86 Stunden Hochgenuss – Tor des Geants 2016

© Judy Ng

Tor des Geants ist ein außergewöhnliches Trail-Rennen am Fuße der höchsten Viertausender der Alpen: Mont Blanc, Monte Rosa, Gran Paradiso und dem Matterhorn. Patagonia Ambassador Thomas Bohne finishte die 339 Kilometer lange Reise mit einem zermürbenden Anstieg von 24 000 Höhenmetern in 86 Stunden, inklusive 3.5 Stunden Schlaf, und belegte damit den 6. Gesamtrang.

Mein Abenteuer begann etwas holprig. Als Nicht-Favorit musste ich mich in der Startaufstellung ganz hinten einreihen und konnte mich nur langsam und unter den verständnislosen Blicken der anderen Läufer nach vorn durchzwängen. Etwa einhundert Athleten befanden sich noch vor mir, als die Musik allmählich lauter wurde; ein deutliches Zeichen dafür, dass der Start kurz bevorstand. Der Sprecher schrie in das Läufermeer, die Athleten streckten ihre Stöcke empor, klatschten und Wellen der Begeisterung erhoben sich. Plötzlich plätscherte es neben mir leise. Eine blonde Läuferin mit blauem Röckchen hatte mir vor Aufregung auf die Schuhe gepinkelt und lächelte mich jetzt ganz verlegen an. Das geht ja gut los, dachte ich in diesem Augenblick.

© Neyroz Giorgio Augusto
© Neyroz Giorgio Augusto

Die ersten Meter vergingen wie im Flug unter dem tosenden Applaus der Zuschauer, doch bereits hinter Courmayeur wurde der Weg schmaler und ich steckte im staubigen Läuferstau. Während die Spitze des Feldes ihr eigenes Tempo bestimmen konnte, blickte ich im zäh fließenden Läuferstrom sorgenvoll auf meine Uhr. Einzelne Läufer verließen den Weg, um unter enormer Anstrengung den Berghang auf direktem Weg zu erklimmen, nur um sich wenige Meter weiter vorn wieder in die lange Schlange einzureihen. Erst später wurde der Pfad breiter und ich konnte mein Tempo aufnehmen.

© Judy Ng
© Judy Ng

Aller Anfang ist schwer

Noch vor dem ersten Pass gab mein rechter Laufstock unerwartet nach und zerbrach in zwei Hälften. Im Angesicht der baumelnden Carbonhälften kam ich ins Grübeln. Hatte ich doch vor dem Lauf meiner Partnerin Judy versichert, dass der Tor des Geants ohne Stöcke fast nicht laufbar sei, stand ich jetzt im Schlamassel. Sie sollte mich eigentlich nicht betreuen, sondern als freiwillige Helferin die Organisation im einhundert Kilometer entfernten Cogne unterstützen. Als ich im ersten Downhill gleich noch schwungvoll auf einem Kuhfladen wegrutschte und unsanft seitlich aufschlug, beschloss ich Unterstützung anzufordern. Ihre Reaktion kam nicht unvermittelt. “Wie bitte? Deine Stöcke sind am ersten Anstieg gebrochen? Ich bin schon in Cogne”, antwortete sie überrascht. Später erhielt ich unbemerkt eine SMS mit dem Inhalt: “Schaffst du es ohne Stöcke bis Cogne?” Darauf folgte: “Deine Stöcke warten in Cogne auf dich.”

Im ersten Talort La Thuile herrschten tropische Temperaturen und die Verpflegungsstation war proppenvoll. Die erhoffte Einsamkeit des Rennens war hier nicht im Entferntesten zu spüren. Wasser auffüllen, ein paar Scheiben Schinken und Kekse fassen, dann schnurstracks in Richtung Rifugio Deffeyes. Ab und zu ließen mich Läufer vorbei, doch gelegentlich war ihr Ehrgeiz so groß, dass geschickte Überholmanöver gefragt waren. Kurz vor Deffeyes erblickte ich erstmals bekannte Gesichter aus der Vorstellung der Top-Athleten. Scheinbar haben die nen schlechten Tag, dachte ich zunächst.

© Thomas Bohne
© Thomas Bohne

Hochalpiner Zauber

Oberhalb der Baumgrenze wurde die Landschaft sehr karg. Wir balancierten über Felsblöcke und liefen über goldgelbe Hochalmwiesen. Der Herbst war hier bereits ganz nah. Große Granitblöcke, steile Schotterrampen und blaue Seile an exponierten Stellen zählten zu den Schmankerln der nächsten Kilometer. Hier oben fühlte ich mich wohl, hier war ich zu Hause.

Auf dem Abstieg vom 2829 Meter hohen Col Crosatie steht das Denkmal des chinesischen Läufers Yang Yuan, der hier 2013 als Teilnehmer des Tor des Geants ums Leben kam. Der Stein enthält die Inschrift eines Gedichtes, das er selbst verfasst hat. Im Vorbeilaufen bemerkte ich, wie der Läufer vor mir das Denkmal als kleine Geste der Anteilnahme berührte. Ich tat es ihm gleich.

Die erste große Basisstation nach fünfzig Kilometern und 4747 Höhenmetern war der Ort Valgrisenche. In einem dunkel vertäfelten Gastraum standen feierlich eingedeckte Tische mit Wasser und Colaflaschen bestückt. Die führende Frau, Silvia Trigueros Garrote, saß als einzige im Raum an einem der Tische. Sie war über ihren Teller gebeugt und aß wortlos. Ich nahm an einem der anderen Tische Platz und gab meine Bestellung auf. Nach einer Portion Pasta verließ ich den Verpflegungspunkt und befand mich auf Silvias Fersen.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Trilogie des Leidens

Bei Einbruch der Dunkelheit setzte leichter Regen ein und wir stiegen zusammen zum Chalet de l’Epee auf. Die Kameras klickten beim Betreten der Hütte, denn Silvia war der Star des Abends. Jede ihrer Bewegungen wurde dokumentiert. Wir tranken ein paar Becher Cola und knabberten ein paar Nüsse. Ab einer Höhe von 2500 Metern nahm der Sauerstoffgehalt merklich ab und mein Motor verlor an Leistung. Bei jedem Meter pochte mir das Herz bis in den Hals und die Lichtkegel meiner Verfolger schienen immer näher zu kommen. Am nächsten Gipfel, dem Col Fenêtre auf 2854 Metern, trennten sich unsere Wege. Auch wenn mir die folgenden Anstiege auf den Col Entrelor (3002 Meter) und Col Loson (3299 Meter) zu schaffen machten, konnte ich in den nächtlichen Abstiegen regelmäßig Athleten überholen und Plätze gutmachen. Besonders dankbar war ich hier meiner Lupine Piko, die bei 20 Stunden Akkulaufzeit solide 150 Lumen Ausleuchtung lieferte. Gute Sicht ist besonders bei den anspruchsvollen Abstiegen ein entscheidender Vorteil.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Wunden lecken in Cogne

Nach 106 Kilometern erreichte ich im Morgengrauen die Basisstation Cogne. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht stand Judy vor mit und begrüßte mich voller Freude. Die rettenden Stöcke standen bereit. Nach kurzer Versorgung einiger Scheuerstellen dachte ich an die Worte meines Lauffreundes Axel Zapletal und entschloss mich, dreißig Minuten zu schlafen. Die kurze Pause war zwingend notwendig, auch wenn mich in dieser Zeit sieben Läufer überholten.

