplätze, gute lokale Küche und urige Stimmung bei Kerzenschein. Besonders zu empfehlen ist der Haselnussschnaps. Von der Hütte kann man die Pleisenspitze auf 2569m über einen leichten Wanderweg erreichen. Besonders erfahrene und alpin versierte Trail Runner können über den Toni-Gaugg-Weg zum Karwendelhaus steigen und dann über die Forststraße zurück zum Parkplatz in Scharnitz laufen. Diese Tour wurde bereits vor 25 Jahren von einheimischen Läufern zurückgelegt und zeigt, dass technisch anspruchsvolles Trail Running keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist.


© OpenStreetMap contributors

Zu Gast im Land von Dschingis Khan

Gobi March



Sie sagen, man riecht sie von weitem, sogar bevor der Donner ihrer Hufe zu hören ist. Dann ist es sowieso zu spät. Binnen Sekunden kamen die ersten, mörderischen Schwälle von Pfeilen, verdunkelten die Sonne und kehrten den Tag zur Nacht. Dann waren sie unter ihnen — schlachtend, vergewaltigend, plündernd und brandschatzend. Wie geschmolzene Lava zerstörten sie alles auf ihrem Weg. Sie hinterließen einen Pfad rauchender Städte und weißer Knochen, der bis in ihre Heimat nach Zentralasien führte. “Die Soldaten des Antichristen sind gekommen, um die letzte schreckliche Ernte einzufahren”, so bezeichnete ein Gelehrter aus dem 13. Jahrhunderts die mongolischen Horden.

– Peter Hopkirk, Foreign Devils on the Silk Road

Nomad @ Sayram Lake
Nomad @ Sayram Lake

Im 13. Jahrhundert trieb Dschingis Khan seine Horden in Richtung Süden durch die Wüste Gobi und eroberte große Teile Chinas. Nach seinem Tod zerfiel sein Großreich und der Islam hielt Einzug im Westen Chinas, der heutigen Provinz Xinjiang. Noch heute leben in dem Bezirk Bortala mongolische Nomaden, denn sie haben gelernt, dem rauen Klima und den beißenden Winden dieser Region zu widerstehen.

RacingThePlanet hat sich für die zehnte Austragung des Gobi Marches für einen besonderen Ort entschieden: die ehemaligen Schlachtfelder von Dschingis Khan. Der autonome Bezirk Bortala befindet sich im äußersten Nordwesten der chinesischen Provinz Xinjiang und ist umschlossen von Tien-Shan, ein Hochgebirge, das bis auf 7439 Meter reicht.

Bereits die Anreise aus Deutschland ist ein Abenteuer: München (1.4 Mio Einwohner) – Peking (20 Mio) – Urumqi (3.2 Mio) – Bole (0.25 Mio). Auf dem Flug von Urumqi nach Bole sitze ich mit dem Briten Ross in einer kleinen Maschine voller Chinesen; wir sind die einzigen Ausländer und schmunzeln leicht, als ein Chinese schwankend im Gang steht und lebhaft mit einem anderen Passagier diskutiert, als das Flugzeug abhebt. Ein junger Flugbegleiter sitzt mit schüchternem Blick auf seinem Klappsitz und gestikuliert wild mit den Armen umher, traut sich aber nicht den Ton zu ergreifen und den Passagier auf seinen Sitzplatz zu verweisen. Irgendwo hinter uns raucht ein Passagier Zigaretten – egal, denke ich und blicke aus dem winzigen Bullauge in die weite Landschaft am Rande Chinas. Letzte Sonnenstrahlen durchbrechen die grauen Wolken und in feinen Schleiern fällt Regen zu Boden.

Bole (Bortala) Stadt gleicht einer typischen chinesischen Retortenstadt aus einem Meer von Plattenbauten; sie beheimatet mehr als die Hälfte der Einwohner des Bezirks Bortala. In den Straßen registriere ich chinesische Zeichen ebenso wie arabische Schriftzüge, viel augenscheinlicher wird der islamische Einfluss jedoch auf dem lokalen Nachtmarkt. Unter freiem Himmel brutzeln die Lamm- und Rindfleischspieße über der glimmenden Holzkohle und verbreiten dabei einen Duft, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Während die Rauchschwaden über unseren Tisch ziehen, füllt sich dieser wie von selbst mit lokalen Spezialitäten: gegrillte Pilzspieße, geröstete Bohnen mit Chili, ein Berg Nudeln mit gekochtem Hühnchenfleisch, Erdnüsse, Shish Kebabs und gegrillter Fisch. Die Uyguren am Nachbartisch sind von unserer Anwesenheit überrascht; wahrscheinlich haben sie nie zuvor Europäer gesehen, denn nach Bole verirren sich nur sehr wenige europäische Touristen.

Erneut bin ich mit dem Team von RacingThePlanet in eine der entlegensten Regionen unseres Planeten gereist, um für 150 Läufer aus 29 Ländern eine 250 Kilometer lange Strecke vorzubereiten. Diese Strecke werden die Läufer in sechs Etappen und sieben Tagen zurücklegen und dabei unvergessliche Eindrücke sammeln.

Die erste Etappe führt die Athleten durch das Koytas-Tal, ein riesiges Gebiet geheimnisvoller Steinformationen nordöstlich von Bole. Noch vor Sonnenaufgang mache ich mich auf den Weg und laufe die erste Etappe. Im Schein meiner Stirnlampe taste ich mich durch die Dämmerung und kontrolliere dabei die Streckenmarkierungen. Die ersten Kilometer führen mich durch trockene, steinige Flussbetten. Zu beiden Seiten türmen sich braune Felsen, die im ersten Sonnenlicht rötlich schimmern. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Schafe auf einmal gesehen wie in dieser Region. Des Öfteren klettert eine ganze Schafherde durch die steilen Felsformationen und plärrt anschließend lauthals zu mir herab. Kurz vor einer Nomadenhütte empfangen mich drei zerzauste Hunde, Zähne fletschend und knurrend. Taktisch klug umzingeln sie mich von mehreren Seiten und rücken auf, je mehr ich mich der Hütte nähere. Meine Schritte verlangsamen sich. An Rückzug ist nicht zu denken, denn hinter mir kommen schließlich bald die Läufer. Laut rufe ich in Richtung des Hauses und hoffe, dass meine Schreie bis in die Hütte vordringen. Als sich die knarrende Holztür öffnet, atme ich auf. Eine junge Frau tritt heraus und pfeift die Hunde energisch zurück. Kurz darauf sitze ich mit der Nomadenfamilie am warmen Ofen, beobachte wie die Frau den Teig für das Frühstück knetet und neben mir dösen friedlich die Hunde.

Im Gegensatz zu vorherigen Austragungen ist der diesjährige Gobi March kein Wüstenlauf, vielmehr führt die Strecke über grüne Wiesen und durch blühende Gebirgslandschaften. Der Schweizer Athlet Roberto fühlt sich prompt an seine Heimat erinnert, nur die Kamele wirken etwas befremdlich.

Die fünfte Etappe ist bei den 4Deserts-Läufen bekannt unter der Bezeichnung: “The Long March”. Diese über 70 Kilometer lange Etappe ist für viele Teilnehmer mehr als eine eintägige Herausforderung. Bereits bei der Streckenmarkierung heult der Wind bedrohlich in meinen Ohren. Es sind weit und breit keine Gebäude, Tiere oder Menschen Spuren erkennbar. Ich bin tief im Tien-Shan Gebirge angekommen. Einige der Läufer werden diesen Abschnitt bei Nacht bewältigen müssen, denke ich. Auf etwa 2700 Metern begegnet mir ein dunkler Reiter, er ist Mongole. Als er näher kommt, begrüßen wir uns freundlich, betrachten uns neugierig und ziehen dann unseres Weges – ich stecke weiter kleine pinkfarbene Fähnchen, er reitet davon. Wie überleben diese Menschen in dieser rauen Umgebung?

Als Trail-Läufer erlebt man viele wunderbare Momente, jedoch gibt es diese ganz besonderen Augenblicke im Leben, die sich ewig in das Gedächtnis brennen. Als ich mich schniefend über den zweiten hohen Pass schiebe, erblicke ich einen gigantischen azurblauen See, zu dessen Ufern sich farbenfroh blühende Blumenwiesen ausbreiten. Eingerahmt von schneebedeckten Bergen liegt er ruhig und schweigsam vor mir. Die Wucht und Kraft dieses Anblicks muss wohl auch Dschingis Khan beeindruckt haben, denn sein Denkmal steht noch heute am Ufer. Der Sayram See liegt auf 2073 Metern und wird als “Perle der Seidenstraße” bezeichnet. Sayram bedeutet in kasachischer Sprache “Segen”.

Am darauffolgenden Tag ist der See alles andere als ein Segen für die Läufer. Wir sitzen in unseren Geländewagen als der Regen bedrohlich laut gegen die Karossen peitscht. Die Fenster sind geschlossen, was die Fahrer nicht davon abhält im Fahrzeug zu rauchen. Draußen spielen sich apokalyptische Szenen ab. Durchziehende schwarze Wolken bringen Regen und Hagel im Minutentakt. Unsere Zelte halten den eisigen Böen nicht stand und klappen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Nur die ersten neun Läufer erreichen das Ziel am Ufer des Sayram Sees und werden von den Helfern mit Decken und heißem Wasser empfangen. Der Rest des Feldes wird angehalten, in Busse und Fahrzeuge verladen und zu einer nahegelegenen Jurtensiedlung befördert. Die roten Teppiche in den Jurten sind klamm, meine Bekleidung ist nass. In der darauffolgenden Nacht fallen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt und Eiskristalle glitzern im Lichtkegel meiner Stirnlampe.

Sayram Lake

Am siebten Tag präsentiert sich die azurblaue Perle erneut in ihrer ganzen Pracht. Das Spiegelbild der schneebedeckten Berge liegt ruhig im Wasser. Auch nach über 200 Kilometern in den Beinen bewegen sich die Teilnehmer des zehnten Gobi Marches mit einem Grinsen durch die gelben und blauen Blüten der Seeufer als seien es ihre ersten Schritte – das Panorama und die Stimmung sind gigantisch.

Projekt: Rim to Rim to Rim

The Grand Canyon

Gäbe es das Buch “1000 Places To See Before You Die” in einer Sonderausgabe für Trail Runner, wäre der folgende Eintrag ganz gewiss darin aufgeführt: Rim to Rim to Rim (R2R2R). Die Strecke führt vom Südrand des Grand Canyon hinunter zum Colorado River, durch den Canyon hindurch, hinauf zur Nordkante und wieder zurück – ein achtzig Kilometer langes Abenteuer im Wilden Westen der USA mit über dreitausend Höhenmetern Auf- und Abstieg. Große Namen der Trail-Szene haben hier bereits mehrfach ihre Spuren und Schweißtropfen im Staub hinterlassen: Dakota Jones, Anton Krupicka, Krissy Moehl sind einige davon. Für mich gibt es keine bessere Möglichkeit, diese gewaltige Landschaft in ihrer Schönheit und Vielfalt und mit ihren zahlreichen Bewohnern so zu erleben, wie sie sich uns präsentiert.

The US-Car

Mein Sports-Utility-Vehicle (SUV) summt leise und einsam durch die nordamerikanische Prärie. Schier unendlich erstrecken sich die gelben Grasflächen zu beiden Seiten der Fahrbahn. Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, wie hier einst die Cowboys ihre Kuhherden gen Sonnenuntergang trieben. In einer winzigen Siedlung biege ich auf den Highway 64 West zum Grand Canyon Village ab. Die schmale Straße führt allmählich hinauf auf über 2000 Meter und lässt die Temperaturen stetig fallen. Zu meiner Rechten zeichnen sich im Schein des Vollmondes die grauen Silhouetten der gewaltigen Schlucht ab, jedoch wird plötzlich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Straße gelenkt und muss schlagartig bremsen: Ein riesiger Wapiti steht im Scheinwerferlicht und starrt mich an. Diese Tiere sehen unserem europäischen Rothirsch ähnlich, sind allerdings noch größer. Ich hupe ihn freundlich an, da trottet er gelassen zurück ins Gebüsch.

Wechsel Pathfinder ZG
Wechsel Pathfinder ZG

Gegen 20:30 Uhr parke ich vor dem Pförtnerhäuschen am Eingang des Mather Campground beim Grand Canyon Village – es ist dunkel und kalt hier oben. An der Seite des Häuschens hängt eine Liste mit Namen, darunter zu finden: Thomas Bohne, Zelt, Platz 168. Passt ja, denke ich und lasse meinen Blick auf die fetten Buchstaben unterhalb der Liste schweifen: “If you arrive late at night, you must register here the next morning or your space will be given away. Opening hours: 08:00 o’clock …”. Mehr muss ich nicht lesen, um zu verstehen, dass diese Information erhebliches Konfliktpotenzial zu meinem Plänen birgt. Bereits früh morgens wollte ich aufbrechen, um der brütenden Tageshitze im Canyon zu entgehen. Daraus wird jetzt nichts, denn ich will meinen Zeltplatz nicht verlieren.

bus stop @ mather campground
bus stop @ mather campground

Kurz nach acht Uhr habe ich erfolgreich am Zeltplatz eingecheckt und warte an der Bushaltestelle vor dem Campingplatz auf das Shuttle zum South Kaibab Trailhead. Der South Kaibab Trail ist die steilere und kürzere Variante hinunter zum Colorado River als der Bright Angel Trail. Mit am Busstop steht ein deutsches Wandererpärchen. Beide sportlich, mit großem Rucksack ausgestattet und bei bester Laune, scheinen sie doch überrascht, einen deutschen Läufer hier anzutreffen und noch dazu, als ich ihnen meine Tagesetappe erläutere. Dass mir die wilden Tiere mehr Sorgen bereiten als die achtzig Kilometer Streckenlänge, stößt endgültig auf Unverständnis. Neben den gängigen Klapperschlangen und Skorpionen siedeln hier Pumas, Kojoten und Luchse – das sind diese etwas größeren Katzen mit unglaublich schönen Augen und kurzem Schwanz. Im Gegensatz zu Hauskatzen verdrücken diese auch größere Beute. Wilden Tieren begegne ich grundsätzlich mit großem Respekt, besonders den Tieren, die in extremen klimatischen Bedingungen überleben müssen.

Grand Canyon South Rim
Grand Canyon @ South Rim

Um 08:30 Uhr stehe ich am Trailhead und blicke erstmals über Südrand des Canyons – whoa! Nicht auszumalen, wo auf der anderen Seite der Trail wieder hinaufführen soll. Die Nordseite gleicht einer mächtigen, senkrechten Steilwand. Die Sonne steht bereits hoch und brennt kräftig auf den roten Fels – ich bin spät dran. Als ich freudig in die Tiefe trabe, hecheln mir die ersten Wanderer schwer bepackt entgegen. Der Trail ist technisch einfach, staubig und riecht ab und zu nach Muli. Lediglich die treppenartigen Absätze und Wasserableitungen bringen mich konstant aus dem Rhythmus. Auf dem South Kaibab Trail werden fantastische 360° Panoramen und Fossilien geboten — eine Fotopause folgt der nächsten! Unterwegs passiert mich eine Maultierkolonne mit richtigen Cowboys, die Proviant für die Ranches im Canyon befördert. Der starke Akzent und der nicht minder strenge Geruch dieser Jungs ist deren bestimmendes Merkmal. Echter Wilder Westen! Im Abstieg nippe ich vorsichtig am Schlauch meiner Trinkblase. Bähhhh! Das Wasser schmeckt richtig übel, dabei habe ich die Blase erst vor wenigen Minuten gefüllt. Nach etwa einer Stunde bergab erreiche ich den grün schimmernden Colorado River — die Lebensader des Südwestens der USA — und kurz darauf die Phantom Ranch, eine idyllische Siedlung aus Hütten und Zelten für Touristen. Das deutsche Pärchen wird hier übernachten, bevor sie — wie die meisten Wanderer — am darauffolgenden Tag über den Bright Angel Trail oder den South Kaibab Trail wieder zum Grand Canyon Village aufsteigen. Vor dem Ab- und Aufstieg am gleichen Tag warnen zahlreiche, anschauliche Hinweistafeln. Nicht auszudenken, wie eine Warnung vor dem R2R2R aussehen würde. Der Trail schlängelt sich entlang eines Baches durch eine enge Schlucht mit hohen, senkrechten Wänden. Die Felswände bieten ausreichend Schatten für sattes Grün und ein angenehm feuchtwarmes Klima.

Arizona 29

Nach wenigen Kilometern schließe ich zu einem Läufer auf – er heißt Jeff und kommt aus Minnesota. Jeff ist mit seinem Vater und seinem Onkel bereits seit drei Tagen in der Phantom Ranch zu Gast und seine Begleiter haben heute Ruhetag. Deshalb trabt Jeff allein in Richtung Tagesziel: die rauschenden Wasserfälle in einigen Kilometern Entfernung. Als sich unsere Wege trennen, ist der Canyon breiter geworden und Kakteen, Sträucher und Dornbüsche bestimmen nun die Vegetation. Flink flitzen kleine und größere Echsen durch meine Füße und ich denke: Wo das Futter ist, ist auch der Jäger nicht weit! Nach ca. 25 Kilometern erreiche ich das Cottonwood Camp, fülle frisches Wasser in die Trinkblase und stülpe mir das klatschnasse Buff über den Kopf, denn es ist heiß geworden. Mein Magen rumort. Im Dickicht baut ein alter Greis sein Zelt auf, ganz still und allein. Als ich ihn bemerke, rufe ich ihm zu, ob alles okay ist. “Die Fliegen werden schlimmer”, erwidert er. Wenige Minuten später lasse ich das Rangerhaus rechts liegen und trabe den Anstieg zum North Rim hinauf. Spektakulär ist der Pfad in den roten Fels gefräst; den Abgrund immer vor Augen passiere ich Millionen, ja sogar Milliarden Jahre alte Gesteinsschichten und bin fasziniert von den einzigartigen Formen und Farben. Auf der anderen Seite tosen Wasserfälle — die Ribbon Falls — die Wand hinunter und dann plötzlich: Bäääämmm! Das war kein Schuss, eher eine Explosion ganz in meiner Nähe. Der Weg wird steiler, ich fotografiere und spiele mit dem Licht. Mein Magen beruhigt sich nicht, mir fehlt die Energie und ich muss gehen. Oberhalb einer Brücke sitzen zwei Arbeiter, neben ihnen liegt Sprengvorrichtung. Als ich sie freundlich bitte, mich nicht in die Luft zu jagen, grinsen sie. Die sprengen hier tatsächlich den Weg frei, fährt es mir durch den Kopf, als ich durch einen Tunnel über die Trümmerteile steige. Am Tunnelausgang arbeitet eine Schar Männer mit Spitzhacken und Presslufthämmern. Die Wasserstelle am Tunnelausgang ist trocken, meinen sie. Und tatsächlich, es tut sich kein Tropfen. Auch oben am Trailhead ist alles abgestellt, wegen dem Frost, sagen sie. Die Straße öffnet erst am 15. Mai. “Brauchst du Wasser?”, fragt der Arbeiter mit dem längsten Vollbart? “Nein danke, ich habe noch Wasser”, entgegne ich und denke: Wird schließlich auch kühler da oben. Ich laufe weiter und treffe auf weitere Arbeiter und Maultiere. Sie bereiten den Weg für die Hauptsaison vor. Eine Läuferin kommt mir entgegen. Sie ist bereits auf dem Rückweg und trabt locker bergab. Ich hoffe mir geht es bald besser.

North Kaibab Trail
North Kaibab Trail

Nach vierzig Kilometern und fünf Stunden stehe ich an der Nordkante. Im Schatten der Fichten liegt Schnee und eine frische Brise weht durch mein Shirt. Der kleine Kiosk ist geschlossen, nur ein Ranger fährt vorbei. “Hier kommen derzeit nur Läufer und Arbeiter hoch, die Straße ist 45 Meilen unterhalb gesperrt”, sagt er ruhig. “Wie lange hast du gebraucht?” “Fünf Stunden”, erwidere ich. Der Abstieg tut gut, die Muskeln in den Beinen lockern auf und der lose Sand federt jeden Schritt wie ein Kissen. Mein Wasservorrat ist endgültig aufgebraucht aber ich will nicht fragen, drücke dafür einem Arbeiter ein paar meiner Cliff Bars in die Hand. Die bekomme ich eh nicht runter ohne Wasser. Unten am Rangerhaus fülle ich die Trinkblase auf. Beim ersten Schluck muss ich spucken. Das Wasser schmeckt so widerlich, dass ich würgen muss. Eine Mischung aus Chlor, Öl und Eisen liegt mir auf der Zunge. Um die Brühe möglichst schnell an meiner Zunge vorbeifließen zu lassen, ziehe ich in tiefen Zügen. Die Sonne brennt erbarmungslos in den Canyon, alles raschelt um mich herum. Beim Cottonwood Camp treffe ich wieder auf den Alten. Sein Zelt steht jetzt und ich setze mich zu ihm auf eine Bank. Er erzählt mir von seinem Zuhause in Las Vegas und dass er seit vier Jahren in den Canyon zum Zelten kommt. Kurz vor der Phantom Ranch hole ich die Läuferin ein. Sie hat Blasen und muss gehen. Das Wasser? “Schmeckt scheußlich”, meint sie. Sie nimmt den South Kaibab am Ende, will fertig werden. Ich entscheide mich für den fünf Kilometer längeren Bright Angel Trail, denn ich bin neugierig und meine Beine fühlen sich gut an.

Colorado River
Colorado River

An der Phantom Ranch ruft jemand meinen Namen. “Thomas?” Die deutschen Wanderer haben mich erkannt und fragen nach meinen Erlebnissen. “Gefährlichen Tieren bin ich nicht begegnet aber jeder Kilometer ist ein Erlebnis. Einfach wunderschön!”, beschreibe ich die letzten Stunden und verschweige dabei die brodelnde Chlorbrühe in meinem Bauch. Ich eile weiter in Richtung Bright Angel Trail, doch bereits beim ersten Anstieg fehlt mir die Kraft und ich beschließe zu gehen. Im Farbenspiel des Abendlichtes schimmern die Felsen goldbraun, der grüne Colorado rauscht lebendig dazwischen. Plötzlich halte ich inne, stehe wie angewurzelt und bewege mich keine Millimeter. Der Beitrag im Trail Magazin von Philipp Reiter schießt mir in den Kopf: Immer vorausschauend laufen, niemals den Blick nur wenige Meter vor sich richten. Da liegt sie, ganz still, prächtig und anmutig, seelenruhig – eine einmeterlange Klapperschlange wärmt sich lang ausgestreckt auf dem Pfad vor mir. Nach den Begrüßungsfotos will ich weiter, doch die Schlange reagiert nicht auf mein Stampfen, ist scheinbar gemütlich auf dem warmen Sandboden. Vorsichtig mache ich einen Bogen und stapfe weiter bergauf, achte auf jeden Tritt. Mir fehlt die Energie und so werden die letzten Kilometer sehr lang und in der Dunkelheit noch viel länger. Nach ca. 12 Stunden erreiche ich das Grand Canyon Village, sehr müde und kalt aber zufrieden.

