Projekt: Rim to Rim to Rim

The Grand Canyon

Gäbe es das Buch “1000 Places To See Before You Die” in einer Sonderausgabe für Trail Runner, wäre der folgende Eintrag ganz gewiss darin aufgeführt: Rim to Rim to Rim (R2R2R). Die Strecke führt vom Südrand des Grand Canyon hinunter zum Colorado River, durch den Canyon hindurch, hinauf zur Nordkante und wieder zurück – ein achtzig Kilometer langes Abenteuer im Wilden Westen der USA mit über dreitausend Höhenmetern Auf- und Abstieg. Große Namen der Trail-Szene haben hier bereits mehrfach ihre Spuren und Schweißtropfen im Staub hinterlassen: Dakota Jones, Anton Krupicka, Krissy Moehl sind einige davon. Für mich gibt es keine bessere Möglichkeit, diese gewaltige Landschaft in ihrer Schönheit und Vielfalt und mit ihren zahlreichen Bewohnern so zu erleben, wie sie sich uns präsentiert.

The US-Car

Mein Sports-Utility-Vehicle (SUV) summt leise und einsam durch die nordamerikanische Prärie. Schier unendlich erstrecken sich die gelben Grasflächen zu beiden Seiten der Fahrbahn. Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, wie hier einst die Cowboys ihre Kuhherden gen Sonnenuntergang trieben. In einer winzigen Siedlung biege ich auf den Highway 64 West zum Grand Canyon Village ab. Die schmale Straße führt allmählich hinauf auf über 2000 Meter und lässt die Temperaturen stetig fallen. Zu meiner Rechten zeichnen sich im Schein des Vollmondes die grauen Silhouetten der gewaltigen Schlucht ab, jedoch wird plötzlich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Straße gelenkt und muss schlagartig bremsen: Ein riesiger Wapiti steht im Scheinwerferlicht und starrt mich an. Diese Tiere sehen unserem europäischen Rothirsch ähnlich, sind allerdings noch größer. Ich hupe ihn freundlich an, da trottet er gelassen zurück ins Gebüsch.

Wechsel Pathfinder ZG

Wechsel Pathfinder ZG

Gegen 20:30 Uhr parke ich vor dem Pförtnerhäuschen am Eingang des Mather Campground beim Grand Canyon Village – es ist dunkel und kalt hier oben. An der Seite des Häuschens hängt eine Liste mit Namen, darunter zu finden: Thomas Bohne, Zelt, Platz 168. Passt ja, denke ich und lasse meinen Blick auf die fetten Buchstaben unterhalb der Liste schweifen: “If you arrive late at night, you must register here the next morning or your space will be given away. Opening hours: 08:00 o’clock …”. Mehr muss ich nicht lesen, um zu verstehen, dass diese Information erhebliches Konfliktpotenzial zu meinem Plänen birgt. Bereits früh morgens wollte ich aufbrechen, um der brütenden Tageshitze im Canyon zu entgehen. Daraus wird jetzt nichts, denn ich will meinen Zeltplatz nicht verlieren.

bus stop @ mather campground

bus stop @ mather campground

Kurz nach acht Uhr habe ich erfolgreich am Zeltplatz eingecheckt und warte an der Bushaltestelle vor dem Campingplatz auf das Shuttle zum South Kaibab Trailhead. Der South Kaibab Trail ist die steilere und kürzere Variante hinunter zum Colorado River als der Bright Angel Trail. Mit am Busstop steht ein deutsches Wandererpärchen. Beide sportlich, mit großem Rucksack ausgestattet und bei bester Laune, scheinen sie doch überrascht, einen deutschen Läufer hier anzutreffen und noch dazu, als ich ihnen meine Tagesetappe erläutere. Dass mir die wilden Tiere mehr Sorgen bereiten als die achtzig Kilometer Streckenlänge, stößt endgültig auf Unverständnis. Neben den gängigen Klapperschlangen und Skorpionen siedeln hier Pumas, Kojoten und Luchse – das sind diese etwas größeren Katzen mit unglaublich schönen Augen und kurzem Schwanz. Im Gegensatz zu Hauskatzen verdrücken diese auch größere Beute. Wilden Tieren begegne ich grundsätzlich mit großem Respekt, besonders den Tieren, die in extremen klimatischen Bedingungen überleben müssen.

Grand Canyon South Rim

Grand Canyon @ South Rim

Um 08:30 Uhr stehe ich am Trailhead und blicke erstmals über Südrand des Canyons – whoa! Nicht auszumalen, wo auf der anderen Seite der Trail wieder hinaufführen soll. Die Nordseite gleicht einer mächtigen, senkrechten Steilwand. Die Sonne steht bereits hoch und brennt kräftig auf den roten Fels – ich bin spät dran. Als ich freudig in die Tiefe trabe, hecheln mir die ersten Wanderer schwer bepackt entgegen. Der Trail ist technisch einfach, staubig und riecht ab und zu nach Muli. Lediglich die treppenartigen Absätze und Wasserableitungen bringen mich konstant aus dem Rhythmus. Auf dem South Kaibab Trail werden fantastische 360° Panoramen und Fossilien geboten — eine Fotopause folgt der nächsten! Unterwegs passiert mich eine Maultierkolonne mit richtigen Cowboys, die Proviant für die Ranches im Canyon befördert. Der starke Akzent und der nicht minder strenge Geruch dieser Jungs ist deren bestimmendes Merkmal. Echter Wilder Westen! Im Abstieg nippe ich vorsichtig am Schlauch meiner Trinkblase. Bähhhh! Das Wasser schmeckt richtig übel, dabei habe ich die Blase erst vor wenigen Minuten gefüllt. Nach etwa einer Stunde bergab erreiche ich den grün schimmernden Colorado River — die Lebensader des Südwestens der USA — und kurz darauf die Phantom Ranch, eine idyllische Siedlung aus Hütten und Zelten für Touristen. Das deutsche Pärchen wird hier übernachten, bevor sie — wie die meisten Wanderer — am darauffolgenden Tag über den Bright Angel Trail oder den South Kaibab Trail wieder zum Grand Canyon Village aufsteigen. Vor dem Ab- und Aufstieg am gleichen Tag warnen zahlreiche, anschauliche Hinweistafeln. Nicht auszudenken, wie eine Warnung vor dem R2R2R aussehen würde. Der Trail schlängelt sich entlang eines Baches durch eine enge Schlucht mit hohen, senkrechten Wänden. Die Felswände bieten ausreichend Schatten für sattes Grün und ein angenehm feuchtwarmes Klima.

