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Vorschau: 250 Kilometer durch die Namib

Wenn sich im Mai 2016 knapp 200 Ultraläufer aus über 40 Nationen in der Wüste Namib treffen, betreten sie ein lebendes Museum von unglaublicher Schönheit und Komplexität. In sechs Etappen werden die Läufer 250 Kilometer in der trockensten und ältesten Wüste der Erde bewältigen und dabei völlig unberührt Gebiete durchqueren.

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Ein warmer Wüstenwind weht durch das Cockpit, während unser Flugzeug über einen breiten Dünengürtel schwebt. Zwischen den majestätischen Dünen verstecken sich keine, grüne Inseln und grazile Marmorreliefs. Die Skelettküste im Nordwesten Namibias ist eine unzugängliche und einsame Region. Touristen dürfen diesen Bereich nicht betreten. Aus der Luft sieht die Landschaft aus wie ein abstraktes Gemälde: Schwarze, rote und gelbe Linien zeichnen ein Gemälde wie auf einer Leinwand. Sie ist die älteste Wüste der Welt und hat viel gesehen und erlebt. Über 1000 Schiffswracks liegen versunken im Sand und sind stille Zeugen von zahlreichen Tragödien, die sich hier abgespielt haben. Statt Zuflucht erwartete die Gestrandeten am rettenden Ufer die erbarmungslose Hitze eines der trockensten Orte unseres Planeten. Die Schiffswracks und Knochen gaben der Skelettküste ihren Namen.

Hyänenspuren führen zum  Wrack
Hyänenspuren führen zum Wrack

Eine besonders spektakuläre Rettung ereignete sich im November 1942. Das britische Frachtschiff Dunedin Star strandete vor der Küste mit 85 Personen Besatzung und 21 Passagieren. Ein Teil der Passagiere konnte das Ufer erreichen, bevor das Rettungsbot zerbrach. Während der Rettungsmission sollte ein nagelneues Flugzeug Wasser und Lebensmittel für die Schiffbrüchigen abwerfen. Da die Masse der Vorräte beim Auftreffen zerstört wurde, entschied sich der Pilot des Rettungsflugzeugs zur Landung. Dies war eine fatale Entscheidung. Der nagelneue Lockheed Ventura Bomber landete auf einer Salzebene und versank im Sand. Ein Konvoi der südafrikanischen Armee machte sich auf den 950 Kilometer langen Weg zu den Hilfesuchenden. Drei weitere Flugzeuge warfen daraufhin Proviant und Wasser für die Gestrandeten ab und versorgten außerdem den Rettungskonvoi. Bei der Rettung waren auch Schiffe beteiligt. Eines davon versank mit zwei Personen an Bord Besatzung und Passagiere der Dunedin Star waren nach 27 Tagen gerettet.

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Die Namib ist keine gewöhnliche Wüste. Im Westen trifft sie auf eine der nährstoffreichsten und fischreichsten Meeresströmungen der Erde — den Benguelastrom. Ihre Pflanzen- und Tiere haben sich auf spektakuläre Weise die extremen Bedingungen angepasst.

Welwitschia mirabilis
Welwitschia mirabilis

Die Welwitschia mirabilis ist Teil des Wappens Namibias und trinkt Küstennebel. Obwohl sie bis zu 2000 Jahre alt werden kann, besitzt sie lediglich zwei Blätter und die lebenswichtige Fähigkeit, Wasser vom Tau der Blätter aufzunehmen.

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Wenn die Flussbetten austrocknen, bleiben wenige Wasserstellen übrig. Wüstenelefanten legen auf ihrem Weg zu Wasserstellen bis zu 80 Kilometer pro Nacht zurück und Oryxantilopen können ihre Körpertemperatur tagsüber auf 40 Grad Celsius anheben, um die Hitze zu überstehen. Sie benötigen kein Trinkwasser und können es auch ausschließlich über ihre Nahrung aufnehmen.