Would you have seen it?
Would you have seen it?

Der Morgen nach dem Lauf beginnt für mich mit einem Frühstück im Hotel El Tovar. In klassischem Ambiente tanzen die Kellner wie Bienen um mich herum und sind um mein Wohl bemüht. Sie servieren das denkbar deftigste Frühstück zur vollständigen Wiederherstellung meiner Geschmacksnerven und Energiereserven.

Thank you Jim McLaughlin for this wonderful recommendation!

Im Wilden Westen

 

Summit of Mount Kimball

Mount Kimball

Plötzlich bin ich wach, drehe mich um und schaue aus dem Fenster. Draußen ist es stockdunkel, nur die Sterne schimmern friedlich in der Nacht. Die Uhr zeigt drei Uhr, aber ich kann nicht mehr schlafen, bin nervös, will raus. Leise schleiche ich durch das Haus, lasse etwas Wasser in die Trinkblase meines Rucksacks plätschern und schlüpfe in die Laufshorts. Im Schein meiner Stirnlampe trabe ich durch die Straßen von Tucson, Arizona.

Tucson @ night

Die Straße ist stockdunkel und ab und zu röhrt ein gigantischer Geländewagen an mir vorbei. Hoffentlich schießt mich hier keiner über den Haufen, denke ich. Etwas erleichtert biege ich auf den Fingerrock Trail ab und hinter mir breitet sich Tucson als majestätischer Lichterteppich aus. Nur meine Schritte rascheln jetzt im Sand, sonst ist es still um mich herum. Die Klapperschlangen schlafen noch.

sunrise

Der Trail führt zunächst durch einen Wald riesiger Saguaro Kakteen, dazwischen haben sich die kleineren Feigenkakteen, Igel-Kakteen und deren stachelige Verwandte ausgebreitet. Die Vegetation wächst förmlich auf einem Geröllfeld und jeder Fehltritt wird sofort mit Stichen bestraft. Hier kämpft jeder ums Überleben. Mein feuchter Atem wird von der Luft aufgesogen wir Wasser von einem Schwamm, die Lippen sind ständig trocken. Über große Brocken und Steinplatten trabe ich den steilen Pfad bergauf, während hinter mir die Morgendämmerung anbricht.

summit

Oberhalb der “Kakteengrenze” ändert sich die Vegetation und geht über in eine steppenartige, trockene Landschaft mit hohen, braunen Steinformationen. Als Farbtupfer präsentieren einzelne Kakteen ihre Blütenpracht und sporadisch zieht ein süßer, blumiger Duft durch meine Nase. Meine Schritte werden etwas kürzer, denn immer öfter drehe ich mich um und betrachte das Farbenspiel am Horizont. Am Gipfel bietet sich ein Panorama mit gigantischen Weitblick. In der frischen Morgenbrise genieße ich den Ausblick unter der noch schwachen Sonne.

Mount Kimball ist einer der höchsten Gipfel der Santa Catalina Mountains nördlich von Tucson. Die Strecke vom Trailhead (Alvernoon North) bis zum Gipfel und zurück ist etwa 18 Kilometer lang und beinhaltet etwa 1500 Höhenmeter im Anstieg. Für Wanderer stellt diese Tour eine anspruchsvolle Tagesetappe dar. Die Sonne und die Temperaturen sollten nicht unterschätzt werden. Nehmt ausreichend Wasser mit und brecht früh auf!

Tucson (6)downhill

Wie nennt man diesen Sport? – Laufen!?

© Stephan Repke

© Stephan Repke

Eine wilde Horde stürmt durch die weiße Winterlandschaft um Seefeld in Tirol. Kräftig keuchen sie im tiefen Schnee und Schweiß rollt ihnen von der Stirn. Das breite Grinsen im Gesicht der vierzehn Teilnehmer des Trail Magazin Snowrunning Wintercamps verrät, wie sich verschneite Trails im Winter anfühlen.

Das Basislager des Camps befindet sich im Herzen von Seefeld, einem Wintersportparadies für Skispringer, Langläufer und lange Läufe. Im Zentrum von Seefeld mischen sich goldbehangene Braunbären mit Prosecco unter Russen, Niederländer und Sportler in hautengen Anzügen. Gleich neben dem Hotel wartet das dampfende Außenbecken des Erlebnisbades auf müde Beine und unterkühlte Gliedmaßen.

An drei Tagen fräsen sich die Teilnehmer des Camps in Icebug-Winterbereifung durch Eis und Schnee. Zwischen zwei und vier Stunden täglich sind sie unterwegs, passieren dabei nicht selten staunende Schneeschuhwanderer und Skitourengeher. Neben der Rauthhütte auf 1600 Metern fragen zwei ältere Tourengeher neugierig: “Wie nennt man diesen Sport?” Die Jungs und Mädels schauen sich fragend an und antworten: “Laufen!?”


© Stephan Repke
© Stephan Repke

Hong Kong – Zu Fuß in China


Nach dreizehn Stunden Flugzeit setzt die Maschine zur Landung an. Der Ozean scheint bereits so nah, dass ich zur Schwimmweste greife und mich auf die aufblasbare Rutsche am Notausgang freue. Der internationale Flughafen Chek Lap Kok wurde auf einer Insel errichtet, deren Berglandschaft bis auf wenige Meter über dem Meeresspiegel abgetragen und planiert wurde.

Besonders lohnenswert ist die Fahrt vom Flughafen im Doppelstockbus mit Panoramablick – die vorderen Reihen sind grundsätzlich frei, da Chinesen die Sonne scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Auf der Fahrt ins Zentrum von Hong Kong werden weitere Superlativen sichtbar: Die Straße führt über gigantische Brücken, vorbei an einem der weltweit größten Häfen in einen Betonwald der Superlative. Die drittgrößte Stadt Chinas bildet in den nächsten Tagen mein Laufrevier.

Hong Kong @ night

Im Schutz der Dunkelheit trabe ich los und suche einen Pfad durch Häuserschluchten und über Schnellstraßen. Der Himmel verschwindet fast vollständig hinter Betongiganten mit Lichtermosaik und die Straßen sind in mehreren Ebenen geschichtet – ein Labyrinth der Extraklasse. Mein Weg führt mich steil bergauf in die Hügel am Stadtrand. Langsam geht der Straßenlärm in ein gleichmäßiges Rauschen über und Vögel zwitschern fröhlich im Gebüsch. Oben angekommen bleibe ich stehen und genieße den Ausblick: Wie ein glitzerndes Schmuckstück liegt Hong Kong vor mir, gleichmäßig eingebettet in die schwarzen Hügel, die Schiffe leuchtend und still im Hafen vor Anker liegend.

Frühstück auf Chinesisch

Mein erster Morgenlauf führt mich zu einem kleinen Fischerdorf auf der Halbinsel Kowloon. Im Dorf riecht es nach Fisch, denn zu beiden Seiten des Weges werden die Aquarien der Restaurants mit dem Fang der Nacht überfrachtet. Später wählen die Gäste ihr Hauptgericht persönlich aus, um es anschließend maximal frisch zu verzehren. Gleich hinter dem Dorf biege ich links ab auf den Wilson Trail. Ein makelloser Betonpfad führt mich steil hinauf zum Devils Peak (222 Meter), einer alten Verteidigungsanlage der Briten. Teuflich früh sind auch die Einheimischen wach, denn die spazieren auch bereits in Richtung Gipfel, einige marschieren rückwärts bergauf. Oben trällert zur Begrüßung eine fröhliche Gruppe Rentner ein Ständchen. Wer nicht singen kann, spaziert mit voll aufgedrehtem Radio.

Climbing @ Cape Collision

Im Anschluss wartet das Frühstück und erste lokale Spezialitäten auf meinen leeren Magen. Der freut sich über eiweiß- und kohlenhydratreiche Kost: Die Reissuppe mit Oktopus ist lecker, das gekochte Hühnchen mit Würfeln aus Geflügelblut (A.d.R. ist eher ein Mittagsgericht) nicht jedermanns Sache. Der Start in den Tag ist geglückt, jetzt steht Klettern auf dem Plan.

Judy führt uns zum Zielfels, dieser befindet sich nahe dem Herrengefängnis bei Cape Collision auf Hong Kong Island. Auf dem Weg zur Kletterwand stoßen wir erneut auf Wanderer, die sich, diesmal mit Schirm und Skimaske völlig unkenntlich gemacht, rückwärts den Berg hinauf bewegen. Es sei angemerkt, dass der Himmel zur Stunde vollständig bedeckt ist. Der Kletterfels ist bestens abgesichert, das Meer rauscht wild und im Hintergrund passieren riesige Frachtschiffe und kleine Fischkutter die Bucht – tolles Panorama für unser Workout.

DBay

Um 04:40 Uhr klingelt mein Wecker und wenige Minuten später sitze ich im Nachtbus zum Fährterminal in Central. Falls sich diese Stadt jemals im Schlafzustand befindet, rase ich da jetzt durch. Der Busfahrer hat es eilig und benötigt für die normalerweise fünfzigminütige Strecke gerade mal zwanzig Minuten. Dabei manövriert er seinen Doppelstockbus in atemberaubender Geschwindigkeit und chirurgischer Perfektion durch engste Kurven und Gassen. Mit der Fähre setze ich anschließend über nach Discovery Bay, einer besonders gepflegten Wohnsiedlung auf Lantau Island, die stark an die Fernsehserie Desperate Housewives erinnert – Hauptverkehrsmittel sind Golfkarts und Kinderwagen. Ich habe mich mit Justin und zwei seiner Freunde am Strand zu einem Lauf verabredet.

Click image for track data

Am Pier wartet bereits Kurt, ein amerikanischer Pilot, den ich eindeutig als Läufer identifiziere und kurzerhand anspreche. Kurt ist erfahrener Adventure Racer und campt in der Taifun-Saison in den Bergen, um sich auf die Einsamkeit während der mehrtägigen Rennen vorzubereiten. In dieser stürmischen Zeit dauert der Zeltaufbau meist etwas länger – manchmal auch drei Stunden. Kurz darauf verlassen wir zu viert die Vorgärten der Desperate Housewives und traben hinauf in die Hügel der Insel. In der aufgehenden Sonne sehen wir riesige Containerschiffe in den Hafen von Hong Kong einfahren und den Strand von Discovery Bay verschlafen im Morgenlicht leuchten.

Die schmalen Trails führen uns durch ein kleines Fischerdorf, vorbei an Golfplätzen und über die obligatorischen Mördertreppen – Das sind steile, endlose Treppenpassagen mit ungleichmäßigen, nach vorn abfallenden Stufen für Menschen geringer Körpergröße. Nach etwa zweieinhalb Stunden sprinten wir hinauf zum Tiger Head (ca. 450m) und lassen den gemeinsamen Lauf mit einem knackigen Downhill ausklingen. Anschließend schlürfen wir im Zentrum von Discovery Bay einen frischen Mango-Papaya Smoothie und alle Läuferherzen schlagen wieder gleichmäßig ruhig – ein Traumstart in den Tag.

King of the Hills – Sham Tseng

Es ist noch früh am Sonntagmorgen, als die Zahl drahtiger Chinesen in Trailschuhen mit Laufrucksäcken in der U-Bahn nach Tsuen Wan stetig ansteigt. Aus allen Richtungen reisen sie an zum Kräftemessen der Trail-Elite Hong Kongs: einem Traillauf der “King of the Hills”-Serie im Naturreservat Sham Tseng. 38 Kilometer (wahlweise auch 22 Kilomater) feinste asiatische Trails und knappe 2000 Höhenmeter im Anstieg erwarten unsere asphaltstrapazierten Füße. Auf der engen und steilen Straße zum Start reihen sich Taxis an Sportwagen, gefüllt mir Läufern unterschiedlichster Hautfarbe und Herkunft. Deutlich lassen sich die Fahrzeuge mit Gangschaltung von denen mit Automatikgetriebe unterscheiden, denn das Anfahren am Berg klappt nicht immer.

Knapp vierhundert Läufer stehen um 09:00 Uhr am Start bei 14 Grad Celsius unter wolkenbedecktem Himmel. Die ersten Kilometer sind technisch einfach, das Tempo entsprechend hoch und der Himmel klärt urplötzlich auf – selbstverständlich liegt meine Sonnencreme tief verborgen im Rucksackstapel am Start. Meine Hoffnung auf ein milderes Tempo wird erwartungsgemäß enttäuscht und so ist ab halber Strecke bei mir die Luft raus und ich trabe mit säurepulsierenden Beinen als geröstetes Hühnchen auf den berüchtigten Mördertreppen bergab. Den Rest der gefühlten Ewigkeit verbringe ich mit Orientierung, dem Ignorieren freilaufender, kläffender Hunde und dem Betrachten der hinteren Hälfte des Halbmarathonfeldes, dessen Strecke wenige Kilometer vor dem Ziel mit der unseren verschmilzt. Der britische Standard hat sich auch in Fernost durchgesetzt, so gibt es im Ziel eiskaltes Bier und Softdrinks für alle.

Ultra Trail Atlas Toubkal


Der Ultra Trail Atlas Toubkal (UTAT) führt durch die raue und bezaubernde Landschaft des hohen Atlas in Marokko. Entlegene Bergdörfer mit fast vergessenen Völkern begegnen uns Läufern mit Herzlichkeit, während steile Pfade in großen Höhen alles von unseren Körpern abverlangen.

Auf nach Afrika!

Die Turbinen summen, mein Magen knurrt und meine Knie sind am Sitz des Vordermannes arretiert. Es ist noch früh am Morgen als die spanische Crew die monotone Gehirnwäsche der Sicherheitsanweisungen durch die Flugzeugkabine plärrt. Denis, auf dem Sitz neben mir, verweigert die visuelle Wissensaufnahme, ist allerdings hellwach als die Dame vor ihm ihre Rückenlehne gegen seine Oberschenkel einrastet. Frühstück serviert die Crew nur hinter den Vorhängen der Businessklasse, wir gehen dagegen leer aus.

Mit einem strahlend blauen Himmel begrüßt uns der nordafrikanische Kontinent auf dem Flugfeld von Marrakesch. Wenig später brausen wie in einem Kleinbus voller Franzosen gen Süden in Richtung Horizont, wo sich die grauen Silhouetten des hohen Atlas bereits abzeichnen. Still mustere ich die Busbesatzung: Hagere und ausgezehrte Typen tragen Funktionsbekleidung und schnattern leicht nervös aber heiter und fließend Französisch. Ich frage mich, ob sie vielleicht wissen, worauf ich mich bei diesem Rennen eingelassen habe.

Unser Basislager für vier Tage.

Der Blick aus dem Fenster verrät: Tontöpfe und Spiegel gibt es hier zuhauf. Eine schmale Straße windet sich hinauf in das höchste Skigebiet Marokkos: Oukaïmeden. In Oukaïmeden befindet sich unser Basislager und der Start für unseren Lauf. Die Tür des Kleinbusses springt auf und ein frischer Wind pfeift mir um die Ohren; es duftet nach frischen Kräutern und Schafen auf der Hochebene.

Wenig später kontrollieren Denis und ich unsere Pflichtausrüstung und erfahren letzte Details für den folgenden Tag: 105 Kilometer, 6500 Meter positiver Anstieg und auf einem Teilstück von 38 Kilometern keine Versorgung. Pierre, ein Freund aus Saint Mathieu de Tréviers, ermahnt mich, auf diesem Teilstück genügend Wasser mitzuführen. Ich erwidere lässig: “Yes, no problem” und falle schlagartig in innere Schockstarre: Wie soll ich ausreichend Wasser für 38 Kilometer staubtrockenes marokkanisches Hochgebirge mitführen? Ein Beutel mit Wechselkleidung und Ausrüstung wird bei Kilometer 89 deponiert – allein diese Tatsache spricht für sich.

Am Abend findet die offizielle Wettkampfbesprechung statt – selbstverständlich auf Französisch – und ich verstehe kein Wort. Pierre flüstert mir die wichtigsten Fakten in gebrochenem Englisch ins Ohr und drückt mir unverhofft ein Mikrofon in die Hand. Da kündigt auch schon der Sprecher die englische Version an und ich begrüße die internationalen Teilnehmer zur Wettkampfbesprechung.
Es ist bereits dunkel, als wir die großen weißen Zelte betreten: Der Boden ist mit weichen, roten Teppichen bedeckt, Tische und Stühle sind mit edel besticktem weißen Stoff umhüllt. Nicht weniger glanzvoll liest sich die Liste der Namen an unserem Tisch: Oscar Perez (Sieger Tor des Geants), Rachid Morabity (MDS Sieger 2012), MDS-Legende Lahcen Ahansal und Sebastien Nain.

Dünne Luft, die Zeltwände unseres Zweimannzeltes flattern und das Gestänge knarzt – ich kann nicht schlafen und muss raus. Draußen rauscht der Wind lebendig über die Ebene und die Sterne leuchten hell. Ich mache mir Sorgen um Denis; es geht ihm nicht gut. Im diffusen Licht erkenne ich vor dem Frühstückszelt bereits eine Schlange. Es gibt Kaffee, Brot, Bananen und Datteln – wie es sich für ein Frühstück in Marokko gehört.

Into the wild

Das Feld prescht los und stürmt wie eine wilde Schafherde ins kalte Nass des ersten Baches – schmunzelnd laufen Denis und ich eine Bogen, wohl wissend, dass nasse Füße nicht nur angenehm kühl sind. Wir traben an verlassenen Hütten vorbei, aus deren Fenstern hängt vertrockneter Mist – die Nomaden befinden sich bereits in ihrem Winterquartier weiter südlich. Dann fällt Denis etwas zurück, bleibt aber in Sichtweite. Bergab schießt er wie eine Rakete an den Franzosen vorbei und schließt zu mir auf – wieder leichtes Schmunzeln.

Es stinkt im Tal, zwischen den Hütten liegt Müll und Hühner flattern mir entgegen. Kinder blicken mich neugierig mit ihren großen Augen an oder strecken mir lächelnd ihre rabenschwarzen Hände entgegen. Sorry Jungs, muss keimfrei bleiben! Kurze technische Abschnitte geben einen Vorgeschmack dessen, was mich erwartet. Bei Kilometer 20 erreichen wir die erste Verpflegungsstation. Hier trennen sich unsere Wege, denn Denis hat sich entschieden auf Marathondistanz zu verkürzen.

Mein Weg verläuft weit oberhalb einer gewaltigen Schlucht. Auf deren gegenüberliegenden Seite kann ich entfernt einen Bergpfad ausmachen, der sich steil und wild in die Berge windet. Mein Herz schlägt höher – allzu gern möchte ich die Schotterpiste verlassen und diesem Pfad folgen, da taucht vor mir der Versorgungspunkt mit Wasser bei Kilometer 30 auf. Pierres warnende Worte liegen mir in den Ohren, denn jetzt folgen 38 Kilometer Wildnis. Mit einer randvollen Trinkblase laufe ich los, hinein in die steile Schlucht, in Richtung des ersehnten Pfades.

Im zweiten langen Anstieg geht mir die Luft aus, mein Herz rast aufgeregt und der Pfad verschwimmt vor meinen Augen. In kräftigen Zügen sauge ich unaufhörlich Wasser aus meiner Trinkblase, wohl wissend, dass so die Vorräte nicht bis zum nächsten Versorgungspunkt ausreichen, denn dieser ist noch 20 Kilometer und zwei Gebirgspässe entfernt. Immer wieder muss ich halten und verschnaufen, der Horizont rotiert vor meinen Augen – ich bin am Ende! Bereit zur Aufgabe schniefe ich die letzten Meter bis zum nächsten Pass, wo mir hoch oben der Wind bedrohlich um die Ohren pfeift. Als ich meinen Kopf hebe, blicke ich in die Gesichter zweier Hirtenjungen. Die beiden sitzen seelenruhig vor mir, mit einem Eimer voller Getränkeflaschen – die stilechten aus Glas. Unendlich dankbar drücke ich diesen zwei Engeln meinen größten Geldschein in die Hand, lasse mich neben ihnen in den Staub fallen und betrachte das gigantischen Panorama mit sprudelnder Fanta im Rachen.

In einiger Entfernung sehe ich einen giftgrünen Punkt, der sich sehr langsam vorwärts bewegt: Die marokkanische Rakete vom Team Quechua humpelt, dehnt sich augenfällig, spricht aber leider nicht meine Sprache. Mit einem aufmunternden Klaps lasse ich ihn zurück, denn er kommt sicher weiter – dauert heute eben länger. Der Trail führt vorbei an den rotbraunen Lehmhütten der Berber, die hier in völliger Abgeschiedenheit leben. Einige bewirtschaften ihre Felder, andere waschen sich in klaren Gebirgsbächen, wie wir sie mehrfach durchqueren. Sehen sie mich, richten sie sich auf und winken freundlich bzw. ziehen sich schnell Ihre Sachen an. An einem der zahlreichen Wasserfälle füllt ein französischer Läufer seine Trinkblase – wir plaudern kurz und verabschieden uns freundlich, denn mir geht es inzwischen wieder gut. Besonders diese Momente bleiben mir in Erinnerung.

Unter 2800m Höhe funktioniert mein Körper, darüber herrscht Ausnahmezustand. Zum Glück liegen jetzt die beiden höchsten Pässe vor mir: 3000m und 3500m. Mit der Eleganz eines Zombies schiebe ich mich hechelnd gen Sonnenuntergang. Auf 3500 Metern kann mir auch der leuchtende Horizont keine Farbe ins Gesicht zaubern und die Ärzte fragen besorgt: “How are you?” Ich erwidere ein freundliches “I feel like shit”, bevor sie mich in die “technische Passage” entlassen. Wenn Franzosen vor technischen Abschnitten warnen, ist ein klarer Kopf angebracht. Halbtrunken stolpere ich an den gespannten Halteseilen vorbei und befinde mich in fünf Kilometer Steilgelände. Die fast senkrecht abfallende Schutthalde ist mörderisch und es kam was kommen musste: Ich rutsche aus und schlage hart mit dem Ellenbogen auf einen Felsblock. Mein erster Gedanke: Ist nur der Arm, du kommst runter. Danach betrachte ich das Loch in meiner geschätzten Patagonia Jacke und begutachte die Wunde: Nichts gebrochen! Wie die Läufer nach mir diesen Abstieg bei Nacht meistern sollen, erscheint mir völlig unklar.