© Luca Perrazone
Gemeinsam mit dem Lokalheld Marco auf altem römischem Pflaster. © Luca Perrazone

Aufholjagd mit Hupkonzert

Bereits kurz hinter Cogne konnte ich die ersten Läufer, die mich während der Ruhepause überholt hatten, einsammeln. Darunter war auch Marco, ein Läufer aus der Aosta-Region und frenetisch gefeierter Lokalheld. Marco blieb mir den ganzen Tag auf den Fersen und wir lieferten uns ein Verfolgungsrennen über 50 Kilometer bis zur nächsten Basisstation Donnas. Mit dabei war seine Fangemeinde, die ihn in jeder Verpflegungsstation euphorisch empfing und uns auf Teerpassagen im Autokorso mit Hupkonzert verfolgte. Offensichtlich kannten sie jede Stelle, die mit dem Auto erreichbar war, denn die Hupen waren schon von weitem zu hören.

Die letzten Meter nach Donnas setzten mir zu, denn Temperatur und Luftfeuchte ähnelten dem Innenraum einer Sauna nach dem Aufguss. In der Basisstation angekommen, streckte mir Judy gleich ein Handtuch entgegen und ich tapste zur Abkühlung unter die Dusche. Im Duschraum stutzte ich verblüfft, denn vor mir standen Marco mit seinem größten Fan – seiner Frau. Wahnsinn, fehlte nur noch die Vuvuzela. Vor der Weiterreise stand noch eine Massage auf meinem Programm, denn scheinbar hatten meine Knie die ersten einhundert Kilometer ohne Stöcke weniger gut verkraftet als angenommen und schwollen an. Beim Ablegen des Oberkörpers fiel dieser direkt in einen fiebrigen Ruhezustand und die Erschöpfung war erstmals deutlich spürbar.

© Jeantet Stefano
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Rolling Stones Blockkonzert

Obwohl die Hälfte der Strecke noch nicht absolviert war, befanden wir uns nach Donnas auf der Alta Via 1 und damit auf dem Rückweg nach Courmayeur – eine entscheidende Motivationsstütze. Die ersten Meter hinauf bis nach Sassa waren beschwerlich und Marco konnte sich leicht absetzten, ja sogar eine zehnminütige Schlafpause in Sassa einlegen, bevor ich zu ihm aufschloss. Erst mit steigender Höhe kam mein Motor wieder in Fahrt. Kurz vor dem Rifugio Coda Metern überschritt ich in völliger Dunkelheit einen Bergrücken und blickte von über 2000 Metern in die festlich beleuchtete Po-Ebene Italiens. Ein warmer Windhauch blies mir ins Gesicht und ich fühlte mich wieder wohl. Als ich die quietschende Tür vom Rifugio Coda öffnete, klatschte das Team der Hütte zur Begrüßung, darunter die derzeit Erstplatzierte Lisa Borzani. “Hello Thomas, welcome”, sagte Lisa. Die Stimmung im wohlig warmen Gastraum war ausgelassen und nach einer Schale Spaghetti entschied ich mich zu einer zweistündigen Schlafpause im Rifugio. Zum Glück wurde die Begrüßung der nachfolgenden Athleten mit Kuhglocken für diesen Zeitraum ausgesetzt.

© Jeantet Stefano
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Während meines Schlafes überholten mich fünf Athleten, zu denen ich jedoch wieder aufschließen sollte. Das Gelände war technisch anspruchsvoll. Wir balancierten durch steiles Blockgelände mit Pfützen und Bächen. Jeder Fehltritt konnte mit dem sofortigen Aus bestraft werden. Im Schatten des nächsten Berges konnte ich den schwachen Schein eine Stirnlampe ausmachen, die sich allerdings sehr langsam zu bewegen schien. Es war Silvia, die mittlerweile Zweitplatzierte. Sie stolperte wie ein Zombie von Stein zu Stein. Als ich bei ihr war, fragte ich sie: “Did you sleep?” Silvia verneinte. Sie hatte Magenprobleme, doch ihr Ehrgeiz schien grenzenlos. “You should sleep Silvia, otherwise your race will be over soon”, sagte ich fürsorglich. Nachdem ich im Rifugio Balma bereits die zweite und bis dahin köstlichste Portion Pasta mit Tomatensoße verschlungen hatte, stand Silvia in der Tür und fragte nach einem Schlafplatz. Ich war beruhigt, warf schnell noch ein, zwei Scheiben hauchdünnen und saftigen Schinken ein und begab mich hinaus in den Mantel der Nacht auf Verfolgungsjagd.

Der anspruchsvolle Steig über Col della Vecchia trieb mir ein breites Schmunzeln ins Gesicht. Es war schier unvorstellbar, dass diese Passagen auch nur tagsüber in einem Rennen in Deutschland auftauchen könnten. Jeder Fehltritt wäre bitter bestraft worden und auch nach fast zwei Tagen Rennen war volle Konzentration gefragt. Präzise platzierte ich die Stockspitzen auf den breiten Blöcken, um mich an den meterhohen Stufen abzustützen. Behutsam wie eine Katze schlich ich übr wackelnde Blöcke und auf abschüssigen Steigen unter Felswänden entlang.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Der Abstieg nach Niel war mit sechs Kilometern angegeben und sollte zu den längsten sechs Kilometern meines Lebens zählen. Auf einen langen technischen Abstieg folgte eine Metallleiter, zahlreiche Anstiege und ein endloses Auf und Ab auf Waldwegen.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Bier, Wein, Hüttenkäse

In Niel traf ich auf den Ultra-Veteran Philippe Verdier, der sich auf Position Neun befand. Mit Top-Ten Platzierungen beim UTMB, Badwater und Platz 15 beim Marathon des Sables zählt er zu den Urgesteinen der Szene. Ich entschied mich, die nächsten Kilometer mit ihm zu laufen, denn zur Abwechslung sprach er Englisch und war ein angenehmer Gesprächspartner. Kurz vor Gressoney verweilten wir an einer Käsealpe. Gleich beim ersten Stück Käse zündete ein Geschmacksfeuerwerk in meinem Gaumen, was sichtlich zur Freude des Almbauern beitrug. Auf Wein und Bier verzichteten wir hier, doch ein beherzter Griff auf das Käsetablett ließ sich nicht vermeiden.

