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Vorschau: Gobi March 2015 – Eine Karawane der besonderen Art

Der Gobi March zählt zu den härtesten Wüstenrennen, denn er führt seine Teilnehmer in eine der entlegensten Regionen der Erde – die Wüste Gobi. In diesem Jahr war ich mit der Planung einer neuen Strecke beauftragt und gebe hier einen Ausblick auf das, was die Läufer während ihres einwöchigen Abenteuers erwartet.

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Vom Weltall sieht sie aus wie eine trockene Pfütze mitten in Zentralasien. Ihre Ausmaße sind gigantisch und sie ist umgeben von den höchsten Gebirgsketten unserer Erde: den Kunlun Bergen im Süden und gleich dahinter dem Himalaya, dem Pamir im Westen und im Norden dem Tien Shan. Die Wüste Gobi ist berüchtigt für ihr extremes Klima, ihre karge, steinige Landschaft. Plötzlich auftretende Stürme lassen den Tag zur Nacht werden und haben in der Vergangenheit ganze Karawanen von Reisenden verschlungen. Die Menschen in dieser Region haben sich angepasst. Sie haben gelernt, zu überleben. Ihre braungebrannten, faltigen Gesichter und ihre rauen, furchigen Hände zeichnen ein Bild von einem Leben in den Extremen.

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Mit der zwölften Austragung des Gobi Marches zieht erneut eine Karawane durch die karge Einöde. Ultraläufer aus über 40 Nationen haben sich in der chinesischen Provinz Xinjiang verabredet, um in sechs Tagen 250 Kilometer zu Fuß und nahezu autark zurückzulegen. Dabei werden sie schwitzen, bluten, Tränen werden fließen und es werden Freundschaften fürs Leben geschlossen. Viele wird dieser Lauf für immer verändern und für einige wird es das Abenteuer ihres Lebens. Was erwartet die Teilnehmer des Gobi March im Jahr 2015?

Die Region um die Oase Hami war bereits 2006 Austragungsort für den Gobi March. Die Reisenden auf der Seidenstraße schätzen Hami besonders für seine süßen Melonen, die großen Rosinen und den herrlichen Wein. Hami ist das östliche Tor nach Xinjiang und mittlerweile zu einer chinesischen Großstadt mit geraden Straßen und Betonhäusern gewachsten. In den schmalen Gassen abseits der verkehrsbeladenen Hauptstraßen herrscht jedoch noch immer die Ruhe und Gelassenheit einer Wüstenoase.

Direkt hinter dem Hotel, das die Läufer des Gobi March 2015 beziehen werden, liegt der Duft von gegrilltem Schaffleisch in der Luft. Nebenan verkauft ein Händler die saftig-süßen Früchte der Region. Zahlreiche Minoritäten wie Uiguren, Hui, Kasachen und Mongolen sind hier zu Hause. Schaffleisch in allen Varianten bildet das Grundgerüst aller Speisekarten in Hami. Schaffleisch gegrillt, gekocht oder gebraten als Hauptspeise oder kalte Knochen als Snack zwischendurch.

Erste Etappe

Von Beginn an werden die Läufer sprachlos gelassen. Das erste Zeltlager liegt inmitten bizarrer rotbrauner Steinformationen und nicht zuletzt auf einer Höhe von 2400 Metern. Vorbei an Nomadenhäusern und durch steile Schluchten schlängelt sich ein schmaler Pfad hinaus in die weiten Grasebenen Dschingis Khans. Mit etwas Glück sind Reiter zu sehen und einzelne Kamelherden grasen friedlich im satten Grün. Nach etwa 25 Kilometern ragt mitten im Grün eine gigantische Sanddüne empor. Gleich daneben befindet sich der dritte Checkpoint und die letzte Verpflegung vor dem zweiten Zeltlager.

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Zweite Etappe und dritte Etappe

Eine Schotterpiste schlängelt sich auf einen 2770 Meter hohen Bergpass des Tien Shan hinauf. Am höchsten Punkt ruht ein Kloster, vor dessen Pforte ich im März noch hüfttief im Schnee steckte, während unser Fahrer einen steckengebliebenen Geländewagen aushob. Wir waren die ersten Besucher nach dem strengen Winter. Langsam windet sich die Straße vom Pass hinab und eröffnet immer wieder den Blick in das schier endlose Becken um Hami. Knochenbrecherische Gerölllandschaften mit messerscharfen Steinen gewähren genug Raum für einen schmalen Pfad durch die Ausläufer des Tien Shan. Dazwischen verstecken sich malerische Oasen mit Schafherden und Aprikosenbäumen.

Vierte Etappe

Diese Etappe schließt den Bogen vom Gebirge zur Wüste. Um von den Ausläufern des Tien Shan in das Hami-Becken zu gelangen, muss eine breite Fläche aus Geröll und Büschen durchquert werden. Dazwischen verlaufen Wassergräben und am Horizont zeichnen sich die Silhouetten der Skyline von Hami ab. Sind die deutlichen Zeichen unserer Zivilisation passiert, betreten die Athleten den Boden der Wüste um Hami. Nahe eines Dorfes, das wir Aprikosendorf getauft haben, ragen rote Steinformationen empor. Dort befindet sich das Camp Fünf.

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Fünfte Etappe – The Long March

Bereits mit den ersten Schritten betreten die Läufer den pechschwarzen Boden der Wüste Gobi — wir nennen sie Schwarze Gobi. Die flimmernde Luft lässt den Horizont verschwimmen und manchmal meint man, in der Ferne einen Ozeanteppich zu erkennen. Einige nennen das Fata Morgana. Schon bald stehen bizarre Formationen wie einsame Säulen inmitten dieses schwarzen Meeres. Über Jahrtausende haben Wind und Sonne hier Kunstwerke geschaffen, die hiesige Adlerpärchen jetzt als Nistplätze missbrauchen. Nur wenige Menschen verirren sich in diese Gegend. Das sechste Zeltlager erwartet die Läufer vor einer besonders imposanten Formation, die den Einheimischen als Heilige Frau geläufig ist.

Bizarre Skulpturen inmitten der Wüste
Bizarre Skulpturen inmitten der Wüste

Die letzten Schritte

Die letzten Schritte des Rennens bringen die Läufer über knappe 15 Kilometer bis ins ersehnte Ziel. Wer auf dem Weg genau hinsieht, kann auf dem Boden die eine oder andere wertvolle Überraschung entdecken. Was die Läufer im Ziel erwartet, kann ich an dieser Stelle nicht schreiben. Nur so viel sei verraten: Der Zieleinlauf ist bisher bei jedem Läufer ein unvergessliches Erlebnis geblieben.

Informationen

Weitere Informationen zum Rennen findet ihr unter:

www.4deserts.com/gobimarch

Für die Anreise empfehle ich folgende Varianten:

  1. Flug nach Urumqi, dann Zug nach Hami
  2. Direktflug nach Hami von einem der großen Hubs

Weitere Informationen zur Reiseplanung liefert der Veranstalter.

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Wer das Rennen mit einer Chinareise verbinden möchte, dem lege ich wärmstens Country Holidays als Veranstalter ans Herz.

Gobi March 2014 – hinter den Kulissen

Der Gobi March zählt zu den spektakulärsten Extremläufen unseres Zeitalters, denn er führt seine Teilnehmer über eine Distanz von 250 Kilometern durch eine der entlegensten Regionen dieser gigantischen, lebensfeindlichen Wüstenlandschaft im Herzen Asiens. Extreme Hitze, klirrende Kälte und beißende Winde sind die täglichen Begleiter derer, die sich auf dieses Abenteuer wagen. Seit mittlerweile elf Jahren veranstaltet RacingThePlanet diesen Etappenlauf und dieses Jahr bereitete ich den Teilnehmern als Course Director ihren Weg.

