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Cape Wrath Ultra: Das große Scheitern

Der Cape-Wrath-Ultra ist kein gewöhnlicher Etappenlauf, sondern eine abenteuerliche Reise durch den menschenleeren Norden Schottlands. Die vom Eis geschliffenen und vom Wind geformten schottischen Highlands werden nur von Hartgesottenen besucht. Einer davon ist Bear Grylls bei Man vs Wild, wie er vor der Küste aus einem Hubschrauber in den Ozean springt. Zu gering ist die Infrastruktur, zu extrem das Klima. Seit Jahren hat die Läuferszene auf dieses Rennen gewartet und viel wurde darüber diskutiert. Schließlich standen am Sonntag, dem 22. Mai 2016, 95 Läufer aus 15 verschiedenen Ländern am Start in Fort Williams, dem Outdoor-Zentrum Schottlands am Fuße von Ben Nevis.

Fortsetzung folgt…

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Die Etappenübersicht:

   1. Etappe 37 Kilometer, 500 Höhenmeter
   2. Etappe 57 Kilometer, 1800 Höhenmeter
   3. Etappe 68 Kilometer, 2400 Höhenmeter
   4. Etappe 35 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   5. Etappe 44 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   6. Etappe 72 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   7. Etappe 61 Kilometer, 1600 Höhenmeter
   8. Etappe 26 Kilometer, 700 Höhenmeter

Ergebnisse

Frauen

  1. Ita Manuela Mariotto (ITA)
  2. Louise Staples (GB)
  3. Laura Watson (GB)

Männer

  1. Marcus Scotney (GB)
  2. Thomas Adams (GB)
  3. Pavel Paloncy (CZ)

Die Ausrüstung:

  • Canon 5DS
  • EF 16-35 f4 IS USM

 

 

 

Kenianer als Erster auf dem Gipfel

Mittenwald – Was für ein Rennen. Im Tal herrschten tropische
Verhältnisse, die Strecke war so lang und so schwer wie nie zuvor und
ein Kenianer holte sich den Titel. Bereits vor dem Rennen standen die
Zeichen gut, denn über 400 Läufer waren gemeldet und der Himmel war
blau, ganz ohne Wolken. “Die Temperaturen sind ideal, es herrschen
fast tropische Verhältnisse hier”, sagt Bergwacht-Chef Heinz Pfeffer.
Auf jedem, der elf Kilometer langen Strecke, steht einer seiner
Mittenwalder Kameraden für den Notfall. Außerdem gibt es fünf
Verpflegungsstellen bis zum Gipfel. “Mehr als ausreichend”, meint
Pfeffer.

Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn
Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn

Auch die Österreicherin Sabine Reiner ist guter Dinge, denn erst vor
einer Woche holte sie Bronze bei der Europameisterschaft im Berglauf.
“Ich lasse es auf mich zukommen”, sagt sie wenige Minuten dem Start.
“Die Temperaturen sind auch nicht zu verachten.” Pünktlich um 14 Uhr
geben der Zweite Bürgermeister Gerhard Schöner und die Biathletin
Nadine Horchler den Startschuss, und das Feld der 343 angetretenen
Läufer sprintet los. Vom Zentrum des Ortes geht es zunächst auf
flachen 1,5 Kilometern Asphalt bis zum Berg. Dort wartet dann die
erste steile Rampe, eine Teerstraße. “Da kann man sich gleich
abschießen, wenn man die nicht kennt”, erklärt der Bergläufer Stefan
Paternoster, der hier zu den großen Favoriten zählt. Anschließend
folgen die Teilnehmer etliche Kilometer einer Forststraße, bis sie auf
einen schmalen Pfad treffen. Dieser windet sich in Serpentinen durch
Latschen hinauf zur Dammkarhütte. Dort beginnt der schwierige Teil der
Strecke.

Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend
Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend

“Es ist eine richtige Schinderei”, beschreibt es Paternoster treffend.
“Du machst einen Schritt und rutschst einen halben zurück”, sagt der
Kenianer Isaac Kosgei später. “Jeder Meter ist so hart.” Trotzdem kann
er sich etwas absetzen und seinen Vorsprung durch den Tunnel halten.
Wenige Minuten nach 15 Uhr erreicht er als Erster das überdimensionale
Fernrohr an der Bergstation der Karwendelbahn. Doch bis zum Ziel sind
es diesmal einhundert Höhenmeter mehr. “Wer ist das?”, fragte der
Organisator Kurt König überrascht. Bisher konnten sich die Kenianer
auf dieser anspruchsvollen Strecke nicht durchsetzen. Auf dem letzten
steilen Anstieg bis zum Gipfel der Linderspitze holt der Schotte
Robbie Simpson gefährlich schnell auf und die Zuschauer toben. Am Ende
trennten die beiden nur 43 Sekunden und Kosgei gewann das Rennen in
1:06:12 Stunden. Den dritten Platz sicherte sich der Kenianer Francis
Maina Njoroge, der nicht mit dem zähen Schotten gerechnet hatte. “Ich
dachte eigentlich, ich werde Zweiter”, sagte Njoroge nach dem Rennen.

Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert
Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert

Während den Männern die Strecke zu schaffen machte, fühlte sich Sabine
Reiner scheinbar pudelwohl. “Es war super abwechslungsreich und hat
mit voll taugt. Ich habe nicht ein Mal auf die Uhr geschaut.” Mit
einer Zeit von 1:14:27 Stunden ließ sie ihre Konkurrenz weit hinter
sich und siegte bei den Damen. Ihr Freund Stefan Hubert lief die
Strecke außerhalb der Wertung in 1:20 Stunden zum Training mit
Rucksack. Das Paar gehört zur Weltspitze der Bergläufer und befindet
sich mitten in der Vorbereitung auf die Berglauf Weltmeisterschaft im
September in den USA.

Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert hat.
Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel
ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert
hat.

Die schnellen Läufer sind allerdings nur ein kleiner Teil der
Athleten, die sich den technischen 1460 Höhenmetern stellen. Nur fünf
Teilnehmer brechen das Rennen vorzeitig ab und 338 erreichen das Ziel.
Für viele ist dieser Lauf eine große Herausforderung. “Er zählt zu den
schwierigsten Läufen im Alpenraum”, sagt der österreichische
Berglauf-Weltmeister Helmut Schmuck, der heuer erstmals mitlief. Am
Ende stand König die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. “Wir
wussten nicht, funktioniert das jetzt bis da hoch. Top. Ich habe ein
gutes Team.”

Impressionen vom Zugspitz Ultra-Trail

D-Day – auf dem Trail durch die Geschichte Europas

Annähernd 160 000 alliierte Soldaten landeten am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie und führten in den frühen Morgenstunden diese Tages die größte militärische Landungsoperation durch, die die Welt bis heute gesehen hat. Das Ausmaß der Verluste bei dieser Operation überschreitet jegliche Vorstellungskraft. Am 6. Juni 1984 feierten Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Königin Elisabeth II., François Mitterand und der kanadische Ministerpräsident Pierre Trudeau mit tausenden Veteranen den 40. Jahrestag des D-Day. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeladen, denn die Zeit hatte die Wunden auch nach 40 Jahren nicht geheilt. Als ich im März dieses Jahres einen Anruf aus Frankreich erhielt und gefragt wurde, ob ich als deutscher Soldat für den Ultra D-Day Traillauf zum 70-jährigen Gedenken an den D-Day zur Verfügung stände, war ich mir der Bedeutung dieser Veranstaltung bewusst. Der Lauf sollte eine Gruppe, bestehend aus sieben zivilen Läufern sowie sieben militärischen Läufern aus sieben verschiedenen Nationen über 100 Meilen, entlang der fünf Landungsstrände in der Normandie führen: Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword Beach.

© Michel Dehaye
© Michel Dehaye

Prinzipiell führen Trailläufe auf schmalen Pfaden abseits befestigter Wege durch die Landschaft. Darüber hinaus sind die Strecken von Ultra-Trails länger als die hinreichend bekannte Marathondistanz von 42,195km und häufig sind Berge inklusive. So ist es nicht allzu verwunderlich, dass neben mir auch Philipp aus Bad Reichenhall und Tom aus Graz zu den Bergspezialisten dieser sehr alten Sportart zählen. Eines ist sicher: Berge gibt es in der Normandie jedenfalls nicht! Das Teilnehmerfeld des Ultra D-Day umfasst außerdem Läufer aus den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Belgien und aus Polen. Allesamt stehen wir am Morgen des 12. Juni im feuchten Sand des Utah Beach und wissen nicht so recht, was uns in den folgenden Stunden bevorsteht.