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Läufer sind deutlich schlechter angepasst. Sie werden deshalb alle zehn Kilometer mit Wasser versorgt. Ihre Ausrüstung und Nahrung tragen sie bei einem 4Deserts-Lauf im Rucksack bei sich. Die Rucksäcke wiegen zwischen sechs und fünfzehn Kilogramm. Die Läufer mit leichteren Rucksäcken liegen in der Platzierung erfahrungsgemäß weiter vorn. Übernachtet wird im Gemeinschaftszelt und Duschen gibt es erst weit hinter der Ziellinie. Wer dieses Abenteuer übersteht, ist danach ein anderer Mensch.

Oryx-Antilopen
Oryx-Antilopen

Frischer Fisch an der Skelettküste

Es ist stockfinster, als die Scheinwerfer unseres Geländewagens die zwei großen Totenköpfe erfassen. Frech grinsen sie jedem Besucher entgegen, der das Tor des Skeleton-Coast-Nationalparks passieren möchte. Das Tor ist bereits fest verschlossen. Nach über 30 Stunden Reisezeit liegen lediglich einhundert Kilometer Schotterpiste zwischen mir und dem Ziel meiner Reise.  “Ich suche nach Whitie”, sagt mein Guide Oliver. “Eigentlich ist er schwarz, aber wir nennen ihn Whitie”. Kurze Zeit später ist der Ranger zur Stelle, öffnet das Tor und ermöglicht uns die Weiterreise. Unter dem leuchtenden Sternenhimmel der Südhalbkugel fegt unser Geländewagen über die staubige Piste durch die Nacht.

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Torra Bay

 

Torra Bay – Im äußersten Nordenwesten Namibias erwartet Besucher nicht viel mehr als ein einsamer Zeltplatz. Lediglich einige Fischer campen hier, denn zum Baden ist das Wasser zu kalt. Der nährstoffreiche Benguelastrom schiebt den eisigen Hauch der Antarktis an die Küste Namibias, der die Landschaft zur Wüste werden lässt und zahlreichen Schiffen zur Verhängnis wurde. Das Wasser ist so unglaublich fischreich, dass ich als Nicht-Angler im Minutentakt den Kabeljau aus den Fluten ziehe.

Torra Bay hat nur zwei Monate im Jahr geöffnet, von Dezember bis Januar. Auf dem breiten Sandstrand steht ein Wasserturm, ein paar Hütten und sonst nichts — der ideale Ausgangspunkt für einen Wüstenlauf. In den nächsten Wochen plane ich an der Skelettküste die Strecke für einen 250-Kilometer Etappenlauf durch die Namib-Wüste.

Trans-Atlas Marathon – im Land der Berber

In zwei Reihen stehen die 25 Teilnehmer der Erstaustragung des Trans-Atlas Marathon (TAM) hinter der Startlinie. “Die erste Reihe könne genauso gut bei den Olympischen Spielen am Start stehen”, flüstert mir der neuseeländische Unternehmensberater Mike in mein rechtes Ohr, ein netter Kerl mit völlig überpacktem Trekkingrucksack. Links neben mir steht Basti Haag: Speedbergsteiger, Extremskifahrer und Produktentwickler von UvU. Im Hintergrund krächzt derweil die Vangelis-Hymne aus völlig übersteuerten Lautsprechern. Vor mir zappeln 15 drahtige marokkanische Laufmaschinen, alles Freunde der Brüder Mohamad Ahansal und Lahcen Ahansal. Mohamad und Lahcen haben den Marathon des Sables — das ist DER prestigeträchtigste Wüstenlauf der Erde — zusammen vierzehnmal gewonnen. Ihre Freunde hüpfen völlig aufgedreht vor mir im Staub der Startlinie und genießen das Blitzlichtgewitter und die Atmosphäre vor dem Start. Einige von ihnen erhalten hier erstmalig die Möglichkeit, ihr Können vor einem internationalen Publikum zu präsentieren. Große internationale Laufmagazine sind vertreten und der zweite öffentliche marokkanische Fernsehsender 2M TV überträgt täglich im Sportteil der Abendnachrichten vom Lauf.