Plötzlich sind wir mitten drin in der Baustelle
Plötzlich sind wir mitten drin in der Baustelle

Die Anreise führte mich über die chinesische Hauptstadt Peking nach Urumqi, einer Millionenstadt am Rande der Wüste in der Provinz Xinjiang. Urumqi ist seit jeher geprägt durch verschiedenste kulturelle Einflüsse, was ich direkt nach meiner Ankunft an den dreisprachig beschrifteten Verkehrsschildern ausmache; leider umfasst mein Sprachschatz keine dieser Sprachen. Wurden die mehrspurigen, breiten Stadtautobahnen Urumqis noch vor wenigen Jahren hauptsächlich von Eselkarren befahren, werden sie heute dem drastisch gestiegenen Verkehrsaufkommen der Stadt kaum noch gerecht und die Eselkarren sind nahezu vollständig von der Fahrbahn verschwunden. Lediglich auf den Randstreifen verirren sich vereinzelt Fußgänger und Radfahrer, was den Fahrer unseres Geländewagens nicht weiter zu irritieren scheint, denn dieser erklärt den Randstreifen regelmäßig zu seiner Überholspur und verursacht damit bei uns Insassen eine zwanghafte innere Unruhe. Von der Provinzhauptstadt Urumqi fahren wir ca. 450 Kilometer weiter gen Westen in Richtung des äußersten Zipfels Chinas in die chinesische Stadt Bole (Bortala).

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Hin und wieder tauchen am Horizont gigantische, gleißende Industrieanlagen der Größe einer Stadt auf, sonst ist es pechschwarz um uns und die lebensfeindliche Wüstenlandschaft zu beiden Seiten der schnurgeraden Autobahn lässt sich im Dunkel der Nacht nur erahnen. Wir passieren heillos überladene LKW mit blinkender Leuchtreklame oder gänzlich ohne Beleuchtung. Gegen 03:30 Uhr verliert sich die Teerstraße urplötzlich in eine staubige Piste, denn wir rumpeln in eine Baustelle. Als ich am Straßenrand eine leblose Person bemerke, bitte ich unseren Fahrer zu stoppen. Offenbar wurde die Schotterpiste einem Motorradfahrer zum Verhängnis, der jetzt schreiend und blutverschmiert auf der Fahrbahn liegt. Wir sichern die Unfallstelle, alarmieren den Rettungsdienst und leiten den nächtlichen Schwerlastverkehr zentimetergenau an seinem Körper vorbei. Gegen 05:00 Uhr und nach insgesamt knapp 40 Stunden Reisezeit erreichen wir die Retortenstadt Bole und die Vorbereitungen für den Lauf können endlich beginnen.

Pavel (vorne) und Dominik
Pavel (vorne) und Dominik

Auf die Teilnehmer wartet ein Etappenlauf über sechs Etappen mit Einzeldistanzen zwischen 14 und 68 Kilometern und bis zu 2500 Höhenmetern pro Tag. Die Planung dieser Strecke sowie aller logistischen Abläufe während des Rennens obliegen mir; bei der Markierung unterstützen mich Pavel und Dominik – beide sehr erfahrene und zähe Langstreckenläufer, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann. Noch bevor die ersten Teilnehmer in das Camp vor dem Start des Rennens verlegen, haben wir die 47 Kilometer der Auftaktetappe bereits vollständig mit kleinen pinkfarbenen Fähnchen markiert. Per Funk erfahre ich, dass das vermeintlich sichere Camp über Nacht durch einen Wüstensturm vollständig demontiert wurde und der Campmanager Hernan die Nacht unsanft, in Zeltplanen gewickelt, und an einen Generator geklammert, verbracht hat. Um den Läufern diese Erfahrung zu ersparen, bringen wir sie in der Nacht vor dem Start in einer nahegelegenen, verlassenen — zugegebenermaßen hässlichen — Bergbausiedlung unter. Während sich Dominik ein Zimmer mit einer hässlichen Hundeminiatur teilt, übernachte ich mit Hernan unter freiem Himmel und bete für beständiges Wetter. Extreme klimatische Bedingungen erfordern ein gewisses Maß an Flexibilität und Respekt gegenüber der Natur, so plane ich die erste Etappe um, noch bevor der erste Läufer die Startlinie auch nur in Sichtweite bekommt.

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Während die Dornbüsche und die steinigen Trails der Gobi noch vom Mantel der Nacht umhüllt sind, trabt Pavel bereits behutsam mit Stirnlampe über den Schotter und überprüft die Markierungen der ersten Etappe. In der Zwischenzeit beladen die freiwilligen Helfer die Geländewagen der Checkpoints mit Wasser und Hernan schürt uns im Camp ein Feuer, damit wir unseren Instant-Kaffee und unser Müsli mit warmem Wasser aufgießen können. Sind die Teilnehmer um 08:00 Uhr auf der Strecke, stehen alle Checkpoints in Abständen von ungefähr 10 Kilometern wartend in Position und das Course Team widmet sich der Markierung der Etappe des Folgetages. Die Auftaktetappe sorgt für ausgezeichnete Stimmung im Läuferfeld, denn sie führt durch eine Fabellandschaft, die mit bizarren, vom Wind geformten Felsen, durchsetzt ist. Zum Glück ahnen die Läufer nicht, dass mit der zweiten Etappe eine weniger spannende, dafür aber deutlich forderndere, mit trockenen Flussbetten durchsetzte, Gerölllandschaft auf sie wartet.

Checkpoint am ersten hohen Pass auf 2785 Metern
Checkpoint am ersten hoher Pass auf 2785 Metern

Als am dritten Tag das Wetter kippt und Dominik unsere pinkfarbenen Fähnchen im Schnee vorfindet, ist der Lauf längst gestartet und die ersten Athleten nähern sich ihm bereits. Erneut bewährt sich unser flexibles System und wir erklären eine nahegelegene Yurtensiedlung zum Camp und markieren die Strecke in Windeseile um. Noch bevor der erste Läufer schlotternd in eine der Yurten schlürft, haben die Nomaden Teppiche ausgelegt und die Yurten eingeheizt. Seit ich diese Siedlung kennengelernt habe, ist mir Schafkopf nicht nur als Kartenspiel bekannt, sondern zusätzlich in gekochter Form als Abendessen. Zusammen mit dem salzigen Milchtee zum Frühstück hält sich hier meine kulinarische Begeisterung stark in Grenzen.

Das Highlight des Laufes bildet seit jeher der “Long March”. Die fünfte und längste Etappe führt nicht nur die Teilnehmer an ihre Grenzen, sondern ist auch für die gesamte Organisation eine enorme Belastung, da sie die Masse der Läufer auf einer großen Distanz und über mehr als 24 Stunden betreut. Zwei gewaltige Pässe weit über 2000 Meter sind von den Teilnehmern zu bewältigen, bevor sie den unvergesslichen Blick auf den Sayram See erhalten. Der Sayram See ist ein 2000 Meter hoch gelegener, kristallklarer und azurblauer Bergsee, der von Blumenwiesen umgeben ist, die an einen überdimensionalen Golfplatz erinnern. Durchziehende Stürme mit Schnee und Hagel sind in dieser Region auch im Sommer an der Tagesordnung und es ist mir ein Rätsel, wie Menschen in diesem lebensfeindlichen Klima überleben und leben können. Immer wieder stehe ich staunend vor Kasachen und Mongolen, die mit ihren Pferden über diese Farbteppiche traben und mich während der Markierungsarbeiten begrüßen. Die Leichtigkeit und Eleganz sowie der kraftvolle Schritt einer Pferdehorde in diesem, ihrem Element, ist an Schönheit kaum zu überbieten.

Wie geschaffen scheinen diese Pferde für diese Region und das raue Klima.
Wie geschaffen scheinen diese Pferde für diese Region und das raue Klima.

Während die langsamsten Läufer und letzte Teile der Organisation erschöpft aber vollzählig das sechste Camp am Ufer des Sees erreichen, nähert sich das Schnarchkonzert in den Zelten seinem Höhepunkt. Der Tag vor der finalen Etappe wird von allen gleichermaßen zum Lecken der Wunden genutzt, denn die sechste Etappe schlägt lediglich mit 14 Kilometern zu Buche und stellt keine ernstzunehmende Hürde mehr dar. Im Camp spielen sich bizarre Szenen ab: Während die Spanier ihre Oberkörper in der Höhensonne braten, sitzen die Japaner und Chinesen völlig vermummt im Schatten. Sie haben jeden Millimeter ihres Körpers verdeckt, um die Sonneneinstrahlung und deren bräunende Wirkung auf ihre Hautfarbe zu minimieren. Die Jungs aus Polen haben sich für die spanische Variante entschieden und sind mittlerweile krebsrot. Pulver für Kartoffelpampe wechselt ebenso den Besitzer wie Lachs aus der Dose oder gefriergetrocknetes Elchragout aus der Tüte. Das Ärzteteam behandelt weiterhin unzählige Blasenfüße im Medic-Zelt, das mittels iPhone in ein Partyzelt umfunktioniert wird. Der Gang zum Toilettenloch ist für einige die maximale Herausforderung des Tages — es herrscht eine Bombenstimmung!