Am letzten Versorgungspunkt mache ich Pause, esse Suppe und wasche meine Hände. Die Wechselkleidung bleibt im Beutel, denn bis ins Ziel sind es noch 18 Kilometer, 1600 Höhenmeter und sowohl der Läufer vor mir als auch meine Verfolger sind weit entfernt. Wie Schumi mit zwei Runden Vorsprung laufe ich hinaus in die Dunkelheit, in Richtung Oukaïmeden. Im Ziel empfängt mich Pierre mit einem Bier und ich freue mich beide zu sehen. Auch Denis ist aus dem Häuschen und er sieht nach dem Marathon besser aus als vorher.

UTAT 2012 from jean olivier on Vimeo.

Wunden lecken

Läufer befinden sich noch auf der Strecke, darunter auch einige deutsche Teilnehmer. Ich frage mich, wie sie wohl die Nacht verbracht haben und wie es ihnen jetzt geht. Heute bilden die Mahlzeiten einen fließenden Übergang. Zahlreiche Unser Mittagstisch ist phänomenal besetzt und wir schwelgen in französischer Küche und deutschem Bier. Sowohl Oscar Perez als auch Sebastien Nain (Platz 3) reisten unvoreingenommen nach Marokko und bekommen jetzt noch leuchtende Augen, wenn sie von den zurückliegenden Eindrücken berichten.

Mein Körper ist noch völlig entkräftet, umso mehr genieße das Abendessen im Kreise der Läufer. Nur der kalte Wind fährt störrisch unter die schweren Zeltwände. Nach dem letzten Bissen verschwinde ich mit Denis und wir lauschen dem Flattern der Zeltwände. Wird Zeit, dass wir wieder nach Deutschland kommen, denke ich.

Vier Tage lang waren wir Teil afrikanischer Wildnis und erlebten sie so, wie sie sich uns präsentiert: rau und wunderschön. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, bereitet sich besser gut darauf vor. Auch wir mussten das lernen. Statt Gels gibt es gekochte Kartoffeln, statt Rettungshubschraubern Esel und statt Zecken Skorpione. Wir kommen wieder, nächstes Mal mit mehr Zeit!

UTMB 2012




Der North Face Ultra-Trail du Mont-Blanc ist ein Lauf der Königsklasse. Die weltbesten Trailläufer versammeln sich in Chamonix und laufen durch drei Länder um das Dach Europas herum. Dabei legen sie 166 Kilometer und beinahe 10 000 positive Höhenmeter zurück.

© The North Face® Ultra-Trail du Mont-Blanc® – Pascal Tournaire

Sie treffen nur vereinzelt auf Verpflegungsstationen und müssen deshalb mit ihren Nahrungs- und Wasservorräten besonders gut haushalten können. Die Wetterverhältnisse im Hochgebirge sind extrem und ließen diesen Lauf bereits von Anfang an zur Legende werden.

Die Geschichte des UTMB reicht zurück bis in das Jahr 1978. Damals liefen zwei Mitglieder des Club Alpin Français (CAF) Chamonix den Weitwanderweg um den Mont-Blanc nonstop in 25 Stunden und 50 Minuten. Der Wettkampf so, wie wir ihn heute kennen, wurde 2003 unter maßgeblicher Beteiligung von Catherine und Michel Poletti ins Leben gerufen und wuchs von da an beständig. 2012 feiert die Veranstaltung ihre zehnte Auflage und umfasst vier verschiedene Läufe: UTMB, CCC, TDS, PTL – Für diese haben sich über 10.000 Läufer aus 75 unterschiedlichen Nationen gemeldet.

CCC – Montée refuge Bertone © The North Face® Ultra-Trail du Mont-Blanc® – Pascal Tournaire

CCC (100 km) und TDS (112 km) sind die jüngeren und etwas kürzeren Geschwister des UTMB. Trotz des starken Läuferfeldes, der guten Ausrüstung und der Wetterwarnungen waren dieses Jahr mehr als 60% der Läufer den Herausforderungen des TDS nicht gewachsen und beendeten das Rennen vorzeitig. Die Rennorganisation wurde vor die Aufgabe gestellt, hunderte Läufer, die nahezu gleichzeitig das Rennen abbrachen, vom Cormet de Roselend (knapp 2000 Meter ü. NN) zu evakuieren. Die Entscheidung, den UTMB diesmal auf eine kürzere Alternativroute (103 km) zu verlegen, erscheint nachvollziehbar.

Der Petite Trotte à Léon (PTL) ist die extremste dieser Herausforderungen und startet bereits vier Tage vor dem UTMB. Nur vereinzelt bekommt man jene ausgezehrten Gesichter zu sehen, die sich in völliger Autonomie und in Teams fast dreihundert Kilometer durch das Hochgebirge schlagen. Doch eins haben all diese Läufe gemeinsam: Das Ziel ist der Place du Triangle de l’Amitié in Chamonix.

Tòfol Castañer Bernat, der Führende des CCC, befindet sich nach fast neun Stunden auf dem letzten Kilometer der Strecke. Die schmucken Schaufenster des Städtchens fliegen an ihm vorbei, Passanten drehen sich um, blicken ihn an und applaudieren respektvoll. Die schmale Gasse vor ihm verengt sich zusehends, denn auf beiden Seiten drängen sich Menschen. Die Rufe der Menschen schallen als lautes Konzert, grelle Farben verschwimmen im Augenwinkel. Wie er auf die Zielgerade einbiegt, empfängt ihn die tosende Wucht tausender applaudierender Läufer – das wartende Starterfeld des UTMB begrüßt den Sieger des CCC.

Tòfol Castañer Bernat -
© The North Face® Ultra-Trail du Mont-Blanc® – Cyril Bussat

Wenige Minuten später ertönen die tiefen Töne der Vangelis-Hymne und Stille legt sich über das gigantische Läuferfeld im Herzen von Chamonix. Auf einer Leinwand erscheinen Bilder der vergangenen neun Events und bei Namen wie Dawa Sherpa, Marco Olmo und Kilian Jornet geht ein andächtiges Raunen durchs Feld – Gänsehautstimmung.

Während die Top-Athleten losstürmen, bewegt sich weiter hinten zunächst gar nichts; nur langsam kommt die träge Masse in Schwung. Noch vor den letzten Häusern des Ortes gehen einige Teilnehmer dringenderen Bedürfnissen nach und stehen in Reih und Glied am Wegesrand. Andere laufen mit offenem Rucksack, verlieren rhythmischen Schrittes ihre Ausrüstung oder spießen stolpernd Schaschlik mit ihren Stöcken. Allmählich fällt feiner Regen und Nebel legt sich über die Landschaft. In der Dämmerung ziehen sich viele ihr Funktionsjacken über und schalten ihre Stirnlampen ein. Leise und gleichmäßig legt sich eine Lichterkette auf die Bergpfade.

Wie mit Kuhfladen unter den Schuhen rutsche ich eine schmierige Skipiste hinab. Mein Atem kondensiert im Lampenschein, das Wasser läuft bereits als Rinnsal aus meinen Ärmeln heraus, aber die Stimmung bleibt fantastisch. Herzhaft lache ich, als sich ein japanischer Läufer vornüberbeugt und ein Schwall Wasser aus seinem Kragen schießt. Der Abstieg von Bellevue nach Les Houches bleibt sicher vielen im Gedächtnis – im Affenzahn schlittern wir im knöcheltiefen Schlamm auf abschüssigen Trails ins Tal. Am Ende einer langen Nacht laufe ich morgens durch die Straßen von Chamonix und die Menschen klatschen wie am Abend zuvor. Auch mir wird dieser Zieleinlauf lange in Erinnerung bleiben.

Patagonia Tsali 2.0
Strong support: Patagonia Tsali 2.0 © Judy Ng
Finished – a long night is over and I am glad that I made it to the finish line. © Judy Ng

Festa Trail – Rock Festival in Frankreich




Wenige Minuten nördlich von Montpellier liegt St Mathieu-de-Tréviers – ein verschlafenes Dorf inmitten der französischen Cevennen. Der Ort hat zwei Bäckereien, eine Bar, einen Fleischer und eine Winzerei – was ein französisches Dorf eben ausmacht. Dicht dahinter ragt das markante Bergmassiv Pic Saint-Loup hoch hinaus, welches dem Wein in dieser Region seinen Namen gibt. In der Turnhalle, gleich neben der Schule, händigen ältere Damen die Startnummern aus, dazu gibt es Pasta und Rotwein. Quechua stellt die neue Kollektion vor und Vincent Dellabarre gibt ein Interview mit persönlichen Hinweisen aus seinem Trail-Running Erfahrungsschatz. Die Stimmung ist gelassen am Abend vor dem Lauf.

In der Nacht fahren uns Busse zum Start; einzig als der Bus in einer Serpentine hinten abrutscht, durchdringt ein Murmeln den Fahrgastraum. Kurz nach vier teilt der Bürgermeister des Dorfes Kuchen aus, eine Oma reicht Tee. Die Läufer haben sich praktisch ausgerüstet, keine Mode-Heinis oder Ultra-Freaks, sondern passionierte Bergläufer mit Erfahrung. Während der ersten 74 Kilometer werde ich locker laufen und dann schauen, was noch möglich ist. Eine irre Taktik – macht man sich klar, dass bis dahin bereits 4000 Höhenmeter auf dem Programm stehen.

Noch in der Dunkelheit gibt der Bürgermeister das Startkommando und wir traben in die Nacht. Gleich beim ersten Anstieg wird deutlich: Die Strecke besitzt Charakter. Durch Gestrüpp und über scharfkantige Felsen erreichen wir einen Grat, einfache Kletterei auf weißen Felsformationen im Morgengrauen. Was in mir leichte Bedenken auslöst, hört sich aus der Perspektive eines Team Salomon Läufers aus Korsika wie folgt an: “It’s easy, I like rocks, that’s why I am here.”

Nach 22 Kilometern erreichen wir die engen Gassen des Bergdorfes Saint-Guilhem-le-Désert und laben uns an diesem ersten Verpflegungspunkt. Es gibt Trockenobst, Bananen und Kuchen, aber wir haben es eilig. Danach trotte ich mit zwei Läufern den nächsten Anstieg hinauf. Wir laufen ruhig und gleichmäßig, die Stöcke in der Hand, fast wie Jäger zu Urzeiten. Als einer der Läufer vor mir auf einem Flachstück nicht sofort in den Laufschritt übergeht, fordere ich ihn auf: “Allez!”. Er zögert zunächst, beide beginnen aber zu laufen. Scheinbar war er irritiert, denn wie sich später herausstellt, ist es ein Top Läufer vom Team Salomon Frankreich (UTMB sub 25h). Kurz danach bin ich allein, die beiden lassen mich ziehen.

Beim Festa Trail findet man sie in allen gängigen Größen und in jeder vorstellbaren Kombination: Steine. Kaum ein Meter der Strecke ist eben, überall ragen scharfe, spitze, flache oder runde Steine hervor. Einige verstecken sich im Gras, andere liegen lose aufeinander – einige Passagen sind mörderisch. Nicht selten zweifle ich, ob ich noch auf der Strecke bin oder das Geröllfeld vor mir ein schlechter Scherz sei, aber die orangen Streckenmarkierungen sind eindeutig. Besonders gefährliche Stellen sind zusätzlich ausgezeichnet, allerdings zählt dazu ausschließlich kniehoher Stacheldraht – alles andere ist schließlich absehbar.

Judy sendet mir meine Position per SMS: Platz Sieben! Was sie nicht weiß: Neben mir läuft Platz sechs. Uns Läufern ist klar, dass wir bis Roc Blanc (66 km 4025 Hm) mit unseren Kräften haushalten müssen, um den Lauf zu überstehen und den Salomon Jungs hinter uns Parole bieten zu können. Daher traben wir von nun an gemeinsam über die schmalen Höhenwege, warten an den Verpflegungspunkten aufeinander und halten beide Ausschau nach Streckenmarkierungen.

Nach mehr als sieben Stunden laufen wir in das Dorf St-Jean-de-Buègues ein. Auf einem Plastikstuhl am Verpflegungspunkt sitzt Läufer Nummer fünf mit blutverschmierten Beinen. Instinktiv füllen wir unsere Vorräte und brechen nach nur wenigen Sekunden auf. Als wir am Dorfausgang ein riesiges Tablett mit Obstbergen passieren, greife ich hastig in die Erdbeeren, denn im Augenwinkel erkenne ich, wie bereits ein Verfolger um die Ecke biegt – vormals Nummer fünf sitzt uns im Nacken.

Die Sonne brennt erbarmungslos auf unsere Köpfe, während wir in der Mittagshitze die Serpentinen des nächsten Anstieges emporschrauben. Ich kneife meine Augen zusammen, um ihn zu erkennen, und er ist es tatsächlich: Nummer vier läuft wenige Serpentinen vor uns. Er wirkt müde als wir ihn passieren. Auf dem Gipfelplateau angekommen, steigen wir direkt wieder ab, um uns dem letzten langen Anstieg zu stellen: Roc Blanc. Wir laufen auf Position vier und fünf.

Roc Blanc verlangt mir viel ab; steil und schroff windet sich der Pfad bergauf, ehe wir über massive Felsblöcke tanzen, wie zwei müde Gazellen auf dem Weg zum Wasser. Einen Pfad erkenne ich nicht, nur die roten Punkte weisen die Richtung durch Latschen und über tiefe Spalten hinweg. Der letzte lange Abstieg hat es in sich; kaum sichtbar zieht sich der Trail durch felsverminte Wiesen, schießt schließlich als ausgewaschenes Bachbett steil bergab und bricht mir fast die Knochen. Im Tal angekommen, sind es noch 46 Kilometer und 2000 Höhenmeter bis ins Ziel. Ich verabschiede mich freundlich von meiner Begleitung, denn nun beginnt die Jagd auf Platz drei.

Auf den folgenden sechs Kilometern schmelze ich meinen Rückstand um mehr als zehn Minuten ein. Endlich – bei Kilometer 86 empfängt mich Judy und drückt mir drei Gels in die Hand. Danach explodiert mein Körper förmlich auf dem Trail und ich fliege am Drittplatzierten vorbei. Allerdings kostet die Aufholjagd Kraft, meine Gels sind aufgebraucht und mein Magen rumort unerwartet – jetzt wird es richtig hart! Von den Anstiegen sehe ich, wie mir meine Verfolger auf den Fersen sind. Es dämmert bereits und der Pfad verschwimmt im diffusen Schein; wie betrunken stolpere ich über die kopfgroßen Steine des kilometerlangen Bachbettes. “Scheiße” – fluche ich laut!

Das Ziel ist noch fast zwanzig Kilometer und 600 Höhenmeter entfernt. Die flachen Stücke laufe ich zügig und konzentriert, bergauf nutze ich meine Stöcke bis zum Verbiegen und trotzdem brennen meine Oberschenkel jeden Meter. Die Landschaft präsentiert sich unbarmherzig: Von Erosion zerfräste Platten und Geröllfelder zeichnen eine Spur des Schreckens bis zum Ortseingang von St Mathieu-de-Tréviers. Hinter dem Ortsschild wartet Pierre Toussaint, der Organisator der Veranstaltung, auf mich. Wir laufen gemeinsam ins Ziel und treffen drei Minuten nach dem Zweitplatzierten ein.

Andechs zu Fuß


Weiß-blauer Himmel, strahlende Sonne und ein zartes Grün auf den Wiesen locken die deutsche Berglauf-Elite am 21. April ins bayerische Flachland nach Andechs. Andechs – bekannt als Wallfahrtsort und für die gute Klosterschänke – empfängt an diesem Wochenende nicht nur die CSU-Größen zur Klausur und die Touristen zur Schweinshaxe, sondern auch die Trail-Läufer zum ersten Kräftemessen der Saison.

Auf zwei Strecken, 8 Kilometer und 15 Kilometer, haben sich über dreihundert Teilnehmer gemeldet, darunter 14 Top-Läufer vom Team Salomon. Der führende Läufer des Expert Trails (15 km) wird von einem Mountainbike begleitet, der führende des Beginner Trails von einem Läufer. Richtig verstanden: Der führende Läufer beim Beginner Trail wird von keinem Geringeren als Stefan Paternoster begleitet: Deutscher Crosslaufmeister, Bayerischer Berglaufmeister und zudem Ausrichter dieser Veranstaltung. Diesmal betritt auch er Neuland, denn die Organisation des Andechs-Trails ist eine Premiere.

Dass Stefan selbst Bergläufer ist, wird bereits vor dem Start klar: Mit den zwei Distanzen möchte er sowohl die Trail-Profis herausfordern als auch den Straßenläufern die Gelegenheit bieten, einmal Trail zu schnuppern. Trail wird dann auch reichlich geboten: Auf schmalen Pfaden geht es über Wurzeln und Pfützen; knackige Anstiege gefolgt von breiten Forststraßen lassen die Oberschenkel brennen und den Dreck aufspritzen. Alle Abzweige sind perfekt beschildert, die anspruchsvollen Passagen deutlich ausgewiesen und die Teilnehmer nehmen Rücksicht aufeinander. Scheinbar gehören die Streckenposten zu Stefans Freundeskreis – es herrscht eine familiäre Atmosphäre.

Ziel ist natürlich das Kloster auf dem heiligen Berg. Dort warten nach der Ankunft, unter bayerischem Himmel, erfrischende Andechser Getränke und hausgemachter Kuchen. So kann die Saison beginnen.

Ausflug nach Italien – Morenic Trail

Mailand, Galleria Vittorio Emanuele II

Während auf dem Münchner Oktoberfest die Maßkrüge scheppern und der Dampf von knusprigen Brathendl durch die Festzelte zieht, nutze ich das letzte warme Herbstwochenende für einen Ausflug nach Italien. Ziel ist Ivrea – eine Kleinstadt irgendwo zwischen Mont Blanc und Mailand. Dreihundert Läufer haben sich für den Morenic Trail registriert und nur zwei weitere Namen auf der Startliste klingen verdächtig nach deutschem Ursprung. Ich freue mich auf einen Besuch bei den italienischen Ultratrail-Läufern.

Spät in der Nacht der Anreise versagt mein GPS und außer einem schwarzen Wildschwein befindet sich keine Seele auf den Straßen der Provinz Ivrea. Nach Mitternacht rufe ich den Gastwirt an, der mich daraufhin in italienischem Fahrstil zur Unterkunft lotst. In dem mittelalterlichen Gehöft treffe ich Wolfgang aus Bozen. Wolfgang entspricht einem der beiden erwähnten Einträge auf der Startliste; er spricht akzentfrei Deutsch und musste ebenfalls den Lotsendienst in Anspruch nehmen. Zur Sicherheit vereinbaren wir am nächsten Morgen gemeinsam zum Start nach Andrate zu fahren.

Vor mehreren hunderttausend Jahren wanderten Gletschermassen durch das Aosta-Tal und hinterließen dabei einen Gürtel aus Ablagerungen rund um Ivrea, der in seiner Form einem Amphitheater ähnelt. Der Morenic Trail verläuft halbkreisförmig auf diesem Moränen-Gürtel und umfasst eine Gesamtlänge von 109 Kilometern. Bildlich gesprochen verläuft die erste Hälfte bergab, die zweite Hälfte bergauf. Ich kenne keine bessere Möglichkeit diese Landschaftsform zu erfahren, als sie einmal komplett abzulaufen, deshalb spielt für Wolfgang die Platzierung auch keine Rolle, sondern für ihn steht das landschaftliche Erlebnis im Vordergrund. Mein Hauptziel ist der erfolgreiche Zieleinlauf und die damit verbundenen Qualifikationspunkte für den Ultra Trail du Mont Blanc.

Wir erreichen das verschlafene Bergdorf Andrate um 7:00 Uhr und nehmen die Startnummern in einer Nordic-Walking Schule entgegen. Die Atmosphäre bei der Anmeldung ist familiär und ruhig, so unterschreibe ich gutgläubig die Wettkampferklärung in italienischer Sprache. Wolfgang übersetzt die letzten Hinweise vor dem Start und kurze Zeit später fällt der Schuss.

Circa die Hälfte der Teilnehmer laufen in einer Vierer-Staffel und können auf ihren Streckenabschnitten ein höheres Tempo laufen als vergleichbare Läufer auf der Gesamtdistanz. So formiert sich unmittelbar nach dem Start eine schnelle Führungsgruppe. Die Gruppe ist mir deutlich zu schnell und ich lasse sie ziehen, behalte aber die Läufer vor mir im Auge, denn die Streckenmarkierungen sind spärlich verteilt. Aus der Ferne erkenne ich, wie die beiden Läufer vor mir dem Schotterweg nach links ins Tal folgen und dabei den Kamm verlassen. Als ich wenige Sekunden später diese Abbiegung erreiche, schimmert geradeaus oberhalb vor mir eine rot-weiße Wegmarkierung im Morgenlicht. Von den beiden Läufern ist längst nichts mehr zu sehen. Sie sind mit großen Schritten in Richtung Tal unterwegs; ich winke ihnen gedanklich hinterher und folge der Markierung bergauf.

Nun gebe ich Gas, bis ich vor mir den nächsten Läufer erkenne, denn allein und ohne GPS fühle ich mich unwohl. Etwa eine halbe Stunde später zweigt der Trail deutlich markiert, in einer scharfen Rechtskurve, vom Hauptweg ab. Die nächste T-Kreuzung ist nicht markiert, so stutze ich kurz, folge dann aber dem ausgetretenen Pfad talwärts. Nach etwa fünfhundert Metern drehe ich um und sammle die Läufer hinter mir ein. Mittlerweile hat sich eine Gruppe von zwanzig Läufern versammelt und wir erkunden gemeinsam alle vorhandenen Abzweigungen nach weiteren Wegmarkierungen: Keine Spur! Schließlich entscheiden sich zwei italienische Läufer, die ursprünglichen Markierungen an der Spitzkehre zu ignorieren und dem Hauptweg zu folgen. Ich schließe mich ihnen an und wenig später befinden wir uns wieder auf der richtigen Strecke. Mir wird nun klar, dass die Markierungen bewusst falsch gesetzt worden sind und das Rennen damit ab jetzt zum Orientierungs-Ultra ohne Karte mutiert.

Ich lasse die anderen Läufer nicht mehr aus den Augen. Wenig später passiert es erneut, wir zweigen scharf ab und nach etwa einem Kilometer stehen wir an einer Hauptstraße im Tal, ohne jede Spur von Markierungen. Der größere Teil der mittlerweile versammelten Gruppe läuft zurück bergauf. Ich schließe mich erneut fünf Italienern an und wir folgen dem Straßenverlauf. Wir atmen erneut auf, als wir kurze Zeit später auf einen Streckenposten stoßen.

In der ersten Hälfte des Laufes finde ich mich insgesamt viermal ratlos in der Landschaft wieder und suche den markierten Trail. Besonders hart trifft es einen der Staffelläufer. Er läuft deutlich schneller, überholt mich jedoch fast stündlich aufs Neue oder läuft mir entgegen. Mittlerweile grüßen wir uns, wenn wir uns sehen.