An der Basisstation in Gressoney mussten meine Füße versorgt werden und ich ließ erneut meine Knie behandeln, die mir immer mehr Sorgen bereiteten. Trotz der längeren Pause hatte ich an der nächsten Station Alpenzu wieder zu Philippe aufgeschlossen und wir marschierten gemeinsam hinauf zum Col Pinter auf 2776 Meter. Kurz vor dem Pass konnten wir zwei Verfolger ausmachen. Einer davon war mir bekannt, den anderen konnten wir überhaupt nicht einordnen. Oben auf den Pass haten beide zu uns aufgeschlossen und ich fragte: “Where are you from?” “I am from Germany”, antwortete Jens Lukas aus Deutschland. Die deutsche Trail-Legende war mir bis dahin unbekannt, sollte aber auf den nächsten Kilometern zu einem festen Begleiter werden. Zu viert trabten wir den Abstieg hinunter und stolperten kurz vor Champoluc in eine Bauernstube in Cuneaz – Refuge Vieux Crest. Während vor der Hütte ein Wolkenbruch niederging, standen wir vor dem köstlichsten Buffet der gesamten Tour. Ein Paradies aus Joghurt mit Früchten und Müsli breitete sich vor uns aus. Tomaten, Käse, Kuchen waren aufgetischt. Die mütterliche Wirtin fragte freundlich: “Kann ich euch sonst noch etwas bringen?” Philippe brachte uns mit seiner Antwort: “Ja, ein Beef-Steak”, etwas in Verlegenheit und handelte dann doch noch Spiegeleier für uns raus. Nach einem Espresso ging die Reise nach Champoluc weiter, wo wir mit vollen Bäuchen lediglich Wasser auffüllten und sich die Gruppe trennte.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich das Rifugio Grand Tourmalin und entschied, den Abstieg nach Valtournenche schnellstmöglich im letzten Tageslicht zu versuchen. Kurz nach mir erreichte auch Jens Lukas Valtournenche und wir befanden uns damit auf Rang neun und zehn. Für uns beide war das eine Spitzen-Platzierung, die es zu halten galt. Deshalb sagte ich zu Jens: “Ich will die nächsten 50 Kilometer ordentlich Druck machen, dann können wir morgen Nacht in Courmayeur ins Ziel laufen. Kommst du mit?” “Ich bin dabei”, antwortete Jens. Nach einem Glas Bier trabten wir gemeinsam mit etwas Abstand vor unseren Verfolgern in die Nacht.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Der deutsche D-Zug

Schnell hatten wir Rifugio Barmasse am Fuße des großen Staudammes erreicht und trafen kurze Zeit später am Versorgungspunkt Vareton ein. In einer Betonnische wurden wir von etwas groben aber umso herzlicheren Landwirten mit warmen Getränken versorgt, bevor wir erneut in die Nacht galoppierten. In der mittlerweile dritten nahezu schlaflosen Nacht ließ die Konzentration bei uns beiden etwas nach. Jens bemerkte leichte Störungen seines Gleichgewichtssinnes. Auf einer kurzen Querfeldein-Passage passierte es dann. Jens stolperte und schlug mit dem Schädel auf einem Stein auf. Eine Platzwunde über dem rechten Auge war das Resultat; zum Glück kein Grund das Rennen abzubrechen.

Die nächsten Kilometer kosteten Kraft, denn wir befanden uns dauerhaft über 2500 Metern und hatten unzählige Anstiege zu bewältigen. Einmal leuchteten hunderte helle Punkte vor mir auf und ich senkte ungläubig die Stirnlampe, um sie dann erneut zu heben. Die Punkte waren noch da und wir schlichen leise durch eine schlafende Kuhherde, um die Tiere nicht zu erschrecken. Nachts herrscht eine ganz besondere Stimmung im Hochgebirge. Schwarze Konturen zeichnen den Horizont, kleine Spinnen krabbeln am Boden und es herrscht eine friedliche Stille, die nur vom Wind und fließendem Wasser unterbrochen wird.

© Jeantet Stefano
Rifugio Cuney © Jeantet Stefano

Die Zeitangabe von den Helfern aus Varaton bis zum nächsten Verpflegungspunkt hatten wir längst überschritten und wir liefen verzweifelt weiter, ohne auch nur ein kleines Licht am Horizont zu sehen. Ich fragte mich, wie die nur auf diese Zeiten kommen und lag Jens damit in den Ohren. Vor uns lag ein extrem steiler und technischer Abstieg. Im Mondlicht konnten wir erkennen, wie ein Fluss etwa eintausend Meter unter uns schimmerte. Scharfe, kopfgroße Steine, hohe Absätze und rutschige Rampen erschwerten jeden Meter bis ins Tal. Endlich im Tal angekommen, waren wir völlig entkräftet und konnten immer noch keinen Schimmer von Rifugio Magià ausmachen.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Nach einigen Minuten tauchte sie dann auf, diese rettende Insel des Lichts im Dunkel der Felswände. Die Versorgungsstation erschien unwirklich, denn Rifugio Magià ist neu errichtetes Hotel mit edler Ausstattung. Schlapp sanken unsere verschwitzen und entkräfteten Körper auf einen Holztisch. In diesem Augenblick gesellte sich Miso zu uns, er ist der Trainer von Lisa. “Jungs”, sagte er, “etwa 90 Prozent der Läufer machen hier Pause und eure Verfolger liegen 1:45 Stunden hinter euch.” Alles klar, dachte ich. “Lass uns 45 Minuten schlafen und danach nehmen wir den nächsten Anstieg in Angriff”, schlug ich Jens vor. Er willigte ein und Miso überredete die Wirtin mit seinem italienischen Charme, uns eine Portion Nudeln zu kochen. Wir legten uns hin, doch vor Schmerzen konnte ich kaum schlafen und wachte immer wieder auf.