Die letzten Meter des Laufes verbringen die Teilnehmer am Ufers des gigantischen Sees, der am heutigen Morgen keine Wellen wirft, sondern sich behutsam in den Schleier eines hauchdünnen Nebels hüllt. Der Läufer Pit aus Deutschland bemerkt im Ziel: “Bereits bevor ich das Ziel vor Augen hatte, konnte ich euch hören.” Dieser Kommentar überrascht keineswegs, denn hinter der Ziellinie erwartet die Läufer eine Partyzone, beschallt von einer lokalen Musikgruppe und krachendem Techno im Wechsel. Über dreißig Nationen tanzen ausgelassen und aufgedreht wie Kleinkinder im Kreis. Zum gebührenden Empfang gibt es Reis mit Ei, Wassermelone und natürlich Bier nach deutscher Brauart. Am Ende sind wir alle müde, erleichtert und auch ein wenig stolz, diesen Jungs und Mädels ein unvergessliches Erlebnis bereitet zu haben.

Eine Bomben-Stimmung herrscht unter den Volunteers nach dem Lauf
Eine Bomben-Stimmung herrscht unter den Volunteers nach dem Lauf

Zu Gast im Land von Dschingis Khan

Gobi March



Sie sagen, man riecht sie von weitem, sogar bevor der Donner ihrer Hufe zu hören ist. Dann ist es sowieso zu spät. Binnen Sekunden kamen die ersten, mörderischen Schwälle von Pfeilen, verdunkelten die Sonne und kehrten den Tag zur Nacht. Dann waren sie unter ihnen — schlachtend, vergewaltigend, plündernd und brandschatzend. Wie geschmolzene Lava zerstörten sie alles auf ihrem Weg. Sie hinterließen einen Pfad rauchender Städte und weißer Knochen, der bis in ihre Heimat nach Zentralasien führte. “Die Soldaten des Antichristen sind gekommen, um die letzte schreckliche Ernte einzufahren”, so bezeichnete ein Gelehrter aus dem 13. Jahrhunderts die mongolischen Horden.

— Peter Hopkirk, Foreign Devils on the Silk Road

Nomad @ Sayram Lake
Nomad @ Sayram Lake

Im 13. Jahrhundert trieb Dschingis Khan seine Horden in Richtung Süden durch die Wüste Gobi und eroberte große Teile Chinas. Nach seinem Tod zerfiel sein Großreich und der Islam hielt Einzug im Westen Chinas, der heutigen Provinz Xinjiang. Noch heute leben in dem Bezirk Bortala mongolische Nomaden, denn sie haben gelernt, dem rauen Klima und den beißenden Winden dieser Region zu widerstehen.

RacingThePlanet hat sich für die zehnte Austragung des Gobi Marches für einen besonderen Ort entschieden: die ehemaligen Schlachtfelder von Dschingis Khan. Der autonome Bezirk Bortala befindet sich im äußersten Nordwesten der chinesischen Provinz Xinjiang und ist umschlossen von Tien-Shan, ein Hochgebirge, das bis auf 7439 Meter reicht.

Bereits die Anreise aus Deutschland ist ein Abenteuer: München (1.4 Mio Einwohner) – Peking (20 Mio) – Urumqi (3.2 Mio) – Bole (0.25 Mio). Auf dem Flug von Urumqi nach Bole sitze ich mit dem Briten Ross in einer kleinen Maschine voller Chinesen; wir sind die einzigen Ausländer und schmunzeln leicht, als ein Chinese schwankend im Gang steht und lebhaft mit einem anderen Passagier diskutiert, als das Flugzeug abhebt. Ein junger Flugbegleiter sitzt mit schüchternem Blick auf seinem Klappsitz und gestikuliert wild mit den Armen umher, traut sich aber nicht den Ton zu ergreifen und den Passagier auf seinen Sitzplatz zu verweisen. Irgendwo hinter uns raucht ein Passagier Zigaretten – egal, denke ich und blicke aus dem winzigen Bullauge in die weite Landschaft am Rande Chinas. Letzte Sonnenstrahlen durchbrechen die grauen Wolken und in feinen Schleiern fällt Regen zu Boden.

Bole (Bortala) Stadt gleicht einer typischen chinesischen Retortenstadt aus einem Meer von Plattenbauten; sie beheimatet mehr als die Hälfte der Einwohner des Bezirks Bortala. In den Straßen registriere ich chinesische Zeichen ebenso wie arabische Schriftzüge, viel augenscheinlicher wird der islamische Einfluss jedoch auf dem lokalen Nachtmarkt. Unter freiem Himmel brutzeln die Lamm- und Rindfleischspieße über der glimmenden Holzkohle und verbreiten dabei einen Duft, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Während die Rauchschwaden über unseren Tisch ziehen, füllt sich dieser wie von selbst mit lokalen Spezialitäten: gegrillte Pilzspieße, geröstete Bohnen mit Chili, ein Berg Nudeln mit gekochtem Hühnchenfleisch, Erdnüsse, Shish Kebabs und gegrillter Fisch. Die Uyguren am Nachbartisch sind von unserer Anwesenheit überrascht; wahrscheinlich haben sie nie zuvor Europäer gesehen, denn nach Bole verirren sich nur sehr wenige europäische Touristen.

Erneut bin ich mit dem Team von RacingThePlanet in eine der entlegensten Regionen unseres Planeten gereist, um für 150 Läufer aus 29 Ländern eine 250 Kilometer lange Strecke vorzubereiten. Diese Strecke werden die Läufer in sechs Etappen und sieben Tagen zurücklegen und dabei unvergessliche Eindrücke sammeln.

Die erste Etappe führt die Athleten durch das Koytas-Tal, ein riesiges Gebiet geheimnisvoller Steinformationen nordöstlich von Bole. Noch vor Sonnenaufgang mache ich mich auf den Weg und laufe die erste Etappe. Im Schein meiner Stirnlampe taste ich mich durch die Dämmerung und kontrolliere dabei die Streckenmarkierungen. Die ersten Kilometer führen mich durch trockene, steinige Flussbetten. Zu beiden Seiten türmen sich braune Felsen, die im ersten Sonnenlicht rötlich schimmern. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Schafe auf einmal gesehen wie in dieser Region. Des Öfteren klettert eine ganze Schafherde durch die steilen Felsformationen und plärrt anschließend lauthals zu mir herab. Kurz vor einer Nomadenhütte empfangen mich drei zerzauste Hunde, Zähne fletschend und knurrend. Taktisch klug umzingeln sie mich von mehreren Seiten und rücken auf, je mehr ich mich der Hütte nähere. Meine Schritte verlangsamen sich. An Rückzug ist nicht zu denken, denn hinter mir kommen schließlich bald die Läufer. Laut rufe ich in Richtung des Hauses und hoffe, dass meine Schreie bis in die Hütte vordringen. Als sich die knarrende Holztür öffnet, atme ich auf. Eine junge Frau tritt heraus und pfeift die Hunde energisch zurück. Kurz darauf sitze ich mit der Nomadenfamilie am warmen Ofen, beobachte wie die Frau den Teig für das Frühstück knetet und neben mir dösen friedlich die Hunde.

Im Gegensatz zu vorherigen Austragungen ist der diesjährige Gobi March kein Wüstenlauf, vielmehr führt die Strecke über grüne Wiesen und durch blühende Gebirgslandschaften. Der Schweizer Athlet Roberto fühlt sich prompt an seine Heimat erinnert, nur die Kamele wirken etwas befremdlich.