Verpflegungspunkt bei Kilometer 78

Wolfgang hat mich vor der ersten Hälfte des Laufes gewarnt. Meine Beine ächzen unter dieser langen, gleichmäßigen Bergab-Belastung. Die ersten Steigungen nach halber Strecke erzeugen Momente völliger Zufriedenheit. Taucht am Wegrand ein Campingtisch mit Keksen und Getränken auf, greife ich beherzt zu. Oft bin ich mir zunächst nicht sicher, ob es sich um einen offiziellen Verpflegungspunkt handelt oder einen privaten Posten. Ein besonders bizarrer Moment: Eine etwas beleibte Helferin schraubt vor meiner Nase eine Cola-Flasche zu, um danach selbst zu den Schinkenstreifen zu greifen. Die Temperaturen steigen bis auf dreißig Grad, das Läuferfeld wird dünner und ich genieße die schmalen, stillen Gassen italienischer Bergdörfer.

Am Abend taucht die Sonne die Landschaft in ein zartes Orange, die Luft kühlt merklich ab und ich traue meinen Augen kaum; vor mir taucht erneut der Staffelläufer auf. Wir tauschen einige Worte und er erklärt mir, dass er in einer Zweier-Staffel läuft und bei Kilometer 91 erneut an seinen Partner übergibt. Die Dämmerung treibt mich an, ich lege vor, er muss nachziehen und wir jagen uns bis zum nächsten Versorgungspunkt, wo er von seinen Freunden jubelnd empfangen wird. Am Campingtisch tanke ich auf – braunes Zuckerwasser bis zum Anschlag, ein Gel hinterher. Wir verabschieden uns herzlich und ich laufe in Richtung Ziel.

In der Dunkelheit verblasst die Landschaft zur grauen Kulisse, monoton traben meine Füße über die Pfade, Feldwege, den rauen Asphalt. Die letzten Kilometer werden immer länger, die Schritte kürzer. Der Zielort Brosso entspricht der Größe: Mehr Kühe als Einwohner. Erst im Ort höre ich die Musik vom Festzelt, sehe aber noch kein Licht. Bereit zum Zieleinlauf leitet man mich um; ich muss hinauf zur Kirche. Davor eine Treppe mit Pappschild und Schrift – ich frage mich was das soll und mache kehrt. Im selben Augenblick fängt mich ein Mann ab, zeigt auf die roten Steine auf der Treppe und deutet in Richtung Dorfmitte – alles klar! Ich nehme einen Stein in die Hand und laufe damit ins Ziel.

Nach dem Zieleinlauf winken mich die Einheimischen an ihren Tisch, sie reichen mir würzige Suppe, herzhafte Riesentortillas mit Käse und einen Becher Rotwein. Die Stimmung ist gut, hier fühle ich mich wohl.

Thomas Bohne

Ultra Trail du Mont Blanc 2k11

Der Ultra Trail du Mont-Blanc (UTMB) folgt einer Variante des Fernwanderweges Tour du Mont-Blanc, die das gesamte Mont-Blanc-Massiv umrundet. Die Strecke führt über zehn Pässe oberhalb von 2000 Metern und durch drei Länder: Frankreich, Italien und die Schweiz. Die Läufer tragen einen Rucksack mit Ausrüstung bei sich, die Verpflegungsstellen sind weit voneinander entfernt. Eine Mischung aus Distanz, Höhenprofil, Wegbeschaffenheit und unberechenbarem Wetter heben diesen Lauf in die Königsklasse der Bergläufe. Die Voraussetzungen zur Qualifikation für den Lauf sind hart, nur erfahrene Läufer nehmen daran teil, in diesem Jahr waren es 2300 Athleten aus 62 Ländern. Der UTMB ist ein Spiel, entweder man gewinnt es oder man verliert es. Das besondere daran ist: Die Mitspieler sind die besten der Welt, und jeder spielt dieses Spiel aus purer Leidenschaft.

In der Dunkelheit prasselt Regen auf den schwarzen Asphalt, bunte Lichter schwimmen in den Pfützen und es riecht nach Fichtennadeln im warmen Dunst des dicht gedrängten Läuferfeldes. Die Weltelite der Trail-Läufer hat sich auf dem Place Triangle de l’Amitie in Chamonix versammelt. Hinter der Absperrung drängen sich besorgte Blicke der Angehörigen, die ihre Regenschirme fürsorglich über die Köpfe ihrer Liebsten halten. In den letzten Sekunden vor dem Start ertönt die Vangelis-Hymne und eine Gänsehautstimmung durchzieht das Feld. Die Moderatoren brüllen aus vollem Hals und zählen laut abwärts: “Trois, Deux, Un”; dann bricht das Feld unter tosendem Applaus in ein Blitzlichtgewitter los.

Die neunte Ausgabe des UTMB startet aufgrund von Gewitterwarnungen erst um 23:30 Uhr. Im Vorfeld vermeldete die Homepage des Veranstalters stündlich neue Hiobsbotschaften: Stürme bis 80 km/h, schwere Regenfälle und Schneefall ab einer Höhe von 2000 Metern. Bereits vor dem Start hat sich die Organisation dazu entschlossen, die letzte Bergpassage zu umgehen und damit die Gesamtlänge auf 162 Kilometer verkürzt. Außerdem hat sie nach dem Rennabbruch im vergangenen Jahr die Pflichtausrüstung für jeden Teilnehmer aufgestockt. Tatsächlich steht jedoch selbst ein Läufer in bester Ausrüstung einem Schneesturm im Hochgebirge völlig hilflos gegenüber; so bleibt dieses mulmige Gefühl im Magen.

Auf den ersten Kilometern zeigt sich das Wetter gnädig, leichter Regen begleitet die Athleten auf dem Anstieg nach La Charme. Im darauffolgenden Abstieg lauern dagegen erste Bewährungsproben. Wild flackern die Kegel der Stirnlampen über den schlammigen Rinnen auf der steil abfallenden Skipiste. Geröll, Löcher und glitschige Wurzeln bilden im nächtlichen Regen einen Parcours der Extraklasse, der bis auf das Pflaster von St. Gervais reicht. Im weiteren Verlauf der Nacht verminen sturzbachartige Regengüsse den Trail mit knöcheltiefen Pfützen. Annähernd so leicht und grazil wie Vogelschwärme bewegen sich die Läufer über den schlammigen Trail und weichen dabei geschickt Hindernissen aus. Aber eben nur fast, denn regelmäßig schießt nach einem lauten “Platsch” die kalte Brühe in alle Richtungen und läuft anschließend langsam am Körper ab. Einige Profis werden an den Verpflegungsstellen von ihren Betreuern erwartet und tauschen die triefende Kleidung und Schuhe.

Gleißend hell erstrahlt die Kirche Notre Dame de la Gorge in der schwarzen Nacht. Wuchtige Bässe und kräftige Rockmusik treiben die Läufer, vorbei an lodernden Flammen eines Lagerfeuers, in den nächsten langen Anstieg. Kurz darauf ist kaum das leise Rascheln der Steine und das stetige Klacken der Stöcke hörbar. Der Himmel klart auf, in klirrender Kälte keuchen die dampfenden Läufer bergauf; der Atem vereist. Unter leuchtenden Sternen windet sich eine Lichterkette aus Stirnlampen durch die schneebedeckte Hochgebirgslandschaft – ein atemberaubender Anblick. Das Wasser in den Flaschen und Trinkblasen nähert sich jetzt dem Gefrierpunkt, Riegel und Gels werden hart und zäh. Eisplatten zieren hier die felsigen Stufen des Trails. Im Morgengrauen tauchen erste Sonnenstrahlen die steilen Gletscher des Mont-Blanc Massives in ein zartes Rot. Einzelne Läufer halten kurz inne und wischen sich die Tränen vom Gesicht – die Eindrücke sind überwältigend, sie mit den anderen Läufern zu teilen, verbindet; bisweilen entstehen daraus Freundschaften fürs Leben.

Während im Tagesverlauf die Temperaturen in den Tälern stetig klettern, bläst in den Höhenlagen ein eiskalter Wind. Zeitgleich mit den ersten Schneeflocken erreicht ein Hubschrauber den nächsten Pass und legt behutsam neben dem Kontrollposten eine gläserne Schutzhütte ab. Heftige Unwetter blockieren den Weg nach Bovine, so verändert die Organisation die Strecke erneut. Die Gesamtdistanz verlängert sich damit auf 170 Kilometer, der Anstieg summiert sich auf 9741 Höhenmeter. Die Teilnehmer erhalten die Information als Nachricht auf ihr Mobiltelefon, aber nicht jeder liest im Wettkampf Textnachrichten.

Die letzten Kilometer fordern starke Willenskraft. Gelenke und Muskelfasern sind mittlerweile gereizt und jeder einzelne Schritt schmerzt. Besonders steile Abstiege fordern fortwährend höchste Konzentration. Die Sonne entzieht dem Körper in kurzer Zeit viel Wasser, und nur wer die Signale rechtzeitig erkennt, kann entsprechend reagieren. Versagt der Magen, ist der Lauf beendet. An den Verpflegungsstellen spielen sich herzzerreißende Dramen ab; der UTMB verzeiht einfach keine Fehler. Wer es bis nach Chamonix schafft, wird rund um die Uhr von einer jubelnden Zuschauermenge erwartet.

“Der Zieleinlauf war wie ein Rockkonzert und Kilian der Superstar”, kommentiert eine Zuschauerin die Stimmung in Chamonix beim Einlauf des Siegers Kilian Jornet. Die ersten drei Läufer überschreiten die Ziellinie in kurzen Abständen am Samstag Abend. Dass der Viertplatzierte das Ziel erst zwei Stunden nach dem Drittplatzierten erreicht, ist bezeichnend für die Klasse der Top-Läufer. Lizzy Hawker gewinnt abermals die Frauenwertung nach 25 Stunden Gesamtzeit, kurz hinter dem besten Deutschen Läufer, Matthias Dippacher. Weniger als die Hälfte der Starter erreicht das Ziel in Chamonix innerhalb der vorgegebenen 46 Stunden.

Ernten Athleten andernorts für derlei Anstrengung ein gleichgültiges Lächeln, bringt man ihnen in der Mont-Blanc-Region Respekt und Anerkennung entgegen. In den Schaufenstern der Läden verstecken sich Startnummern vergangener UTMB-Veranstaltungen, und mitunter trägt der Inhaber selbst eine alte Finisher-Weste. Der UTMB unterscheidet sich deutlich von vielen Großveranstaltungen, die von kommerziellen Interessen bestimmt sind. Auf Geldpreise wird bewusst verzichtet, und der logistische Aufwand rechtfertigt die 150 Euro Startgebühr allemal. Respekt vor Umwelt und Gleichheit für alle Teilnehmer sind die höchsten Maßgaben dieser Veranstaltung. Die Leidenschaft und der Pioniergeist der Freunde, die diesen Lauf im Jahr 2003 gegründet haben, ist nach wie vor spürbar.

Trail Running in Beijing

Die Luft vibriert am Rand der vierspurigen Straße, grün-gelbe Taxis rauschen hupend vorbei, dunkle Limousinen mit getönten Scheiben schwimmen majestätisch wie Raubfische im Blechstrom. Wanderarbeiter kehren den Dreck aus den Fugen der Gehwegplatten und die Mütterchen an den Garküchen schnippeln Gemüse neben dampfendem Hühnersud. Nur eine milchig-graue Silhouette bleibt von den Umrissen des nächsten Häuserblocks übrig – schwer liegt der Dunst. Zwischen Bäumen am Straßenrand krächzen Lautsprecher Volksmusik für grinsende Greise, die gleichmäßig im Takt Walzer tanzen. Abgase, Gosse und Frittenbude riecht man an einem typischen Morgen in den Straßen Pekings – kein guter Ort für einen Lauf. Ganz klar, Laufen ist in China kein Volkssport. Suchbegriffe wie “Laufen” und “Peking” führen zu Ergebnissen wie Husten, Atemmaske oder Verkehrsunfall. Durchreisende bevorzugen das Laufband im klimatisierten Fitnessstudio. Trail-Runner geben sich damit nicht zufrieden. Es gibt sie, die versteckten Pfade in der Stadt.



Ein flüchtiger Blick auf den Stadtplan verrät: Die Stadt ist riesig! Im Großraum Peking leben zwanzig Millionen Chinesen; das entspricht etwa einem Viertel der deutschen Bevölkerung. Die U-Bahn ist ein erstklassiges Transportmittel. 15 Linien befördern bis zu sechs Millionen Menschen täglich. Auch scheinbar überfüllte Zügen bieten immer noch einen Platz – im Zweifel schieben die Sicherheitskräfte von außen etwas nach. Umfallen kann dann keiner mehr. Linie 8 endet am Olympic Forest Park, einem frisch für die Olympischen Spiele angelegten Idyll nördlich vom Vogelnest, dem Olympiastadion. Im Südteil des Parks verstecken sich die Trails in einer Blumenpracht, während der nördliche Teil 176 verschiedene Baumarten beinhaltet. Wer einen Blick auf Chinas Top-Läufer erhaschen möchte, muss vor den ersten Sonnenstrahlen im Olympic Forest Park sein, denn die Läufer meiden die Sonne. Helle Haut gilt in China als Schönheitsideal.

Nach einem Lauf am frühen Morgen bietet bereits der Heimweg eine Vielzahl an kulinarischen Köstlichkeiten die leeren Glykogenspeicher zu füllen. In den Straßen Pekings warten mobile Pfannkuchen-Karren, Garküchen mit leichter Nudelsuppe oder Bäckereien verschiedener Kulturkreise mit taufrischem Werk der Nacht auf hungrig vorbeiströmende Passanten. Ob Kaffee zu Croissant oder leichter Grüntee zu warmem Eiertörtchen – jeder Geschmack wird bedient.

Michael Sjöholm verkörpert das Idealbild eines schwedischen Top-Läufers – blond, groß, athletisch gebaut, mit charmanten Sommersprossen im Gesicht. Michael trainiert mehrmals wöchentlich eine Laufgruppe in der Stadt. Meist läuft die Gruppe im Chaoyang Park, östlich vom Botschaftsviertel. Treffpunkt ist die kleine Hütte am Parkeingang. Der Wärter in der Hütte gewährt gegen eine Gebühr von 50 Cent Parkzutritt. Um gleich die Sorge vor explodierenden Kosten zu mildern, sei hier erwähnt: Die Monatskarte kostet 80 Cent. Im Park geht es dann querfeldein über Wiesen, Hügel und durch dichtes Buschwerk, vorbei an tanzenden Chinesen, Spaziergängern und hin und wieder auch an Hochzeitspaaren beim Fotoshooting. Ähnlich wie bei einem gut organisierten Marathonlauf sind Erfrischungsstände strategisch platziert und mit ausreichend Personal bestellt. Mobile Eistruhen sorgen im Sommer an jeder Ecke für kühle Getränke. Freilich kann es passieren, dass als Erfrischung eine Flasche mit Eisblock gereicht wird, die den Durst erst einige Kilometer später zu löschen vermag.

Etwas skurril wirkt der 20 km Trail neben dem Airport Expressway, der Autobahn zum internationalen Flughafen. Der Pfad windet sich grazil entlang des schmalen Grünstreifens zwischen Fahrbahn und Hochtrasse, vorbei am Künstlerbezirk 798 (Dashanzi), einem ehemaligen Rüstungsgelände, das in Kooperation zwischen China und der DDR entstand. Heute stellen Künstler Ihre Werke in den ausgedienten Fabrikhallen vor und dazwischen schlürft Pekings High-Society Cappuccino in italienischer Fassade. Ein Geheimtipp ist der Trail entlang des Kanals, südlich vom Kunstbezirk. Vorbei an einem Markt, durch einen Zaun hindurch, über Bahngleise, eröffnet sich unerwartet ein Labyrinth aus Feldern und Seen mit zahlreichen Trails.

Erst ein Lauf auf der Großen Mauer rückt die Leistung der damaligen Bauherren und Arbeiter in das richtige Licht. Über extrem steile Steintreppen führt sie von Gipfel zu Gipfel und liegt in der Landschaft wie eine Schlange im Gras. In den verfallenen Abschnitten schlängeln sich schmale Pfade durch dichten Bewuchs und hin und wieder bieten die unzähligen Wachtürme gigantische Ausblicke in das fremde Land. Dieses Paradies für Trail-Runner erfüllt damit heute einen anderen Zweck als den beim Bau angedachten und verläuft unweit von Peking. Schnellen Zugang zur Mauer bietet die Bahn-Linie S2 vom Nordbahnhof, allerdings wurde dieser Mauerabschnitt für Touristen aufbereitet, das bedeutet: Seilbahn, Asphalt, Souvenirstände. Wilde und anspruchsvolle Trails findet man in Mutianyu oder Simatai. Diese Abschnitte sind mit einem Taxi (50 €/Tag) oder mit einer Kombination aus öffentlichen Bussen und Sammeltaxi erreichbar. Die Busfahrt kann ebenfalls zum Abenteuer werden, denn Fahrpläne und Busanschriften sind in chinesischer Sprache und damit für die meisten Touristen mehr Kunstwerk als Informationsquelle. Selbstverständlich sind die Sitzplätze im Bus auch von Chinesen begehrt und ein Stehplatz im nichtklimatisierten Linienbus bei knapp vierzig Grad Celsius härtet zusätzlich ab.

A-Hotel
A-Hotel

Nach einem harten Training hilft die traditionelle Chinesische Medizin körperliche aber auch geistigen Blockaden zu lösen. Typische Chinesische Massagen werden mit Fingern, Faust, Ellenbogen und Knie durchgeführt und rund um die Uhr angeboten. Falls Feuer zum Einsatz kommt: Bitte nicht erschrecken! Haben sich die Schmerzen der Behandlung erst gelegt, tritt meistens eine Phase der Entspannung ein.

Eine ausgefallene Unterkunft für Läufer ist das A-Hotel, ein modernes Boutique Hotel in zentraler Lage. Gäste mit Zimmern im hinteren Bereich des Hotels erhalten beim Einchecken einen Gutschein für die Hotelbar mit dem Kommentar: “Your room is a little bit far”. Ein düsterer, fensterloser Korridor führt in einer langen Rechtskurve zu den Hotelzimmern. Weich wirkt jeder Schritt auf dem abstrakt gemusterten Teppich und golden leuchtet die reichlich verzierte Stofftapete an den Wänden. Die Zimmernummern an den Türen zählen behäbig aufwärts und allmählich wird klar: Der Gutschein hat durchaus seine Berechtigung. Das Hotel befindet sich im Arbeiterstadion und die Hotelzimmer sind entlang der Außenmauern verteilt, alle mit Fenster. Im Stadion wurde bereits Läufergeschichte geschrieben und findet während des Aufenthaltes ein Fußballspiel oder Konzert statt, ist man hautnah dabei.

Eine asiatische Großstadt pulsiert unaufhörlich, gleichmäßig wie der Herzschlag. Menschen sind allgegenwärtig, Orte der Stille und Entspannung verstecken sich hinter Mauern von Tempeln und Parks. Ein Paradies für Trail-Läufer sieht anders aus. Lässt man sich jedoch auf die ungewohnte Umgebung ein, öffnet die Augen und verweilt etwas, eröffnen sich Möglichkeiten, die vielleicht nur hier existieren.

Thomas Bohne

Gobi March 2011



Die Amerikanerin Mary Gadams nahm selbst an zahllosen Ultramarathonläufen, Wüstenrennen und Abenteuerrennen teil, bevor sie 1996 RacingThePlanet gründete. Ihr Ziel war es, Menschen in die verbliebenen abgeschiedenen Regionen unserer Erde zu führen. Sie ist allerdings nicht die Geschäftsführerin eines Reiseunternehmens, sondern schickt Extremsportler auf 250 km lange Läufe. RacingThePlanet veranstaltet seitdem mit der 4-Deserts Serie vier Etappenläufe, die Athleten durch die vier größten Wüsten unserer Erde führen: das Dünenmeer der Sahara in Ägypten, die heißen Ebenen der Gobi in China, die vertrockneten Salzseen der Atacama in Chile und nicht zuletzt durch die klirrend kalten und schier unerreichbaren Eisfelder der Antarktis. Während der Rennen tragen die Läufer ihre komplette Ausrüstung am Körper, lediglich Zelte und Wasser werden von der Organisation bereitgestellt.



Vor dem Start

Ich steige am 20. Juni um 23:00 Uhr auf dem Flughafen Ürümqi aus dem Flugzeug und ein warmer Wind weht über meine Haut. Augenblicklich steigt der Geruch der Wüste in meine Nase und weckt Erinnerungen an vergangene Rennen in dieser Region. Wenige Minuten später treffe ich weitere Mitarbeiter von RacingThePlanet aus Hongkong, Großbritannien und den Vereinigten Staaten in einem Hotel in der Stadt. Chuck empfängt mich bereits in der Lobby, denn er kann es kaum erwarten aufzubrechen. Wir beide arbeiten in den folgenden zwei Wochen für RacingThePlanet. Unsere Hauptaufgabe ist die Bereitstellung einer markierten, sicheren 250 km langen Strecke für 152 Athleten und die Positionierung der einzelnen Teams der Organisation während des Rennens. In einer Gegend mit geringer Infrastruktur, extremen Naturgewalten, einem internationalen Team und nicht zuletzt eigensinnigen Fahrern stellt dies eine gewaltige Herausforderung für zwei Personen dar. Chuck Walker hat bereits alle großen Wüsten durchquert und scheint nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen.Während ich die wenigen Stunden im fünf Sterne Hotel im King-Size Bett versinke, beobachte ich, wie sich Chuck neben meinem Bett in seinen Schlafsack rollt. Am nächsten Morgen verlassen wir die Millionen-Metropole und fahren in Richtung Wüste.



Die Temperaturen steigen stetig, bei knapp 46 Grad Celsius Innentemperatur sitzen wir reglos im Auto, Klimaanlage: Fehlanzeige. Nach ca. 6 Stunden erreichen wir eine Stelle in der Wüste, die später als Camp dienen soll und entdecken erstes Leben. Völlig unerwartet vollführt Fahrer Hassan plötzlich hektische Bewegungen und zeigt vor sich auf den Boden. Zwei lange ”Arme“ bedrohlich in die Höhe gestreckt, rast eine handtellergroße Kreatur auf acht Füßen zwischen unseren Beinen hindurch. Ein Einheimischer bestätigt uns, dass diese Spinnen nicht giftig sind, jedoch Skorpione fressen. Ich stelle mir die Begegnung mit den freiwilligen Helfern vor und grinse leicht zu Chuck, der trocken meint: ”Then I guess they live where the food lives.“ Wir sind uns einig, die Nacht lieber weit entfernt in den Sanddünen zu verbringen.