Arizona 29

Nach wenigen Kilometern schließe ich zu einem Läufer auf – er heißt Jeff und kommt aus Minnesota. Jeff ist mit seinem Vater und seinem Onkel bereits seit drei Tagen in der Phantom Ranch u Gast und seine Begleiter haben heute Ruhetag. Deshalb trabt Jeff allein in Richtung Tagesziel: die rauschenden Wasserfälle in einigen Kilometern Entfernung. Als sich unsere Wege trennen, ist der Canyon breiter geworden und Kakteen, Sträucher und Dornbüsche bestimmen nun die Vegetation. Flink flitzen kleine und größere Echsen durch meine Füße und ich denke: Wo das Futter ist, ist auch der Jäger nicht weit! Nach ca. 25 Kilometern erreiche ich das Cottonwood Camp, fülle frisches Wasser in die Trinkblase und stülpe mir das klatschnasse Buff über den Kopf, denn es ist heiß geworden. Mein Magen rumort. Im Dickicht baut ein alter Greis sein Zelt auf, ganz still und allein. Als ich ihn bemerke, rufe ich ihm zu, ob alles okay ist. “Die die Fliegen werden schlimmer”, erwidert er. Wenige Minuten später lasse ich das Rangerhaus rechts liegen und trabe den Anstieg zum North Rim hinauf. Spektakulär ist der Pfad in den roten Fels gefräst; den Abgrund immer vor Augen passiere ich Millionen, ja sogar Milliarden Jahre alte Gesteinsschichten und bin fasziniert von den einzigartigen Formen und Farben. Auf der anderen Seite tosen Wasserfälle — die Ribbon Falls — die Wand hinunter und dann plötzlich: Bäääämmm! Das war kein Schuss, eher eine Explosion ganz in meiner Nähe. Der Weg wird steiler, ich fotografiere und spiele mit dem Licht. Mein Magen beruhigt sich nicht, mir fehlt die Energie und ich muss gehen. Oberhalb einer Brücke sitzen zwei Arbeiter, neben ihnen liegt Sprengvorrichtung. Als ich sie freundlich bitte, mich nicht in die Luft zu jagen, grinsen sie. Die sprengen hier tatsächlich den Weg frei, fährt es mir durch den Kopf, als ich durch einen Tunnel über die Trümmerteile steige. Am Tunnelausgang arbeitet eine Schar Männer mit Spitzhacken und Presslufthämmern. Die Wasserstelle am Tunnelausgang ist trocken, meinen sie. Und tatsächlich, es tut sich kein Tropfen. Auch oben am Trailhead ist alles abgestellt, wegen dem Frost, sagen sie. Die Straße öffnet erst am 15. Mai. “Brauchst du Wasser?”, fragt der Arbeiter mit dem längsten Vollbart? “Nein danke, ich habe noch Wasser”, entgegne ich und denke: Wird schließlich auch kühler da oben. Ich laufe weiter und treffe auf weitere Arbeiter und Maultiere. Sie bereiten den Weg für die Hauptsaison vor. Eine Läuferin kommt mir entgegen. Sie ist bereits auf dem Rückweg und trabt locker bergab. Ich hoffe mir geht es bald besser.

North Kaibab Trail

North Kaibab Trail

Nach vierzig Kilometern und fünf Stunden stehe ich an der Nordkante. Im Schatten der Fichten liegt Schnee und eine frische Brise weht durch mein Shirt. Der kleine Kiosk ist geschlossen, nur ein Ranger fährt vorbei. “Hier kommen derzeit nur Läufer und Arbeiter hoch, die Straße ist 45 Meilen unterhalb gesperrt”, sagt er ruhig. “Wie lange hast du gebraucht?” “Fünf Stunden”, erwidere ich. Der Abstieg tut gut, die Muskeln in den Beine lockern auf und der lose Sand federt jeden Schritt wie ein Kissen. Mein Wasservorrat ist endgültig aufgebraucht aber ich will nicht fragen, drücke dafür einem Arbeiter ein paar meiner Cliff Bars in die Hand. Die bekomme ich eh nicht runter ohne Wasser. Unten am Rangerhaus fülle ich die Trinkblase auf. Beim ersten Schluck muss ich spucken. Das Wasser schmeckt so widerlich, dass ich würgen muss. Eine Mischung aus Chlor, Öl und Eisen liegt mir auf der Zunge. Um die Brühe möglichst schnell an meiner Zunge vorbeifließen zu lassen, ziehe ich in tiefen Zügen. Die Sonne brennt erbarmungslos in den Canyon, alles raschelt um mich herum. Beim Cottonwood Camp treffe ich wieder auf den Alten. Sein Zelt steht jetzt und ich setze mich zu ihm auf eine Bank. Er erzählt mir von seinem Zuhause in Las Vegas und dass er seit vier Jahren in den Canyon zum Zelten kommt. Kurz vor der Phantom Ranch hole ich die Läuferin ein. Sie hat Blasen und muss gehen. Das Wasser? “Schmeckt scheußlich”, meint sie. Sie nimmt den South Kaibab am Ende, will fertig werden. Ich entscheide mich für den fünf Kilometer längeren Bright Angel Trail, denn ich bin neugierig und meine Beine fühlen sich gut an.

Colorado River

Colorado River

An der Phantom Ranch ruft jemand meinen Namen. “Thomas?” Die deutschen Wanderer haben mich erkannt und fragen nach meinen Erlebnissen. “Gefährlichen Tieren bin ich nicht begegnet aber jeder Kilometer ist ein Erlebnis. Einfach wunderschön!”, beschreibe ich die letzten Stunden und verschweige dabei die brodelnde Chlorbrühe in meinem Bauch. Ich eile weiter in Richtung Bright Angel Trail, doch bereits beim ersten Anstieg fehlt mir die Kraft und ich beschließe zu gehen. Im Farbenspiel des Abendlichtes schimmern die Felsen goldbraun, der grüne Colorado rauscht lebendig dazwischen. Plötzlich halte ich inne, stehe wie angewurzelt und bewege mich keine Millimeter. Der Beitrag im Trail Magazin von Philipp Reiter schießt mir in den Kopf: Immer vorausschauend laufen, niemals den Blick nur wenige Meter vor sich richten. Da liegt sie, ganz still, prächtig und anmutig, seelenruhig – eine einmeterlange Klapperschlange wärmt sich lang ausgestreckt auf dem Pfad vor mir. Nach den Begrüßungsfotos will ich weiter, doch die Schlange reagiert nicht auf mein Stampfen, ist scheinbar gemütlich auf dem warmen Sandboden. Vorsichtig mache ich einen Bogen und stapfe weiter bergauf, achte auf jeden Tritt. Mir fehlt die Energie und so werden die letzten Kilometer sehr lang und in der Dunkelheit noch viel länger. Nach ca. 12 Stunden erreiche ich das Grand Canyon Village, sehr müde und kalt aber zufrieden.