Die fünfte Etappe ist bei den 4Deserts-Läufen bekannt unter der Bezeichnung: “The Long March”. Diese über 70 Kilometer lange Etappe ist für viele Teilnehmer mehr als eine eintägige Herausforderung. Bereits bei der Streckenmarkierung heult der Wind bedrohlich in meinen Ohren. Es sind weit und breit keine Gebäude, Tiere oder Menschen Spuren erkennbar. Ich bin tief im Tien-Shan Gebirge angekommen. Einige der Läufer werden diesen Abschnitt bei Nacht bewältigen müssen, denke ich. Auf etwa 2700 Metern begegnet mir ein dunkler Reiter, er ist Mongole. Als er näher kommt, begrüßen wir uns freundlich, betrachten uns neugierig und ziehen dann unseres Weges – ich stecke weiter kleine pinkfarbene Fähnchen, er reitet davon. Wie überleben diese Menschen in dieser rauen Umgebung?

Als Trail-Läufer erlebt man viele wunderbare Momente, jedoch gibt es diese ganz besonderen Augenblicke im Leben, die sich ewig in das Gedächtnis brennen. Als ich mich schniefend über den zweiten hohen Pass schiebe, erblicke ich einen gigantischen azurblauen See, zu dessen Ufern sich farbenfroh blühende Blumenwiesen ausbreiten. Eingerahmt von schneebedeckten Bergen liegt er ruhig und schweigsam vor mir. Die Wucht und Kraft dieses Anblicks muss wohl auch Dschingis Khan beeindruckt haben, denn sein Denkmal steht noch heute am Ufer. Der Sayram See liegt auf 2073 Metern und wird als “Perle der Seidenstraße” bezeichnet. Sayram bedeutet in kasachischer Sprache “Segen”.

Am darauffolgenden Tag ist der See alles andere als ein Segen für die Läufer. Wir sitzen in unseren Geländewagen als der Regen bedrohlich laut gegen die Karossen peitscht. Die Fenster sind geschlossen, was die Fahrer nicht davon abhält im Fahrzeug zu rauchen. Draußen spielen sich apokalyptische Szenen ab. Durchziehende schwarze Wolken bringen Regen und Hagel im Minutentakt. Unsere Zelte halten den eisigen Böen nicht stand und klappen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Nur die ersten neun Läufer erreichen das Ziel am Ufer des Sayram Sees und werden von den Helfern mit Decken und heißem Wasser empfangen. Der Rest des Feldes wird angehalten, in Busse und Fahrzeuge verladen und zu einer nahegelegenen Jurtensiedlung befördert. Die roten Teppiche in den Jurten sind klamm, meine Bekleidung ist nass. In der darauffolgenden Nacht fallen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt und Eiskristalle glitzern im Lichtkegel meiner Stirnlampe.

Sayram Lake

Am siebten Tag präsentiert sich die azurblaue Perle erneut in ihrer ganzen Pracht. Das Spiegelbild der schneebedeckten Berge liegt ruhig im Wasser. Auch nach über 200 Kilometern in den Beinen bewegen sich die Teilnehmer des zehnten Gobi Marches mit einem Grinsen durch die gelben und blauen Blüten der Seeufer als seien es ihre ersten Schritte – das Panorama und die Stimmung sind gigantisch.

Hong Kong – Zu Fuß in China


Nach dreizehn Stunden Flugzeit setzt die Maschine zur Landung an. Der Ozean scheint bereits so nah, dass ich zur Schwimmweste greife und mich auf die aufblasbare Rutsche am Notausgang freue. Der internationale Flughafen Chek Lap Kok wurde auf einer Insel errichtet, deren Berglandschaft bis auf wenige Meter über dem Meeresspiegel abgetragen und planiert wurde.

Besonders lohnenswert ist die Fahrt vom Flughafen im Doppelstockbus mit Panoramablick – die vorderen Reihen sind grundsätzlich frei, da Chinesen die Sonne scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Auf der Fahrt ins Zentrum von Hong Kong werden weitere Superlativen sichtbar: Die Straße führt über gigantische Brücken, vorbei an einem der weltweit größten Häfen in einen Betonwald der Superlative. Die drittgrößte Stadt Chinas bildet in den nächsten Tagen mein Laufrevier.

Hong Kong @ night

Im Schutz der Dunkelheit trabe ich los und suche einen Pfad durch Häuserschluchten und über Schnellstraßen. Der Himmel verschwindet fast vollständig hinter Betongiganten mit Lichtermosaik und die Straßen sind in mehreren Ebenen geschichtet – ein Labyrinth der Extraklasse. Mein Weg führt mich steil bergauf in die Hügel am Stadtrand. Langsam geht der Straßenlärm in ein gleichmäßiges Rauschen über und Vögel zwitschern fröhlich im Gebüsch. Oben angekommen bleibe ich stehen und genieße den Ausblick: Wie ein glitzerndes Schmuckstück liegt Hong Kong vor mir, gleichmäßig eingebettet in die schwarzen Hügel, die Schiffe leuchtend und still im Hafen vor Anker liegend.

Frühstück auf Chinesisch

Mein erster Morgenlauf führt mich zu einem kleinen Fischerdorf auf der Halbinsel Kowloon. Im Dorf riecht es nach Fisch, denn zu beiden Seiten des Weges werden die Aquarien der Restaurants mit dem Fang der Nacht überfrachtet. Später wählen die Gäste ihr Hauptgericht persönlich aus, um es anschließend maximal frisch zu verzehren. Gleich hinter dem Dorf biege ich links ab auf den Wilson Trail. Ein makelloser Betonpfad führt mich steil hinauf zum Devils Peak (222 Meter), einer alten Verteidigungsanlage der Briten. Teuflich früh sind auch die Einheimischen wach, denn die spazieren auch bereits in Richtung Gipfel, einige marschieren rückwärts bergauf. Oben trällert zur Begrüßung eine fröhliche Gruppe Rentner ein Ständchen. Wer nicht singen kann, spaziert mit voll aufgedrehtem Radio.

Climbing @ Cape Collision

Im Anschluss wartet das Frühstück und erste lokale Spezialitäten auf meinen leeren Magen. Der freut sich über eiweiß- und kohlenhydratreiche Kost: Die Reissuppe mit Oktopus ist lecker, das gekochte Hühnchen mit Würfeln aus Geflügelblut (A.d.R. ist eher ein Mittagsgericht) nicht jedermanns Sache. Der Start in den Tag ist geglückt, jetzt steht Klettern auf dem Plan.

Judy führt uns zum Zielfels, dieser befindet sich nahe dem Herrengefängnis bei Cape Collision auf Hong Kong Island. Auf dem Weg zur Kletterwand stoßen wir erneut auf Wanderer, die sich, diesmal mit Schirm und Skimaske völlig unkenntlich gemacht, rückwärts den Berg hinauf bewegen. Es sei angemerkt, dass der Himmel zur Stunde vollständig bedeckt ist. Der Kletterfels ist bestens abgesichert, das Meer rauscht wild und im Hintergrund passieren riesige Frachtschiffe und kleine Fischkutter die Bucht – tolles Panorama für unser Workout.

DBay

Um 04:40 Uhr klingelt mein Wecker und wenige Minuten später sitze ich im Nachtbus zum Fährterminal in Central. Falls sich diese Stadt jemals im Schlafzustand befindet, rase ich da jetzt durch. Der Busfahrer hat es eilig und benötigt für die normalerweise fünfzigminütige Strecke gerade mal zwanzig Minuten. Dabei manövriert er seinen Doppelstockbus in atemberaubender Geschwindigkeit und chirurgischer Perfektion durch engste Kurven und Gassen. Mit der Fähre setze ich anschließend über nach Discovery Bay, einer besonders gepflegten Wohnsiedlung auf Lantau Island, die stark an die Fernsehserie Desperate Housewives erinnert – Hauptverkehrsmittel sind Golfkarts und Kinderwagen. Ich habe mich mit Justin und zwei seiner Freunde am Strand zu einem Lauf verabredet.

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Am Pier wartet bereits Kurt, ein amerikanischer Pilot, den ich eindeutig als Läufer identifiziere und kurzerhand anspreche. Kurt ist erfahrener Adventure Racer und campt in der Taifun-Saison in den Bergen, um sich auf die Einsamkeit während der mehrtägigen Rennen vorzubereiten. In dieser stürmischen Zeit dauert der Zeltaufbau meist etwas länger – manchmal auch drei Stunden. Kurz darauf verlassen wir zu viert die Vorgärten der Desperate Housewives und traben hinauf in die Hügel der Insel. In der aufgehenden Sonne sehen wir riesige Containerschiffe in den Hafen von Hong Kong einfahren und den Strand von Discovery Bay verschlafen im Morgenlicht leuchten.