In den nächsten Tagen markieren wir Abschnitte im Turpan Becken – sprichwörtlich ein Freiluftgrill. Ich greife in der Mittagshitze nach meiner Wasserflasche; sie ist heiß. Gerde platziere ich eine Flagge auf einem Erdwall, da erblicke ich ein tiefes Loch vor mir. Offenbar haben Einheimische an dieser Stelle nach Grundwasser gegraben. So weit das Auge reicht, formen hunderte Hügel eine bizarre Kraterlandschaft. Sorgsam entwerfe ich einen Parcours um die Hindernisse herum, um plötzliches Abtauchen von Athleten zu vermeiden. Chuck verliert indes im vertrockneten Aydingkol-Salzsee 154 m unter dem Meeresspiegel seine Schuhsohlen. Der Kleber zwischen Schuh und Sohle hat sich durch die Hitze gelöst. Als er seinen Wasservorrat an einer Oase auffüllen möchte, schnaubt ihn eine Herde Kamele an und versperrt ihm den Weg zur Quelle. Er watet behutsam durch das mit Kameldung gefüllte Wasserloch und beginnt sich zu erfrischen, da taucht neben ihm ein riesiger Schatten auf. Er fühlt den feuchten Atem eines Kamels direkt an seinem Körper. Im nächsten Augenblick schleckt eine glitschige, raue Zunge quer über seinen Rücken.



Die Berge

Nach den Erlebnissen im Turpan Becken blicken wir erwartungsvoll auf die Bergetappen und fahren in ein Dorf auf 2000 m Höhe. Um 02:00 Uhr nachts öffnet uns kein Tor, so werfen wir unsere Schlafsäcke auf einen leeren Anhänger am Straßenrand und schlafen unter leuchtenden Sternen ein. Ein kleiner Strom bringt etwas Wasser ins Dorf, so dass die Bauern Weintrauben und Pfirsiche anbauen können, was dem Dorf den Namen Peach Village gibt. Dennoch lassen der Zustand der Häuser und die Kleidung der Menschen auf ein Leben in Armut und Dürre schließen. Hier im Tian Shan Gebirge geben plötzlich weggespülte Straßen und Temperaturstürze von 20°C innerhalb von 15 Minuten einen kleinen Eindruck von den Naturgewalten, die diese Landschaft prägen.



Das Rennnen

Am 26. Juli startet das Rennen und damit ändert sich auch unser Tagesablauf. Als die Athleten die Startlinie überschreiten, sind wir bereits seit zwei Stunden auf der Strecke und überprüfen alle Wegmarkierungen. Oft fegen nächtliche Stürme die kleinen pinkfarbenen Fähnchen in weite Ferne oder Ziegen führen an ihnen Geschmackstests durch, ganz zu schweigen von der Anziehungskraft, die diese leuchtenden Farben auf Nomaden ausüben. Kurz nach Sonnenaufgang stoße ich auf eine Herde Kühe in den Bergen, die erschrocken auf und davon stürmt. Etwas besorgt verfolge ich die munteren Galoppsätze der Kühe in einen steilen Abhang hinein und frage mich, wie viele lebend unten ankommen. Einige Kehren später treffe ich die Herde erneut und mein Blick fällt spontan auf das Tier mit Hörnern und ohne Euter, das mich mit erhobenem Haupt mustert. Die Athleten wundern sich später sicherlich, dass der Kurs an dieser Stelle von der Ideallinie abweicht.



Als ich am zweiten Tag des Rennens das Zelt verlasse, umhüllt mich ein milchiger Schleier aus Dunst. Läufer Gian Mins sagt dazu später: ”Ich dachte ich bin im Himmel.“ Über Nacht ist dichter Nebel aufgezogen und die Sichtweite beträgt nur noch wenige Meter. Das Course Team sitzt auf das Fahrzeug auf; wir verschwinden in der grauen Masse und entfernen zwei Bergabschnitte von der heutigen Etappe. Der am Vortag Erstplatzierte Australier David Goerke nutzt die Gelegenheit und erreicht das Ziel heute bereits nach 1,5 Stunden, andere Läufer schonen sich auf der kurzen Etappe, denn sie ahnen was ihnen noch bevorsteht. Die Nacht verbringen wir erneut in Peach Village, werden jedoch diesmal fürstlich von Einheimischen bewirtet. Am folgenden Tag bereiten die lediglich zwölf Familien des Dorfes für 200 Personen ein außergewöhnliches Nachtlager.



Wenn Chuck von ”rechtmäßigen“ Dünen spricht, kann das nur bedeuten, dass die bis dahin härteste Etappe des Rennens ansteht. Die atemberaubende Schönheit der endlos erscheinenden Sanddünen gerät so schnell in den Hintergrund. Bereits beim Markieren der Etappe versinke ich tief im glühend heißen Sand und verbrenne mir meine Zehen. An besonders steilen Anstiegen zieht mich ein unsichtbares Band beständig bergab. Einige Athleten stoßen hier an ihre Grenzen, werden jedoch vom wüstentauglichen Besenwagen, dem Kamel, eingesammelt und zum nächsten Checkpoint geschaukelt. Wenige Kilometer weiter hat ein Sturm die Markierungen weggetragen, jedoch befolgen alle Athleten unsere Anweisungen vom Morgen und folgen einem frei stehenden Zaun bis zum Camp – bis auf die Koreaner. Wir schütteln ungläubig unsere Köpfe als wir erfahren, dass die Koreaner den dichten Stacheldrahtzaun überklettert haben und nun neue Wege beschreiten. Jedoch gelangen auch an diesem Abend alle Athleten sicher ins Camp und tauschen dort ihre Tageserlebnisse am Lagerfeuer oder im Ärztezelt aus. Unwesentlich überrascht aber durchaus erheitert vernahm ich die Nachricht, dass im Tagesverlauf eine der handtellergroßen Spinnen im Ärztezelt an der Decke haftete und für Aufregung sorgte. Die familiäre Atmosphäre bei RacingThePlanet wird einem bereits beim Betreten des Camps deutlich. 39 verschiedene Nationalitäten sind bei diesem Gobi March vertreten und 19 freiwillige Helfer opfern ihren Urlaub für eine Woche harte Arbeit. Wer einmal bei einem dieser Läufe war, nimmt neben den Eindrücken und neuen Bekanntschaften auch ein unbeschreibliches Gefühl mit nach Hause.



The Long March

”Der lange Marsch“ bezeichnet mit 80 km die längste Etappe des Laufes. Zunächst führt eine unwirkliche, graue Mondlandschaft die Läufer zu einem riesigen, vertrockneten Salzsee. Vorbei an den Kameloasen, die Chuck in bester Erinnerung behält, verläuft die Strecke auf direktem Weg nach Gaochang. Die Palastruinen der 2000 Jahre alten Oasenstadt Gaochang an der Seidenstraße zählen heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Am Horizont hinter Gaochang leuchten bereits die Flammenden Berge, eine rote Sandsteinformation am Rande der Taklamakan. Das Ziel dieser Etappe und damit letzte Camp des Laufes befindet sich inmitten der Flammenden Berge. Wir verteilen bis spät in die Nacht Leuchtsticks auf der Strecke, die den Läufern auch bei Nacht den Weg weisen. Am nächsten Morgen markiere ich mit Chuck gemeinsam die letzten 10 km bis zum Ziel, bevor ich vor Ende des Laufes die Heimreise antrete. Zurück in Urumqi erfahre ich, dass in der Nacht ein Sandsturm mehrere Zelte im Lager einfach weggerissen hat – die Wüste ist einfach unberechenbar.

Thomas Bohne

Taklamakan 100

Erkundung

Nach vier Flügen und 36 Stunden Reisezeit befinde ich mich in Hotan, einer Wüstenstadt im äußersten Südwesten Chinas. Racing The Planet veranstaltet den ersten Lauf der 100 km-Serie in der zweitgrößten Sandwüste der Erde – der Taklamakan. Gegen ein Uhr nachts öffnet mir ein kleiner drahtiger Franzose das Hotelzimmer. Pierre ist Bergführer aus der Eliteschule in Chamonix und organisierte die legendären Raid Gauloises.



Mit unserem Übersetzer Mahmud und dem Fahrer – den wir “K” nennen – bilden wir das Course Team für Racing the Planet. Wir sind eine Woche vor dem Start angereist um eine geeignete Strecke für den Lauf zu erkunden. Wir vermessen einzelne Abschnitte mit GPS, fügen sie geeignet zusammen und markieren sie kurz vor dem Rennen mit roten Fähnchen sowie bei Bedarf mit Leuchtsticks.

Fahl und staubig reihen sich die Bäume entlang der Piste, nur wenige Kilometer sind asphaltiert. Immer wieder überholen wir spektakulär beladene Eselkarren, die dann in einer dichten Wolke im Rückspiegel verschwinden. An einem kleinen See halten wir, und ich bemerke ein Runzeln auf Mahmuds Stirn: Der Wasserspiegel ist innerhalb einer Nacht um zwei Meter gesunken. Diese kleine Oase soll eigentlich als Zielbereich für die Läufer dienen, doch in einer Woche müssen die Läufer wahrscheinlich nach Wasser graben.

Tuslukotak

Nach drei Stunden erreichen wir das Dorf Tuslukotak. Die Bewohner beschnuppern mich im wahrsten Sinne des Wortes und bilden Trauben um jene Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Mahmud kauft Naanbrot mit Walnüssen und viel Wasser. In den folgenden Tagen besuche ich Tuslukotak immer wieder und ein Basketballspiel mit dem halben Dorf bricht auch am Ende der Welt jegliches Eis. Nur die Ziege auf dem Platz ist nicht sonderlich begeistert.

Wir erkunden die Gegend nördlich vom Dorf und folgen einem ausgetrockneten Flussbett. Die Fahrspuren sind längst verweht in dieser trostlosen Landschaft und nur mit Mühe und viel Schwung kommen wir voran. Oft zweigen wir ab und suchen nach geeigneten Passagen für die Läufer. Sanddünen sind tückisch, denn sie sind nur von der windzugewandten Seite befahrbar und fallen auf der anderen steil ab. K ist besorgt, denn immer öfter schaufeln wir die Räder mühsam aus dem heißen Sand und die Dornenbüsche haben tiefe Furchen im Lack hinterlassen. Am Abend vermesse ich einen Abschnitt zu Fuß. Das sind meine ersten Minuten allein in dieser Landschaft. Die Dämmerung setzt ein und die Dünen leuchten rot, ich genieße den lauen Wind.

Lunch Break

Hier leben fast ausschließlich Muslime, die jetzt im Fastenmonat Ramadan erst nach Sonnenuntergang, gemeinsam mit ihren Familien, auf den Holzpritschen vor dem Haus, zu Abend essen. Spät in der Nacht brennt unser kleines Feuer in den Dünen nahe des Dorfes und erhitzt Wasser in einer rußigen Kanne. Wir trinken Tee und essen Nudelsuppe mit Naan. Irgendwann legt sich jeder auf seine Iso-Matte und versucht zu schlafen. Das entfernte Bellen der Hunde und die Schreie der Esel halten mich wach und als sich der Wind legt, summen die Mücken angriffslustig über mein Gesicht. Erst am Morgen schlafe ich ein.

Dinner

Markierung

Zwischen den Dünen formen vertrocknete Baumstämme bizarre Skulpturen, ständig präsenter Sand und hohe Temperaturen ersticken jegliches Leben im Keim. Der Himmel ist grau, jedoch steigen die Temperaturen nachmittags merklich an. Kurze wolkenfreie Abschnitte erinnern mich an das Spiel mit den Ameisen und der Lupe.

1st section

Die ersten 17 Kilometer liegen vor mir und müssen mit Fähnchen markiert werden. Trotz GPS fällt mir die Orientierung schwer, denn Dünen sind als Fixpunkt im Dünenmeer nicht sonderlich hilfreich. Der Sand ist weich und ich sinke tief ein, die kurzen Anstiege kosten Kraft. Nach 2,5 Stunden und 400 Höhenmetern komme ich am geplanten Treffpunkt an und warte auf unser Fahrzeug, das jedoch weit entfernt im Sand feststeckt. Meine Planung war recht optimistisch, denn das Wasser ist bereits aufgebraucht. Zwei Stunden später beginne ich den grünen Tee vom Morgen zu kauen und wäge meine Optionen ab. Bis zum Dorf sind es 30 km Wüste, bis zum Fluss 15 km – beides ziemlich tödlich bei 42 Grad im nicht vorhandenen Schatten. Erst nach insgesamt fünf Stunden höre ich das bekannte Stöhnen des Motors aus der Ferne und bin unendlich erleichtert.


Pierre markiert die Strecke am fast trockenen Black Jade River, während Mahmud und K entfernt stromabwärts unbeschwert baden und ich mir mit der hüfttiefen braunen Brühe die Schicht aus Dreck und Sonnencreme abwasche. Aggressive Mückenschwärme jagen Pierre auf seinem Weg durch das Gestrüpp, bis er im Flussbett kurz inne hält und mit beiden Füßen in den Treibsand sinkt. Mit aller Kraft zieht er an einem Schenkel, während sich das andere Bein hüfttief in den Schlick drückt. Wie eine Eidechse kriecht er auf allen Vieren durch den Schlamm ans rettende Ufer. Als er Stunden später in Schlamm paniert vor uns steht, lachen wir über sein haarsträubendes Erlebnis und planen diesen Abschnitt neu.

Am Abend schlachtet das Dorf ein Schaf und hängt den Kadaver zum Verkauf an die Kreuzung. Mahmud reiht sich in die Schlange der Einheimischen ein und kauft uns Fleisch, Mahmud mag Leber. Nach langer Fahrt durch die Nacht erreichen wir einen geeigneten Schlafplatz und suchen in absoluter Finsternis Feuerholz. Die Stirnlampen leuchten nur wenige Meter, denn der Wind treibt feinen Sand durch die Luft. Etwas später sitzen wir hinter einer Düne und drehen Stöcke mit frischem Lammfleisch über der heißen Glut. Der Sand weht mir kühl ins Gesicht und ich beobachte das spritzende Fett in den Flammen. Gegen drei Uhr schlafen wir erschöpft ein.



Rennen

“Nie wieder Strandurlaub” lautet der Kommentar eines Läufers nach dem Taklamakan Ultramarathon. Am Rande einer endlos erscheinenden Straße, etwa 120 km nördlich von Hotan, hält der Reisebus mit den 40 Athleten. Hagere Läufer mit rasierten Beinen stehen neben tätowierten Bullen mit Dreitagebart, allesamt vermummt und bepackt für die gemeinsame Herausforderung. Pfeifend bläst der Wind den Sand über die Dünen, als sie um 18:00 Uhr über ein grenzenlos erscheinendes Dünenmeer blicken.



Eric LaHaile läuft allen davon. Für Eric beginnt hier die schönste Etappe des Laufes, denn bereits zwei Stunden später verschwindet das Sonnenlicht am Horizont und die Temperaturen fallen auf frische 21 Grad. Mond und Stirnlampe leuchten nun die nächsten Meter des Kurses aus. Lediglich die dumpfen Schritte im Sand und das Knarzen des Rucksacks sind hörbar – es herrscht eine schier unwirkliche Stille in dieser gigantischen Landschaft. Tausende Leuchtsticks weisen den Pfad durch die Nacht, lediglich im Dorf verschwinden die Leuchtsticks wie von Geisterhand. Während ich nachts im Dorf neue Leuchtsticks verteile, kontrolliert Pierre die Markierungen zum nächsten Checkpoint, denn ein Sturm zieht auf und vier Koreaner befinden sich noch auf diesem Abschnitt. Als er am nächsten Checkpoint eintrifft, ist eine gewisse Nervosität zu spüren, denn von den Koreanern fehlt jede Spur. Wie sich später herausstellt, schliefen die vier friedlich neben der Strecke, als er sie passierte.



Kurz hinter der Kreuzung in Tuslukotak, an der vorher noch das Schaf hing, befindet sich das kleine Zelt des Checkpoints bei Kilometer 70. Die beiden freiwilligen Helfer sind nicht zu sehen, denn bis spät in die Nacht steht eine Traube von bis zu 50 Einheimischen, dicht gedrängt um das Zelt und beobachtet gespannt jede Bewegung der zwei weiblichen blonden Volunteers. Als Eric in Sichtweite gerät, jubelt ihm die Masse entgegen, die Kinder beherrschen mittlerweile die La Ola. Wie bei diesen Events üblich, werden sie in das Geschehen eingebunden und reichen den ausgezehrten Läufern saftige Wassermelonen als Erfrischung. Die freiwilligen Helfer schlafen nur wenige Minuten in den beiden Nächten, verbreiten jedoch jederzeit beste Laune.

Am Ende verlassen auch Eric die Kräfte. Er gewinnt aber den Lauf in weniger als 12 Stunden und absolviert damit fast die gesamte Strecke bei Nacht. “Das letzte Mal, dass ich einen anderen Läufer gesehen habe, war drei Minuten nach dem Start” lautet sein Kommentar nach dem Zieleinlauf. Der Zweitplatzierte erreicht die nun wasserlose Oase über zwei Stunden nach ihm. Wer das Rennen vorzeitig beenden muss, den erwartet ein nicht weniger abenteuerlicher Ritt auf einem Kamel bis zum nächsten Checkpoint. Selten treffen so unterschiedliche Kulturen und einzigartige Persönlichkeiten aufeinander und entwickeln sich während des Rennens zu Freunden fürs Leben. Der Respekt vor den Strapazen des Laufes und die Faszination gegenüber der einzigartigen Landschaft verbindet uns alle und so wird jeder Finisher gebührend empfangen und gefeiert. 35 der Läufer erreichten das Ziel, darunter 5 Frauen und ein blinder Läufer aus Südkorea.

Alpencross

Seit jeher üben die Berge eine ungeahnte Faszination auf uns Menschen aus. Unzählige Herausforderungen bieten sie uns, sie zu bewältigen ist mehr ein Kampf mit uns selbst, als es ein Kampf gegen die Natur ist.

21/09/2009

Zu diesen Herausforderungen zähle ich unter anderem die Alpenüberquerung, wie sie in Ihrer Vielfalt und ihrem Umfang jedes Mal eine einzigartige Erfahrung für alle Beteiligten darstellt. Neun Hochgebirgspässe, 500 km und 15 000 Höhenmeter stehen auf einer anspruchsvollen und bezaubernden Mountainbikeroute von Oberstdorf nach Riva del Garda bevor. Pünktlich zum Almabtrieb sitzen wir auf unseren Rädern und kurbeln gemächlich die ersten Anstiege hinauf zum Schrofenpass. Entgegen einiger Behauptungen erweist sich dieser als alltäglicher Wanderpfad, sporadisch mit künstlichen Versicherungen. Die ruhige Atmosphäre der Berglandschaft überträgt sich aufgrund von nahezu ausschließlich asphaltierten Wegen sowie regelmäßig verkehrenden Linienbussen nur langsam. Am späten Abend erreichen wir die gut gepflegte aber unterkühlt wirkende Freiburger Hütte.

22/09/2009

Noch vor Sonnenaufgang pfeift der frische Fahrtwind durch unsere Glieder, jedoch bewirkt ein lauter Knall bereits nach wenigen Minuten die erste spontane Unterbrechung der Reise. Der Schlauch meines Hinterrades ist geplatzt und hat dabei den Reifen so stark beschädigt, dass dieser ersetzt werden muss. Der darauffolgende zähe Abstieg nach Dalaas und der Abstecher nach Bludenz helfen das Problem zu beheben und verschaffen uns obendrein ein ausgewogenes Frühstück im Supermarkt gegenüber dem Radsportgeschäft.

Zurück in Dalaas windet sich die Piste zunächst steil, dann moderat hinauf zum mäßig spektakulären Kristbergsattel. Wenig später sitzen wir im Hasahüsli vor einem bis dato unvergleichlichen Kaiserschmarrn und diskutieren mit der äußerst engagierten Bedienung über deren technische Lösungen zur Nutzung alternativer Energien und die Schikanen der örtlichen Behörden.

Nahezu 700 Hm zieht sich die zunächst steile Piste durch das Silbertal. Beiläufig registriere ich den schleichenden Wandel der Landschaft, die uns umgibt. Diese präsentiert sich in ihrer reinsten Form. Die Räder geschultert, platziere ich jeden Schritt mit Bedacht zwischen den Gesteinsbrocken, vorbei am malerischen Langen See, die Säumerroute hinauf zur Heilbronner Hütte. In dieser modern und komfortabel ausgestatteten Berghütte überzeugen nicht allein die handgefertigten Knödel mit frischen Pilzen, auch die gesellige Runde beim Kartenspiel erheitert unseren Abend.

23/09/2009

Mit verschlafenem Blick quittiere ich um 07:20 Uhr unseren Aufenthalt im Hüttenbuch und nur der Piepton der GPS-Geräte unterbricht die frühmorgendliche Stille. Vertraut rascheln der Steine, als wir behutsam um die ersten Kehren rollen und nur in weiter Ferne leuchten die Bergkuppen im Sonnenlicht. Kompakt und starr hocken wir auf unseren Rädern, rasen vorbei am Ortsschild “Galtür” und stehen schließlich zitternd vor einer ansprechenden Backstube im Ortskern. Der dampfende Kaffee durchströmt den Körper und zündet rasch den Stoffwechsel, sodass wir schon bald einen letzten Blick auf die makellosen, von mächtigen Mauern umgebenen, Höfe werfen.

Eine bunte Kulisse aus Glas und Beton erwartet uns in Ischgl. In diesem Auffangbecken für abgestürzte Skifahrer startet bzw. endet die Seilbahn – entsprechend der Sichtweise – direkt vor dem Hotel. Gefühlsecht passieren uns die Betontransporter auf dem steilen Asphaltweg zum Fimbertal. In der kargen und trostlosen Szenerie dieses Tales erscheint das hölzerne Zollhaus wie verloren. Wenig später erfordert die Abfahrt vom Fimberpass ein hohes Maß an Fahrtechnik und Geschick. Spitze Kehren, hohe Stufen und scharfkantige Steine kosten Nerven und hinterlassen deutliche Spuren an Fahrer und Gefährt.

Abfahrt vom Pass

Im Tal verleitet ein Singletrail zum Abstecher und prompt stecken wir fest – am Steilhang, im Wald und ohne Trail. Kurzerhand entscheiden wir uns für den direkten Weg ins Tal, durchschreiten obendrein einen Fluss und sichern uns damit die fragenden Blicke der Wanderer, die diese etwas abenteuerliche Variante gespannt verfolgen. Dem unterschwelligen Verlangen meines Körpers nach Zucker begegne ich mit einer erfrischenden Apfelschorle für vier Euro, woraufhin sich mein Drang zur Ausreise aus der Schweiz signifikant verstärkt.