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Mit warmen Nudeln im Bauch starteten wir die nächste Eintausend-Meter-Rampe hinauf zum Rifugio Grand Tourmalin. Wie ein deutscher D-Zug schnieften wir im Mondlicht die Anstiege hinauf und wechselten regelmäßig die Führung. Jens und ich machten Tempo und arbeiteten hart. Im Biwak Clermont tranken wir süßen Tee, dann Suppe und verweilten sprachlos im Sonnenaufgang auf knapp 2800 Metern. Im Biwak sagte uns ein Bergführer: “Oyace könnt ihr in einer Stunde erreichen.” Diese ambitionierte Zeitvorgabe für den zehn Kilometer wurde durch seine Frau bereits auf anderthalb Stunden relativiert, doch auch das war ambitioniert. Ich fluchte zu Jens: “Weiß der nicht, dass wir über 200 Kilometer in den Beinen haben? Eine Stunde. Was soll der Scheiß?”. Die Zeitvorgabe bis Oyace hielten wir nicht, doch vor Oyace sammelten wir den verletzten Marco auf. Im Verpflegungspunkt beendete Marco unterspektakulärem Applaus und dem Schluchzen seiner Fans sein Rennen und Miso entgegnete uns völlig perplex: “Was ist denn mit euch los? Ihr lauft derzeit die schnellsten Zwischenzeiten bis auf den Führenden.”

Noch ein Berg stand zwischen uns und der letzten Basisstation in Ollomont. Wir ließen es ruhig angehen, passierten unterwegs noch Lisa, die führende Frau. Auf einer Schotterstraße kurz vor Ollomont setzte sich Jens von mir ab, denn ich konnte vor Blasen kaum noch auftreten. Er war in deutlich besserer Verfassung. Beim Erreichen der Station standen mir die Tränen in den Augen. “Wir haben die ganze Nacht hart geackert”, wisperte ich Judy zu.

Zielgerade über die Zugspitze

Jens und Lisa verließen die Station vor mir, denn ich musste meine Blasen versorgen lassen und meine wurden Knie erneut leicht massiert. Erst danach konnten meine letzten 50 Kilometer beginnen. Lisa holte ich bereits am Rifugio Champillon ein und trabte dann gemächlich in Richtung Saint-Rhèmy en-Bosses. Im Ort traf ich auf Miso, der mir sagte, dass das Wetter bald umschlagen sollte. Judy teilte mir per Telefon mit, dass meine Verfolger weit hinter mir seien. So konnte ich mein Tempo weiter flach halten. Mit diesem Platz hatte ich mehr erreicht, als ich mir vor dem Rennen ausgemalt hatte. Im Rifugio Frassati stand ein warmer Ofen im Raum und ich wurde von Niccolo freundlich eingeladen, das Rifugio nach dem Lauf erneut zu besuchen. Gern, dachte ich. Wie wäre es mit Übermorgen?

Kurz hinter dem Rifugio Frassati nahm der Wind an Fahrt auf und die Temperaturen fielen drastisch. Mütze, Jacke und lange Hose waren jetzt angesagt. Um 21 Uhr stand ich bei pfeifendem Wind, Eiseskälte und Nebel am Col Malatra – einem Pass, der immerhin auf Zugspitz-Niveau rangiert. Ich liebe diese rauen Momente, denn sie zeigen, wieviel Kraft und Energie in der Berglandschaft stecken und wie klein wir Menschen doch sind.

© Judy Ng
Endlich im Ziel © Judy Ng

Kurz hinter dem Pass war es nahezu windstill, nur ein Landregen machte den Abstieg zur fröhlichen Schlitterpartie. Ich hatte Spaß am Laufen. Voller Optimismus führte uns die Rennleitung in dieser Austragung querfeldein zum nächsten Pass, bis sie uns nach einem langen Downhill auf die breite Wanderautobahn des Tour du Mont Blanc führte. Schier endlos lang erschien mir dieser Weg in der Nacht zum Rifugio Bertone. “You have a very good split”, sagte einer der Helfer in gehobenem Alter. “I have finished TOR four times”, fügte er hinzu. “You should go now.”

Um 24.03 Uhr lief ich in Courmayeur über die Ziellinie, begleitet von Judy und unzähligen Erinnerungen. Dieses Rennen hat mir viel abverlangt und all die Erfahrung erfordert, die ich in den vergangenen 15 Jahren als Trail-Läufer erworben habe. Tor des Geants hat mir allerdings auch viel gegeben. Der Lauf durch diese Landschaft war ein Hochgenuss und ich wurde immer wieder daran erinnert, wie wertvoll und zerbrechlich die Welt ist, in der wir uns bewegen.

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6. Platz gesamt und 1. Platz Veterans (20 – 39 Jahre) © Judy Ng

Matterhorn Ultraks

© Thomas Bohne

Das Skyrace um das luxuriöse Schweizer Feriendorf Zermatt ist zweifellos etabliert. Thomas berichtet vom Kampf mit den besten der Welt am Fuße der Matterhorns.

© Thomas Bohne
Das Schweizer Feriendorf Zermatt präsentiert sich ganz ursprünglich. © Thomas Bohne

Der Besuch im Schweizer Feriendorf Zermatt beginnt mit dem bekanntesten Schweizer Verkehrsmittel – der Eisenbahn. Spätestens fünf Kilometer vor der Ortschaft Täsch bleibt das Auto stehen, denn Zermatt ist seit 1931 autofrei. Abfahrt ist im modernen Matterhorn Terminal, ein nüchterner Betonklotz, der für die Abfertigung von tausenden Touristen optimiert ist. Die rot-weißen Waggons sind mit großen Glasfenstern ausgestattet, die Gäste sind international und wie es sich für Schweizer Bahn gehört, ist sie pünktlich.

Luxusdorf made in Switzerland

Gleich nach der Ankunft in Zermatt fallen die Blicke auf Werbetafeln von Restaurants: Walliser Käsefondue für 25 Schweizer Franken oder ein Vier-Gänge-Menü für 72 Franken. Schnell wird klar: Zermatt liegt preislich auf hohem Niveau, touristisch rangiert es auf Weltniveau. Elektrokarren und Golfkarts surren mit Koffern und Gästen beladen durch die Gassen. “Abgasarm und nachhaltig”, so präsentiert sich Zermatt auf seiner Webseite. Liebevoll dekorierte Holzfassaden beherbergen die Designerlabels dieser Welt und Nobelhotels bieten bis zu 17500 Touristen ein Bett für die Nacht. Vergleichsweise gering erscheint dagegen die Einwohnerzahl von 6000.