Would you have seen it?

Would you have seen it?

Der Morgen nach dem Lauf beginnt für mich mit einem Frühstück im Hotel El Tovar. In klassischem Ambiente tanzen die Kellner wie Bienen um mich herum und sind um mein Wohl bemüht. Sie servieren das denkbar deftigste Frühstück zur vollständigen Wiederherstellung meiner Geschmacksnerven und Energiereserven.

Thank you Jim for this wonderful recommendation!

Im Wilden Westen

 

Summit of Mount Kimball

Mount Kimball

Plötzlich bin ich wach, drehe mich um und schaue aus dem Fenster. Draußen ist es stockdunkel, nur die Sterne schimmern friedlich in der Nacht. Die Uhr zeigt drei Uhr, aber ich kann nicht mehr schlafen, bin nervös, will raus. Leise schleiche ich durch das Haus, lasse etwas Wasser in die Trinkblase meines Rucksacks plätschern und schlüpfe in die Laufshorts. Im Schein meiner Stirnlampe trabe ich durch die Straßen von Tucson, Arizona.

Tucson @ night

Die Straße ist stockdunkel und ab und zu röhrt ein gigantischer Geländewagen an mir vorbei. Hoffentlich schießt mich hier keiner über den Haufen, denke ich. Etwas erleichtert biege ich auf den Fingerrock Trail ab und hinter mir breitet sich Tucson als majestätischer Lichterteppich aus. Nur meine Schritte rascheln jetzt im Sand, sonst ist es still um mich herum. Die Klapperschlangen schlafen noch.

sunrise

Der Trail führt zunächst durch einen Wald riesiger Saguaro Kakteen, dazwischen haben sich die kleineren Feigenkakteen, Igel-Kakteen und deren stachelige Verwandte ausgebreitet. Die Vegetation wächst förmlich auf einem Geröllfeld und jeder Fehltritt wird sofort mit Stichen bestraft. Hier kämpft jeder ums Überleben. Mein feuchter Atem wird von der Luft aufgesogen wir Wasser von einem Schwamm, die Lippen sind ständig trocken. Über große Brocken und Steinplatten trabe ich den steilen Pfad bergauf, während hinter mir die Morgendämmerung anbricht.

summit

Oberhalb der “Kakteengrenze” ändert sich die Vegetation und geht über in eine steppenartige, trockene Landschaft mit hohen, braunen Steinformationen. Als Farbtupfer präsentieren einzelne Kakteen ihre Blütenpracht und sporadisch zieht ein süßer, blumiger Duft durch meine Nase. Meine Schritte werden etwas kürzer, denn immer öfter drehe ich mich um und betrachte das Farbenspiel am Horizont. Am Gipfel bietet sich ein Panorama mit gigantischen Weitblick. In der frischen Morgenbrise genieße ich den Ausblick unter der noch schwachen Sonne.

Mount Kimball ist einer der höchsten Gipfel der Santa Catalina Mountains nördlich von Tucson. Die Strecke vom Trailhead (Alvernoon North) bis zum Gipfel und zurück ist etwa 18 Kilometer lang und beinhaltet etwa 1500 Höhenmeter im Anstieg. Für Wanderer stellt diese Tour eine anspruchsvolle Tagesetappe dar. Die Sonne und die Temperaturen sollten nicht unterschätzt werden. Nehmt ausreichend Wasser mit und brecht früh auf!

Tucson (6)downhill

Wie nennt man diesen Sport? – Laufen!?

© Stephan Repke

© Stephan Repke

Eine wilde Horde stürmt durch die weiße Winterlandschaft um Seefeld in Tirol. Kräftig keuchen sie im tiefen Schnee und Schweiß rollt ihnen von der Stirn. Das breite Grinsen im Gesicht der vierzehn Teilnehmer des Trail Magazin Snowrunning Wintercamps verrät, wie sich verschneite Trails im Winter anfühlen.

Das Basislager des Camps befindet sich im Herzen von Seefeld, einem Wintersportparadies für Skispringer, Langläufer und lange Läufe. Im Zentrum von Seefeld mischen sich goldbehangene Braunbären mit Prosecco unter Russen, Niederländer und Sportler in hautengen Anzügen. Gleich neben dem Hotel wartet das dampfende Außenbecken des Erlebnisbades auf müde Beine und unterkühlte Gliedmaßen.

An drei Tagen fräsen sich die Teilnehmer des Camps in Icebug-Winterbereifung durch Eis und Schnee. Zwischen zwei und vier Stunden täglich sind sie unterwegs, passieren dabei nicht selten staunende Schneeschuhwanderer und Skitourengeher. Neben der Rauthhütte auf 1600 Metern fragen zwei ältere Tourengeher neugierig: “Wie nennt man diesen Sport?” Die Jungs und Mädels schauen sich fragend an und antworten: “Laufen!?”


© Stephan Repke

© Stephan Repke

Hong Kong – Zu Fuß in China


Nach dreizehn Stunden Flugzeit setzt die Maschine zur Landung an. Der Ozean scheint bereits so nah, dass ich zur Schwimmweste greife und mich auf die aufblasbare Rutsche am Notausgang freue. Der internationale Flughafen Chek Lap Kok wurde auf einer Insel errichtet, deren Berglandschaft bis auf wenige Meter über dem Meeresspiegel abgetragen und planiert wurde.

Besonders lohnenswert ist die Fahrt vom Flughafen im Doppelstockbus mit Panoramablick – die vorderen Reihen sind grundsätzlich frei, da Chinesen die Sonne scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Auf der Fahrt ins Zentrum von Hong Kong werden weitere Superlativen sichtbar: Die Straße führt über gigantische Brücken, vorbei an einem der weltweit größten Häfen in einen Betonwald der Superlative. Die drittgrößte Stadt Chinas bildet in den nächsten Tagen mein Laufrevier.