Zaouiat Ahansal
Zaouiat Ahansal

Was erwarte ich von einem Lauf, den ein Weltklasse-Trailläufer organisiert? Das Kursbuch kündigt 275 Kilometer und 15 000 Höhenmeter an, das sind in etwa die Anforderungen vom Gore-Tex Transalpine Run (TAR); uns bleiben dafür sechs Tage Zeit, statt der acht Etappen beim TAR. Ruhetag gibt es keinen! Von Mohamad erwarte ich anspruchsvolle, aber laufbare Trails im Hohen Atlas. In meinem Rucksack möchte ich keine Expeditionsausrüstung tragen, dennoch soll die Pflichtausrüstung ausreichend Schutz vor dem extremen Klima bieten. Daher werden wir jeden Morgen unsere Reisetasche abgeben, um sie am Abend im nächsten Lager wieder in Empfang zu nehmen. Übernachtungen bei Einheimischen gehören für mich zu diesem Lauf wie die lokale Küche, denn erst dadurch bekomme ich einen Einblick in die Kultur und den Alltag der Berber. Magenverstimmungen werden dabei bewusst in Kauf genommen. Verpflegungspunkte? Die Micropur-Tabletten in der Pflichtausrüstung deuten an, dass es davon nicht viele geben wird. Was diese Premiere bringt, können die 25 Teilnehmer nur erahnen.

TAM 53

Kurz nach dem Start blicke ich mich um und stutze irritiert. Eine Traube von zehn Berber-Läufern umgibt mich. Diese Jungs laufen sich lockeren Schrittes warm und schießen obendrein Fotos mir ihrer kleinen Digitalkamera. Als wir an einer Brücke rechts auf einen halsbrecherischen Trail abbiegen und von der Ehrenrunde durch das Dorf Zaouiat Ahansal erneut in Richtung Startlinie laufen, erhalte ich einen Vorgeschmack ihres atemberaubenden und technisch perfekten Lauftstils: Wie ein Vogelschwarm erhöhen sie schlagartig ihr Tempo und fliegen wild und frei in Richtung der klickenden Kameras und wartenden Würdenträger. In dem Augenblick als ich die Startlinie erneut passiere, bemerke ich Lahcen am Streckenrand und blicke für einen Moment in ein väterlich mahnendes Lächeln, das er seinen Jungs entgegenwirft — bloß nicht zu schnell anfangen, die Woche wird noch sehr lang.

Tizi N’Tichka

Prolog — 54 Kilometer

Die erste Tagesetappe schlägt bereits mit 54 Kilometern und mit 2400 Höhenmetern zu Buche, dennoch laufen die jungen Berber durch das ausgewaschene Flussbett der ersten 1000 Höhenmeter-Rampe mit einer Leichtigkeit, die mich an die Schilderungen in McDougalls “Born to Run” erinnert. Die Landschaft ähnelt der in den Star-Wars-Filmen — karge, braune Gebirgslandschaften erstrecken sich vor mir, dazwischen schimmern vereinzelt grüne Oasen. Ab und zu begegnet mir Obi-Wan Kenobi in braunem Gewand mit Kapuze, eine Ziege oder ein Schaf auf der Schulter tragend. Der Trail ist so wild wie seine Heimat. Den Großteil der Etappe laufen wir auf über 2000 Metern Höhe, was ich deutlich am Schnaufen meiner marokkanischen Begleiter vernehme. Nach den Erfahrungen beim UTAT (siehe Blogeintrag UTAT) bin ich dieses Jahr ausreichend akklimatisiert und kann besonders bergauf und während der technischen Abschnitte punkten. Die flachen Abschnitte gehören den Tarahumara. Die Versorgung während des Laufes ist minimal. An zwei bis drei Punkten wartet ein Geländewagen, und jeder Läufer erhält eine Flasche Wasser. Den Rest musst du im Rucksack haben!