© Tom Wagner
© Tom Wagner

70 Jahre nach der Landung der alliierten Truppen sind die Strände sauber, die Luft ist klar und ein Meeresrauschen liegt in unseren Ohren. Es ist schwer vorstellbar, wie sich vor 70 Jahren die Landungsboote ihren Weg durch diese Wellnessoase bahnten und die Soldaten mit klatschnassen Kleidern unter ohrenbetäubendem Lärm in den Kugelhagel liefen. Nach den ersten Metern am Strand nehmen uns französische Kinder bei der Hand und geleiten uns zur Eröffnungszeremonie. Das Medieninteresse ist gewaltig und das Klicken der Kameras erreicht seinen Höhepunkt, als die Nationalflaggen der Teilnehmer zusammen mit Roland, einem der französischen Läufer, am Fallschirm einschweben. Auch die Bundeswehr ist mit einem Kamerateam vor Ort.

Endlich laufen wir los. Die 17 Kilometer bis zum ersten Versorgungspunkt sind zäh, denn die Läufergruppe orientiert sich am schwächsten Läufer — eine völlig neue Erfahrung für uns Bergläufer. Für die Versorgungspunkte wurden die bedeutendsten historischen Stellen im Küstenverlauf im Abstand von 8 bis 24 Kilometern gewählt. Der erste befindet sich nahe der Ortschaft Carentan, einer schwer umkämpften Schlüsselstelle des D-Day. Der deutsche Soldatenfriedhof La Cambe hinterlässt bei mir gewaltigen Eindruck. 21 000 gefallene deutsche Soldaten liegen hier begraben. Während ich die Namen der Gefallenen auf den schwarzen Grabsteinen innerlich laut vorlese, überkommt mich ein seltsames Gefühl, denn die Namen klingen unheimlich vertraut.

Pegasus Bridge © Michel Dehaye
Pegasus Bridge © Michel Dehaye

Nach 60 Kilometern erreichen wir einen Versorgungspunkt am Omaha Beach und erste Verschleißerscheinungen treten bei uns Läufern hervor. Der Asphaltanteil der Strecke liegt oberhalb meiner Schmerzgrenze wie auch die Inhomogenität der Gruppe. Jason aus Kanada ist überzeugter Vegetarier, kann sich nach 60 Kilometern allerdings nicht mehr beherrschen: “Ahh, I think I am not really a Vegetarian anymore.” und stopft sich genüsslich zwei Schinkenschnittchen zwischen die Kiefer. Ich blicke noch einmal in den knallroten Sonnenuntergang, drehe mich um und trabe im Schein meiner Stirnlampe in die stille Nacht.

Gegen 24:00 Uhr laufen wir mit brennenden Fackeln zum britischen Friedhof in Bayeux. Ich bin mir nicht sicher, ob der Rauch der Fackel meines Vordermannes oder die Flammen der strauchelnden Belgierin neben mir das größere Risiko darstellten, ohne Zweifel war auch nach über 80 Kilometern höchste Konzentration angebracht. Der zeremonielle Teil dieser Station ist geprägt von einem massiven Hunger- und Kältegefühl und ich kann mir nur mühevoll ein Lächeln abringen. Immer mehr Läufer zollen der Belastung Tribut und müssen pausieren, mich eingeschlossen. Wie ein Segen erscheinen uns die ersten Sonnenstrahlen am frühen Morgen des 11. Juni und verleihen unseren müden Knochen frische Energie für die letzten 40 Kilometer nach Caen. Erst gegen 15:00 Uhr erreichen wir die Stadt, die infolge des D-Day fast völlig zerstört wurde. Zum Zielsprint treten wir gemeinsam mit 4000 französischen Kindern an. Ihr strahlendes Lachen, die kraftvoll wehenden Nationalflaggen und die Friedenstauben am Himmel bleiben mir wohl ewig im Gedächtnis und erinnern mich daran, in welch schönen und friedlichen Zeiten wir uns in Europa befinden.

Stillstand

Madeira ist ein süßer Wein mit ordentlich Umdrehungen, der von der gleichnamigen Insel stammt. Dessen spezieller Geschmack wurde durch die Schiffsreisen zum Festland und den damit verbundenen Reifeprozess überhaupt erst geprägt. Heute wird für den Reifeprozess natürlich keine Schiffsreise mehr benötigt und so sitze ich im Flugzeug, statt auf einem Segelschiff zwischen hölzernen Weinfässern zu schwanken.