Hong Kong @ night

Im Schutz der Dunkelheit trabe ich los und suche einen Pfad durch Häuserschluchten und über Schnellstraßen. Der Himmel verschwindet fast vollständig hinter Betongiganten mit Lichtermosaik und die Straßen sind in mehreren Ebenen geschichtet – ein Labyrinth der Extraklasse. Mein Weg führt mich steil bergauf in die Hügel am Stadtrand. Langsam geht der Straßenlärm in ein gleichmäßiges Rauschen über und Vögel zwitschern fröhlich im Gebüsch. Oben angekommen bleibe ich stehen und genieße den Ausblick: Wie ein glitzerndes Schmuckstück liegt Hong Kong vor mir, gleichmäßig eingebettet in die schwarzen Hügel, die Schiffe leuchtend und still im Hafen vor Anker liegend.

Frühstück auf Chinesisch

Mein erster Morgenlauf führt mich zu einem kleinen Fischerdorf auf der Halbinsel Kowloon. Im Dorf riecht es nach Fisch, denn zu beiden Seiten des Weges werden die Aquarien der Restaurants mit dem Fang der Nacht überfrachtet. Später wählen die Gäste ihr Hauptgericht persönlich aus, um es anschließend maximal frisch zu verzehren. Gleich hinter dem Dorf biege ich links ab auf den Wilson Trail. Ein makelloser Betonpfad führt mich steil hinauf zum Devils Peak (222 Meter), einer alten Verteidigungsanlage der Briten. Teuflich früh sind auch die Einheimischen wach, denn die spazieren auch bereits in Richtung Gipfel, einige marschieren rückwärts bergauf. Oben trällert zur Begrüßung eine fröhliche Gruppe Rentner ein Ständchen. Wer nicht singen kann, spaziert mit voll aufgedrehtem Radio.

Climbing @ Cape Collision

Im Anschluss wartet das Frühstück und erste lokale Spezialitäten auf meinen leeren Magen. Der freut sich über eiweiß- und kohlenhydratreiche Kost: Die Reissuppe mit Oktopus ist lecker, das gekochte Hühnchen mit Würfeln aus Geflügelblut (A.d.R. ist eher ein Mittagsgericht) nicht jedermanns Sache. Der Start in den Tag ist geglückt, jetzt steht Klettern auf dem Plan.

Judy führt uns zum Zielfels, dieser befindet sich nahe dem Herrengefängnis bei Cape Collision auf Hong Kong Island. Auf dem Weg zur Kletterwand stoßen wir erneut auf Wanderer, die sich, diesmal mit Schirm und Skimaske völlig unkenntlich gemacht, rückwärts den Berg hinauf bewegen. Es sei angemerkt, dass der Himmel zur Stunde vollständig bedeckt ist. Der Kletterfels ist bestens abgesichert, das Meer rauscht wild und im Hintergrund passieren riesige Frachtschiffe und kleine Fischkutter die Bucht – tolles Panorama für unser Workout.

DBay

Um 04:40 Uhr klingelt mein Wecker und wenige Minuten später sitze ich im Nachtbus zum Fährterminal in Central. Falls sich diese Stadt jemals im Schlafzustand befindet, rase ich da jetzt durch. Der Busfahrer hat es eilig und benötigt für die normalerweise fünfzigminütige Strecke gerade mal zwanzig Minuten. Dabei manövriert er seinen Doppelstockbus in atemberaubender Geschwindigkeit und chirurgischer Perfektion durch engste Kurven und Gassen. Mit der Fähre setze ich anschließend über nach Discovery Bay, einer besonders gepflegten Wohnsiedlung auf Lantau Island, die stark an die Fernsehserie Desperate Housewives erinnert – Hauptverkehrsmittel sind Golfkarts und Kinderwagen. Ich habe mich mit Justin und zwei seiner Freunde am Strand zu einem Lauf verabredet.

Click image for track data

Am Pier wartet bereits Kurt, ein amerikanischer Pilot, den ich eindeutig als Läufer identifiziere und kurzerhand anspreche. Kurt ist erfahrener Adventure Racer und campt in der Taifun-Saison in den Bergen, um sich auf die Einsamkeit während der mehrtägigen Rennen vorzubereiten. In dieser stürmischen Zeit dauert der Zeltaufbau meist etwas länger – manchmal auch drei Stunden. Kurz darauf verlassen wir zu viert die Vorgärten der Desperate Housewives und traben hinauf in die Hügel der Insel. In der aufgehenden Sonne sehen wir riesige Containerschiffe in den Hafen von Hong Kong einfahren und den Strand von Discovery Bay verschlafen im Morgenlicht leuchten.

Die schmalen Trails führen uns durch ein kleines Fischerdorf, vorbei an Golfplätzen und über die obligatorischen Mördertreppen – Das sind steile, endlose Treppenpassagen mit ungleichmäßigen, nach vorn abfallenden Stufen für Menschen geringer Körpergröße. Nach etwa zweieinhalb Stunden sprinten wir hinauf zum Tiger Head (ca. 450m) und lassen den gemeinsamen Lauf mit einem knackigen Downhill ausklingen. Anschließend schlürfen wir im Zentrum von Discovery Bay einen frischen Mango-Papaya Smoothie und alle Läuferherzen schlagen wieder gleichmäßig ruhig – ein Traumstart in den Tag.

King of the Hills – Sham Tseng

Es ist noch früh am Sonntagmorgen, als die Zahl drahtiger Chinesen in Trailschuhen mit Laufrucksäcken in der U-Bahn nach Tsuen Wan stetig ansteigt. Aus allen Richtungen reisen sie an zum Kräftemessen der Trail-Elite Hong Kongs: einem Traillauf der “King of the Hills”-Serie im Naturreservat Sham Tseng. 38 Kilometer (wahlweise auch 22 Kilomater) feinste asiatische Trails und knappe 2000 Höhenmeter im Anstieg erwarten unsere asphaltstrapazierten Füße. Auf der engen und steilen Straße zum Start reihen sich Taxis an Sportwagen, gefüllt mir Läufern unterschiedlichster Hautfarbe und Herkunft. Deutlich lassen sich die Fahrzeuge mit Gangschaltung von denen mit Automatikgetriebe unterscheiden, denn das Anfahren am Berg klappt nicht immer.