Ausfall

Etappe Zwei fällt aus! Über Nacht hat es geregnet, Straßen weggespült und auf den Hochebenen geschneit. Infolgedessen erwartet uns eine siebenstündige Busfahrt auf schmalen Pisten, machmal näher am Abgrund als uns lieb ist. Als unser Konvoi die nächste Unterkunft erreicht, empfängt uns das Dorf mit einem Volksfest der besonderen Art: Am gefühlten Ende der Welt tanzt ein Dorf in traditionellem Gewand für uns und singt im Chor. Ich reihe mich in eine riesige Polonaise und wir tanzen durch die Nacht. Mohamad bemüht sich ausdrücklich um die Nähe zu den Einheimischen. So ist es uns Läufern gestattet, ja sogar gewünscht, Speisen und Getränke vor Ort zu kaufen, sowohl während des Rennens als auch danach.

Dritte Etappe — 42 Kilometer

Nach dem gemeinsamen Abendessen findet die Wettkampfbesprechung für die dritte Etappe statt und Mohamad bemerkt freundlich: “The time limit is 14 hours and if you can’t do it in 14 hours, we will wait for you at the finish line.” Eventuell gibt es nur einen Versorgungspunkt auf der heutigen Marathondistanz, da die Zugangsstraßen abermals weggespült wurden. Am nächsten Morgen sind die Beine der Berber-Jungs wieder frisch und wir schießen im gewohnten Eiltempo gen Sonnenaufgang durch das prächtigste Dorf des Hohen Atlas. Der Kerl vor mir ist hochmotiviert, so kürzen wir alle Serpentinen ab und hecheln bei maximalem Anstieg mit maximaler Herzfrequenz gen Himmel. Oben angekommen, bemerken wir schließlich, dass unsere Verfolger inzwischen abgebogen sind, da wir eine der Markierungen übersehen haben. Nach der dritten Irrfahrt übernehme ich fluchend die Führung und folge stur den Markierungen. Wenig später überholt uns Omar, ein heimischer Bergführer, der heute erstmals als Gast mitläuft. Dran bleiben, denke ich! Der kennt sich aus. Omar trabt seelenruhig vor mir her, schaltet allerdings in unregelmäßigen Abständen in den Sprintmodus, was mich an den Rand der Verzweiflung bringt. Seine Taktik funktioniert besser als erwartet, denn nach zwanzig Kilometern bricht er selbst ein und ich betrete die Südseite des Hohen Atlas in völliger Einsamkeit. In diesem Augenblick breitet sich vor mir der graue Dunst der unendlichen Sahara aus und ein warmer, trockener Wüstenwind weht mir auf 2800 Metern ins Gesicht. Den Sand in der Luft kann ich förmlich schmecken.

TAM 19

Die nächsten Stunden verbringe ich allein, nur Schafe, Ziegen und einzelne Hunde kreuzen meinen Weg. Erst wenige Kilometer vor dem Ziel erreiche ich eine grüne Oase und treffe auf Gesellschaft. Ein kleiner Junge hat mich erspäht und läuft zu mir heran. Er ist nicht älter als fünf Jahre. Wir begrüßen uns mit Handschlag und toben anschließend wie Geschwister über die felsigen Trails am Rande des grünen Idylls. “Wuaaaa” rufe ich jedes Mal ängstlich, wenn er neben mir von einem dieser schulterhohen Felsblöcken springt, da landet er bereits federleicht im Staub und lacht. Ich dagegen fühle mich wie ein träges Rhinozeros. Auf unglaublichen vier Kilometern albern wir herum und lassen die Fetzen fliegen, so dass der Zieleinlauf danach zur Formsache wird. Das breite Grinsen verharrt an diesem Abend noch lange in meinem Gesicht.

Die klaren Nächte im Hohen Atlas

Tighza-Wawrikt
Tighza-Wawrikt

Vierte Etappe — 40 Kilometer

Die ersten zwanzig Kilometer dieser Etappe verlaufen relativ flach, und ich bin bemüht, die führenden Marokkaner nicht aus den Augen zu verlieren. Beim ersten Verpflegungspunkt habe ich den Zweitplatzierten hinter mir gelassen und zum Führenden, zu Ali, aufgeschlossen. Wir nippen genüsslich süßen Minztee aus kleinen Gläsern, bevor wir gemeinsam in den längsten Anstieg des Tages traben. Ab diesem Punkt zolle ich dem hohen Anfangstempo Tribut und verbringe daraufhin den Rest der Etappe allein.