Die portugiesische Insel Madeira befindet westlich von Afrika, etwa auf der Höhe Marokkos und ist in wenigen Flugstunden von Deutschland aus erreichbar. Neben mir sitzen Gerald und Jörg, zwei erfahrene Läufer, die bereits zusammen auf den Kilimandscharo gelaufen sind und dabei ihren Bergführer abgehängt haben. Diese beiden alten Hasen haben mich auf den Madeira Island Ultra Trail (MIUT) aufmerksam gemacht — ein Lauf quer über die Insel mit knackigen Anstiegen. “Das ist toll, da bekommt man in kurzer Zeit die ganze Insel zu sehen”, hörte ich es in meinen Ohren. Jetzt sitzen wir im Flugzeug und sind uns einig, dass die Laufsaison noch viel zu jung ist diesen ausgewachsenen Lauf.

Der MIUT feiert diesjährig seine sechste Austragung und wartet mit vier verschiedenen Strecken auf: 20km, Marathon, 85km und 115km. Es muss ja auch nicht immer gleich ein Ultra sein! Ist doch klar, für welche Strecke wir uns entscheiden — wir wollen schließlich die ganze Insel sehen. Am Tag vor dem Lauf landen wir auf dem einst für seinen schwierigen Anflug und seine extrem kurze Landebahn berüchtigten Flughafen Funchal, dessen Landebahn heute durch eine einzigartige Säulenkonstruktion in den Atlantik verlängert ist.

Am Abend nach der Landung düsen wir mit weiteren 380 Läufern in Reisebussen an das andere Ende der Insel. Das Feld ist klein und familiär, so wie die Insel. Man kennt sich untereinander. Punkt 24:00 Uhr passiert das Feld des UT85 und des UT115 die Startlinie in Porto Moniz und begibt sich auf eine wunderbare Reise durch die laue Nacht. Jörg ist bereits auf der Strecke unterwegs, denn er konnte keine Startnummer mehr lösen und läuft jetzt in Einzelwertung auf Teilabschnitten des UT85 und UT115 über die Insel.

An den ersten Hügeln formen die Stirnlampen leuchtende Ketten im Dunkel der Nacht. Ich verschlinge die salzige Luft mit purem Genuss und tanze auf den glitschigen Pfaden steile, schwarze Rinnen bergab – ein technischer Höchstgenuss — bis gegen 06:00 Uhr meine Stirnlampe versagt. Während des Laufens streife ich den Rucksack ab, taste nach meiner Ersatzlampe und versuche sie zu packen. Dabei linse ich immerzu über die Schulter meines Vordermannes, um einen Blick auf den beleuchteten Teil des Trails zu erhaschen. Als wir im dichten Wald auf einen Checkpoint stoßen, gewinnt mein Vordermann einige Meter Abstand und mein Licht ist plötzlich weg. Nun bin auf mich allein gestellt und stolpere mit dem diffusen Schein meiner Notlampe (Petzl E+LITE) durch das Gestrüpp. Hält die jetzt bis zum Sonnenaufgang? Falls nicht, bin ich geliefert, denke ich. Die Strecke führt schier endlos entlang der Lebensadern der Insel – den sogenannten Levadas. Das sind schmale Wasserkanäle aus Beton, die Felder und Siedlungen mit frischem, klarem Quellwasser versorgen.

Gegen 07:00 Uhr erreiche ich die Passstraße des Encumeada-Passes und treffe auf den bestens gelaunten Jörg. Er wird an den Stationen ebenso freundlich empfangen wie die Teilnehmer und trotz seines ausdrücklichen Widerspruchs genötigt sich zu verpflegen. Nach einer frischen Nacht und infolgedessen stetig gekühlten Getränken verhält sich mein Magen nun etwas irritiert und ich löffele zaghaft Hühnersuppe und knuspere an salzigen Crackern. Draußen zeichnen sich mittlerweile blaue Silhouetten der umliegenden Berge ab. Es dämmert! Jörg begleitet mich zur nächsten Levada, ich verliere ihn jedoch bereits nach wenigen Minuten aus den Augen. Es folgt ein endloser Abstieg ins Tal der Nonnen, in dessen Winkeln einst Nonnen ihre Zuflucht vor Seefahrern und fleischlichen Gelüsten suchten. Ich hingegen suche erneut Hühnersuppe und Cracker, denn der nun folgende 1300m Anstieg führt zum höchsten Berg der Insel, dem Pico Ruivo mit 1861m.