Knapp vierhundert Läufer stehen um 09:00 Uhr am Start bei 14 Grad Celsius unter wolkenbedecktem Himmel. Die ersten Kilometer sind technisch einfach, das Tempo entsprechend hoch und der Himmel klärt urplötzlich auf – selbstverständlich liegt meine Sonnencreme tief verborgen im Rucksackstapel am Start. Meine Hoffnung auf ein milderes Tempo wird erwartungsgemäß enttäuscht und so ist ab halber Strecke bei mir die Luft raus und ich trabe mit säurepulsierenden Beinen als geröstetes Hühnchen auf den berüchtigten Mördertreppen bergab. Den Rest der gefühlten Ewigkeit verbringe ich mit Orientierung, dem Ignorieren freilaufender, kläffender Hunde und dem Betrachten der hinteren Hälfte des Halbmarathonfeldes, dessen Strecke wenige Kilometer vor dem Ziel mit der unseren verschmilzt. Der britische Standard hat sich auch in Fernost durchgesetzt, so gibt es im Ziel eiskaltes Bier und Softdrinks für alle.

Ultra Trail Atlas Toubkal


Der Ultra Trail Atlas Toubkal (UTAT) führt durch die raue und bezaubernde Landschaft des hohen Atlas in Marokko. Entlegene Bergdörfer mit fast vergessenen Völkern begegnen uns Läufern mit Herzlichkeit, während steile Pfade in großen Höhen alles von unseren Körpern abverlangen.

Auf nach Afrika!

Die Turbinen summen, mein Magen knurrt und meine Knie sind am Sitz des Vordermannes arretiert. Es ist noch früh am Morgen als die spanische Crew die monotone Gehirnwäsche der Sicherheitsanweisungen durch die Flugzeugkabine plärrt. Denis, auf dem Sitz neben mir, verweigert die visuelle Wissensaufnahme, ist allerdings hellwach als die Dame vor ihm ihre Rückenlehne gegen seine Oberschenkel einrastet. Frühstück serviert die Crew nur hinter den Vorhängen der Businessklasse, wir gehen dagegen leer aus.

Mit einem strahlend blauen Himmel begrüßt uns der nordafrikanische Kontinent auf dem Flugfeld von Marrakesch. Wenig später brausen wie in einem Kleinbus voller Franzosen gen Süden in Richtung Horizont, wo sich die grauen Silhouetten des hohen Atlas bereits abzeichnen. Still mustere ich die Busbesatzung: Hagere und ausgezehrte Typen tragen Funktionsbekleidung und schnattern leicht nervös aber heiter und fließend Französisch. Ich frage mich, ob sie vielleicht wissen, worauf ich mich bei diesem Rennen eingelassen habe.

Unser Basislager für vier Tage.

Der Blick aus dem Fenster verrät: Tontöpfe und Spiegel gibt es hier zuhauf. Eine schmale Straße windet sich hinauf in das höchste Skigebiet Marokkos: Oukaïmeden. In Oukaïmeden befindet sich unser Basislager und der Start für unseren Lauf. Die Tür des Kleinbusses springt auf und ein frischer Wind pfeift mir um die Ohren; es duftet nach frischen Kräutern und Schafen auf der Hochebene.

Wenig später kontrollieren Denis und ich unsere Pflichtausrüstung und erfahren letzte Details für den folgenden Tag: 105 Kilometer, 6500 Meter positiver Anstieg und auf einem Teilstück von 38 Kilometern keine Versorgung. Pierre, ein Freund aus Saint Mathieu de Tréviers, ermahnt mich, auf diesem Teilstück genügend Wasser mitzuführen. Ich erwidere lässig: “Yes, no problem” und falle schlagartig in innere Schockstarre: Wie soll ich ausreichend Wasser für 38 Kilometer staubtrockenes marokkanisches Hochgebirge mitführen? Ein Beutel mit Wechselkleidung und Ausrüstung wird bei Kilometer 89 deponiert – allein diese Tatsache spricht für sich.

Am Abend findet die offizielle Wettkampfbesprechung statt – selbstverständlich auf Französisch – und ich verstehe kein Wort. Pierre flüstert mir die wichtigsten Fakten in gebrochenem Englisch ins Ohr und drückt mir unverhofft ein Mikrofon in die Hand. Da kündigt auch schon der Sprecher die englische Version an und ich begrüße die internationalen Teilnehmer zur Wettkampfbesprechung.
Es ist bereits dunkel, als wir die großen weißen Zelte betreten: Der Boden ist mit weichen, roten Teppichen bedeckt, Tische und Stühle sind mit edel besticktem weißen Stoff umhüllt. Nicht weniger glanzvoll liest sich die Liste der Namen an unserem Tisch: Oscar Perez (Sieger Tor des Geants), Rachid Morabity (MDS Sieger 2012), MDS-Legende Lahcen Ahansal und Sebastien Nain.

Dünne Luft, die Zeltwände unseres Zweimannzeltes flattern und das Gestänge knarzt – ich kann nicht schlafen und muss raus. Draußen rauscht der Wind lebendig über die Ebene und die Sterne leuchten hell. Ich mache mir Sorgen um Denis; es geht ihm nicht gut. Im diffusen Licht erkenne ich vor dem Frühstückszelt bereits eine Schlange. Es gibt Kaffee, Brot, Bananen und Datteln – wie es sich für ein Frühstück in Marokko gehört.

Into the wild

Das Feld prescht los und stürmt wie eine wilde Schafherde ins kalte Nass des ersten Baches – schmunzelnd laufen Denis und ich eine Bogen, wohl wissend, dass nasse Füße nicht nur angenehm kühl sind. Wir traben an verlassenen Hütten vorbei, aus deren Fenstern hängt vertrockneter Mist – die Nomaden befinden sich bereits in ihrem Winterquartier weiter südlich. Dann fällt Denis etwas zurück, bleibt aber in Sichtweite. Bergab schießt er wie eine Rakete an den Franzosen vorbei und schließt zu mir auf – wieder leichtes Schmunzeln.

Es stinkt im Tal, zwischen den Hütten liegt Müll und Hühner flattern mir entgegen. Kinder blicken mich neugierig mit ihren großen Augen an oder strecken mir lächelnd ihre rabenschwarzen Hände entgegen. Sorry Jungs, muss keimfrei bleiben! Kurze technische Abschnitte geben einen Vorgeschmack dessen, was mich erwartet. Bei Kilometer 20 erreichen wir die erste Verpflegungsstation. Hier trennen sich unsere Wege, denn Denis hat sich entschieden auf Marathondistanz zu verkürzen.