Die schmalen Trails führen uns durch ein kleines Fischerdorf, vorbei an Golfplätzen und über die obligatorischen Mördertreppen – Das sind steile, endlose Treppenpassagen mit ungleichmäßigen, nach vorn abfallenden Stufen für Menschen geringer Körpergröße. Nach etwa zweieinhalb Stunden sprinten wir hinauf zum Tiger Head (ca. 450m) und lassen den gemeinsamen Lauf mit einem knackigen Downhill ausklingen. Anschließend schlürfen wir im Zentrum von Discovery Bay einen frischen Mango-Papaya Smoothie und alle Läuferherzen schlagen wieder gleichmäßig ruhig – ein Traumstart in den Tag.

King of the Hills – Sham Tseng

Es ist noch früh am Sonntagmorgen, als die Zahl drahtiger Chinesen in Trailschuhen mit Laufrucksäcken in der U-Bahn nach Tsuen Wan stetig ansteigt. Aus allen Richtungen reisen sie an zum Kräftemessen der Trail-Elite Hong Kongs: einem Traillauf der “King of the Hills”-Serie im Naturreservat Sham Tseng. 38 Kilometer (wahlweise auch 22 Kilomater) feinste asiatische Trails und knappe 2000 Höhenmeter im Anstieg erwarten unsere asphaltstrapazierten Füße. Auf der engen und steilen Straße zum Start reihen sich Taxis an Sportwagen, gefüllt mir Läufern unterschiedlichster Hautfarbe und Herkunft. Deutlich lassen sich die Fahrzeuge mit Gangschaltung von denen mit Automatikgetriebe unterscheiden, denn das Anfahren am Berg klappt nicht immer.

Knapp vierhundert Läufer stehen um 09:00 Uhr am Start bei 14 Grad Celsius unter wolkenbedecktem Himmel. Die ersten Kilometer sind technisch einfach, das Tempo entsprechend hoch und der Himmel klärt urplötzlich auf – selbstverständlich liegt meine Sonnencreme tief verborgen im Rucksackstapel am Start. Meine Hoffnung auf ein milderes Tempo wird erwartungsgemäß enttäuscht und so ist ab halber Strecke bei mir die Luft raus und ich trabe mit säurepulsierenden Beinen als geröstetes Hühnchen auf den berüchtigten Mördertreppen bergab. Den Rest der gefühlten Ewigkeit verbringe ich mit Orientierung, dem Ignorieren freilaufender, kläffender Hunde und dem Betrachten der hinteren Hälfte des Halbmarathonfeldes, dessen Strecke wenige Kilometer vor dem Ziel mit der unseren verschmilzt. Der britische Standard hat sich auch in Fernost durchgesetzt, so gibt es im Ziel eiskaltes Bier und Softdrinks für alle.

Trail Running in Beijing

Die Luft vibriert am Rand der vierspurigen Straße, grün-gelbe Taxis rauschen hupend vorbei, dunkle Limousinen mit getönten Scheiben schwimmen majestätisch wie Raubfische im Blechstrom. Wanderarbeiter kehren den Dreck aus den Fugen der Gehwegplatten und die Mütterchen an den Garküchen schnippeln Gemüse neben dampfendem Hühnersud. Nur eine milchig-graue Silhouette bleibt von den Umrissen des nächsten Häuserblocks übrig – schwer liegt der Dunst. Zwischen Bäumen am Straßenrand krächzen Lautsprecher Volksmusik für grinsende Greise, die gleichmäßig im Takt Walzer tanzen. Abgase, Gosse und Frittenbude riecht man an einem typischen Morgen in den Straßen Pekings – kein guter Ort für einen Lauf. Ganz klar, Laufen ist in China kein Volkssport. Suchbegriffe wie “Laufen” und “Peking” führen zu Ergebnissen wie Husten, Atemmaske oder Verkehrsunfall. Durchreisende bevorzugen das Laufband im klimatisierten Fitnessstudio. Trail-Runner geben sich damit nicht zufrieden. Es gibt sie, die versteckten Pfade in der Stadt.



Ein flüchtiger Blick auf den Stadtplan verrät: Die Stadt ist riesig! Im Großraum Peking leben zwanzig Millionen Chinesen; das entspricht etwa einem Viertel der deutschen Bevölkerung. Die U-Bahn ist ein erstklassiges Transportmittel. 15 Linien befördern bis zu sechs Millionen Menschen täglich. Auch scheinbar überfüllte Zügen bieten immer noch einen Platz – im Zweifel schieben die Sicherheitskräfte von außen etwas nach. Umfallen kann dann keiner mehr. Linie 8 endet am Olympic Forest Park, einem frisch für die Olympischen Spiele angelegten Idyll nördlich vom Vogelnest, dem Olympiastadion. Im Südteil des Parks verstecken sich die Trails in einer Blumenpracht, während der nördliche Teil 176 verschiedene Baumarten beinhaltet. Wer einen Blick auf Chinas Top-Läufer erhaschen möchte, muss vor den ersten Sonnenstrahlen im Olympic Forest Park sein, denn die Läufer meiden die Sonne. Helle Haut gilt in China als Schönheitsideal.

Nach einem Lauf am frühen Morgen bietet bereits der Heimweg eine Vielzahl an kulinarischen Köstlichkeiten die leeren Glykogenspeicher zu füllen. In den Straßen Pekings warten mobile Pfannkuchen-Karren, Garküchen mit leichter Nudelsuppe oder Bäckereien verschiedener Kulturkreise mit taufrischem Werk der Nacht auf hungrig vorbeiströmende Passanten. Ob Kaffee zu Croissant oder leichter Grüntee zu warmem Eiertörtchen – jeder Geschmack wird bedient.

Michael Sjöholm verkörpert das Idealbild eines schwedischen Top-Läufers – blond, groß, athletisch gebaut, mit charmanten Sommersprossen im Gesicht. Michael trainiert mehrmals wöchentlich eine Laufgruppe in der Stadt. Meist läuft die Gruppe im Chaoyang Park, östlich vom Botschaftsviertel. Treffpunkt ist die kleine Hütte am Parkeingang. Der Wärter in der Hütte gewährt gegen eine Gebühr von 50 Cent Parkzutritt. Um gleich die Sorge vor explodierenden Kosten zu mildern, sei hier erwähnt: Die Monatskarte kostet 80 Cent. Im Park geht es dann querfeldein über Wiesen, Hügel und durch dichtes Buschwerk, vorbei an tanzenden Chinesen, Spaziergängern und hin und wieder auch an Hochzeitspaaren beim Fotoshooting. Ähnlich wie bei einem gut organisierten Marathonlauf sind Erfrischungsstände strategisch platziert und mit ausreichend Personal bestellt. Mobile Eistruhen sorgen im Sommer an jeder Ecke für kühle Getränke. Freilich kann es passieren, dass als Erfrischung eine Flasche mit Eisblock gereicht wird, die den Durst erst einige Kilometer später zu löschen vermag.

Etwas skurril wirkt der 20 km Trail neben dem Airport Expressway, der Autobahn zum internationalen Flughafen. Der Pfad windet sich grazil entlang des schmalen Grünstreifens zwischen Fahrbahn und Hochtrasse, vorbei am Künstlerbezirk 798 (Dashanzi), einem ehemaligen Rüstungsgelände, das in Kooperation zwischen China und der DDR entstand. Heute stellen Künstler Ihre Werke in den ausgedienten Fabrikhallen vor und dazwischen schlürft Pekings High-Society Cappuccino in italienischer Fassade. Ein Geheimtipp ist der Trail entlang des Kanals, südlich vom Kunstbezirk. Vorbei an einem Markt, durch einen Zaun hindurch, über Bahngleise, eröffnet sich unerwartet ein Labyrinth aus Feldern und Seen mit zahlreichen Trails.