Noch befinde ich mich im Bereich der Top Ten, aber nach stundenlangem Lauf ohne ausreichende Energiezufuhr fühle ich mich jetzt leer wie ein verdorrtes Blatt in der Wüste. Sicher kennst du dieses Gefühl. Dein Vorsprung schmilzt wie Eiscreme in der Sonne und in jeder Kehre blickst du dich ängstlich um, als ob der Teufel hinter mir her sei: Wann kommen sie endlich und traben in vernichtendem Tempo an dir vorbei? Ich krieche wie Stück Butter über einen heißen Tiegel und erklimme Meter um Meter diesen endlosen Anstieg. Die Landschaft baut sich atemberaubend vor mir auf, aber dafür reicht meine Aufmerksamkeit nicht. Gefährlich schwankend stolpere ich über die ausgesetzten Felsgrate — die Auswirkungen von Dehydrierung und Unterzucker sind unverkennbar. Selbst leicht abfallende Abschnitte werden zur Quälerei. In diesem Zustand rückt das Ziel in unerreichbare Ferne. Immerhin liegen noch 55 Kilometer mit entbehrungsvollen Anstieg zwischen meinem aktuellen Zustand und der Ziellinie in Machico!

Vor drei Jahren steckte ich beim Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) in einer ähnlichen Situation und es fehlten noch knapp 70 Kilometer bis ins Ziel. Damals beendete ich den Lauf aufgrund von Magenproblemen und dem damit verbundenen Mangel an Nährstoffen vorzeitig. Wie habe ich diese Entscheidung bereut!

Als ich einen Schritt in die Holzhütte unterhalb des Pico Ruivo setze, steht mein Entschluss bereits fest. Mein Körper sackt auf einem Stuhl in der Ecke des dunklen Raumes zusammen und mein Kopf fällt schwer nach hinten. Die zuständige Ärztin schaut mich an, läuft zu mir herüber und fragt: “Geht es dir gut?” Ich erwidere: “Hätten Sie etwas Suppe? Mein Magen versagt die Funktion und ich muss pausieren.” Unverzüglich reicht mir ein Helfer warmen, schwarzen Tee. “Der ist gut für den Magen”, erklärt er in gutmütigem, väterlichen Ton. Ich sitze da, döse, lasse die Zeit verstreichen und registriere wie meine Verfolger die Hütte betreten, sich verpflegen und weiterlaufen. Meine Arme verdecken meine Startnummer, denn ich fühle mich geschlagen, völlig am Boden. Es ist mir peinlich hier zu sitzen und teilnahmslos dem Rennen zuzusehen, bei dem ich vor wenigen Minuten einer der Hauptakteure war. Wie verhalte ich mich, wenn sich mein Magen nicht beruhigt?

Schließlich raffe ich mich auf, fülle etwas Tee in meine Flaschen und lasse die Hütte hinter mir. Fünfundvierzig lange und schwere Kilometer liegen jetzt vor mir. Der landschaftlich schönste Teil der Insel breite sich unter meinen Füßen aus. Ich nehme mir Zeit, genieße die exponierten Pfade, laufe durch pechschwarze Felstunnel und erfreue mich der verstörten Gesichter der deutschen Wanderer, die sich mit einem freundlichen “Grüß Gott” einstellen. Mein Magen erholt sich allmählich. Am nächsten Verpflegungspunkt unterhalb des Pico Ariero (1818m) pausiere ich erneut ausgiebig und schlürfe wässrige Hühnerbrühe. Endlich habe ich Zeit, mir über die Hühner in der Suppe meine Gedanken zu zerbrechen. Wieder betreten meine Verfolger die Station, aber jetzt verlasse ich den Verpflegungspunkt vor ihnen. Sie sitzen mir wie Wespen im Nacken. Auf abschüssigen und flachen Trails kann ich den Abstand zu ihnen halten, ja sogar vergrößern. Allen die langen Anstiege fressen zu viel Kraft. Etwa 20 Kilometer später ist ein Finne direkt hinter mir. Ich lasse ihn passieren. Plötzlich taucht Jörg vor mir auf; er läuft mir entgegen. Ich freue mich wahnsinnig sein vertrautes Lächeln zu sehen. Er hat definitiv einen guten Tag, auch außerhalb der Wertung.