Uina - Schlucht

Im Hinblick auf den nun folgenden 1200m-Anstieg zur Unia-Schlucht betrachten wir unsere Höhenmesser ein wenig ungläubig. Erfreulicherweise entzückt der Fahrweg zeitweilig durch abartig steile Rampen und schafft somit eine gewisse Variabilität des Leidens. Auf dem Hochplateau weidet ein Jäger sein soeben erlegtes Murmeltier aus und zwei Wanderer blockieren – scheinbar etwas provozierend – den schmalen, steinigen Pfad. In dieser Situation ist meine Dialogbereitschaft auffallend beeinträchtigt und ich beginne die Kombination aus Ausklicken, Rad-Schultern, Rennen, Aufspringen, Einklicken zu perfektionieren und überhole die beiden. An der Sesvennahütte fahren wir gemeinsam ab. Das Gefälle ist so groß, dass die voraussichtlichen Beschleunigungswerte beim Versagen der Bremsen auf eine lange darauffolgende Freiflugphase schließen lassen. Die Empfehlung eines Wanderers vom Fimberpass soll sich bewahrheiten, denn im Anigglhof treffen wir auf beispiellose Gastfreundschaft, herausragende Küche sowie ein traumhaft idyllisches Ambiente, verbunden mit vernünftigen Preisen.

24/09/2009

Lediglich der Blick auf den wuchtigen Ortler sowie der Singletrail nach Trafoi entschädigen für die Mühen des Tages. Kurzerhand unterbrechen wir einige Dorfbewohner beim Heuwenden und fragen nach einer gemütlichen Bleibe abseits des Ortes. Auf Nachfrage nach Herrn Johann Georg Mazagg deutet seine Frau, welche sich vor uns als diese zu erkennen gibt, mit dem Finger in die Felswand des Ortlers, auf eine Hütte, etwa 1000m über unseren Köpfen. Diese Bleibe steht fortan auf der Liste für folgende Touren.

25/09/2009

Früh am Morgen strampeln wir die 42 Kehren des Stilfser Jochs hinauf, erfreuen uns der Geräuschkulisse rücksichtsvoller Verkehrsteilnehmer sowie dem einhergehenden Steinschlag. Von der Drei-Sprachen-Spitze verlegen wir zur Bocchetta di Forcola. Eindrucksvoll durchbricht die historische Militärstraße die harmonischen Züge der Geröllfelder und mündet in einen Trail der besonderen Art. Das Vorderrad schwimmt im tiefen Schotter, während sich der Pfad abschüssig und schmal entlang einer luftigen Steilwand talwärts windet. Hier bloß keinen Fehler, sage ich mir still und blicke in den Abgrund.
Durchnässt pausieren wir in einer Pizzeria im Ortskern von Bormio. Kurze Zeit später springt völlig unverhofft eine Gruppe Skater aus dem Wagen, offensichtlich um einen Trainingslauf zu starten. Auf dem Ortsschild steht geschrieben: “St. Caterina de Valfurva – 8 km”. Die Straße führt unweigerlich bergauf aber für jede Überlegung ist es bereits zu spät, denn ein Blick über meine Schulter verrät mir, das Rennen hat bereits begonnen. Die Wasserfontänen unserer Räder schlagen von nun an besonders hohe Bögen. Völlig durchnässt erreichen wir den verlassenen Ferienort.

Descent from Passo di Gavia

26/09/2009

Im Wolkendunst überqueren wir den Passo di Gavia, sporadisch durchbrechen einzelne Sonnenstrahlen die graue Masse und lassen die saftigen Hänge märchenhaft dampfen und leuchten. Das Lebensmittelgeschäft in Pezzo bietet eine überwältigende Auswahl auf geschätzten zwei Quadratmetern und die beiden italienischen Verkäuferinnen strotzen vor Kundenbetreuung. Gebettet in grüne Wiesen und umgeben von Bergkämmen, präsentiert sich Case di Viso als verschlafenes Nest. Schlechtes Wetter zieht auf und die ohnehin schwere Abfahrt vom Passo di Ballino beginnt zunächst als Bach. Mit nachlassendem Regen wird der Trail felsiger und erfordert einen langen, rutschigen Abstieg per pedes. Wir ziehen in das riesige Apartment mit Vollausstattung und bedanken uns bei Hotel La Serena für diese spontane Alternative.

27/09/2009

Die letzte Etappe der Tour führt fast ausschließlich über gut ausgebaute Wege und Straßen. Zusehends tauchen wir in eine mediterrane Welt ein, ein bunter, blumiger Duft zieht an uns vorbei. Beim Anblick des Gardasees verspüre ich ein vertrautes Gefühl.

Lago di Garda

Am Ende jener Reise bleiben die Eindrücke, das Erlebte in den Köpfen haften. Wohin auch immer der Weg am Horizont führen mag, so ist man sich selbst einen entscheidenden Schritt näher gekommen.

Thomas Bohne

Courmayeur Champex Chamonix (CCC)

Der CCC wird unter Läufern als kleine Schwester des Ultra Trail du Mont Blanc (UTMB) bezeichnet und folgt dem internationalen Weitwanderweg, dem Tour du Mont Blanc (GR TMB), in weiten Teilen. Diese junge Dame lernte ich etwas näher kennen und bin beeindruckt von ihrer Schönheit, ihrer Stärke aber auch ihren Launen und ihrer Verschlagenheit.

Bereits vor dem Rennen setze ich mich mit dessen Herausforderungen und Unbekannten auseinander. Die Kombination aus Länge der Strecke, Höhenprofil, Beschaffenheit des Untergrundes, Gepäck sowie die Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit vermag sich im Laufe des Rennens in eine nahezu explosive Mischung zu entwickeln. Die Strecke führt uns auf Bergpfaden teils durch hochalpines Gelände (>2500m), das Wetter kann augenblicklich umschlagen und persönliche Autonomie mit entsprechender Ausrüstung ist absolute Voraussetzung. Getränke werden in 10km Abständen zur Verfügung gestellt, Nahrung ist ungleich weniger vorhanden.

Vor dem Start herrscht eine ruhige aber fröhliche Stimmung in Courmayeur. Die 1900 Teilnehmer sitzen auf der Straße, tummeln sich in den italienischen Cafés oder stehen in Warteschlangen vor den sanitären Einrichtungen. Vorsichtig klettere ich über die seitliche Absperrung und reihe mich im vorderen Bereich des Starterfeldes ein. Die letzten Minuten moderiert ein dreisprachiges Team und heizt die Menge an. Nationalhymnen ertönen und die bunte Masse wird ganz still; es läuft mir eiskalt über den Rücken.

“Auf den ersten 55km bis Champex bloß nichts riskieren” befehle ich mir zum x-ten Mal, dann geht es endlich los.
Nach einem kurzen, flachen Stück in Courmayeur steigen wir zur Refuge Bertone (12,3km; 800Hm) auf. Schlagartig verschärft sich der Anstieg und ich kann kaum den ganzen Fuß aufsetzen ohne nach hinten zu kippen. Die Strecke zieht sich entlang der Südseite des Berges und die Sonne brennt bereits erbarmungslos auf der Haut. Nach dem Passieren des Gipfels in 2584m Höhe stürze ich mich in den Abstieg. Der Pfad fällt jedoch fast senkrecht ab und ist technisch höchst anspruchsvoll. Vor mir steigt ein Hubschrauber senkrecht in die Höhe und ich pflüge mit rasender Geschwindigkeit den Kamm entlang in Richtung Tal. Dieser Abschnitt kostet mich zu viel Kraft und der Abstand zu meinen Verfolgern wächst nur minimal, daher ändere ich meine Taktik.
Nach 26,2km und 3:11h erreiche ich Arnuva, die erste Verpflegungsstation. Ein paar Kekse und weiter, denn es herrscht bereits brütende Hitze und auch beim zweiten Anstieg auf 2537m schmoren wir erbarmungslos in der Sonne. Mein Magen ist durch die Erschütterungen gereizt und verarbeitet die zugeführte Flüssigkeit nur langsam, zu langsam um einer Dehydrierung entgegen zu wirken. Ich streife mein Basecap ab und zu durch einen Bach und kühle damit den Kopf. Der Abstieg erscheint zunächst moderat, später wellig. Mein Kopf brummt und ich verliere Plätze, die Motivation befindet sich auf dem Tiefpunkt.
In La Fouly erreiche ich nach 40 km und 5:10h die zweite Verpflegungsstation. Hier nehme ich mir Zeit, fülle Wasser auf und halte meinen Kopf unter den kräftigen, kühlenden Strahl. Die folgenden 10km spule ich zügig ab, danach zäher aber ich hole auf. Während des Anstiegs nach Champex befinden sich vor mir drei Athleten, die sichtlich kämpfen aber ich halte Abstand, bewusst gehe ich mein Tempo – kontrolliert. Schließlich erreichen wir Champex (6:57h; 54,7km; 3000Hm) und ich bin sichtlich erschöpft. Der Blick in die anderen Gesichter motiviert mich zusehends und nach wenigen Minuten starte ich in den Abend, das eigentliche Rennen beginnt.

Entlang der Hauptstraße erwidere ich die freundlichen Grüße der Zuschauer und laufe dem Sonnenuntergang und damit dem nächsten Berg entgegen. Nach wenigen Kilometern werden die Schritte kürzer, der Weg ähnelt einer Treppe mit hüfthohen Stufen. Aus der Höhe sehe ich meine Verfolger, schier endlos windet sich der Pfad um den Gipfel bis zum Checkpoint (8:38h; 64km; 3704Hm). Der Abstieg nach Trient gleicht einer Erlösung, die knapp 800Hm bis ins Tal vergehen wie im Flug. Auch der vorletzte Anstieg beginnt zunächst hoffnungsvoll, fordert jedoch schon bald die letzten Kräfte. Nach Erreichen des höchsten Punktes setzt mir der kalte Wind in der Höhe zu, ich unterzuckere stark und erste Symptome treten ein. Umgehend verschlinge ich drei Riegel, ziehe die Jacke über und verringere das Tempo radikal, mehrfach muss ich sogar pausieren.

Nass erreiche ich den Talort Vallorcine, obzwar höchst-atmungsaktiver Membran (eVENT) und führe die rettende Cola in exzessiven Dosen zu. Kurze Zeit später lassen kleine, weiße Lichter in der Höhe den gewaltigen finalen Anstieg von 850Hm erahnen. Menschen, die bei Regen, Schnee oder einsetzender Dunkelheit keinen Fuß vor die Tür setzen oder aufgrund von erhöhter Unfallgefahr den Sportbetrieb auf das Laufband beschränken, vermag die Vorstellung in 2130m Höhe um 2300 Uhr bei 2-3m Sichtweite und Temperaturen um den Gefrierpunkt durch zerklüfteten Fels zu fegen dem Infarkt ein ganzes Stück näher zu bringen. Wenigen bleiben diese unendliche Vollkommenheit und damit unvergesslichen Eindrücke vorbehalten.

Der letzte Schluck des süßen, braunen Elixiers rinnt durch meine Kehle und mit einem zuversichtlichen Lächeln schieße ich die sieben Kilometer in Richtung Ziel. Steine, Wurzeln, hohe Absätze, Wald formen eine Zielgerade, wie sie angemessener nicht sein könnte. Nach 14:34h, 97,7km und 5505Hm erreiche ich Chamonix.

Thomas Bohne

Parc national des Ecrins

24-27/08/2009 La Berarde

Die Reise führt uns zunächst durch Valloire und den Col du Galibier, eine der höchsten Passstraßen in den Alpen und damit ein Paradies für Radfahrer. Leider ist Valloire touristisch vollständig erschlossen und unsere Suche nach einer Wanderkarte für Wanderungen über 30 Minuten erweist sich als zeitaufwändig. Leicht frustriert reihen wir uns in die Karawane der Wohnwagen ein und suchen Zuflucht in La Berarde. Bereits die Zufahrt ist beeindruckend, die Stille, die Abgeschiedenheit dieses kleinen Domizils für Bergsportler lässt unsere Augen im Sonnenuntergang erstrahlen.

Die Hütte des französischen Alpenvereins bietet jeden wünschenswerten Komfort bei alpinem Charme in Kombination mit französischer Küche. Die erste Tour führt uns zur Refuge Promontoire (3082m) am Fuße der La Meije, dem schwierigsten Nicht-Viertausender der Alpen. Aufgrund fehlender Ausrüstung/Erfahrung beenden wir unsere Besteigung hier. Die spektakulär gelegene Hütte wird von einem jungen Paar mit zwei Kindern (4-6 Jahre) bewirtschaftet, die prompt nach unserer Ankunft eine Klettertour starten. Ich staune und bin begeistert!

Am darauf folgenden Tag starten wir den nächsten Versuch einen Gipfel zu besteigen und erreichen nach ca. 1,5h die Refuge de Temple Ecrins. Im Écrins-Massiv befindet sich der höchste Gipfel dieses Gebietes, die Barre des Écrins mit 4102m. Das Wetter bleibt instabil, wir entscheiden uns für einen Aufstieg über den Gletscher zum Col des Ecrins, einem Pass auf 3321m. Der Weg ist auf unserer Karte nicht verzeichnet, nur sporadisch auftretende Steinmandl (Cairns) markieren den richtigen Pfad. Der Aufstieg ist sagenhaft, mit jedem Atemzug strömt ein Gefühl von Freiheit durch unsere Körper. Ein eisiger Wind sowie ein faszinierender Ausblick auf das Massiv L’Ailefroide erwarten uns am höchsten Punkt. Für den Abstieg wählen wir eine eigene Variante und umgehen den Gletscher. Die Refuge wirkt kalt und wir sind die einzigen Gäste, deshalb steigen bis nach La Berarde ab und treffen um 1930 Uhr, etwas verspätet, aber noch rechtzeitig, zum Abendessen ein.

Am 26. August, zwei Tage vor dem Lauf, dient der Klettersteig Le Perron als Alternative zum Athletiktraining. Nach den Regengüssen der Nacht ist die Felswand feucht und rutschig, der Klettersteig aber trotzdem relativ einfach und unspektakulär. Bereits nach 1,5h erreiche ich den Ausstieg. Im nahe liegenden Les Deux Alpes plündere ich den Supermarkt und kaufe frisches Obst und Gemüse. Der Ort ist von zahlreichen Seilbahnen umgeben und bietet ein groteskes Stadtbild für Besucher. Downhill Bikes mit vermummten Fahrern fliegen an mir vorbei, nachdem sie über die kahlen Hänge den Berg herauf gezerrt wurden. Auf dem Rückweg scheucht ein Lehrer seine Schüler den Weg unterhalb der Seilbahn herauf; das erscheint mir annähernd so motivierend, wie eine Wanderung auf der Autobahn. Anders als Österreich, das einen gemäßigten und vergleichsweise ökologischen Tourismus betreibt, verfolgt Frankreich die Methode “Alles oder nichts”.

Thomas Bohne

Leukerbad

Via Ferrata Leukerbad
Via Ferrata Leukerbad
22-08-2009 Leukerbad (Schweiz)

Als Unterbrechung der durchaus langen Fahrt in den Süden Frankreichs beschließen Frederik und ich den Klettersteig in Leukerbad in unsere einwöchige Tour einzubauen. Nach einer kurzen und kühlen Nacht im Schlafsack auf einer nahegelegenen Almwiese stapfen wir um 0630 Uhr in Richtung Ortschaft, kaufen frische Baguettes und bereiten die Ausrüstung vor. Noch vor dem Abmarsch stehen wir vor einem gewaltigen Bergmassiv mit einem in weiter Ferne erkennbaren Schweizer Kreuz und wundern uns, welche Freaks diese Wand wohl bezwingen mögen. Ca. 600 Hm später wird uns plötzlich bewusst, dass die gewählte Route exakt durch diese Wand verläuft. Beruhigend wirken auf mich nur die von Angst ergriffenen Blicke der fünf Franzosen vor uns.

Schon auf den ersten Metern wird es luftig, wie man in den Bergen zu sagen pflegt, jedoch verhindern aufziehende Wolken zunächst den Blick in die Tiefe. Wir durchsteigen unzählige ausgesetzte Passagen, senkrechten Fels und eine beeindruckende Höhle mit überhängenden Leitern. Nicht nur Kraft wird hier gefordert, sondern auch absolute Schwindelfreiheit. So stehen wir bei der “luftigen Variante” vor einer senkrecht abfallenden 1000m Steilwand. Nach 5 Stunden und 900 Hm erreichen wir den Gipfel und werden mit einem beeindruckenden Ausblick belohnt. Der Abstieg erfolgt über den Gletscher zur Gemmipasshütte und anschließend ins Tal.

Thomas Bohne

Myanmar

21/05/2009 Bangkok

Nach nur zehn Stunden Flug und einem interessanten Gespräch mit der Vertreterin des thailändischen Health Department läuft mir der Schweiß die Stirn hinunter. Bangkok pulsiert und dröhnt auch bei 32 Grad und 100% Luftfeuchtigkeit. Kiet von Milan Suit handelt sich erneut einen Großauftrag ein und wie ich durch Zufall erfahre, gehört seit vergangener Woche auch der Botschafter Nigerias zu seinen Kunden.

Der Friseurbesuch bei Q-Cut ist ein voller Erfolg! Danach sehe ich aus, wie einer der Helden dieser japanischen Zeichentrick-Fußballserien. Auf der Fahrt zum Flughafen muss ich grinsen, denn als der Taxifahrer die Rennbrille aufzieht, fliegen wir mit 160 km/h quasi schon vor dem Check-In in Richtung Gate. Erlaubt sind natürlich 50 bzw 80 km/h.

Shwedagon Pagoda
Shwedagon Pagoda

22-23/05/2009 Yangon

Das Hotel ist gut, die Stadt stark von der englischen Besatzungszeit geprägt und die Menschen sind äußerst freundlich. Anders als in Kambodscha haben auch die Preise einen Bezug zur Realität. Geld wechselt man nur auf dem Scharzmarkt, was allerdings bei großen Beträgen trotzdem unangenehm erscheint.Der Kurs steht im Augenblick eins zu 1400 und die größten Scheine sind 1000 Kyats, d.h. man schleppt bündelweise Geld durch die Stadt. Entgegen meiner Behauptung habe ich am ersten Tag aufgrund kompletter Bewölkung und fehlender Straßennamen Orientierungsprobleme und erreiche das Zentrum (ca. 4km Fußweg) bereits nach drei Stunden. Der einsetzende Regen flutet die komplette Innenstadt und alle stehen kurzerhand knietief im Wasser.

Am Morgen des 23. ziehe ich beim kurzen Dauerlauf erneut viele freundliche Blicke auf mich. Die Führerin im Nationalmuseum erhält nach meiner Übersetzung ihres Briefes jetzt einen Bauauftrag für den Schreiner des Hauses. Am Nachmittag werde ich durch Yatu – meine burmesische Reisebegleitung – zur Shwedagon-Pagode geführt. Dieses beeindruckende Bauwerk wird von Buddhisten aus aller Welt aufgesucht und die Atmosphäre nach Einbruch der Dunkelheit, mit singenden Chören, Weihrauchduft und leuchtendem Gold ist bezaubernd und beruhigend zugleich.

Inle Lake
Inle Lake

24-26/05/2009 Lake Inle

Das Wetter bessert sich und nach einem Tag auf dem See sind leichte rötliche Farbtöne auf meiner Haut sichtbar. Obwohl im Augenblick fast keine Touristen in dieser Gegend sind, ist sie gut erschlossen und vermarktet. Die Preise haben sich angepasst und Kinder betteln nach Geld.

Auf dem regionalen Markt gibt es zurzeit Mangos und als mich Yatu um 20 Cent bittet, sage ich sie soll gleich zwei Stück kaufen und gebe ihr 50 Cent. Die Antwort: “Thomas, wir bekommen schon 15 Mangos”.

Ein Besuch im biologischen Agrarinstitut erweist sich als sehr interessant und verhilft mir zu neuem Saatgut für die Zucht im Kölner Garten. Kurze Unruhe herrscht als uns einer der Gärtner eine soeben erlegte Kobra präsentiert.

U Bein
U Bein

27-29/05/2009 Mandalay

Der Express-Bus fährt in 16 Stunden mit gezählten 61 Passagieren auf einer unglaublichen Piste nach Mandalay. Zeitweise sehe ich durch das Frontfenster nur Wald oder Felsen. Als wir am frühen Morgen ankommen, herrscht bereits wildes Treiben und drückende Hitze in den Straßen der Stadt. Das Hotel liegt zentral – so zentral, dass der Hauptmarkt direkt im Haus beginnt und damit auch ein Reizüberfluss aller Sinne.

Durch die Busfahrt sind die Füße angeschwollen und mittags erreichen die Temperaturen ihren Höhepunkt mit ca. 38 Grad. Nur gestern gab es eine leichte Abkühlung in den Wasserfällen bei Pyn U Lin.

Pyin U Lwin
Pyin U Lwin

Das beste Transportmittel in der Stadt sind Mopeds oder Trishaws, wobei letztere – ein Inder auf dem Fahrrad mit Seitenwagen – eine Qual für Fahrer und Beifahrer darstellen. Heute stehen neben einem Besuch der Blattgoldherstellung, Holzschnitzerei, Steinmetz, Wandteppichknüpferei sowie die anschließende Zugfahrt nach Bagan auf dem Plan. Auf dem Bahnsteig kochen, schlafen und “wohnen” bereits zahlreiche Reisende und das Bild gleicht einem Flüchtlingslager. Als der Zug um 1950 Uhr eintrifft, sehe ich die ersten Waggons und ich bete, dass dies die Vieh- oder Gepäckwaggons sein mögen. Zum Glück behalte ich Recht und die Superior Class ist um Längen besser. Breite gepolsterte Sessel und viele offene Fenster lassen auf eine angenehme Fahrt hoffen. Ganz falsch!

Mein Sessel zerfällt noch bevor sich der Zug bewegt. Kurz nach 2000 Uhr bewegen sich die Waggons in regelmäßigem Rhytmus nach links und rechts, es ließe sich vermuten, wir haben ein Schiff in Seenot gechartert. Es kommt aber noch besser. Nach kurzer Zeit werden alle Passagiere in regelmäßigem Takt aus ihren Sitzen katapultiert, denn es gibt jetzt Höhenschläge. Die jungen Mönche verfallen mit mir in ein schallendes Gelächter. Die Fenster erweisen sich als tückische Falle, denn im Zug brennt ununterbrochen Licht und schon nach kurzer Zeit schießen tausende Käfer durch das Fenster. Der Boden ist von ihnen bedeckt und um die Lampen schwirrten ganze Schwärme sowie riesige Libellen. Die Passagiere schlagen vergeblich mit Handtüchern um sich und verlassen fluchtartig ihre Plätze. Planmäßige Ankunft in Bagan ist 0300 Uhr, reale Ankunft 0530 Uhr.

Bagan
Bagan

30/05-03/06/2009 Bagan
Nach kurzer Taxifahrt und 10 USD Eintritt liege ich mit massiven Magenproblemen im Bett eines wunderschönen Hotels. Bagan stellt mit seinen über 2000 Pagoden auf 36 km² ein kulturelles Highlight in Südostasien dar. Jedoch begrenzt sich meine Aufnahmefähigkeit auf ca. 10 Tempel und danach genieße ich den Sonnenuntergang von einer Pagode aus 15 m Höhe.