Erst ein Lauf auf der Großen Mauer rückt die Leistung der damaligen Bauherren und Arbeiter in das richtige Licht. Über extrem steile Steintreppen führt sie von Gipfel zu Gipfel und liegt in der Landschaft wie eine Schlange im Gras. In den verfallenen Abschnitten schlängeln sich schmale Pfade durch dichten Bewuchs und hin und wieder bieten die unzähligen Wachtürme gigantische Ausblicke in das fremde Land. Dieses Paradies für Trail-Runner erfüllt damit heute einen anderen Zweck als den beim Bau angedachten und verläuft unweit von Peking. Schnellen Zugang zur Mauer bietet die Bahn-Linie S2 vom Nordbahnhof, allerdings wurde dieser Mauerabschnitt für Touristen aufbereitet, das bedeutet: Seilbahn, Asphalt, Souvenirstände. Wilde und anspruchsvolle Trails findet man in Mutianyu oder Simatai. Diese Abschnitte sind mit einem Taxi (50 €/Tag) oder mit einer Kombination aus öffentlichen Bussen und Sammeltaxi erreichbar. Die Busfahrt kann ebenfalls zum Abenteuer werden, denn Fahrpläne und Busanschriften sind in chinesischer Sprache und damit für die meisten Touristen mehr Kunstwerk als Informationsquelle. Selbstverständlich sind die Sitzplätze im Bus auch von Chinesen begehrt und ein Stehplatz im nichtklimatisierten Linienbus bei knapp vierzig Grad Celsius härtet zusätzlich ab.

A-Hotel
A-Hotel

Nach einem harten Training hilft die traditionelle Chinesische Medizin körperliche aber auch geistigen Blockaden zu lösen. Typische Chinesische Massagen werden mit Fingern, Faust, Ellenbogen und Knie durchgeführt und rund um die Uhr angeboten. Falls Feuer zum Einsatz kommt: Bitte nicht erschrecken! Haben sich die Schmerzen der Behandlung erst gelegt, tritt meistens eine Phase der Entspannung ein.

Eine ausgefallene Unterkunft für Läufer ist das A-Hotel, ein modernes Boutique Hotel in zentraler Lage. Gäste mit Zimmern im hinteren Bereich des Hotels erhalten beim Einchecken einen Gutschein für die Hotelbar mit dem Kommentar: “Your room is a little bit far”. Ein düsterer, fensterloser Korridor führt in einer langen Rechtskurve zu den Hotelzimmern. Weich wirkt jeder Schritt auf dem abstrakt gemusterten Teppich und golden leuchtet die reichlich verzierte Stofftapete an den Wänden. Die Zimmernummern an den Türen zählen behäbig aufwärts und allmählich wird klar: Der Gutschein hat durchaus seine Berechtigung. Das Hotel befindet sich im Arbeiterstadion und die Hotelzimmer sind entlang der Außenmauern verteilt, alle mit Fenster. Im Stadion wurde bereits Läufergeschichte geschrieben und findet während des Aufenthaltes ein Fußballspiel oder Konzert statt, ist man hautnah dabei.

Eine asiatische Großstadt pulsiert unaufhörlich, gleichmäßig wie der Herzschlag. Menschen sind allgegenwärtig, Orte der Stille und Entspannung verstecken sich hinter Mauern von Tempeln und Parks. Ein Paradies für Trail-Läufer sieht anders aus. Lässt man sich jedoch auf die ungewohnte Umgebung ein, öffnet die Augen und verweilt etwas, eröffnen sich Möglichkeiten, die vielleicht nur hier existieren.

Thomas Bohne

Gobi March 2011



Die Amerikanerin Mary Gadams nahm selbst an zahllosen Ultramarathonläufen, Wüstenrennen und Abenteuerrennen teil, bevor sie 1996 RacingThePlanet gründete. Ihr Ziel war es, Menschen in die verbliebenen abgeschiedenen Regionen unserer Erde zu führen. Sie ist allerdings nicht die Geschäftsführerin eines Reiseunternehmens, sondern schickt Extremsportler auf 250 km lange Läufe. RacingThePlanet veranstaltet seitdem mit der 4-Deserts Serie vier Etappenläufe, die Athleten durch die vier größten Wüsten unserer Erde führen: das Dünenmeer der Sahara in Ägypten, die heißen Ebenen der Gobi in China, die vertrockneten Salzseen der Atacama in Chile und nicht zuletzt durch die klirrend kalten und schier unerreichbaren Eisfelder der Antarktis. Während der Rennen tragen die Läufer ihre komplette Ausrüstung am Körper, lediglich Zelte und Wasser werden von der Organisation bereitgestellt.



Vor dem Start

Ich steige am 20. Juni um 23:00 Uhr auf dem Flughafen Ürümqi aus dem Flugzeug und ein warmer Wind weht über meine Haut. Augenblicklich steigt der Geruch der Wüste in meine Nase und weckt Erinnerungen an vergangene Rennen in dieser Region. Wenige Minuten später treffe ich weitere Mitarbeiter von RacingThePlanet aus Hongkong, Großbritannien und den Vereinigten Staaten in einem Hotel in der Stadt. Chuck empfängt mich bereits in der Lobby, denn er kann es kaum erwarten aufzubrechen. Wir beide arbeiten in den folgenden zwei Wochen für RacingThePlanet. Unsere Hauptaufgabe ist die Bereitstellung einer markierten, sicheren 250 km langen Strecke für 152 Athleten und die Positionierung der einzelnen Teams der Organisation während des Rennens. In einer Gegend mit geringer Infrastruktur, extremen Naturgewalten, einem internationalen Team und nicht zuletzt eigensinnigen Fahrern stellt dies eine gewaltige Herausforderung für zwei Personen dar. Chuck Walker hat bereits alle großen Wüsten durchquert und scheint nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen.Während ich die wenigen Stunden im fünf Sterne Hotel im King-Size Bett versinke, beobachte ich, wie sich Chuck neben meinem Bett in seinen Schlafsack rollt. Am nächsten Morgen verlassen wir die Millionen-Metropole und fahren in Richtung Wüste.



Die Temperaturen steigen stetig, bei knapp 46 Grad Celsius Innentemperatur sitzen wir reglos im Auto, Klimaanlage: Fehlanzeige. Nach ca. 6 Stunden erreichen wir eine Stelle in der Wüste, die später als Camp dienen soll und entdecken erstes Leben. Völlig unerwartet vollführt Fahrer Hassan plötzlich hektische Bewegungen und zeigt vor sich auf den Boden. Zwei lange ”Arme“ bedrohlich in die Höhe gestreckt, rast eine handtellergroße Kreatur auf acht Füßen zwischen unseren Beinen hindurch. Ein Einheimischer bestätigt uns, dass diese Spinnen nicht giftig sind, jedoch Skorpione fressen. Ich stelle mir die Begegnung mit den freiwilligen Helfern vor und grinse leicht zu Chuck, der trocken meint: ”Then I guess they live where the food lives.“ Wir sind uns einig, die Nacht lieber weit entfernt in den Sanddünen zu verbringen.



In den nächsten Tagen markieren wir Abschnitte im Turpan Becken – sprichwörtlich ein Freiluftgrill. Ich greife in der Mittagshitze nach meiner Wasserflasche; sie ist heiß. Gerde platziere ich eine Flagge auf einem Erdwall, da erblicke ich ein tiefes Loch vor mir. Offenbar haben Einheimische an dieser Stelle nach Grundwasser gegraben. So weit das Auge reicht, formen hunderte Hügel eine bizarre Kraterlandschaft. Sorgsam entwerfe ich einen Parcours um die Hindernisse herum, um plötzliches Abtauchen von Athleten zu vermeiden. Chuck verliert indes im vertrockneten Aydingkol-Salzsee 154 m unter dem Meeresspiegel seine Schuhsohlen. Der Kleber zwischen Schuh und Sohle hat sich durch die Hitze gelöst. Als er seinen Wasservorrat an einer Oase auffüllen möchte, schnaubt ihn eine Herde Kamele an und versperrt ihm den Weg zur Quelle. Er watet behutsam durch das mit Kameldung gefüllte Wasserloch und beginnt sich zu erfrischen, da taucht neben ihm ein riesiger Schatten auf. Er fühlt den feuchten Atem eines Kamels direkt an seinem Körper. Im nächsten Augenblick schleckt eine glitschige, raue Zunge quer über seinen Rücken.