Madeira coast

Der Nordküstenweg vor Machico belohnt mich mit traumhaften Tiefblicken auf die Steilküste und den schäumenden Atlantik. Ich passiere Läufer des T20, die auf diesem Abschnitt mit den Juwelen des Trailrunning verwöhnt werden. Feinste Trails, steile Rampen und technische Leckerbissen zieren diesen Parkours. Ob diese Leckerbissen als solche wahrgenommen werden, hängt von den technischen und sportlichen Fähigkeiten der Läufer ab. Meine Gedanken wandern zu Gerald, der diese halsbrecherischen Abstiege bei Nacht absolvieren muss. Jörg erreicht Machico kurz vor Einbruch der Dunkelheit nach ca. einhundert zurückgelegten Kilometern. Am Ende erfahre ich, dass ich die Ziellinie als elfter Läufer überschritten habe und bin unendlich dankbar. Ich bin dankbar für den Mut, die Zeit verstreichen haben zu lassen.

Finally finished
Finally finished
Flugkosten: ab 250€
Startgeld
T20 35€
Marathon 55€
T85 85€
T120 105€
Übernachtungsort Machico
Übernachtung Casa da Graça
Die Strecke (T115) auf Strava

Madeira 11 copy

Grundausstattung:
– leichter Laufrucksack
– Stirnlampe mit Ersatzbatterien
– Notlampe
– Rücklicht (vom Veranstalter vorgeschrieben)
– Trinkbecher
– 1 l Wasservorrat
– Mobiltelefon

Bekleidung:
– T-Shirt
– Laufhose
– Socken
– Trailschuhe
– leichter Windbreaker
– wasser- und winddichte Jacke mit Membran
– Kopfbedeckung (Buff)
– Sonnenbrille

Notfallausrüstung:
– elastischer Verband
– Notfalldecke
– Tempotaschentücher

Nahrung:
– Salztabletten
– Nussmischung / Riegel / Gels
– Elektrolytpulver

MIUT auf GPSies

Die Königsrunde

Der Herzogstand — kein anderer Münchner Hausberg bietet einen vergleichbaren Ausblick. Am Fuße des Berges liegt Kochel, dessen gleichnamige Kalksteinfelsen von der internationalen Kletterelite hoch geschätzt werden. Gleich dahinter breitet sich das flache Voralpenland bis zum Münchner Olympiaturm aus. Vom Pavillon auf dem Gipfel lässt sich heute noch erahnen, was König König Ludwig II. bewegte, diesen Berg zu seinem Lieblingsberg zu wählen. Die Gipfeltour zum Herzogstand lässt sich mit der Gratüberschreitung auf den Heimgarten zu einer Laufrunde der Extraklasse kombinieren. Aber Vorsicht! Die Wanderzeit auf dieser Strecke ist mit mehr als sechs Stunden angegeben und der Gratweg ist ausschließlich für trittsichere und geübte Läufer ratsam.

Anfahrtsbeschreibung

Von München kommend, fährst du zunächst nach Kochel am Kochelsee, passierst das Walchenseekraftwerk mit den markanten Wasserröhren und fährst die Serpentinen hinauf bis über die Passhöhe zwischen Kesselberg und Herzogstand. Weiter fährst du am Ufer des Walchensees bis zur Talstation der Herzogstandbahn. Die Talstation ist ebenfalls mit dem Bus aus Kochel erreichbar. Der Parkplatz vor der Bahn ist der Ausgangspunkt für unsere Laufrunde.

Der Grat hinüber zum Herzogstand mit dem Pavillon auf dem Gipfel
Der Grat hinüber zum Herzogstand mit dem Pavillon auf dem Gipfel

Wegbeschreibung

Am nordöstlichen Ende des Parkplatzes beginnt unser Trail. Dieser traumhafte Singletrail führt dich bei mäßiger Steigung und herrlichem Blick über den Walchensee durch den bewaldeten Südhang des Berges. Im Sommer ähneln die bunten Segler auf dem See kleinen Papierfähnchen, die ausgelassen im Wind tanzen. Nach ca. vierhundert Höhenmetern erreichst du eine felsdurchsetzte Passage und passierst einen Wassergraben. Dieser führt nicht zu jeder Jahreszeit ausreichend Wasser! Nach weiteren vierhundert Höhenmetern und zahlreichen Serpentinen erreichst du recht unverhofft den Berggasthof Herzogstand. Vorbei am Berggasthof und den japanischen Touristen querst du anschließend unterhalb vom Martinskopf (1675m) hinüber in die von Latschen durchwachsene Südostflanke des Herzogstandes. Nach wenigen Kehren und weiteren unbeholfenen Bahntouristen stehst du zunächst am Gipfelkreuz und anschließend am Pavillon des Königs (1731m).