03-05/06/2009 Yangon

Der Rückflug nach Yangon ist unproblematisch, nur müssen wir auf der Runway aussteigen, da unser Flugzeug plötzlich technische Schwierigkeiten aufweist. Yangon ist angenehm kühl und aufgrund der Schwierigkeit entsprechende Reisegenehmigungen zu erhalten und dem rasanten Schwund meines Bargeldes entschließe ich mich das Land zu verlassen. Myanmar hat viel zu bieten aber die Transportkosten sind erheblich und in der Regenzeit rät mir auch die Botschaft von der Südroute über Thailand per Schiff ab.

Bangkok - Siam Square
Bangkok - Siam Square

05-06/06/2009 Bangkok

Auf dem Flughafen treffe ich Kris, einen Stoffhändler aus Singapur und er hilft mir in Bangkok ein Hotel zu finden, das “zentral” liegt. Nachdem seine Empfehlung vollständig ausgebucht ist, lande ich mit Special-Discount im Partnerhotel der Kette – schräg gegenüber dem Nana-Entertainment-Plaza. Diese Einrichtung ist mir von meiner letzten Reise als “Vorhof der Hölle” in Erinnerung geblieben und ähnlich empfinde ich es diesmal. Der in Tiefrot getauchte Innenhof wird über drei Etagen von jeweils einem Vorbau umgeben. Aus allen Ecken dröhnt laute Musik und dazwischen das Kreischen der Thai-Girls und Lady-Boys, die jeden neuen Kunden begrüßen, wie Vampire frisches Blut.

Pattaya - Walking Street
Pattaya - Walking Street

06/06/2009 Pattaya

Pattaya ist vergleichbar mit der Bar in Mos Eisley auf Alderaan und wenn ich die Strandpromenade entlang gehe, pfeife ich diese Musik vor mich hin. “You will never find a more wretched hive of scum and villainy.” [Obi Wan Kenobi]

Beim Besuch des Fitnesscenters fühle ich mich in einen rauhen Knast versetzt, wo sich riesige tätowierte Bullen schniefend unter die Hantelbank zwängen um das Eisen mit ihren schweißnassen Körpern erschüttern zu lassen.

Mein Hotel liegt zentral im Herzen der “Walking Street” und mit leichtem Schmunzeln notiere ich die Gesichter der Hotelgäste und deren Begleitungen. Alte Kriegsveteranen im Rollstuhl, geschoben von Ladyboys oder bis über beide Ohren strahlende Mittfünfziger sitzen knutschend in einer Bar. Wenn ich tief in einige Gesichter blicke, frage ich mich was man für Geld alles kaufen kann und weigere mich dabei an Szenen aus Hostel zu denken.

08/06/2009 Pattaya Hash Run

Wie jeden Montag veranstalten die Pattaya Hash House Harriers einen Lauf durch den Dschungel und damit ein Highlight meines Aufenthaltes. Vor dem Start begrüßt man mich im Zirkel als “Virgin” und aus Freude über meine neuen Schuhe, darf ich direkt ein Bier aus selbigen trinken. Die fast 100-köpfige internationale Truppe größtenteils betagten Alters entstammt dem lokalen Mittelstand und so manche Falte und Narbe in den Gesichtern der Läufer lässt mich deren bewegte Biografien nur entfernt erahnen.

Mein Sponsor Hellboy gibt zu bedenken, dass er bei der Markierung des Laufes vor Anstrengung fontänenartig in die Landschaft gespeit und zusätzlich drei Schlangen aufgeschreckt hat. Spätestens der zweite Hinweis ist für mich das Signal niemals in Führung zu gehen. Der Lauf führt uns nur ca. 5 km über zwei Hügel in den Dschungel, durch zwei Meter hohes Schilfgras, vorbei an der Ranch von Thailands bekanntestem Rock-Star.

Nach dem Lauf sitze ich im elitären Kreis der Black Sheep und genieße französisches Baguette mit Lachs, Schinken und Muschelsalat im Sonnenuntergang. Die darauf folgenden Zeremonien beschreibe ich nicht im Detail. Diese Erfahrungen macht man entweder persönlich oder gar nicht.

Koh Samet
Koh Samet

09-11/06/2009 Koh Samet

Nach langer Busfahrt und überteuertem Fährticket sammle ich am White Sand Beach ernüchternde Erfahrungen bezüglich der Qualität der Hotelanlagen. Zwischen Hühnerstall und Luxusbaustelle ist alles vertreten. Bereits bei meiner Ankunft registrieren mich die Hunde am Strand und nach kurzem aggressiven Bellen bin ich als Rudelmitglied akzeptiert und habe permanenten Begleitschutz. Wie ich es jedoch geahnt habe, sind unter den zahlreichen Rudelmitgliedern heimtückische Tiere vertreten, die mich bei meiner Laufrunde am frühen Morgen als Frühstück in Betracht ziehen.

Die Schnorcheltour wird von drei halbstarken jungen Kerlen durchgeführt und das Speedboot scheppert in einer Geschwindigkeit über das offene Meer, dass wir Passagiere in kurzen aber regelmäßigen Abständen von den harten Sitzen geschleudert werden und ich die komplette Fahrt um Minimierung meiner Verletzungen bemüht bin.

Das traumhafte Frühstück am Strand kann ich aufgrund mangelnder Qualität nur bedingt genießen, was sich als umso besser für meine ständigen Begleiter herausstellt. Eine leichte Bewegung im Handgelenk um ca. 45 Grad und ich lasse den Schinken direkt in das Maul des Hundes fallen, der seine Schnauze ca. auf Tischhöhe direkt neben mir platziert hat.

Thank you!
Thank you!

Beijing

25-05-2008

Der olympische Geist prägt Peking ebenso wie die graue Dunstglocke, in die man sich bei der Landung auf dem Pekinger Flughafen begibt. Bereits beim Einchecken in Frankfurt bin ich überrascht, denn es gibt keine Warteschlange. Air Chine ist uneingeschränkt zu empfehlen, die Maschine, der Service und mein Platzangebot sind erstklassig. Das neue Terminal Drei des Pekinger Flughafens beeindruckt mich durch seine enorme Größe und Schönheit. Der Geruch neuer Kunststoffe, superscharfe Flachbildschirme und spiegelnde Fußböden hellen mein Bild vom Schwellenland China auf. Eine unglaubliche Spannung liegt in der Luft und alles Personal arbeitet bereits jetzt mit größter Effizienz und Tempo.

Wangjujing Dajie
Wangjujing Dajie

35 °C bei 73% Luftfeuchte. Englische Beschilderungen und ausreichend Personal erleichtern meinen Bustransfer in die Innenstadt. Die ersten Anfragen bei Hotels/Hostels enden ernüchternd. Absteige oder 90 Euro? Schließlich finde ich ein kommunistisch angehauchtes Hotel, direkt neben der Polizei. Das Bad ist neu, die Bettwäsche weiß, Klima, LAN, nur die Auslegeware fällt hochgradig durch – nicht betreten!

Peking ist extrem gut beschildert, außergeöhnlich sauber, es gibt weitaus weniger Verkehr als in Schanghai und viel mehr Grün. Olympia ist jederzeit spürbar und fortwährend sichtbar.

Die ersten Verhandlungen wurden bereits geführt und ich besitze nun auch Wechselwäsche. Sechs junge energische Damen haben förmlich gleichzeitig mit mir den Preis erörtert und mittlerweile weiß ich, dass nach dem Hundeblick der Schlag kommt.

Donganmen Night Market
Dong'anmen Night Market

Als der kleine Junge mein Zögern sieht, winkt er mich ganz freundlich zu sich ins “Restaurant”. Er reicht mir die Karte und seine Blicke bestätigen meine Vorahnung: keine Bilder und kein Englisch. Der Nachbartisch bestellt für mich und alle anderen Gäste wissen was ich essen werde. Inzwischen wandern gebratene Fleischspieße vom Nachbartisch zu mir und ich bestätige die freundliche Geste mit einem internationalen Grinsen. Gespannt warten nun die übrigen Gäste auf den Einsatz meiner Stäbchen. Nun sehe ich auch, was ich bestellt habe: Nudeln, Rindfleisch in Gemüse, Reis und Tee. Der Geschmack war herausragend und dafür runde ich die Rechung auch großzügig auf einen Euro auf.

Das so seriöse Hotel hat anscheinend ganz besondere Serviceleistungen zu bieten. Um 2200 Uhr klingelt mein Telefon und ich lehne die Massage freundlich verblüfft ab. Gehört das zum Service?

26-05-2008

Nach Reissuppe und Tofu mit Sellerie zum Frühstück startet heute Vormittag das Kulturprogramm. Wer mich kennt, kann bestätigen, dass ich ein großer Reisliebhaber bin aber nach diesem Frühstück verweigert der Magen auch mal gern das Mittagessen. Zuerst betrete ich den Platz zum Tor des himmlischen Friedens, den größten öffentlichen Platz der Erde. Im Anschluss führt mich der Touristenstrom auf direktem Weg durch die Verbotene Stadt, welche nicht weniger imposant ist. Der Eintrittspreis von 6 Euro für den Zugang zum Palast stellt auch heute noch für einfache Chinesen eine nahezu unüberwindbare Hürde dar. Auf dem Nachtmarkt Dong Hua Men gönne ich mir gebratene Larven und bin durch die horrenden Preise automatisch in Höchststimmung versetzt.

Summer Palace area
Summer Palace area

27-05-2008

Kulturprogramm! Die Ruinen des Alten Sommerpalastes befinden sich in einer 350 ha großen Parkanlage. Einige chinesische Schüler/Studenten nutzen die Kulisse für Aquarellmalereien und zeigen mir mit schüchternen Blicken ihre Kunstwerke. Mit einem “very interesting” oder “very beautiful” erzeuge ich jeweils ein lautes Kichern. Ein kleiner Irrgarten, in dessen Zentrum ein Pavillon steht, beschäftigt indes eine chinesische Touristengruppe. Wie kleine Kinder jagen die betagten Herren und Damen um die kopfhohen Mauern und freuen sich, wenn sie eine Sackgasse finden.

Um 1300 Uhr stehe ich vor dem Neuen Sommerpalast. Beim ersten Blick auf die Karte muss ich laut lachen und fühle mich wie im falschen Film. Der Plan vom Gelände ist gigantisch, was ich sofort durch ein Foto dokumentiere. Ich beschließe den zentralen See zu umrunden und nur einige Tempel anzusehen. Nach 3 Stunden verlasse ich in voller Ehrfurcht das Gelände. Allein die Umrundung hat 2 Stunden in Anspruch genommen. Natürlich stehen die Taxifahrer schon vor dem Ausgang bereit und winken mich zu sich heran. Nach kurzer Diskussion und einem lautem Lachen gehe ich zu Fuß weiter.

Beim Abendessen ziehe ich abermals die volle Aufmerksamkeit auf mich als ich versuche den Suppentopf auf dem Tisch mit meinen Stäbchen zu befüllen. Die Spritzer an der Wand hätten mich vorwarnen sollen, denn nach dem Essen konnte man die komplette Menüfolge auf meinem T-Shirt nachvollziehen. Egal, das Hemd hat nur 3 Euro gekostet.

28-05-2008

Regenerationstag. Um 0830 Uhr ist Treffpunkt am Hotel Lido zur gemeinsamen Wanderung in den Bergen um Peking. Mit einer kleinen Gruppe fahre ich in die nähere Umgebung der Stadt. Wie erwartet ist die Gruppe langsam und der Pfad bietet eine gute Abwechslung zum harten Asphalt in der Stadt. Zwei amerikanische Jungs erzeugen bereits vor Beginn der Tour bei der chinesischen Führerin leichtes Stirnrunzeln, als sie jedoch bei einem Bauern die Hühner jagen, bin auch ich amüsiert. Zum Abschluss der Tour findet sich natürlich ein Tempel und es gibt Bier, was ich für eine gelungene Kombination halte.

Um 1630 Uhr sind wir zurück und ich beschließe das Kunstviertel 798 zu besichtigen. Zwei Blöcke und ca. 2 km später stehe ich vor den ersten Comic-Helden der Neuzeit und einer alten deutschen Munitionsfabrik, umgebaut als Museum.

National Stadium
National Stadium

29-05-2008

Der chinesische probiotische Drink hat meinen Magen in unerwarteter Weise belebt und irgendwie fällt mir das Lächeln für die Damen an der Rezeption heute schwer. Chinesische Naturmedizin könnte helfen, also deute ich der Apothekerin mit einem Fingerzeig auf meinen Magen und hoffe, dass sie mir kein Abführmittel verschreibt.
Das Olympiagelände ist für Touristen leider nicht zugänglich aber über einige Baustellen gelange ich immerhin an den streng bewachten Zaun. Die Chinesen gehen da etwas offensiver vor, jedoch sind die Zäune besser bewacht als manches Militärgelände.

Am Nachmittag fahre ich zum Silk Market und nach den Gesichtern der Verkäuferinnen zu urteilen, stürze ich sie mit meinen Einkäufen in den Ruin. Ich komme nicht umhin, allen 6 Mädels ein Eis zu spendieren und ernte damit hunderte neidische Blicke von den Nachbarstädnen, denn sowas hat wohl noch kein Kunde getan.

Am Ausgang erwartet mich schon sehnsüchtig die alte Dame mit den Mützen. Ihr habe ich schon auf dem Hinweg versprochen 10 Mützen für die Kinder in Kashi abzukaufen. Der Preis ist jetzt natürlich höher aber für 0,50 Cent pro Mütze machen wir beide einen guten Deal.

Multilingual ads in Urumqui
Multilingual ads in Urumqui

30-05-2008

Für die heutigen Flüge bin ich gut vorbereitet, denn in meinem Handgepäck befindet sich eine Box mit Nudeln. Bereits auf dem Hinflug hatte eine Chinesin diese clevere Idee und der Duft hat sich durch das Lüftungssystem im gesamten Flugzeug verteilt.
Die Maschine ist älteren Baujahrs und mir ist nicht ganz klar, warum ich bereits vor dem Start die Abgase in der Kabine rieche. Mein Flug nach Kashi geht erst um 2000 Uhr, deshalb nehme ich in Urumqui ein Taxi und laufe ein paar Stunden durch die Stadt. Hätte ich gewusst, dass man die Gurte im Taxi nicht benutzt, wäre mir der fette schwarze Streifen auf meinem Hemd erspart geblieben. Urumqui ist von drei großen Kulturen geprägt, was man an der dreisprachigen Beschriftung in Chinesisch, Russisch und Arabisch deutlich erkennen kann.

Kashgar

Kaschgar liegt in der Xinjiang Provinz, westlich der Taklamakan-Wüste und ist der Schnittpunkt bedeutender Handelsstraßen. Die Stadt dient als den Ausgangspunkt für den Gobi March 2008 und ist für die nächsten Tage mein Zufluchtsort. Unser Hotel liegt mitten im Zentrum mit Blick auf eine riesige Mao Statue.
Frisch geduscht aber bereits wüstentauglich bekleidet, sichten Pierre und ich die Auftragungen des Frühstücksbuffets und schmunzeln über die Heldengeschichten und riskanten Abenteuer der Rentner am Nachbartisch.
Der Mix an Kulturen und Völkern in dieser Region ist außergewöhnlich. Auf unseren täglichen Fahrten in die Wüste passieren wir unzählige Eselskarren, Kühe und Dörfer, bestehend aus Lehmhäusern und kleinen Feldern. Die Zeit scheint hier vor 100 Jahren stehen geblieben zu sein. Als Proviant für den Tag kaufen wir Naanbrot, ein paar Bananen und Wasser auf dem Markt.

Old city of Kashgar
Old city of Kashgar

Passagen des Kurses sind nicht mit unserem 4×4 Jeep erreichbar, deshalb gehen wir große Abschnitte zu Fuß. Steinige und hügelige Ebenen mit riesigen ausgetrockneten Flussläufen prägen den zweiten Teil der Langen Etappe des Rennens. Zeitweise tauchen inmitten der Wüste Lehmhäuser auf oder Kamele stehen plötzlich vor uns. Sie sind definitiv nicht wild aber ein Besitzer ist weit und breit nicht zu sehen.

Hi!
Hi!

Da keine geeigneten Bezugspunkte zur Orientierung vorhanden sind, ist man ohne GPS in dieser Gegend verloren. Wenige Minuten reichen aus um über 800 m vom geplanten Kurs abzuweichen.
Auf dem Rückweg in die Stadt hält uns die örtliche Polizei fest und die Spannung in den Augen unserer chinesischen Begleiter ist deutlich erkennbar. Plötzlich kommt Nervosität auf, denn unsere Betretegenehmigungen für diese Gebiet sind hier anscheinend noch nicht angekommen. Pierre und ich grinsen uns an und spekulieren über eine Nacht im örtlichen Gefängnis.

Night Market
Night Market

Am späten Abend lassen wir uns auf den Nachtmarkt führen und genießen die regionalen Spezialitäten. Es gibt gekochte Nieren, Lunge, Leber, Hühnchen mit Nudeln und in Tee gekochte Eier. Als Nachtspeise empfiehlt man uns Joghurt mit frisch gehacktem Eis und Sirup. Äußerst bedenklich! Ich danach zu Pierre: “Das mit dem Eis war keine gute Idee aber wenn du gesehen hättest, wie die den Sirup abfüllen, dann hättest du jetzt schon Magenschmerzen.

Yurt
Yurt

Um 0010 Uhr klingelt das Telefon im Hotelzimmer und reißt mich aus dem Schlaf und ich verstehe ich kein Wort. Die Dame am anderen Ende der Leitung spricht Chinesisch. Zehn Minuten später klingelt es erneut und mir wird mitgeteilt, dass die Stromversorgung zwischen 0500 Uhr und 0600 Uhr unterbrochen wird. Danke für die Information! Um 0030 Uhr klingelt das Telefon erneut und die Dame entschuldigt sich für Ihren Fehler, die Warmwasserversorgung fällt aus. Ich muss laut lachen.

Thomas Bohne

Gobi March 2008

Die Gobi ist die größte Wüste in Asien und bedeutet im Chinesischen Fels- oder Gerölllandschaft. Zwischen Altaigebirge und dem tibetischen Plateau gelegen, erstreckt sie sich über riesige Teile Chinas und der Mongolei.

Course
Course

Nur wenige Menschen bekommen die Gelegenheit die entlegensten Winkel unseres Planeten zu bereisen. Mit einem sehr erfahrenen französischen Bergführer und zwei Guides aus Urumqui erkunde ich die Grenzregionen im Westen Chinas, um einen Kurs für die Teilnehmer des Gobi March zu finden. 180 Athleten aus 28 verschiedenen Ländern müssen in sieben Tagen 250 km zu Fuß und mit vollem Gepäck in der windigsten Wüste der Erde zurücklegen.

Start of Stage 5
Start of Stage 5

Ausgerüstet mit GPS, einem Jeep und viel Wasser machen wir uns auf den Weg. Nicht nur die Distanz und die Schwierigkeit des Terrains sind bei der Planung von Interesse, besonders eventuelle Sicherheitsrisiken, wie schnell ansteigende Flüsse oder Evakuierungsmöglichkeiten der Athleten im Notfall, spielen eine nicht unerhebliche Rolle.

Farmer in the Gobi
Farmer in the Gobi

Kartenmaterial gibt es hier keins. Nomaden weisen uns den Weg durch die Berge und Täler. Sie verstehen nicht was wir tun und nicht selten senden sie uns in die Arme der Polizei, statt uns den richtigen Weg zu weisen. Warum suchen diese Fremden einen Trampelpfad, wenn es doch eine Teerstraße gibt?
Die Gastfreundschaft ist groß, so übernachten wir oft in Bauernhäusern und essen sauren Yoghurt mit Naanbrot – eine willkommene Abwechslung bei über 30 Grad im Schatten. Am Abend versinke ich nicht selten im kühlen, braunen Wasser des Dorfbachs und atme den süßen Geruch der Schafwollteppiche beim Einschlafen.
Während die Athleten sich am Morgen auf den Start vorbereiten, sitzen wir bereits im Jeep und kontrollieren Teile der laufenden Etappe erneut. Nicht selten winken uns die Kinder in den Orten bereits mit unseren pinkfarbenen Fähnchen entgegen und die schnellen Athleten rücken unaufhaltsam von hinten näher.
Besonders die vierte Etappe hat mich begeistert. Die Markierungsarbeiten führen Pierre und mich über 16 km durch unbewohntes Gebirge. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man den Fuß auf den staubigen Boden setzt und nicht weiß, ob jemals ein Mensch zuvor diesen Ort betreten hat.

Mountains
Mountains

Am Horizont ragen die schneebedeckten Gipfel der Siebentausender in den Himmel. Shipton’s Arch liegt nahe Camp 4 und wurde erst im Jahr 2000 von einer Expedition wiederentdeckt. Dieser höchste natürliche Gesteinsbogen ist gigantisch in seinen Ausmaßen und überragt damit das Empire State Building. Ich stehe nur wenige Meter entfernt und blicke in die 350m tiefe Schlucht hinein – unglaublich.
Unsere größte Herausforderung steht noch bevor. Am fünften Tag wartet die längste Etappe auf die Athleten und damit auch 76 km Arbeit auf uns. Wie jeden Morgen verbringen wir viel Zeit damit, die bereits markierten Strecken erneut zu überprüfen. Zu groß ist die Gefahr, dass Markierungen verweht oder von Einheimischen sorgfältig entfernt wurden.
Das Rennen startet um 0800 Uhr und bereits nach wenigen Minuten stellen wir fest: Ein Checkpoint fehlt. Der Fahrer ist falsch abgebogen und nun zählt jede Minute, denn ohne Versorgung können die Athleten nicht weiterlaufen. Kurz darauf erhalten wir einen Anruf vom nächsten Checkpoint; er kann die richtige Position nicht finden. Die Zeit drängt und es sind noch 26km zu markieren. Pierre wird nervös und auch ich werde zunehmend unruhiger.

Die Sonne sticht unerträglich in meinen Nacken und erst gegen 1530 Uhr sind wir im Camp. Ich bin gefährlich dehydriert, denn die letzten Stunden waren extrem heiß. Lange Zeit liege ich im Schatten, im Bach, im Fahrzeug und erhole mich nur langsam.
Gegen 1900 Uhr brechen wir erneut auf, um Leuchtsticks für jene Athleten zu verteilen, die bei Nacht noch unterwegs sind. Im Dorf ist das unmöglich, wenn man sich umdreht fehlen bereits die ersten leuchtenden Markierungen. Sie üben eine magische Anziehungskraft auf die Bewohner aus. Erst gegen 0130 Uhr sind wir zurück.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich weit mehr als 250 km zu Fuß zurück gelegt und selten länger als 5 Stunden geschlafen. Das Course Team ist vor den ersten Athleten auf der Strecke und wenn überhaupt, dann meist erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Die dabei gewonnen Eindrücke und Erfahrungen sind unbeschreiblich und prägen die eigene Persönlichkeit in erheblichem Maße.