Die Berge

Nach den Erlebnissen im Turpan Becken blicken wir erwartungsvoll auf die Bergetappen und fahren in ein Dorf auf 2000 m Höhe. Um 02:00 Uhr nachts öffnet uns kein Tor, so werfen wir unsere Schlafsäcke auf einen leeren Anhänger am Straßenrand und schlafen unter leuchtenden Sternen ein. Ein kleiner Strom bringt etwas Wasser ins Dorf, so dass die Bauern Weintrauben und Pfirsiche anbauen können, was dem Dorf den Namen Peach Village gibt. Dennoch lassen der Zustand der Häuser und die Kleidung der Menschen auf ein Leben in Armut und Dürre schließen. Hier im Tian Shan Gebirge geben plötzlich weggespülte Straßen und Temperaturstürze von 20°C innerhalb von 15 Minuten einen kleinen Eindruck von den Naturgewalten, die diese Landschaft prägen.



Das Rennnen

Am 26. Juli startet das Rennen und damit ändert sich auch unser Tagesablauf. Als die Athleten die Startlinie überschreiten, sind wir bereits seit zwei Stunden auf der Strecke und überprüfen alle Wegmarkierungen. Oft fegen nächtliche Stürme die kleinen pinkfarbenen Fähnchen in weite Ferne oder Ziegen führen an ihnen Geschmackstests durch, ganz zu schweigen von der Anziehungskraft, die diese leuchtenden Farben auf Nomaden ausüben. Kurz nach Sonnenaufgang stoße ich auf eine Herde Kühe in den Bergen, die erschrocken auf und davon stürmt. Etwas besorgt verfolge ich die munteren Galoppsätze der Kühe in einen steilen Abhang hinein und frage mich, wie viele lebend unten ankommen. Einige Kehren später treffe ich die Herde erneut und mein Blick fällt spontan auf das Tier mit Hörnern und ohne Euter, das mich mit erhobenem Haupt mustert. Die Athleten wundern sich später sicherlich, dass der Kurs an dieser Stelle von der Ideallinie abweicht.



Als ich am zweiten Tag des Rennens das Zelt verlasse, umhüllt mich ein milchiger Schleier aus Dunst. Läufer Gian Mins sagt dazu später: ”Ich dachte ich bin im Himmel.“ Über Nacht ist dichter Nebel aufgezogen und die Sichtweite beträgt nur noch wenige Meter. Das Course Team sitzt auf das Fahrzeug auf; wir verschwinden in der grauen Masse und entfernen zwei Bergabschnitte von der heutigen Etappe. Der am Vortag Erstplatzierte Australier David Goerke nutzt die Gelegenheit und erreicht das Ziel heute bereits nach 1,5 Stunden, andere Läufer schonen sich auf der kurzen Etappe, denn sie ahnen was ihnen noch bevorsteht. Die Nacht verbringen wir erneut in Peach Village, werden jedoch diesmal fürstlich von Einheimischen bewirtet. Am folgenden Tag bereiten die lediglich zwölf Familien des Dorfes für 200 Personen ein außergewöhnliches Nachtlager.



Wenn Chuck von ”rechtmäßigen“ Dünen spricht, kann das nur bedeuten, dass die bis dahin härteste Etappe des Rennens ansteht. Die atemberaubende Schönheit der endlos erscheinenden Sanddünen gerät so schnell in den Hintergrund. Bereits beim Markieren der Etappe versinke ich tief im glühend heißen Sand und verbrenne mir meine Zehen. An besonders steilen Anstiegen zieht mich ein unsichtbares Band beständig bergab. Einige Athleten stoßen hier an ihre Grenzen, werden jedoch vom wüstentauglichen Besenwagen, dem Kamel, eingesammelt und zum nächsten Checkpoint geschaukelt. Wenige Kilometer weiter hat ein Sturm die Markierungen weggetragen, jedoch befolgen alle Athleten unsere Anweisungen vom Morgen und folgen einem frei stehenden Zaun bis zum Camp – bis auf die Koreaner. Wir schütteln ungläubig unsere Köpfe als wir erfahren, dass die Koreaner den dichten Stacheldrahtzaun überklettert haben und nun neue Wege beschreiten. Jedoch gelangen auch an diesem Abend alle Athleten sicher ins Camp und tauschen dort ihre Tageserlebnisse am Lagerfeuer oder im Ärztezelt aus. Unwesentlich überrascht aber durchaus erheitert vernahm ich die Nachricht, dass im Tagesverlauf eine der handtellergroßen Spinnen im Ärztezelt an der Decke haftete und für Aufregung sorgte. Die familiäre Atmosphäre bei RacingThePlanet wird einem bereits beim Betreten des Camps deutlich. 39 verschiedene Nationalitäten sind bei diesem Gobi March vertreten und 19 freiwillige Helfer opfern ihren Urlaub für eine Woche harte Arbeit. Wer einmal bei einem dieser Läufe war, nimmt neben den Eindrücken und neuen Bekanntschaften auch ein unbeschreibliches Gefühl mit nach Hause.



The Long March

”Der lange Marsch“ bezeichnet mit 80 km die längste Etappe des Laufes. Zunächst führt eine unwirkliche, graue Mondlandschaft die Läufer zu einem riesigen, vertrockneten Salzsee. Vorbei an den Kameloasen, die Chuck in bester Erinnerung behält, verläuft die Strecke auf direktem Weg nach Gaochang. Die Palastruinen der 2000 Jahre alten Oasenstadt Gaochang an der Seidenstraße zählen heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Am Horizont hinter Gaochang leuchten bereits die Flammenden Berge, eine rote Sandsteinformation am Rande der Taklamakan. Das Ziel dieser Etappe und damit letzte Camp des Laufes befindet sich inmitten der Flammenden Berge. Wir verteilen bis spät in die Nacht Leuchtsticks auf der Strecke, die den Läufern auch bei Nacht den Weg weisen. Am nächsten Morgen markiere ich mit Chuck gemeinsam die letzten 10 km bis zum Ziel, bevor ich vor Ende des Laufes die Heimreise antrete. Zurück in Urumqi erfahre ich, dass in der Nacht ein Sandsturm mehrere Zelte im Lager einfach weggerissen hat – die Wüste ist einfach unberechenbar.

Thomas Bohne

Taklamakan 100

Erkundung

Nach vier Flügen und 36 Stunden Reisezeit befinde ich mich in Hotan, einer Wüstenstadt im äußersten Südwesten Chinas. Racing The Planet veranstaltet den ersten Lauf der 100 km-Serie in der zweitgrößten Sandwüste der Erde – der Taklamakan. Gegen ein Uhr nachts öffnet mir ein kleiner drahtiger Franzose das Hotelzimmer. Pierre ist Bergführer aus der Eliteschule in Chamonix und organisierte die legendären Raid Gauloises.



Mit unserem Übersetzer Mahmud und dem Fahrer – den wir “K” nennen – bilden wir das Course Team für Racing the Planet. Wir sind eine Woche vor dem Start angereist um eine geeignete Strecke für den Lauf zu erkunden. Wir vermessen einzelne Abschnitte mit GPS, fügen sie geeignet zusammen und markieren sie kurz vor dem Rennen mit roten Fähnchen sowie bei Bedarf mit Leuchtsticks.

Fahl und staubig reihen sich die Bäume entlang der Piste, nur wenige Kilometer sind asphaltiert. Immer wieder überholen wir spektakulär beladene Eselkarren, die dann in einer dichten Wolke im Rückspiegel verschwinden. An einem kleinen See halten wir, und ich bemerke ein Runzeln auf Mahmuds Stirn: Der Wasserspiegel ist innerhalb einer Nacht um zwei Meter gesunken. Diese kleine Oase soll eigentlich als Zielbereich für die Läufer dienen, doch in einer Woche müssen die Läufer wahrscheinlich nach Wasser graben.

Tuslukotak

Nach drei Stunden erreichen wir das Dorf Tuslukotak. Die Bewohner beschnuppern mich im wahrsten Sinne des Wortes und bilden Trauben um jene Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Mahmud kauft Naanbrot mit Walnüssen und viel Wasser. In den folgenden Tagen besuche ich Tuslukotak immer wieder und ein Basketballspiel mit dem halben Dorf bricht auch am Ende der Welt jegliches Eis. Nur die Ziege auf dem Platz ist nicht sonderlich begeistert.