Am Pavillon bietet sich dir ein herrlicher Rundblick über das weitreichende Alpenvorland, die strahlend blauen Seen und die gewaltige Alpenkulisse im Süden. In westlicher Richtung erkennst du den Gratweg und in dessen Verlängerung den Gipfel des Heimgartens. Leicht unterhalb des Gipfelpavillons befindet sich der Zugang zum Gratweg. Gleich zu Beginn erwarten dich etwas steilere Passagen, die du jedoch ohne Probleme meistern wirst. Falls nicht, dreh um! Im ständigen Auf und Ab, mit Drahtseilen gesichert, führt dich der Grat hinüber zum Heimgarten, dessen Gipfel du nach einem kurzen aber steilen Anstieg durch Latschengebüsch mühelos erreichst. Das glänzende Gipfelkreuz des Heimgartens strahlt im Abendlicht besonders schön.

Vom Gipfel begibst du dich in südlicher Richtung zur Heimgarten-Hütte, die nur im Sommer bewirtschaftet ist. Vorbei an der Hütte, folgst du dem schmalen und felsdurchsetzten Pfad durch dichten Wald hinab in Richtung Süden zur Ohlstädter Alm. Über die Almwiese, vorbei an einer Viehschleuse passierst du die Ostseite des Rotwandkopfes, weiter in südliche Richtung, leicht bergauf. Nachdem der Weg abrupt in Richtung Osten abknickt, führt er dich über kurze und gut laufbare Serpentinen bergab bis zum Rotwandgraben. Dem Weg neben dem Rotwandgraben folgst du, bis der Parkplatz der Herzogstandbahn ausgeschildert ist.

Als abschließendes Highlight der Tour empfehle ich diesmal keine Einkehr mit Kaffee und Kuchen, sondern ein erfrischendes Bad im Walchensee. Besonders in den Sommermonaten ist das für mich der krönende Abschluss dieser Tour.

Am Ufer des Walchensees mit Blick auf den Herzogstand
Am Ufer des Walchensees mit Blick auf den Herzogstand

Zeitansatz

Schnelle und erfahrene Läufer sollten für diese Tour mindestens zwei Stunden ansetzten. Weniger schnelle und weniger erfahrene Läufer sollten für die Tour ca. 3-4 Stunden einplanen. Bitte denkt an die obligatorische Ausrüstung, die ihr in den Bergen jederzeit mitführen solltet:

Ausrüstung

– wasser- und winddichte Jacke mit Membran
– wärmende zweite Schicht
– Erste-Hilfe-Päckchen
– Notlampe
– Nahrung / Wasser

Tourdaten

Link zu den Tourdaten auf Strava.com

Viel Spaß und vielleicht sehen wir uns auf dem Trail!

Ultra-Trail du Mont-Blanc 2013

© Judy Ng
© Judy Ng

Der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) ist einer der anspruchsvollsten Trailläufe Europas und führt seine Teilnehmer auf einer 168 Kilometer langen Strecke mit 9600 Höhenmetern non-stop um das Dach Europas herum. Neben dem eigentlichen UTMB können sich die Teilnehmer für die kleinere aber nicht wesentlich zahmere Schwester, den Courmayeur – Champex – Chamonix (CCC), oder den Sur les Traces des Ducs de Savoie (TDS) registrieren.

Der Petite Trotte à Léon (PTL) zählt ebenfalls zur Serie der Läufe des UTMB, findet aber unter besonderen Rahmenbedingungen statt. Dieser Lauf startet bereits am Montagabend in Chamonix und endet sechs Tage später am gleichen Ort, dem Place Triangle de l’Amitié. Die Teilnehmer dieses Abenteuers finden sich in Zweier- und Dreierteams zusammen, bewegen sich in völliger Autonomie um den Mont-Blanc und “drehen zusätzlich noch eine Schleife durch ein anderes Gebirge”, formulierte der deutsche Teilnehmer Thomas Eller lässig. Von den 91 Teams befand sich dieses Jahr nur ein einziges deutsches Team auf diesem Parkour: “Les émeus rampants” (die schleichenden EMUs). Thomas Eller hat sich kurzfristig beim Frühstück am Montagmorgen im Deutschen Haus dazu entschlossen, das Team von Uwe Herrmann und Eric Türlings zu ergänzen. Die 288 Kilometer lange Strecke mit 25 000 Höhenmetern hat es in sich, so müssen die Teams selbstständig navigieren und werden nur an drei Labestationen versorgt. Sie passieren auf ihrem Weg nicht weniger als 33 Bergpässe und bewältigen schwere alpine Passagen bei Nacht und bei schlechtem Wetter. Bewusst wird bei dieser Kategorie auf eine Wertung verzichtet: Ankommen ist das Ziel!