Mein Weg verläuft weit oberhalb einer gewaltigen Schlucht. Auf deren gegenüberliegenden Seite kann ich entfernt einen Bergpfad ausmachen, der sich steil und wild in die Berge windet. Mein Herz schlägt höher – allzu gern möchte ich die Schotterpiste verlassen und diesem Pfad folgen, da taucht vor mir der Versorgungspunkt mit Wasser bei Kilometer 30 auf. Pierres warnende Worte liegen mir in den Ohren, denn jetzt folgen 38 Kilometer Wildnis. Mit einer randvollen Trinkblase laufe ich los, hinein in die steile Schlucht, in Richtung des ersehnten Pfades.

Im zweiten langen Anstieg geht mir die Luft aus, mein Herz rast aufgeregt und der Pfad verschwimmt vor meinen Augen. In kräftigen Zügen sauge ich unaufhörlich Wasser aus meiner Trinkblase, wohl wissend, dass so die Vorräte nicht bis zum nächsten Versorgungspunkt ausreichen, denn dieser ist noch 20 Kilometer und zwei Gebirgspässe entfernt. Immer wieder muss ich halten und verschnaufen, der Horizont rotiert vor meinen Augen – ich bin am Ende! Bereit zur Aufgabe schniefe ich die letzten Meter bis zum nächsten Pass, wo mir hoch oben der Wind bedrohlich um die Ohren pfeift. Als ich meinen Kopf hebe, blicke ich in die Gesichter zweier Hirtenjungen. Die beiden sitzen seelenruhig vor mir, mit einem Eimer voller Getränkeflaschen – die stilechten aus Glas. Unendlich dankbar drücke ich diesen zwei Engeln meinen größten Geldschein in die Hand, lasse mich neben ihnen in den Staub fallen und betrachte das gigantischen Panorama mit sprudelnder Fanta im Rachen.

In einiger Entfernung sehe ich einen giftgrünen Punkt, der sich sehr langsam vorwärts bewegt: Die marokkanische Rakete vom Team Quechua humpelt, dehnt sich augenfällig, spricht aber leider nicht meine Sprache. Mit einem aufmunternden Klaps lasse ich ihn zurück, denn er kommt sicher weiter – dauert heute eben länger. Der Trail führt vorbei an den rotbraunen Lehmhütten der Berber, die hier in völliger Abgeschiedenheit leben. Einige bewirtschaften ihre Felder, andere waschen sich in klaren Gebirgsbächen, wie wir sie mehrfach durchqueren. Sehen sie mich, richten sie sich auf und winken freundlich bzw. ziehen sich schnell Ihre Sachen an. An einem der zahlreichen Wasserfälle füllt ein französischer Läufer seine Trinkblase – wir plaudern kurz und verabschieden uns freundlich, denn mir geht es inzwischen wieder gut. Besonders diese Momente bleiben mir in Erinnerung.

Unter 2800m Höhe funktioniert mein Körper, darüber herrscht Ausnahmezustand. Zum Glück liegen jetzt die beiden höchsten Pässe vor mir: 3000m und 3500m. Mit der Eleganz eines Zombies schiebe ich mich hechelnd gen Sonnenuntergang. Auf 3500 Metern kann mir auch der leuchtende Horizont keine Farbe ins Gesicht zaubern und die Ärzte fragen besorgt: “How are you?” Ich erwidere ein freundliches “I feel like shit”, bevor sie mich in die “technische Passage” entlassen. Wenn Franzosen vor technischen Abschnitten warnen, ist ein klarer Kopf angebracht. Halbtrunken stolpere ich an den gespannten Halteseilen vorbei und befinde mich in fünf Kilometer Steilgelände. Die fast senkrecht abfallende Schutthalde ist mörderisch und es kam was kommen musste: Ich rutsche aus und schlage hart mit dem Ellenbogen auf einen Felsblock. Mein erster Gedanke: Ist nur der Arm, du kommst runter. Danach betrachte ich das Loch in meiner geschätzten Patagonia Jacke und begutachte die Wunde: Nichts gebrochen! Wie die Läufer nach mir diesen Abstieg bei Nacht meistern sollen, erscheint mir völlig unklar.

Am letzten Versorgungspunkt mache ich Pause, esse Suppe und wasche meine Hände. Die Wechselkleidung bleibt im Beutel, denn bis ins Ziel sind es noch 18 Kilometer, 1600 Höhenmeter und sowohl der Läufer vor mir als auch meine Verfolger sind weit entfernt. Wie Schumi mit zwei Runden Vorsprung laufe ich hinaus in die Dunkelheit, in Richtung Oukaïmeden. Im Ziel empfängt mich Pierre mit einem Bier und ich freue mich beide zu sehen. Auch Denis ist aus dem Häuschen und er sieht nach dem Marathon besser aus als vorher.

UTAT 2012 from jean olivier on Vimeo.

Wunden lecken

Läufer befinden sich noch auf der Strecke, darunter auch einige deutsche Teilnehmer. Ich frage mich, wie sie wohl die Nacht verbracht haben und wie es ihnen jetzt geht. Heute bilden die Mahlzeiten einen fließenden Übergang. Zahlreiche Unser Mittagstisch ist phänomenal besetzt und wir schwelgen in französischer Küche und deutschem Bier. Sowohl Oscar Perez als auch Sebastien Nain (Platz 3) reisten unvoreingenommen nach Marokko und bekommen jetzt noch leuchtende Augen, wenn sie von den zurückliegenden Eindrücken berichten.

Mein Körper ist noch völlig entkräftet, umso mehr genieße das Abendessen im Kreise der Läufer. Nur der kalte Wind fährt störrisch unter die schweren Zeltwände. Nach dem letzten Bissen verschwinde ich mit Denis und wir lauschen dem Flattern der Zeltwände. Wird Zeit, dass wir wieder nach Deutschland kommen, denke ich.

Vier Tage lang waren wir Teil afrikanischer Wildnis und erlebten sie so, wie sie sich uns präsentiert: rau und wunderschön. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, bereitet sich besser gut darauf vor. Auch wir mussten das lernen. Statt Gels gibt es gekochte Kartoffeln, statt Rettungshubschraubern Esel und statt Zecken Skorpione. Wir kommen wieder, nächstes Mal mit mehr Zeit!

UTMB 2012




Der North Face Ultra-Trail du Mont-Blanc ist ein Lauf der Königsklasse. Die weltbesten Trailläufer versammeln sich in Chamonix und laufen durch drei Länder um das Dach Europas herum. Dabei legen sie 166 Kilometer und beinahe 10 000 positive Höhenmeter zurück.