Wir erkunden die Gegend nördlich vom Dorf und folgen einem ausgetrockneten Flussbett. Die Fahrspuren sind längst verweht in dieser trostlosen Landschaft und nur mit Mühe und viel Schwung kommen wir voran. Oft zweigen wir ab und suchen nach geeigneten Passagen für die Läufer. Sanddünen sind tückisch, denn sie sind nur von der windzugewandten Seite befahrbar und fallen auf der anderen steil ab. K ist besorgt, denn immer öfter schaufeln wir die Räder mühsam aus dem heißen Sand und die Dornenbüsche haben tiefe Furchen im Lack hinterlassen. Am Abend vermesse ich einen Abschnitt zu Fuß. Das sind meine ersten Minuten allein in dieser Landschaft. Die Dämmerung setzt ein und die Dünen leuchten rot, ich genieße den lauen Wind.

Lunch Break

Hier leben fast ausschließlich Muslime, die jetzt im Fastenmonat Ramadan erst nach Sonnenuntergang, gemeinsam mit ihren Familien, auf den Holzpritschen vor dem Haus, zu Abend essen. Spät in der Nacht brennt unser kleines Feuer in den Dünen nahe des Dorfes und erhitzt Wasser in einer rußigen Kanne. Wir trinken Tee und essen Nudelsuppe mit Naan. Irgendwann legt sich jeder auf seine Iso-Matte und versucht zu schlafen. Das entfernte Bellen der Hunde und die Schreie der Esel halten mich wach und als sich der Wind legt, summen die Mücken angriffslustig über mein Gesicht. Erst am Morgen schlafe ich ein.

Dinner

Markierung

Zwischen den Dünen formen vertrocknete Baumstämme bizarre Skulpturen, ständig präsenter Sand und hohe Temperaturen ersticken jegliches Leben im Keim. Der Himmel ist grau, jedoch steigen die Temperaturen nachmittags merklich an. Kurze wolkenfreie Abschnitte erinnern mich an das Spiel mit den Ameisen und der Lupe.

1st section

Die ersten 17 Kilometer liegen vor mir und müssen mit Fähnchen markiert werden. Trotz GPS fällt mir die Orientierung schwer, denn Dünen sind als Fixpunkt im Dünenmeer nicht sonderlich hilfreich. Der Sand ist weich und ich sinke tief ein, die kurzen Anstiege kosten Kraft. Nach 2,5 Stunden und 400 Höhenmetern komme ich am geplanten Treffpunkt an und warte auf unser Fahrzeug, das jedoch weit entfernt im Sand feststeckt. Meine Planung war recht optimistisch, denn das Wasser ist bereits aufgebraucht. Zwei Stunden später beginne ich den grünen Tee vom Morgen zu kauen und wäge meine Optionen ab. Bis zum Dorf sind es 30 km Wüste, bis zum Fluss 15 km – beides ziemlich tödlich bei 42 Grad im nicht vorhandenen Schatten. Erst nach insgesamt fünf Stunden höre ich das bekannte Stöhnen des Motors aus der Ferne und bin unendlich erleichtert.


Pierre markiert die Strecke am fast trockenen Black Jade River, während Mahmud und K entfernt stromabwärts unbeschwert baden und ich mir mit der hüfttiefen braunen Brühe die Schicht aus Dreck und Sonnencreme abwasche. Aggressive Mückenschwärme jagen Pierre auf seinem Weg durch das Gestrüpp, bis er im Flussbett kurz inne hält und mit beiden Füßen in den Treibsand sinkt. Mit aller Kraft zieht er an einem Schenkel, während sich das andere Bein hüfttief in den Schlick drückt. Wie eine Eidechse kriecht er auf allen Vieren durch den Schlamm ans rettende Ufer. Als er Stunden später in Schlamm paniert vor uns steht, lachen wir über sein haarsträubendes Erlebnis und planen diesen Abschnitt neu.

Am Abend schlachtet das Dorf ein Schaf und hängt den Kadaver zum Verkauf an die Kreuzung. Mahmud reiht sich in die Schlange der Einheimischen ein und kauft uns Fleisch, Mahmud mag Leber. Nach langer Fahrt durch die Nacht erreichen wir einen geeigneten Schlafplatz und suchen in absoluter Finsternis Feuerholz. Die Stirnlampen leuchten nur wenige Meter, denn der Wind treibt feinen Sand durch die Luft. Etwas später sitzen wir hinter einer Düne und drehen Stöcke mit frischem Lammfleisch über der heißen Glut. Der Sand weht mir kühl ins Gesicht und ich beobachte das spritzende Fett in den Flammen. Gegen drei Uhr schlafen wir erschöpft ein.



Rennen

“Nie wieder Strandurlaub” lautet der Kommentar eines Läufers nach dem Taklamakan Ultramarathon. Am Rande einer endlos erscheinenden Straße, etwa 120 km nördlich von Hotan, hält der Reisebus mit den 40 Athleten. Hagere Läufer mit rasierten Beinen stehen neben tätowierten Bullen mit Dreitagebart, allesamt vermummt und bepackt für die gemeinsame Herausforderung. Pfeifend bläst der Wind den Sand über die Dünen, als sie um 18:00 Uhr über ein grenzenlos erscheinendes Dünenmeer blicken.



Eric LaHaile läuft allen davon. Für Eric beginnt hier die schönste Etappe des Laufes, denn bereits zwei Stunden später verschwindet das Sonnenlicht am Horizont und die Temperaturen fallen auf frische 21 Grad. Mond und Stirnlampe leuchten nun die nächsten Meter des Kurses aus. Lediglich die dumpfen Schritte im Sand und das Knarzen des Rucksacks sind hörbar – es herrscht eine schier unwirkliche Stille in dieser gigantischen Landschaft. Tausende Leuchtsticks weisen den Pfad durch die Nacht, lediglich im Dorf verschwinden die Leuchtsticks wie von Geisterhand. Während ich nachts im Dorf neue Leuchtsticks verteile, kontrolliert Pierre die Markierungen zum nächsten Checkpoint, denn ein Sturm zieht auf und vier Koreaner befinden sich noch auf diesem Abschnitt. Als er am nächsten Checkpoint eintrifft, ist eine gewisse Nervosität zu spüren, denn von den Koreanern fehlt jede Spur. Wie sich später herausstellt, schliefen die vier friedlich neben der Strecke, als er sie passierte.



Kurz hinter der Kreuzung in Tuslukotak, an der vorher noch das Schaf hing, befindet sich das kleine Zelt des Checkpoints bei Kilometer 70. Die beiden freiwilligen Helfer sind nicht zu sehen, denn bis spät in die Nacht steht eine Traube von bis zu 50 Einheimischen, dicht gedrängt um das Zelt und beobachtet gespannt jede Bewegung der zwei weiblichen blonden Volunteers. Als Eric in Sichtweite gerät, jubelt ihm die Masse entgegen, die Kinder beherrschen mittlerweile die La Ola. Wie bei diesen Events üblich, werden sie in das Geschehen eingebunden und reichen den ausgezehrten Läufern saftige Wassermelonen als Erfrischung. Die freiwilligen Helfer schlafen nur wenige Minuten in den beiden Nächten, verbreiten jedoch jederzeit beste Laune.

Am Ende verlassen auch Eric die Kräfte. Er gewinnt aber den Lauf in weniger als 12 Stunden und absolviert damit fast die gesamte Strecke bei Nacht. “Das letzte Mal, dass ich einen anderen Läufer gesehen habe, war drei Minuten nach dem Start” lautet sein Kommentar nach dem Zieleinlauf. Der Zweitplatzierte erreicht die nun wasserlose Oase über zwei Stunden nach ihm. Wer das Rennen vorzeitig beenden muss, den erwartet ein nicht weniger abenteuerlicher Ritt auf einem Kamel bis zum nächsten Checkpoint. Selten treffen so unterschiedliche Kulturen und einzigartige Persönlichkeiten aufeinander und entwickeln sich während des Rennens zu Freunden fürs Leben. Der Respekt vor den Strapazen des Laufes und die Faszination gegenüber der einzigartigen Landschaft verbindet uns alle und so wird jeder Finisher gebührend empfangen und gefeiert. 35 der Läufer erreichten das Ziel, darunter 5 Frauen und ein blinder Läufer aus Südkorea.