Hammam

Royal Stage — 66 Kilometer, 4500 Höhenmeter

Die Königsetappe macht ihrem Namen alle Ehre. Völlig ohne Markierungen verlassen wir uns am frühen Morgen erneut auf die Orientierung eines einheimischen Läufers. Erfreulicherweise haben wir wieder einen Berber-Läufer im Feld, der sich in dieser Region auskennt. Auch Basti Haag ist als zweiter deutscher Teilnehmer ganz vorn mit dabei. Etwas später erreiche ich mit Ali ein gigantisches Hochplateau, auf dessen Boden Werkzeuge ausgegraben wurden, die bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Die Stimmung ist gut und wir tauschen Datteln gegen geröstete Cashew-Nüsse vom Aldi. Wer jemals von Nomadenhunden angegriffen wurde, der weiß, solange die Köter bellen, ist alles in Ordnung. Falls ihr allerdings eine rotierende Staubwolke auf euch zu rasen seht, die sich in den Kurven beinahe überschlägt, dann ist Gefahr im Verzug. Völlig synchron schnappen sich Ali und ich Steine vom Boden und drehen uns um. Drei zerzauste Nomadenhunde rasen wie besessen auf uns zu. Ich werfe sofort und einer der Hunde jagt augenblicklich meinem Stein hinterher, die anderen Beiden gehen auf uns los. Im überschlagenen Rückzug werfen, laufen und werfen wir, bis die Hunde schließlich von uns ablassen — unseren Verfolgern viel Glück! Nach etwa vierzig Kilometern treffen wir auf eine Teerstraße und verpflegen uns kurz mit Wasser. Ab jetzt wirds lustig! Die Jungs von 2M TV filmen uns aus dem Geländewagen, die Einheimischen am Straßenrand klatschen und Ali dreht so richtig auf. An meiner Ehre gepackt, muss ich natürlich mithalten und klebe in brütender Hitze auf kochendem Asphalt wie eine Klette an Alis Ferse mit stetem Blick in die Kamera. Auf geschätzten fünf Kilometern brüllt mein Hirn: Langsamer du Idiot, da kommt noch mehr! Die folgenden Kilometer bezahle ich teuer. Die Sonne brennt auf mich herab, während Lahcen und Mohamad uns aus Geländewagen mit Wasserflaschen versorgen. Ich bilde mir ein, dass es jedes Mal zischt, wenn ich mir das Wasser geradewegs über den dampfenden Körper gieße. Das Gefühl, von einem der besten Läufer der Welt eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt zu bekommen, ist unbeschreiblich. Der letzte 3200 Meter hohe Pass wird zur Qual. Ali gewinnt verdient mit zwei Minuten Vorsprung und ich bin mächtig stolz — was für ein Lauf!

Oukaïmeden
Oukaïmeden

Finale — 17 Kilometer

Die letze Etappe startet in Oukaïmeden auf über 2600 Metern. Dieses marokkanische Skigebiet kenne ich bereits vom vergangenen Jahr und kann mich noch gut an das beste Restaurant erinnern: Hotel Chez Juju! Am Morgen vor dem Lauf sitze ich mit Mike und Basti vor dampfendem Cappuccino in kolonialem französischen Ambiente. Für Basti geht es heute um das Podium … vermuten wir jedenfalls. Die Gesamtplatzierung ist nicht ganz offensichtlich, aber eins ist klar: Basti muss heute kämpfen! Die Berber-Jungs wissen das leider auch und so poltern beim ersten höllischen Downhill zunächst Basti und anschließend drei Marokkaner donnernd an mir vorbei, als ich genüsslich die Serpentinen auslaufe. Mohamad hat sich die besonders technischen Passagen für die letzten Kilometer aufgehoben und ich bin froh, alle verbliebenen Teilnehmer heil und glücklich in Imlil einlaufen zu sehen. Hier endet das Rennen und eine lange Reise geht damit zu Ende.