© Judy Ng
© Judy Ng

Hoch oberhalb dieses bunten Treibens thronen die höchsten Viertausender der Schweiz mit ihren imposanten Eiswänden. Wie ein Denkmal thront zwischen ihnen das bekannteste Wahrzeichen des Landes – das Matterhorn. Bei der Erstbesteigung vor 150 Jahren herrschte eine völlig andere Atmosphäre in Zermatt. Das Alpendorf war nur über Saumpfade erreichbar und übte deutlich weniger Anziehungskraft auf Bergsteiger und Touristen aus. Damals galt das Matterhorn noch als unbezwingbar. Die steilen Flanken dieses Monolithen erzählen noch heute die dramatische Geschichte der Erstbesteigung. Beim Wettlauf auf den Gipfel kam es zur Katastrophe verloren vier Bergsteiger ihr Leben, obwohl sie vorher als erste Menschen auf dem höchsten Punkt dieses Berges standen.

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Die Besteigung zählt mittlerweile zum Standardprogramm der Bergführer in Zermatt. © Judy Ng

Matterhorn – Das Wahrzeichen

Mittlerweile gehört die Besteigung zum Standardprogramm der Bergführer in Zermatt und auch die Trail-Läufer haben die Gemeinde im Wallis für sich entdeckt. Das kommt nicht von ungefähr. In diesem Jahr versammelten sich nahezu zweitausend Athleten aus 51 Nationen an der Startlinie der Läufe des Matterhorn Ultraks. Darunter tummelte sich auch die internationale Berglauf-Elite, doch die ist sicher noch kein Garant für die Attraktivität des Rennens. Die Region Zermatt hat viel zu bieten für Trail-Läufer.

Die Strecke

Das Rennen führt vom Kirchplatz im Zentrum über einen steilen Pfad direkt hinauf zum Gornergrat auf 3135 Meter. Beim Erreichen des Grates stockt vielen Läufern der Atem, denn unter ihnen erstreckt sich die zweitgrößte zusammenhängende Gletscherfläche der Alpen und vor ihnen posiert eindrucksvoll das Matterhorn im Morgenlicht. Spitzenläufer legen die 1500 Höhenmeter und 14 Kilometer in eineinhalb Stunden zurück. An der Verpflegungsstation gibt es warmes isotonisches Getränk, Wasser, Tee und zahlreiche Snacks. Auf meinen Kommentar: “Super, dass ihr warme Getränke habt”, entgegnet mir der Schweizer lässig: “Ja, sunsch isch des doch en Scheiß.” Die Zermatter haben gelernt, was für Trail-Läufer in dieser Höhe wichtig ist.

© Judy Ng
Megan Kimmel © Judy Ng

Beim ersten langen Abstieg folgen die Läufer nicht nur den Wegen, vielmehr laufen sie direkt von Markierung zu Markierung. Geschickt wie eine Herde Gämse bricht das Feld in Rekordtempo den Berg herunter. 51 Nationen verschwimmen, alle verfolgen ein Ziel. Wenn politische Debatten doch nur auch so einfach wären.

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Marc Lauenstein © Judy Ng

Gegen Mittag ändert sich das Wetter. Ein Wolkenteppich legt sich über den Alpenhauptkamm und es fällt Regen. Auf über zweitausend Metern sinken die Temperaturen rasch und es wird windig und kalt. Einige werfen Regenjacken um, andere ziehen sich Handschuhe über, wieder andere laufen einfach weiter. Pflichtausrüstung gibt es keine. Die Zermatter Organisatoren wissen: Auf zweitausend Metern findet man die Freiheit nur mit einem gesunden Maß an Selbstverantwortung. So richtiges Absturzgelände gibt es beim Ultraks ohnehin nicht.

Meine Muskeln verhärten spürbar in der Kälte, doch das Tempo der Spitze bleibt konstant hoch. Einige Walliser Schwarznasenschafe lässt das Geschehen völlig kalt und sie grasen gemütlich auf dem Trail, während die Athleten im Eiltempo über oder an ihnen vorbei rasen – typisch Schweizer Gelassenheit eben. Gelegentlich erlauben kleine Wolkenfenster den Blick auf die weiß-blauen Flanken des Breithorns oder einen der anderen 37 Viertausender der Umgebung. Wer hier den Begriff Skyrunning verwenden möchte, der liegt sicherlich richtig.

© Thomas Bohne
Schweizer Musik gehört zum Rahmenprogramm des Rennens – Alphornbläser. © Thomas Bohne

Wenige Kilometer vor dem Ziel fällt die Strecke nahezu senkrecht ab in den Ort Zermatt. Über rutschiges Kopfsteinpflaster schlittern die Läufer die letzten Meter durch die schmalen Gassen, eng umsäumt von japanischen Touristen, die gar nicht so richtig wissen, was um sie herum geschieht. Ein Gefühl von Chamonix kommt kurzzeitig auf. Dann ist das Ziel erreicht und die Zeit steht still. 46 Kilometer traumhafte Trails sind vorüber und Zermatt hat erneut bewiesen, dass es auch für Trail-Läufer zu den Top-Adressen zählt.

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«16K» Herren
1. JODIDIO ALEX (SUI) 1:23 Stunden
2. BETRISEY YVAN (SUI) 1:27 Stunden
3. DRION MAXIMILIEN (BEL) 1:27 Stunden

«16K» Damen
1. VILLUMSEN KATRINE (DEN) 1:39 Stunden
2. PFAMMATTER PRISKA (SUI) 1:59 Stunden
3. MARIE PATUREL (FRA) 1:59 Stunden

«30K» Herren
1. RODRIGUEZ ETIENNE (AUS) 3:04 Stunden
2. CASCIO JAMIE (USA) 3:07 Stunden
3. GILLIÉRON CHRISTOPHE (SUI) 3:10 Stunden

«30K» Damen
1. CROFT RUTH (NZL) 3:22 Stunden
2. PONT COMBE SÉVERINE (SUI) 3:26 Stunden
3. SCHILD SIBYLLE (AUT) 3:33 Stunden

«46K» Herren
1. LAUENSTEIN MARC (SUI) 4:47 Stunden
2. MATHYS CHRISTIAN (SUI) 4:51 Stunden
3. TAMANG TIRTHA (NEP) 4:53 Stunden

«46K» Damen
1. KIMMEL MEGAN (USA) 5:23 Stunden
2. MERTOVA MICHAELA (CZE) 5:46 Stunden
3. CHIRON CÉLIA (FRA) 5:51 Stunden

Alle Ergebnisse

Wettersteinrunde

© Thomas Bohne

Diese Tour führt auf traumhaften Trails um den Wetterstein-Hauptkamm entlang der Lieblingsplätze von König Ludwig II.

Anreise
Mit dem Auto oder der Bahn nach Garmisch-Partenkirchen. Start der Tour ist am Olympiastadion vor der Skischanze in Partenkirchen.