© The North Face® Ultra-Trail du Mont-Blanc® – Pascal Tournaire

Sie treffen nur vereinzelt auf Verpflegungsstationen und müssen deshalb mit ihren Nahrungs- und Wasservorräten besonders gut haushalten können. Die Wetterverhältnisse im Hochgebirge sind extrem und ließen diesen Lauf bereits von Anfang an zur Legende werden.

Die Geschichte des UTMB reicht zurück bis in das Jahr 1978. Damals liefen zwei Mitglieder des Club Alpin Français (CAF) Chamonix den Weitwanderweg um den Mont-Blanc nonstop in 25 Stunden und 50 Minuten. Der Wettkampf so, wie wir ihn heute kennen, wurde 2003 unter maßgeblicher Beteiligung von Catherine und Michel Poletti ins Leben gerufen und wuchs von da an beständig. 2012 feiert die Veranstaltung ihre zehnte Auflage und umfasst vier verschiedene Läufe: UTMB, CCC, TDS, PTL – Für diese haben sich über 10.000 Läufer aus 75 unterschiedlichen Nationen gemeldet.

CCC – Montée refuge Bertone © The North Face® Ultra-Trail du Mont-Blanc® – Pascal Tournaire

CCC (100 km) und TDS (112 km) sind die jüngeren und etwas kürzeren Geschwister des UTMB. Trotz des starken Läuferfeldes, der guten Ausrüstung und der Wetterwarnungen waren dieses Jahr mehr als 60% der Läufer den Herausforderungen des TDS nicht gewachsen und beendeten das Rennen vorzeitig. Die Rennorganisation wurde vor die Aufgabe gestellt, hunderte Läufer, die nahezu gleichzeitig das Rennen abbrachen, vom Cormet de Roselend (knapp 2000 Meter ü. NN) zu evakuieren. Die Entscheidung, den UTMB diesmal auf eine kürzere Alternativroute (103 km) zu verlegen, erscheint nachvollziehbar.

Der Petite Trotte à Léon (PTL) ist die extremste dieser Herausforderungen und startet bereits vier Tage vor dem UTMB. Nur vereinzelt bekommt man jene ausgezehrten Gesichter zu sehen, die sich in völliger Autonomie und in Teams fast dreihundert Kilometer durch das Hochgebirge schlagen. Doch eins haben all diese Läufe gemeinsam: Das Ziel ist der Place du Triangle de l’Amitié in Chamonix.

Tòfol Castañer Bernat, der Führende des CCC, befindet sich nach fast neun Stunden auf dem letzten Kilometer der Strecke. Die schmucken Schaufenster des Städtchens fliegen an ihm vorbei, Passanten drehen sich um, blicken ihn an und applaudieren respektvoll. Die schmale Gasse vor ihm verengt sich zusehends, denn auf beiden Seiten drängen sich Menschen. Die Rufe der Menschen schallen als lautes Konzert, grelle Farben verschwimmen im Augenwinkel. Wie er auf die Zielgerade einbiegt, empfängt ihn die tosende Wucht tausender applaudierender Läufer – das wartende Starterfeld des UTMB begrüßt den Sieger des CCC.

Tòfol Castañer Bernat -
© The North Face® Ultra-Trail du Mont-Blanc® – Cyril Bussat

Wenige Minuten später ertönen die tiefen Töne der Vangelis-Hymne und Stille legt sich über das gigantische Läuferfeld im Herzen von Chamonix. Auf einer Leinwand erscheinen Bilder der vergangenen neun Events und bei Namen wie Dawa Sherpa, Marco Olmo und Kilian Jornet geht ein andächtiges Raunen durchs Feld – Gänsehautstimmung.

Während die Top-Athleten losstürmen, bewegt sich weiter hinten zunächst gar nichts; nur langsam kommt die träge Masse in Schwung. Noch vor den letzten Häusern des Ortes gehen einige Teilnehmer dringenderen Bedürfnissen nach und stehen in Reih und Glied am Wegesrand. Andere laufen mit offenem Rucksack, verlieren rhythmischen Schrittes ihre Ausrüstung oder spießen stolpernd Schaschlik mit ihren Stöcken. Allmählich fällt feiner Regen und Nebel legt sich über die Landschaft. In der Dämmerung ziehen sich viele ihr Funktionsjacken über und schalten ihre Stirnlampen ein. Leise und gleichmäßig legt sich eine Lichterkette auf die Bergpfade.

Wie mit Kuhfladen unter den Schuhen rutsche ich eine schmierige Skipiste hinab. Mein Atem kondensiert im Lampenschein, das Wasser läuft bereits als Rinnsal aus meinen Ärmeln heraus, aber die Stimmung bleibt fantastisch. Herzhaft lache ich, als sich ein japanischer Läufer vornüberbeugt und ein Schwall Wasser aus seinem Kragen schießt. Der Abstieg von Bellevue nach Les Houches bleibt sicher vielen im Gedächtnis – im Affenzahn schlittern wir im knöcheltiefen Schlamm auf abschüssigen Trails ins Tal. Am Ende einer langen Nacht laufe ich morgens durch die Straßen von Chamonix und die Menschen klatschen wie am Abend zuvor. Auch mir wird dieser Zieleinlauf lange in Erinnerung bleiben.

Patagonia Tsali 2.0

Strong support: Patagonia Tsali 2.0 © Judy Ng

Finished – a long night is over and I am glad that I made it to the finish line. © Judy Ng

Festa Trail – Rock Festival in Frankreich




Wenige Minuten nördlich von Montpellier liegt St Mathieu-de-Tréviers – ein verschlafenes Dorf inmitten der französischen Cevennen. Der Ort hat zwei Bäckereien, eine Bar, einen Fleischer und eine Winzerei – was ein französisches Dorf eben ausmacht. Dicht dahinter ragt das markante Bergmassiv Pic Saint-Loup hoch hinaus, welches dem Wein in dieser Region seinen Namen gibt. In der Turnhalle, gleich neben der Schule, händigen ältere Damen die Startnummern aus, dazu gibt es Pasta und Rotwein. Quechua stellt die neue Kollektion vor und Vincent Dellabarre gibt ein Interview mit persönlichen Hinweisen aus seinem Trail-Running Erfahrungsschatz. Die Stimmung ist gelassen am Abend vor dem Lauf.