What a great journey we had together!

Ultra Trail Atlas Toubkal


Der Ultra Trail Atlas Toubkal (UTAT) führt durch die raue und bezaubernde Landschaft des hohen Atlas in Marokko. Entlegene Bergdörfer mit fast vergessenen Völkern begegnen uns Läufern mit Herzlichkeit, während steile Pfade in großen Höhen alles von unseren Körpern abverlangen.

Auf nach Afrika!

Die Turbinen summen, mein Magen knurrt und meine Knie sind am Sitz des Vordermannes arretiert. Es ist noch früh am Morgen als die spanische Crew die monotone Gehirnwäsche der Sicherheitsanweisungen durch die Flugzeugkabine plärrt. Denis, auf dem Sitz neben mir, verweigert die visuelle Wissensaufnahme, ist allerdings hellwach als die Dame vor ihm ihre Rückenlehne gegen seine Oberschenkel einrastet. Frühstück serviert die Crew nur hinter den Vorhängen der Businessklasse, wir gehen dagegen leer aus.

Mit einem strahlend blauen Himmel begrüßt uns der nordafrikanische Kontinent auf dem Flugfeld von Marrakesch. Wenig später brausen wie in einem Kleinbus voller Franzosen gen Süden in Richtung Horizont, wo sich die grauen Silhouetten des hohen Atlas bereits abzeichnen. Still mustere ich die Busbesatzung: Hagere und ausgezehrte Typen tragen Funktionsbekleidung und schnattern leicht nervös aber heiter und fließend Französisch. Ich frage mich, ob sie vielleicht wissen, worauf ich mich bei diesem Rennen eingelassen habe.

Unser Basislager für vier Tage.

Der Blick aus dem Fenster verrät: Tontöpfe und Spiegel gibt es hier zuhauf. Eine schmale Straße windet sich hinauf in das höchste Skigebiet Marokkos: Oukaïmeden. In Oukaïmeden befindet sich unser Basislager und der Start für unseren Lauf. Die Tür des Kleinbusses springt auf und ein frischer Wind pfeift mir um die Ohren; es duftet nach frischen Kräutern und Schafen auf der Hochebene.

Wenig später kontrollieren Denis und ich unsere Pflichtausrüstung und erfahren letzte Details für den folgenden Tag: 105 Kilometer, 6500 Meter positiver Anstieg und auf einem Teilstück von 38 Kilometern keine Versorgung. Pierre, ein Freund aus Saint Mathieu de Tréviers, ermahnt mich, auf diesem Teilstück genügend Wasser mitzuführen. Ich erwidere lässig: “Yes, no problem” und falle schlagartig in innere Schockstarre: Wie soll ich ausreichend Wasser für 38 Kilometer staubtrockenes marokkanisches Hochgebirge mitführen? Ein Beutel mit Wechselkleidung und Ausrüstung wird bei Kilometer 89 deponiert – allein diese Tatsache spricht für sich.

Am Abend findet die offizielle Wettkampfbesprechung statt – selbstverständlich auf Französisch – und ich verstehe kein Wort. Pierre flüstert mir die wichtigsten Fakten in gebrochenem Englisch ins Ohr und drückt mir unverhofft ein Mikrofon in die Hand. Da kündigt auch schon der Sprecher die englische Version an und ich begrüße die internationalen Teilnehmer zur Wettkampfbesprechung.
Es ist bereits dunkel, als wir die großen weißen Zelte betreten: Der Boden ist mit weichen, roten Teppichen bedeckt, Tische und Stühle sind mit edel besticktem weißen Stoff umhüllt. Nicht weniger glanzvoll liest sich die Liste der Namen an unserem Tisch: Oscar Perez (Sieger Tor des Geants), Rachid Morabity (MDS Sieger 2012), MDS-Legende Lahcen Ahansal und Sebastien Nain.