Tourdaten
50 Kilometer mit 3600m Anstieg/Abstieg

Schwierigkeit
Sehr lange Tour auf traumhaften Trails, die enorme Ausdauer, Trittsicherheit und alpine Erfahrung erfordert. Dank der zahlreichen Abstiegswege und Hütten lässt sich die Tour problemlos verkürzen oder auf zwei Tage aufteilen.

Partnachklamm
Die Partnachklamm zählt zu den touristischen Highlights in Garmisch-Partenkirchen und wird täglich von zahlreichen Touristen bestaunt. © Thomas Bohne

Wegbeschreibung

Gleich zu Beginn führt euch der Weg durch die Partnachklamm mit dem kristallklaren und tosenden Bach, der täglich von Touristenscharen besucht wird. Über den Kälbersteig gelangt ihr zum Königshaus am Schachen. Der botanische Garten am Schachen ist einzigartig und lädt zu einem Besuch ein. Der Weg führt nun hinauf zum höchsten Punkt der Tour, der Meilerhütte. Der anschließende Abstieg über den Söllerpass auf den Südsteig ist der technisch schwierigste Teil und erfordert absolute Trittsicherheit.

Wetterstein-Südsteig © Thomas Bohne
Der Wetterstein-Südsteig zieht sich über zahlreiche Bergrücken entlang der Südseite des Wetterstein-Massivs. © Thomas Bohne

Anschließend lauf ihr auf traumhaften Trails über zahlreiche grüne Bergrücken entlang der massiven Südwände des Wetterstein. Über das Gatterl gelangt ihr in wenigen Minuten zur Knorrhütte. Der Abstieg zur Reintalangerhütte erfordert erneut volle Konzentration. Erst im Anschluss lauft ihr auf traumhaften Pfaden durch das Reintal. Weniger Minuten nach der Bockhütte gelangt ihr auf eine Forststraße, die euch zum Ausgangspunkt der Tour führt.

Die Tourdaten findet ihr ebenfalls auf Strava und bei GPSies.

INOV-8 Trail Talon 275

© Thomas Bohne

INOV-8 Trail Talon 275

Der Trail Talon ist mit 275 Gramm ein sehr leichter Schuh für weiche und trockene Trails. Auf Gras- und Waldböden fühlt er sich pudelwohl und das Profil greift zuverlässig. Nässe und Fels kann der Trail Talon bewältigen, kommt jedoch schnell an seine Grenzen. Die Sohle mit 8mm Sprengung sorgt für ausreichend Dämpfung und ermöglicht lange, ja sogar sehr lange Distanzen. Der Vorfußbereich bietet den Zehen viel Platz, wenn sie anschwellen. Das Innenfutter ist kuschelweich und trotzdem sitzt der Schuh ganz gut am Fuß.

© Thomas Bohne
INOV 8 Trail Talon © Thomas Bohne

Langzeittest

Bei Tor des Geants wurde der Schuh auf die Probe gestellt und hat nicht enttäuscht. Der Tragekomfort war besonders nach einer 200 Kilometer Vorbelastung noch sehr hoch und die Dämpfung ausreichend. Auch bei Nässe konnte der Trail Talon 275 überzeugen. Einzig der Halt an der Ferse war etwas zu locker, das lässt sich allerdings beim sonst so weichen Innenleben kaum verbessern. Die Verarbeitung scheint makellos, der Schuh hat 150 Kilometer im Hochgebirge bei Nässe schadlos überstanden.

Saucony Peregrine 6

© Thomas Bohne

Wer den Schuh das erste Mal in den Händen hält, dreht ich meist sofort um. Sofort sticht beim Saucony Peregrine die giftgrüne Sohle ins Auge. Im Test konnte mich die Sohle auf weichen Böden überzeugen, im Fels ist der Halt mäßig. Die Abnutzung der Sohle ist auch nach vielen Kilometern sehr gering.

Dem Vorfuß bietet der Peregrine sehr viel Platz, was besonders bei Ultras zum Komfort beiträgt. Die Dämpfung ist gut, allerdings für ganz lange Distanzen nicht ausreichend. Im Dauertest war der Vorfußbereich nach 200 Kilometern komplett durch und ich musste den Schuh wechseln. Das Außenmaterial ist robust und weich. Es bietet nur mäßig Schutz vor harten Kanten und spitzen Steinen.

Die Verarbeitung sollte verbessert werden. Der Zehenschutz löste sich nach 300 Kilometern ab und seitliche Klebestellen gingen auf.

Vorschau: Tor des Geants 2016

Tor des Geants

Courmayeur –  Tor des Geants (TDG) ist ein echtes Abenteuer, das mehr von seinen Läufern abverlangt als Training. Extreme Willensstärke und Durchhaltevermögen sind nötig, um die 338 Kilometer und 24 000 Höhenmeter der Haute Route des Aostatals in Italien zu bewältigen. An der ersten Austragung in 2010 nahmen bereits 330 Läufer teil. Innerhalb weniger Jahre erreichte das Rennen enorme weltweite Aufmerksamkeit, so dass 2016 insgesamt 828 Teilnehmer aus 71 Ländern angetreten waren.

Tor des Geants ist einzigartig, denn die Läufer erleben die wilde Landschaft des Aostatals, werden mit einer ungeahnten Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen und nicht zuletzt mit ihrem eigenen Selbst konfrontiert.

Strecke Tor des Geants  © 2016 Google
Strecke Tor des Geants
© 2016 Google

Die Strecke beginnt am Fuße des Mont Blanc in Courmayeur und führt über 25 Bergpässe über 2000 Meter und durch 34 Gemeinden. Insgesamt sind 24 000 Höhenmeter Anstieg und genauso viel Abstieg zu bewältigen. Auf ihrem Weg begegnen ihnen die Giganten der Alpen: Monte Rosa, Mont Blanc, Matterhorn und Gran Paradiso. “This is a route FOR giants OF giants”, sagte Alessandra Nicoletti, die Präsidentin von Valle’d Aosta Trailers.