Cerro Pili – Acamarachi

06/04/2008

Am Morgen nach dem Abschlussbankett von Racing The Planet sitzen wir in gedrückter Stimmung in der Lobby von don Tomas und warten auf den Transferbus. Selbstverständlich hat der Busfahrer Zeit; die Fluggäste nicht. Nach 1,5-stündiger Fahrt zum Flughafen in Calama ist das Schweigen gebrochen und die kurze und unwirkliche Verabschiedung ist beinahe vorüber. Keiner weiß, ob wir uns jemals wiedersehen, aber wir verabschieden uns wie Schulfreunde, die sich am nächsten Morgen wieder begegnen. Über die Hälfte der Menschen in der langen Schlange vor dem Schalter grinst mir noch freundlich verschlafen entgegen, bevor ich das Terminal verlasse. Alte Bekannte!

Ich nehme ein Taxi in die Stadt. Der Taxifahrer ist der englischen Sprache mächtig und verlangt für die zehnminütige Fahrt auch gleich 10 USD. Nun stehe ich vor der Aufgabe einen Flug nach Santiago zu buchen, um am Freitag die Heimreise antreten zu können. Es folgen stundenlange Verhandlungen, Übersetzungsversuche mit “Google Translate” sowie eine weitere erfolglose Fahrt zum Flughafen, die ich hier nicht ausführen will. LAN Airlines hat einen äußerst günstigen Tarif für 400 USD einfach nach Santiago im Angebot. Als ich dem Flughafenpersonal freundlich mitteile, dass ich nicht die ganze Maschine kaufen möchte, verweist er mich freundlich an Sky Airlines. Diese verfügen allerdings nicht über eine englischsprachige Homepage. Am Abend, wieder in San Pedro angekommen, buche ich meinen Flug am Telefon für ca. 140 USD.

Im Hotel ist nun alles sehr still. Seit langem habe ich nicht mehr dieses Gefühl der Leere verspürt. Ich vermisse meine neuen Freunde. Ein Straßenköter weckt mich liebevoll mit seiner Zunge an meinem Ohr, nachdem ich auf einer Bank eingeschlafen bin. Unter der Bank lagen inzwischen drei weitere. Am Abend gehen Frederik und ich mit drei weiteren Verbliebenen in San Pedro essen. Noch nie haben US-Amerikaner einen solch überheblichen und arroganten Eindruck bei mir hinterlassen wie an diesem Abend.

William, Thomas, Frederik
William, Thomas, Frederik

07/04/2008

Am darauffolgenden Morgen bereiten wir mit William, unserem Fahrer und Guide, die Reise vor und brechen mittags ins Altiplano auf. Ab 4000m Höhe liege ich völlig apathisch auf der Rückbank unseres zuverlässigen Toyota Hilux. Bereits auf 4700 Metern Höhe und nach drei Stunden Fahrt halten wir an. Die nächsten Stunden werden zur Qual. Der erste Akklimtisierungsberg ist Lascar, mit 5592m. Frederik schafft es als einziger bis zum Krater auf 5500m. Meine Finger liegen gefühllos in den Handschuhen, die Sonne brennt auf der Haut und hämmernde Kopfschmerzen lassen mich das Gefühl von Übelkeit im Magen fast vergessen.

Die folgende Nacht in 4500m wird lang und kalt. Wir campen am Fuße des Berges Chiliques, um uns an die Höhe zu gewöhnen und einen zeitigen Aufstieg zu ermöglichen. Der Vulkan zählt mit immerhin 5778m zu einem der schwierigsten der Gegend. Gegen 2000 Uhr verkrieche ich mich in mein Zelt und wache nach geschätzten zwei Stunden Schlaf um 0500 Uhr morgens auf.

Tent
Tent

08/04/2008

Die Zeltdecke glitzert mir im Schein der Lampe entgegen und ich realisiere: die Temperaturen sind weit unter 0°C. Der Kocher rauscht los und beginnt das Eis für den Tee aufzutauen. Gegen 0600 Uhr beginnen wir den Aufstieg in der Morgendämmerung. Auch dieser Tag wird kein Erfolg für mich. William und Frederik brechen bechen bei 5400m ab und auch ich fühle mich nach einigen Kletterpassagen auf 5500m nicht mehr sicher und kehre um. Chiliques imponiert mir, der mächtige schwarze Kegel steht wie ein Turm in der kargen weiten Landschaft.

Die Fahrt runter nach San Pedro ist dringend nötig und wir sind froh über ein Bett für diese Nacht. Beim Abendessen treffen wir Marc Bishop. Er berichtet uns über wöchentliche Opfer auf dem Kili in Afrika und ermahnt uns zur Vorsicht. Unsere Körper sind zu erschöpft um ruhig zu schlafen und ich verschiebe die endgültige Entscheidung über eine Besteigung des Pili bis zum Morgen.

Frozen Lake
Frozen Lake

09/04/2008

Gleich nachdem ich den Speisesaal betrete, erfahre ich von der Hotelbesitzerin, dass der Haushund mit meinen Handschuhen gespielt hat und diese nun gevierteilt sind. Egal! Das Frühstück ist südamerikanisch schlecht. Nach dem zweiten Frühstück mit William brechen wir zum Basislager auf. Es geht in 4 Stunden über den Paso Jama und durch Schotterebenen auf 5000m. Wir schlagen die Zelte auf und ich liege bereits 1900 Uhr in meinem Wechsel Pathfinder Zelt. Mein Oberkörper liegt leicht erhöht auf dem Rucksack und ich atme in unterirdisch tiefen Frequenzen.

Summit
Summit

10/04/2008

Ohne Schlaf und in Eiseskälte brechen wir um 0500 Uhr zum Gipfel auf. Das Wetter ist traumhaft und die Sonne erwärmt den Berg schnell. Nach 7,5 Stunden erreiche ich den falschen Gipfel, eine halbe Stunde später den richtigen. William und Frederik gehen eine andere Route, sind aber 2 Stunden später auch auf dem höchsten Punkt weit und breit. Die Sicht ist unglaublich, das Gefühl überwältigend aber gleichzeitig beunruhigend. Endlich, der erste 6000er in meinem Leben und wahrscheinlich auch der letzte für lange Zeit. Der Abstieg dauert zwei Stunden und die steilen Stücke vergehen wie im “Flug”.

11/04/2008

Nach einer ruhigen Nacht in einem sehr schönen Hostel lassen wir den Tag entspannt beginnen. Ich bin deutlich erschöpft und genieße das bunte Treiben bei einem Spaziergang durch San Pedro. Ein Chilene im Reisebüro ist vollkommen verblüfft über unsere Besteigung des Pili und auf Anhieb schießt der Name unseres Führers aus seinem Mund. “Es gibt nur wenige so Verrückte hier …”

Als Frerderik vorsichtig anfragt, ob wir denn heute eine lockere Runde laufen wollen, erstrahlt mein Gesicht vor Freude. Ich hatte es nach der Tour am Vortag nicht gewagt diese Frage zu stellen. William ist über uns beide schon längst nicht mehr verwundert. Wir laden seine Familie zu den wohl größten Hähnchen in Chile und Pommes ein. Am Abend laufen wir los und aus der halben Stunde wurde ein zweistündiger Wüstenlauf. Unbeschreiblich!

12/04/2008

Die Heimreise beginnt mit dem frühen Transfer zum Flughafen. Morgens sind die Temperaturen auch in Calama noch sehr niedrig und die Flugzeuge bekommen ausreichend Auftrieb beim Start. Bevor die perfekt spanischsprachige Stewardess die Gepäckfächer schließt, weist mich Frederik auf die fehlende Verkleidung der Kabelschächte im Gepäckfach hin. Kurz darauf stellt der Pilot die Maschine beim Start beinahe auf den Kopf. Das Unterhaltungsprogramm hält den gesamten Flug an, denn so lange benötigen die Stewardessen ungefähr, um Essen und Getränke fachgerecht zu verteilen.

In Santiago sollte das Chaos nicht abreißen. Mein Flug nach Sao Paulo wird um knappe fünf Stunden verschoben und ich werde kurzerhand zum nächsten Gate zum Boarding geschickt. In einer kleinen Maschine hebe ich mit weiteren sieben deutschen Passagieren ab und hoffe nun auf eine reelle Chance auf den Anschlussflug ab Sao Paulo. Zudem genieße ich den Luxus als einziger Passagier zwei Sitze beanspruchen zu können und schlafe auf dem Koffer der Stewardess friedlich ein. Als ich ein Rumpeln verspüre, wache ich auf und registriere augenblicklich die steife und aufrechte Haltung der anderen Fluggäste. Ich blicke aus dem Fenster, sehe Dschungel und schnalle mich intuitiv an. Nach der Landung begrüßt uns der Pilot im Nirgendwo und die Stewardess fragt mich auf spanisch, ob ich eine Einreiseerklärung für Paraquai benötige. Ich: “Wie bitte?”

Nur wenige Minuten später ist klar, dass der Anschlussflug nach Sao Paulo in einer Stunde abfliegen wird. Zwei Stunden später beginnt das Boarding und wir heben kurz darauf ab. In Sao Paulo bleiben uns genau zehn Minuten, um von einem Ende des Flughafens durch die Sicherheitsschläuse (eine für alle Passagiere) zum anderen Ende zu gelangen und das auf uns wartende Flugzeug zu erreichen. Geschafft, dachte ich abermals. Leider haben wir unsere Tickets bereits in Santiago gegen die Bordkarten eingetauscht und die Airline hat damit ein Problem. Ein Telefonat reicht aus um dieses Problem zu beseitigen und kurze Zeit später sind wir über den Wolken gen Heimat.

Atacama Crossing 2008

Samstag, 29. März 2008. 71 Sportler aus 21 verschiedenen Nationen treffen in San Pedro de Atacama, einem kleinen Wüstenort im Norden Chiles, ein. In den folgenden sechs Tagen werden sie in der trockensten Wüste der Erde eine Strecke von 250 km mit vollem Gepäck zu Fuß bewältigen. Racing the Planet lässt Sportler mit der 4-Deserts Serie in den vier lebensfeindlichsten Wüsten der Erde an ihre Grenzen stoßen. Als freiwilliger Helfer bekam ich die Gelegenheit, über 200 km mit den Läufern zurückzulegen und dabei, bei einem der härtesten Rennen der Welt, einzigartige Persönlichkeiten zu begleiten.

Ärzte, Juristen, Militärs, Unternehmer, abenteuerlustige Rentner, ein blinder Koreaner mit seinem Sohn und einige der bedeutendsten Ausdauerathleten unserer Zeit bilden einen bunten, quirligen Haufen.

Nervosität liegt in der Luft beim Check-in vor dem Start. Die Sorgfalt der Verpackung lebenswichtiger Utensilien variiert zwischen klinisch perfekt und abstrakt künstlerisch. Auch die Waage verzeichnet signifikante Unterschiede. Rucksäcke wiegen zwischen 5,2 und 16 Kilo und müssen während des gesamten Rennens getragen werden. Nur Schlafzelte und Wasser stehen in den Camps zur Verfügung.

Basecamp
Basecamp

Basecamp – der staubige und heiße Wüstenwind reißt eine Schneise in das erste Nachtlager auf 3200m. Die Zelte zerfetzen wie dünnes Papier. Wenige Augenblicke später taucht die Abendsonne die Vulkane im Hintergrund in ein glühendes Rot und die Temperaturen fallen schon bald unter den Gefrierpunkt. Nur wenige Wettkämpfer machen in dieser ersten Nacht vor dem Start ein Auge zu.

Die Schnellsten benötigen für die ersten 41,4 km ca. 4,5 Stunden. Als „Sweeper“ begleite ich das Ende des Feldes und bin nach über 10 Stunden in sengender Hitze, mit knappen 40 Grad im Schatten, ebenfalls im Camp. Das Zelt der Ärzte ist wie jeden Abend noch lange hell und von schmerzverzerrten Gesichtern geprägt.

Ganz nach italienischer Art sitzt Nicola Benetti neben dem Feuer und peppt seine Fertigsuppe mit Olivenöl und Parmesan auf. Neugierige Blicke folgen und schon bald gehen die heißen Töpfe und Becher reihum. Auch meiner gefriergetrockneten Erbsensuppe aus Deutschland kommt hier ungeahnte Beliebtheit zuteil. Bereits in der zweiten Nacht wiegen sich die dunklen Schatten einzelner zwischen den Dünen, denn der eisige Wind ist harmlos im Vergleich zu schnarchenden Nachbarn im Zelt.

Salt Flats
Salt Flats

Die Vielseitigkeit der Atacama ist atemberaubend. Flimmernde Schotterebenen, gleißend helle Salzebenen, hohe Sanddünen und zahllose enge Schluchten mit eisigen Strömen prägen den Kurs. Die vierte Etappe führt durch die weiten Salzebenen und stellt eine der größten Herausforderungen dar. Knietief krachen die Beine in die scharfen Salzkrusten und reißen so manche Laufschuhe samt Gamaschen in Stücke. Während ich die ersten Athleten kraftlos an den Checkpoints zurücklassen muss und das Rennen für sie damit beendet ist, zieht beim Lager erneut ein Sturm auf. Sechs Zelte werden vollständig zerstört und Athleten, die versuchen ihre Zelte am Boden zu halten, werden herumgeschleudert und von umher fliegenden Teilen zum Glück nur leicht verletzt.

Awesome!
Awesome!

Die fünfte Etappe ist mit 73,6 km die längste des Rennens. Salzebenen, riesige Sanddünen und eine endlose Spur von Leuchtsticks, in eisiger Dunkelheit, prägen diese Etappe. Um 24 Uhr sind mehr als 2/3 der Teilnehmer noch auf der Strecke und als ich um 01:00 Uhr Checkpoint 20 erreiche, zeichnet sich ein düsteres Bild ab. Dunkle Schatten liegen in Schlafsäcke gehüllt, wie Raupen, am Boden. Eisiger Wind lässt die erschöpften Muskeln in kurzer Zeit auskühlen und jeder Kilometer wird zur Ewigkeit. Durch das Tal des Mondes, eine der Haupt-Touristenattraktionen der Region, und über einen ausgetrockneten Wasserfall, erreichen einige das Camp erst in den Morgenstunden.

Geschafft! Nach sechs Tagen sind 63 Teilnehmer im Ziel. Als einziger Deutscher belegt Joey Kelly einen hervorragenden vierten Platz und der Ultraausdauerathlet Dean Karnazes aus den USA gewinnt das Rennen.

Pablo, Thomas, Dean
Pablo, Dean, Thomas

Wieder einmal haben Menschen ihre persönlichen Grenzen durchbrochen um einen neuen Weg zu beschreiten.

Thomas Bohne

Chile

Valparaiso
Valparaiso

21/03/2008 – Valparaiso

Ankunft in Santiago nach 13 +4 Stunden Flugzeit mit TAM und LAN. Danach gehts direkt weiter nach Valparaiso, ein kleines Städtchen an der Küste. Um ca. 1500 Uhr bin ich im Hostel, einem “First Class Dorm”, eingetroffen. Für 11 Euro mit einem traumhaften Frühstück ist das ein guter Deal.

Valparaiso ist in einer Bucht gelegen und der historische Stadtkern zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt worden. Wenn nicht gerade ein Hund im Weg liegt oder ein Obdachloser an ein Auto, möglicherweise auch Haus, uriniert, kann man die Stadt durchaus mögen.

Der Hafen ist bedeutend für Chile, das Militär ist ebenfalls präsent. Frische Fischsuppe gabs erwartungsgemäß zu fairem Preis. Das Brot mit dem Knoblauchdip war sehr lecker, zum Leid meiner Mitbewohner.

22/03/2008 Valparaiso – Antofagasta

Mein Dorm war nur für diese Nacht verfügbar und Valparaiso hat mich nicht beeindruckt, deshalb ist heute Reisetag. Nächster Stop: Santiago, danach Antofagasta.

Antofagasta downtown
Antofagasta downtown

23/03/2008

Nach 18 Stunden im Bus bin ich endlich in Antofagasta angekommen. Oma Ilsi helfe ich noch schnell beim Gepäck verladen, nachdem sie mich im Bus mit gesüßten Papayas gemästet hat. Um 0830 Uhr begebe ich mich auf die Suche nach einem Hostel. Die Menschen sind besonders freundlich und sprechen perfektes Spanisch als ich sie am Sonntag Morgen aus dem Bett klingle. Auch die Hunde haben mich heut morgen zum Fressen gern. Sie treten in Rudeln auf und sind spontan aggressiv wenn man ihr Revier, den Gehweg, betritt.

Das Hostel Dakota ist sehr einfach und ich ersteigerte das kleinste und dunkelste Zimmer im Keller, ohne Fenster. Der Duftstein im Bad haut mich fast um. Die Stadt ist sehr lang und industriell geprägt. Einen richtigen Strand gibt es nicht, dafür einen Hafen mit Seelöwen und riesigen Meeresschildkröten. Das Wasser ist kalt und eignet sich ausschließlich zum Surfen mit Neo. Die Chilenische Luftwaffe zeigte am Nachmittag mit einer beeindruckenden Flugshow ihre Künste.

Antofagasta - La Portada
Antofagasta - La Portada

Vom Sonnenbrand gezeichnet habe ich mich spontan für einen Besuch beim Friseur entschieden. Durch meine weitreichenden Spanischkenntnisse wurde die Unterhaltung so lustig, dass wir, die Friseurin und ihre Tochter, spontan in ein Restaurant gefahren sind. Danach besuchten wir noch La Portada, das Wahrzeichen der Gegend. Im Anschluss genossen wir einen Kaffee am Flughafen und besichtigten alte Burgruinen bei Nacht. Ein gelungener Abend!

Iquique, central square and opera
Iquique, central square and opera

24/03/2008

Nach einem spärlichen Frühstück im Hotel genoss ich eine meiner beliebten Empanadas im Bus und fuhr weitere sechs Stunden Richtung Norden nach Iquique. Die Stadt am Meer ist mit 230 000 Einwohnern eine kleinere Hafenstadt am Rande der Atacama. Alte Gebäude prägen das Zentrum und für viele Chilenen ist es ein beliebter Urlaubsort.

Mein Hostel ist diesmal ansprechend und direkt im Zentrum gelegen. Auch hier spricht kein Mensch Englisch. Ich mag die Stadt!

25/03/2008

Ein Highlight dieses Tages ist der Strandlauf am Morgen. Der Strand ist riesig und der Pazifik unruhig und kalt.

Humberstone
Humberstone

Am Nachmittag besuche ich die verlassene Wüstenstadt Humberstone. Sie liegt ca. 70km östlich Iquiques, an der Panamerikana. Hinwärts fährt ein städtischer Bus für zwei Euro. Die spanische Wegbeschreibung zur Haltestelle war irreführend und nachdem ich das zweite Mal vollkommen falsch abgebogen bin, hat mich ein Einarmiger zur Haltestelle geführt. Mein freundlichen Lächeln suggeriert oft Verständnis. Meist verstehe ich kein einziges Wort, nicke aber höflich.

Die alte Förderstadt ist beeindruckend und es sind kaum Besucher anwesend. Die Stille der Wüste und die brennende Sonne lassen die alten Häuser und Förderanlagen wie einen Friedhof erscheinen. Ich genieße die Ruhe und bin erstaunt, dass sich diese Woche schon mehrere Deutsche ins Besucherbuch eingetragen haben.

Der Rückweg gestaltet sich nun etwas kompliziert, da die Stadt mitten im Nichts liegt, das heißt es gibt auch keine Busse. Zwei chilenische Urlauberinen helfen mir beim Hitchhiking und wir fahren mit zwei jungen Kerlen in einem tiefergelegten Honda in atemberaubend kurzer Zeit zurück. Keiner von uns dreien redet auch nur ein Wort während der Fahrt.

26/03/2008

Die Fahrt nach Calama dauert länger als geplant, denn unterwegs werden wir Opfer des Zolls. Die Durchsuchung nach Lebensmitteln findet routinemäßig auf dieser Strecke statt, denn die Einfuhr ist verboten. Diesen Risikos war ich mir bewusst als ich nach Iquique gefahren bin, denn meine teuren gefriergetrockneten Mahlzeiten standen schließlich auf dem Spiel. Jedoch befindet sich im Handgepäck auch noch eine ganze Ladung der geliebten Empanadas.

Nach 7 Stunden ohne Klimaanlage erreichen wir Calama. Mein Pulsmesser bestätigt mir mit freundlichem Piepen, dass die Kopfschmerzen in 3000m Höhe begründet sind. Calama selbst liegt etwas tiefer, ändert aber nichts an den Kopfweh. Im Footprint Guide ist kein Plan der Stadt eingezeichnet und mit 120 000 Einwohner ist sie auch nicht in 5 Minuten erschlossen. Die Hotelsuche erkläre ich zum heutigen Highlight des Tages. Sie kostet Nerven. Zwei Stunden laufe ich mit zwei Rucksäcken durch die engen Gassen und finde nix, außer natürlich einem Doppelzimmer zum Preis von einem Einzelzimmer (auf Nachfrage) für 80 Euro und einem Lächeln. Ich ziehe die Absteige für 12 Euro vor, da singen wenigstens die Straßenarbeiter ein Lied wenn sie von Arbeit kommen. Vom Zimmer und den sanitären Anlagen berichte ich nicht.

Am Tourist-Office hängt ein Zettel, auf dem steht, dass die Mine für Besucher geschlossen sei, man aber um 1000 Uhr am Eingang eine Alternativtour anbietet.

Copper Mine Radomiro Tomić
Copper Mine Radomiro Tomić

27/03/2008

Die Tour findet wie geplant statt und 4 freundliche Österreicher mit Obstler und 3 weitere Deutsche sind ebenfalls mit von der Partie. Unsere freundliche Führung zieht die volle Aufmerksamkeit auf sich und entlockt so manchem älteren Herren ein kleines aber scharfes Grinsen.

Die weltgrößte Kupfermine Chuquicamata ist für Besucher nicht zugänglich, da die Aussichtsplattform im Zuge der Abbauarbeiten “entfernt” wurde. Radomiro Tomic ist wesentlich kleiner, hinterlässt dennoch bei uns allen einen überwältigenden Eindruck. Alles ist riesig in dieser Mine. Die Steintransporter sind gigantisch und mit 4,5 Mio USD und einem Eigengewicht von über 200t äußerst imposant. Bei Versuchen mit autonomen Fahrzeugen wurde ein kleineres Fahrzeug versehentlich überrollt, man arbeitet an einer Verbesserung der Software.

Am Abend fahre ich mit dem Bus nach San Pedro begegne den ersten Gesichtern vom Team von Racing the Planet.