Dünne Luft, die Zeltwände unseres Zweimannzeltes flattern und das Gestänge knarzt – ich kann nicht schlafen und muss raus. Draußen rauscht der Wind lebendig über die Ebene und die Sterne leuchten hell. Ich mache mir Sorgen um Denis; es geht ihm nicht gut. Im diffusen Licht erkenne ich vor dem Frühstückszelt bereits eine Schlange. Es gibt Kaffee, Brot, Bananen und Datteln – wie es sich für ein Frühstück in Marokko gehört.

Into the wild

Das Feld prescht los und stürmt wie eine wilde Schafherde ins kalte Nass des ersten Baches – schmunzelnd laufen Denis und ich eine Bogen, wohl wissend, dass nasse Füße nicht nur angenehm kühl sind. Wir traben an verlassenen Hütten vorbei, aus deren Fenstern hängt vertrockneter Mist – die Nomaden befinden sich bereits in ihrem Winterquartier weiter südlich. Dann fällt Denis etwas zurück, bleibt aber in Sichtweite. Bergab schießt er wie eine Rakete an den Franzosen vorbei und schließt zu mir auf – wieder leichtes Schmunzeln.

Es stinkt im Tal, zwischen den Hütten liegt Müll und Hühner flattern mir entgegen. Kinder blicken mich neugierig mit ihren großen Augen an oder strecken mir lächelnd ihre rabenschwarzen Hände entgegen. Sorry Jungs, muss keimfrei bleiben! Kurze technische Abschnitte geben einen Vorgeschmack dessen, was mich erwartet. Bei Kilometer 20 erreichen wir die erste Verpflegungsstation. Hier trennen sich unsere Wege, denn Denis hat sich entschieden auf Marathondistanz zu verkürzen.

Mein Weg verläuft weit oberhalb einer gewaltigen Schlucht. Auf deren gegenüberliegenden Seite kann ich entfernt einen Bergpfad ausmachen, der sich steil und wild in die Berge windet. Mein Herz schlägt höher – allzu gern möchte ich die Schotterpiste verlassen und diesem Pfad folgen, da taucht vor mir der Versorgungspunkt mit Wasser bei Kilometer 30 auf. Pierres warnende Worte liegen mir in den Ohren, denn jetzt folgen 38 Kilometer Wildnis. Mit einer randvollen Trinkblase laufe ich los, hinein in die steile Schlucht, in Richtung des ersehnten Pfades.

Im zweiten langen Anstieg geht mir die Luft aus, mein Herz rast aufgeregt und der Pfad verschwimmt vor meinen Augen. In kräftigen Zügen sauge ich unaufhörlich Wasser aus meiner Trinkblase, wohl wissend, dass so die Vorräte nicht bis zum nächsten Versorgungspunkt ausreichen, denn dieser ist noch 20 Kilometer und zwei Gebirgspässe entfernt. Immer wieder muss ich halten und verschnaufen, der Horizont rotiert vor meinen Augen – ich bin am Ende! Bereit zur Aufgabe schniefe ich die letzten Meter bis zum nächsten Pass, wo mir hoch oben der Wind bedrohlich um die Ohren pfeift. Als ich meinen Kopf hebe, blicke ich in die Gesichter zweier Hirtenjungen. Die beiden sitzen seelenruhig vor mir, mit einem Eimer voller Getränkeflaschen – die stilechten aus Glas. Unendlich dankbar drücke ich diesen zwei Engeln meinen größten Geldschein in die Hand, lasse mich neben ihnen in den Staub fallen und betrachte das gigantischen Panorama mit sprudelnder Fanta im Rachen.