Tor des Geants
Distanz: 338 Kilometer
Auf- und Abstieg: 24 000 Höhenmeter

© Jeantet Stefano
© Jeantet Stefano

Laufsteg der Bergziegen

Am Abend vor dem Lauf werden die Top-Favoriten im Zentrum von Courmayeur vorgestellt. Die Veranstaltung ähnelt einer Modenschau, nur das die Models bis auf den schmalen Körperbau nichts mit Modemodels gemein haben. Sie sind braun gebrannt, ihre Haut wirft Falten und ihre Körper sind drahtig. Ihr Laufstil ist dynamisch und voller Energie. Am meisten faszinieren mich jedoch die leuchtenden Augen vieler dieser Athleten. Sie sind gekommen, um ihrer Leidenschaft nachzugehen – dem Laufen in den Bergen. Sie sind die Weltelite der Ultraläufer, die Bergziegen dieses Planeten, und sie werden morgen mit mir in Courmayeur an der Startlinie stehen. Ich habe viel Respekt vor diesem Rennen und vor diesen Gegnern, doch es freut mich ebenso mit ihnen diese Leidenschaft zu teilen. Ein Abenteuer steht bevor, ich bin bereit.

GAP Pub Run

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Jeden Mittwoch um 19 Uhr treffen sich auf dem Rathausplatz von Garmisch-Partenkirchen Läufer zum GAP Pub Run. Der gemeinsame Lauf führt nicht – wie von einigen erhofft – von Kneipe zu Kneipe, sondern über feinste Trails der Garmischer Hausberge. Erst im Anschluss steht eine kühle Erfrischung im Irish Pub auf dem Programm.

Gestern konnten die 29 Jungs und Mädels auf einer Sieben-Kilometer-Strecke die neuen Modelle der Adidas Terrex Serie ausprobieren. Mit dabei war unter anderem der schottische Laufprofi Robbie Simpson, der derzeit in Mittenwald lebt und trainiert.

Eingeladen ist jeder, der Lust und Laune hat. Informationen zum Lauf findet ihr auf der Webseite von Sport Conrad.

Zane Grey 50 – The United Trails of America

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Wer kennt schon den härtesten 50-Meilen-Lauf der USA? Als ich vor drei Jahren durch die menschenleere Prärie Arizonas fuhr, hatte ich keinen Schimmer vom Zane Grey 50 Mile Endurance Run. Auf meiner Reiseroute vom Grand Canyon nach Phoenix bog ich irgendwann einfach vom Highway ab und fuhr in Richtung Nirgendwo. Die Wüstenlandschaft verwandelte sich in goldgelbe Grasflächen und später in endlose Kiefernwälder. Vereinzelt standen Bauernhöfe in der Landschaft. Davor parkten oft bullige Pick-Up-Trucks und ein paar Pferde. Dieses Bild entsprach exakt meiner Vorstellung vom Wilden Westen.

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Irgendwann rollte mein Wagen durch die Siedlung Pine – der Ortsname beschreibt die Lage sehr anschaulich. Pine ist umgeben von einem Meer aus Kiefern mit einem Hauch Wildnis: Bären, Elche, Pumas und Klapperschlangen sind hier zu Hause. Pine ist außerdem der Ausgangsort des Zane Grey Highline-Trail. Im Zentrum des Ortes steht der Sidewinder Saloon. Statt Pferden parkten davor riesige Pickup-Trucks und auf Hochglanz polierte Harley-Davidson-Motorräder. Im Saloon herrschte reghaftes Treiben. Die kernigen Bardamen hinter dem breiten Holztresen bedienten ihre Cowboy-Kundschaft in Arbeitsklamotten und mit großen Hüten. “Was willst du, Kleiner?”, rief mir eine der Ladys entgegen? “Ein Sidewinder-Burger mit Coke”, antwortete ich möglichst selbstbewusst.Bloß nicht auffallen, sonst gibt’s hier gleich ne Schießerei, dachte ich. Ich konnte nicht wissen, dass mir gleich einer der saftigsten Burger der Staaten serviert würde. Damals war ich am Vortag des Rennens in Pine, konnte aber keine Läufer oder Anzeichen einer Laufveranstaltung erkennen. Fasziniert vom wilden Charme dieser Gegend, kehrte ich nach Deutschland zurück. Zu Hause angekommen, erkannte ich, welchem Juwel ich da begegnet war.

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Die Renndaten:

  • 50 Meilen (etwa 80 Kilometer)
  • 10 000 feet (3048 Meter) Anstieg
  • 9 000 feet (2743 Meter) Abstieg
  • Streckenrekord: 07:51:07 Dave Mackey

Der schwierigste, härteste und schönste 50-Meilen-Lauf

Der Zane Grey Highline Trail ist kein Rundkurs; er führt entlang der Mogollon-Kante, der Südwestkante des Colorado-Plateaus, durch die endlosen Kiefernwäler Arizonas. Zane Grey war ein amerikanischer Schriftsteller und Frauenheld, der zwischen 1923 und 1930 regelmäßig Zeit in seiner Blockhütte in diesen Wäldern verbrachte. Die Laufstrecke ist technisch schwierig und das Wetter unterliegt extremen Schwankungen. “Läufer müssen sich auf unbeständige Bedingungen einstellen: Hitze, Kälte, Regen, Hagel, Blitze und Flussdurchquerungen”, schreibt der Veranstalter.

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Von den 17 Athleten, die 1990 bei der Premiere am Start standen, erreichten nur sechs das Ziel. Passend dazu lautet der erste Punkt im Reglement: “No whining!” Sympathisch, nicht? Vereinzelt mischen sich auch Spitzenläufer in das limitierte Teilnehmerfeld von etwa einhundert Läufern: Scott Jurek, Karl Meltzer, Nikki Kimball oder Tony Krupicka sind alle Finisher des Zane Grey 50. Krupicka schreibt auf seinem Blog zum Rennverlauf: “Ich habe mindestens zwei Dutzend Elche gesehen (sehr cool) und die erste von zwei Klapperschlangen, über die ich spontan springen musste, da sie auf dem Trail lag (nicht so cool).”

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Nach mehreren Anläufen konnte ich 2016 endlich einen Startplatz ergattern. Beim Check-In kam mir einer der Athleten bekannt vor und ein Blick auf die Teilnehmerliste bestätigte meine dunkle Vermutung: Hal Koerner war am Start, Sieger von Hardrock 100 und Western States. Kurzerhand überwarf ich den Plan einer Fotoreportage zum Ärger des Chefs dieses Magazins und verbannte die Spiegelreflexkamera zur Gewichtsoptimierung aus dem Rucksack.

Der Rennstart am frühen morgen ließ ein Hotelzimmer überflüssig erscheinen und ich entschied mich für die Variante Zelt hinter der Startlinie. Statt Carbo-Loading zog ich ein Burger-Loading im Sidewinder-Saloon vor, was sich schlussendlich positiv auf den Rennverlauf auswirken sollte.