In der Nacht fahren uns Busse zum Start; einzig als der Bus in einer Serpentine hinten abrutscht, durchdringt ein Murmeln den Fahrgastraum. Kurz nach vier teilt der Bürgermeister des Dorfes Kuchen aus, eine Oma reicht Tee. Die Läufer haben sich praktisch ausgerüstet, keine Mode-Heinis oder Ultra-Freaks, sondern passionierte Bergläufer mit Erfahrung. Während der ersten 74 Kilometer werde ich locker laufen und dann schauen, was noch möglich ist. Eine irre Taktik – macht man sich klar, dass bis dahin bereits 4000 Höhenmeter auf dem Programm stehen.

Noch in der Dunkelheit gibt der Bürgermeister das Startkommando und wir traben in die Nacht. Gleich beim ersten Anstieg wird deutlich: Die Strecke besitzt Charakter. Durch Gestrüpp und über scharfkantige Felsen erreichen wir einen Grat, einfache Kletterei auf weißen Felsformationen im Morgengrauen. Was in mir leichte Bedenken auslöst, hört sich aus der Perspektive eines Team Salomon Läufers aus Korsika wie folgt an: “It’s easy, I like rocks, that’s why I am here.”

Nach 22 Kilometern erreichen wir die engen Gassen des Bergdorfes Saint-Guilhem-le-Désert und laben uns an diesem ersten Verpflegungspunkt. Es gibt Trockenobst, Bananen und Kuchen, aber wir haben es eilig. Danach trotte ich mit zwei Läufern den nächsten Anstieg hinauf. Wir laufen ruhig und gleichmäßig, die Stöcke in der Hand, fast wie Jäger zu Urzeiten. Als einer der Läufer vor mir auf einem Flachstück nicht sofort in den Laufschritt übergeht, fordere ich ihn auf: “Allez!”. Er zögert zunächst, beide beginnen aber zu laufen. Scheinbar war er irritiert, denn wie sich später herausstellt, ist es ein Top Läufer vom Team Salomon Frankreich (UTMB sub 25h). Kurz danach bin ich allein, die beiden lassen mich ziehen.

Beim Festa Trail findet man sie in allen gängigen Größen und in jeder vorstellbaren Kombination: Steine. Kaum ein Meter der Strecke ist eben, überall ragen scharfe, spitze, flache oder runde Steine hervor. Einige verstecken sich im Gras, andere liegen lose aufeinander – einige Passagen sind mörderisch. Nicht selten zweifle ich, ob ich noch auf der Strecke bin oder das Geröllfeld vor mir ein schlechter Scherz sei, aber die orangen Streckenmarkierungen sind eindeutig. Besonders gefährliche Stellen sind zusätzlich ausgezeichnet, allerdings zählt dazu ausschließlich kniehoher Stacheldraht – alles andere ist schließlich absehbar.

Judy sendet mir meine Position per SMS: Platz Sieben! Was sie nicht weiß: Neben mir läuft Platz sechs. Uns Läufern ist klar, dass wir bis Roc Blanc (66 km 4025 Hm) mit unseren Kräften haushalten müssen, um den Lauf zu überstehen und den Salomon Jungs hinter uns Parole bieten zu können. Daher traben wir von nun an gemeinsam über die schmalen Höhenwege, warten an den Verpflegungspunkten aufeinander und halten beide Ausschau nach Streckenmarkierungen.

Nach mehr als sieben Stunden laufen wir in das Dorf St-Jean-de-Buègues ein. Auf einem Plastikstuhl am Verpflegungspunkt sitzt Läufer Nummer fünf mit blutverschmierten Beinen. Instinktiv füllen wir unsere Vorräte und brechen nach nur wenigen Sekunden auf. Als wir am Dorfausgang ein riesiges Tablett mit Obstbergen passieren, greife ich hastig in die Erdbeeren, denn im Augenwinkel erkenne ich, wie bereits ein Verfolger um die Ecke biegt – vormals Nummer fünf sitzt uns im Nacken.

Die Sonne brennt erbarmungslos auf unsere Köpfe, während wir in der Mittagshitze die Serpentinen des nächsten Anstieges emporschrauben. Ich kneife meine Augen zusammen, um ihn zu erkennen, und er ist es tatsächlich: Nummer vier läuft wenige Serpentinen vor uns. Er wirkt müde als wir ihn passieren. Auf dem Gipfelplateau angekommen, steigen wir direkt wieder ab, um uns dem letzten langen Anstieg zu stellen: Roc Blanc. Wir laufen auf Position vier und fünf.

Roc Blanc verlangt mir viel ab; steil und schroff windet sich der Pfad bergauf, ehe wir über massive Felsblöcke tanzen, wie zwei müde Gazellen auf dem Weg zum Wasser. Einen Pfad erkenne ich nicht, nur die roten Punkte weisen die Richtung durch Latschen und über tiefe Spalten hinweg. Der letzte lange Abstieg hat es in sich; kaum sichtbar zieht sich der Trail durch felsverminte Wiesen, schießt schließlich als ausgewaschenes Bachbett steil bergab und bricht mir fast die Knochen. Im Tal angekommen, sind es noch 46 Kilometer und 2000 Höhenmeter bis ins Ziel. Ich verabschiede mich freundlich von meiner Begleitung, denn nun beginnt die Jagd auf Platz drei.

Auf den folgenden sechs Kilometern schmelze ich meinen Rückstand um mehr als zehn Minuten ein. Endlich – bei Kilometer 86 empfängt mich Judy und drückt mir drei Gels in die Hand. Danach explodiert mein Körper förmlich auf dem Trail und ich fliege am Drittplatzierten vorbei. Allerdings kostet die Aufholjagd Kraft, meine Gels sind aufgebraucht und mein Magen rumort unerwartet – jetzt wird es richtig hart! Von den Anstiegen sehe ich, wie mir meine Verfolger auf den Fersen sind. Es dämmert bereits und der Pfad verschwimmt im diffusen Schein; wie betrunken stolpere ich über die kopfgroßen Steine des kilometerlangen Bachbettes. “Scheiße” – fluche ich laut!

Das Ziel ist noch fast zwanzig Kilometer und 600 Höhenmeter entfernt. Die flachen Stücke laufe ich zügig und konzentriert, bergauf nutze ich meine Stöcke bis zum Verbiegen und trotzdem brennen meine Oberschenkel jeden Meter. Die Landschaft präsentiert sich unbarmherzig: Von Erosion zerfräste Platten und Geröllfelder zeichnen eine Spur des Schreckens bis zum Ortseingang von St Mathieu-de-Tréviers. Hinter dem Ortsschild wartet Pierre Toussaint, der Organisator der Veranstaltung, auf mich. Wir laufen gemeinsam ins Ziel und treffen drei Minuten nach dem Zweitplatzierten ein.