In einiger Entfernung sehe ich einen giftgrünen Punkt, der sich sehr langsam vorwärts bewegt: Die marokkanische Rakete vom Team Quechua humpelt, dehnt sich augenfällig, spricht aber leider nicht meine Sprache. Mit einem aufmunternden Klaps lasse ich ihn zurück, denn er kommt sicher weiter – dauert heute eben länger. Der Trail führt vorbei an den rotbraunen Lehmhütten der Berber, die hier in völliger Abgeschiedenheit leben. Einige bewirtschaften ihre Felder, andere waschen sich in klaren Gebirgsbächen, wie wir sie mehrfach durchqueren. Sehen sie mich, richten sie sich auf und winken freundlich bzw. ziehen sich schnell Ihre Sachen an. An einem der zahlreichen Wasserfälle füllt ein französischer Läufer seine Trinkblase – wir plaudern kurz und verabschieden uns freundlich, denn mir geht es inzwischen wieder gut. Besonders diese Momente bleiben mir in Erinnerung.

Unter 2800m Höhe funktioniert mein Körper, darüber herrscht Ausnahmezustand. Zum Glück liegen jetzt die beiden höchsten Pässe vor mir: 3000m und 3500m. Mit der Eleganz eines Zombies schiebe ich mich hechelnd gen Sonnenuntergang. Auf 3500 Metern kann mir auch der leuchtende Horizont keine Farbe ins Gesicht zaubern und die Ärzte fragen besorgt: “How are you?” Ich erwidere ein freundliches “I feel like shit”, bevor sie mich in die “technische Passage” entlassen. Wenn Franzosen vor technischen Abschnitten warnen, ist ein klarer Kopf angebracht. Halbtrunken stolpere ich an den gespannten Halteseilen vorbei und befinde mich in fünf Kilometer Steilgelände. Die fast senkrecht abfallende Schutthalde ist mörderisch und es kam was kommen musste: Ich rutsche aus und schlage hart mit dem Ellenbogen auf einen Felsblock. Mein erster Gedanke: Ist nur der Arm, du kommst runter. Danach betrachte ich das Loch in meiner geschätzten Patagonia Jacke und begutachte die Wunde: Nichts gebrochen! Wie die Läufer nach mir diesen Abstieg bei Nacht meistern sollen, erscheint mir völlig unklar.

Am letzten Versorgungspunkt mache ich Pause, esse Suppe und wasche meine Hände. Die Wechselkleidung bleibt im Beutel, denn bis ins Ziel sind es noch 18 Kilometer, 1600 Höhenmeter und sowohl der Läufer vor mir als auch meine Verfolger sind weit entfernt. Wie Schumi mit zwei Runden Vorsprung laufe ich hinaus in die Dunkelheit, in Richtung Oukaïmeden. Im Ziel empfängt mich Pierre mit einem Bier und ich freue mich beide zu sehen. Auch Denis ist aus dem Häuschen und er sieht nach dem Marathon besser aus als vorher.

UTAT 2012 from jean olivier on Vimeo.

Wunden lecken

Läufer befinden sich noch auf der Strecke, darunter auch einige deutsche Teilnehmer. Ich frage mich, wie sie wohl die Nacht verbracht haben und wie es ihnen jetzt geht. Heute bilden die Mahlzeiten einen fließenden Übergang. Zahlreiche Unser Mittagstisch ist phänomenal besetzt und wir schwelgen in französischer Küche und deutschem Bier. Sowohl Oscar Perez als auch Sebastien Nain (Platz 3) reisten unvoreingenommen nach Marokko und bekommen jetzt noch leuchtende Augen, wenn sie von den zurückliegenden Eindrücken berichten.

Mein Körper ist noch völlig entkräftet, umso mehr genieße das Abendessen im Kreise der Läufer. Nur der kalte Wind fährt störrisch unter die schweren Zeltwände. Nach dem letzten Bissen verschwinde ich mit Denis und wir lauschen dem Flattern der Zeltwände. Wird Zeit, dass wir wieder nach Deutschland kommen, denke ich.

Vier Tage lang waren wir Teil afrikanischer Wildnis und erlebten sie so, wie sie sich uns präsentiert: rau und wunderschön. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, bereitet sich besser gut darauf vor. Auch wir mussten das lernen. Statt Gels gibt es gekochte Kartoffeln, statt Rettungshubschraubern Esel und statt Zecken Skorpione. Wir kommen wieder, nächstes Mal mit mehr Zeit!