Das Rennen

Um fünf Uhr morgens stand ich mit überraschend leichtem Rucksack und 132 Amis am Start. Renndirektor Joe Galope entschuldigte sich für die Renovierungsarbeiten am Trail: “Früher mussten Läufer über mehr als einhundert Baumstämme klettern, für euch sind es vielleicht zehn.” Mit dem schlechten Gewissen eines Warmduschers trabte ich im Schein meiner Stirnlampe los. Unmittelbar war volle Konzentration gefragt, denn ein schmaler Singletrail führte uns durch feinsten Steinsalat. Ich hing an der Gruppe mit Hal und beobachtete neugierig, wie sich ein Läufer hektisch vor mich drängelte und dabei völlig unkontrolliert über die Steine stolperte. Völlig irre diese Taktik, dachte ich genervt und überholte ihn bei der nächstbesten Gelegenheit. Danach sah ich ihn nie wieder.

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In zwei Stunden hatten wir bereits zwanzig Kilometer hinter uns gebracht und erreichten den zweiten Verpflegungspunkt. Auf einem Klapptisch stand Wasser, Iso, Chips, Kekse, Kartoffeln und Obst. Mit dem ersten Schluck aus der frisch gefüllten Trinkflasche wurde ich unangenehm daran erinnert, dass die Amerikaner nicht nur ihre Hühner chloren. Der Geschmack von Leitungswasser ist gewöhnungsbedürftig und der von Iso so scheußlich, dass ich Angst hatte, die Pflanzen sterben, wenn ich es wegschütte.

Lange Zeit lief ich allein, passierte ab und zu einen Läufer und war irgendwann auf Position zwei. Der schmale Pfad war oft kaum erkennbar im Gras versteckt und zwischendurch immer wieder mit technischen Leckerbissen gespickt. Erkennbar war, dass einige Abschnitte durch Pflegearbeiten deutlich entschärft wurden, was die Rekordzeiten aus den vergangenen Jahren noch respektvoller erscheinen ließ. Die Arbeiten haben den Trail allerdings auch verlängert, was sich erst im Rennverlauf herausstellte.

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So wurden die letzten Kilometer zur Belastungsprobe. Scheinbar an jedem Checkpoint erhöhte sich die Renndistanz und das Ziel rückte immer weiter in die Ferne. Als ich am letzten Checkpoint genüsslich ein Wassereis lutschte in der Hoffnung auf einen Brain-Freeze, raste die erste Frau an mir vorbei und verwies mich auf Platz drei. Immerhin konnte ich diesen bis ins Ziel retten.

Den Zieleinflauf auf dem Parkplatz bei Christopher Creek würden wir Europäer als unspektakulär beschreiben, es war schließlich kaum einer da. Zuschauer? Fehlanzeige! Da stand ein Campingtisch mit belegten Broten, Kuchen und Softdrinks und ein paar Klappstühle. Genüsslich versank ich in einem Stuhl, öffnete einen zuckersüßen Softdrink und begrüßte mit den anderen die nächsten Finisher. Diese familiäre Atmosphäre ist sicher nicht jedermanns Sache. Es gibt keinen tosenden Applaus, keine staunenden Gesichter, keine Menge, nur Gleichgesinnte. Bevor ich überhaupt an eine Post-Race-Dusche dachte, saß ich im verschwitzten Rennoutfit im Sidewinder-Saloon und erwiderte genüsslich: “Einen Sidewinder-Burger und ein Bier bitte.”

Eisenzeit – Eine neue Route auf die Zugspitze

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Seit mittlerweile zwei Jahren existiert die neue Route Eisenzeit durch die Nordwestwand der Großen Riffelspitze. Im losen Wettersteinschotter mit Kletterstellen bis zum IV. Grad UIAA und durchaus anspruchsvoller Wegfindung ist sie erfahrenen Alpinisten vorbehalten. Touren können natürlich auch bei lokalen Bergführern gebucht werden. Ursprung der Tour ist der Steig der Bahnarbeiter, die vor etwa achtzig Jahren an der Zugspitze ihre Arbeit verrichteten. Ihre Spuren sind nicht zu übersehen, die alten Leitern und Drahtseile hängen noch heute mehr oder weniger fest in der Wand.

Die historische Route führt von der Bahnstation Riffelriss bis zu den Tunnelfenstern der Bauarbeiter der Bahn. Hier durchquert man deren ehemaligen Schlafraum und Kantine. Von da an führt die Route von Bergführer Michael Gebhardt hinauf zur Riffelnordwand. Ausstieg ist auf dem Nordostgrat der Riffelwandspitze, der bis auf die Zugspitze führt. Von da an klettert man jedoch nicht weiter, sondern seilt auf den Höllentalsteig ab und folgt diesem bis zum Gipfel der Zugspitze.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung von Bergführer Michael Gebhardt und Olaf Perwitzschky findet ihr ihr auf der Seite der Zeitschrift Alpin.

Benediktenwand-Überschreitung

Traumhafter Pfad vom Brauneck zur Benediktenwand

Die Überschreitung der Benediktenwand von Lenggries bis zum Kesselberg ist ein echter Leckerbissen unter den langen Wandertouren im bayerischen Voralpenland. Vor Jahren schwärmte mein Lauffreund Basti Haag von der kompletten Überschreitung: Lenggries bis nach Garmisch-Partenkirchen, die sogar von einigen Wanderern als 24-Stunden Gewalttour unternommen wird. Dieser erste Teil der Strecke führt über die Benediktenwand bis zum Kesselberg und eignet sich als langer Lauf für Trail-Läufer.

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Hier die Tourdaten

Distanz: 28 Kilometer
Anstieg: 2370 Höhenmeter
Abstieg: 2070 Höhenmeter

Wegbeschreibung

In Lenggries lauft ihr in Richtung der Seilbahn und dann hinter der Talstation auf den Wanderweg aufs Brauneck. In der Bergstation solltet ihr eure Wasservorräte auffüllen. Am Gipfel angekommen, führt ein Weg auf dem Bergrücken über Stangeneck und Achselköpfe auf die Benediktenwand. Die Passagen kurz vor der Benediktenwand sind technisch anspruchsvoll und mit Drahtseilen versichert. Weiter geht es über einen traumhaften Trail zur Pessenbacher Alm mit Bergwachthütte, an der Wasser aufgefüllt werden kann. Der Anstieg zum Schwarzeck und Rabenkopf ist schmal und steil. Weiter über die Kochler Alm zum zähen Anstieg auf den Jochberg. Der Abstieg zum Kesselberg gleicht dann einer Wanderautobahn.

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Tourdaten auf Strava

Meine Ausrüstung

  • Wasser und Elektrolyte,
  • Notfallpaket,
  • Verpflegung,
  • die nötige Bekleidung,
  • Telefon,
  • Karte und GPS

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