Leider steht Thomas Eller zu unserer Überraschung am Mittwochmorgen völlig entkräftet, kalt und durchnässt in der Küche des Deutschen Hauses und berichtet den staunenden Gesichtern über die Strapazen der letzten Nacht, die das Team zur Aufgabe gezwungen haben. Das schlechte Wetter zu Beginn dieses Laufes setzte vielen Teams schwer zu und führte bereits in der ersten Nacht bei 12 Teams zur Aufgabe. Insgesamt konnten 43 Mannschaften den Lauf erfolgreich beenden, davon legten 31 die Gesamtdistanz zurück.

Als Tom, Bernie, Jan und Bei am Freitagmorgen bereits im Bus nach Courmayeur sitzen, schläft das Deutsche Haus noch tief. Später beim Frühstück verfolgen wir den Start des CCC per Ultratrail TV, dem online TV-Programm des UTMB. Der CCC führt seine Teilnehmer über 101 Kilometer und 6100 Höhenmeter von Courmayeur in Italien über Champex-Lac in der Schweiz nahezu vollständig auf der UTMB-Nordschleife nach Chamonix und bietet einen Vorgeschmack dessen, was der große Bruder an Herausforderungen bereithält. Direkt an der Startaufstellung kontrollieren Mitarbeiter der Organisation stichprobenartig die Ausrüstung einzelner Läufer. Extreme Wetterbedingungen und Notsituationen bei Trailläufen vergangener Jahre ließen die Pflichtausrüstung der Teilnehmer deutlich anwachsen und ziehen diese drastischen Konsequenzen nach sich. Der Start der 1901 Teilnehmer des CCC erfolgt in drei Gruppen zeitversetzt.

UTMB 2013CCC© The North Face¨ Ultra-Trail du Mont-Blanc¨ - Pascal Tournaire
UTMB 2013CCC© The North Face¨ Ultra-Trail du Mont-Blanc¨ – Pascal Tournaire

Während Tom am ersten Pass mit Schwindel kämpft, befinden sich Jan, Bernie und Bei unterdes weiter hinten im Feld und marschieren im Gänsemarsch den 1500m-Anstieg zum Tête de la Tronche hinauf. Jan fühlt sich dabei an seine Heimat erinnert: “Das ist wie in Polen vor 30 Jahren. Da standen diese langen Schlangen vor den Geschäften.” Champex Lac hingegen gleicht eher dem Rummel wie auf dem Oktoberfest: Während sich die Masse der Läufer inbrünstig an Speisen und Getränken labt und dabei halbe Kuchen verdrückt, liegen einige zitternd und röchelnd auf Bänken und Tischen. Bernie hat hier die Linzer Törtchen entdeckt, schlürft dazu ein Tässchen Kaffee und beobachtet das wilde Treiben im Zelt mit argwöhnischer Neugier. Unser Küchenchef Jan ist begeistert von der Verpflegung auf der Strecke: “Überall gab es Nudelsuppe, an den großen Stationen sogar warme Spaghetti; die habe ich natürlich gegessen. Und die Salami erst — großartig!” Erfahrungsgemäß kehrt Jan bei Wettkämpfen gemütlich auf Berghütten ein und ordert lokale Spezialitäten. Da er sich diese Zeit beim CCC sparen konnte, lief er diesmal prompt auf Platz Eins unserer internen Hauswertung.

Der Start vom großen Bruder gleicht einem Rock Festival der Superlative: Die Zuschauermassen schieben sich durch die viel zu engen Gassen von Chamonix, Fotoapparate klicken und Catherine Poletti tanzt berauscht vor der tobenden Menge, während die Stars der Szene mit großen Schritten einmarschieren. Die Stimmung im Feld ist elektrisiert. Alle sind sie heute hier versammelt: Julien Chorier, Miguel Heras, Tony Krupicka, Mike Wolfe, Sébastien Chaigneau, Nuria Picas und dann das gigantische Feld der 2500 Läufer. Alle vereint sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen um diesen weißen Riesen laufen, so schnell und kraftsparend wie möglich. Als sich schließlich das Feld zur Vangelis-Hymne in Bewegung setzt, blicke ich in zahlreiche feuchte Augen. Es sind diese Momente, die diesen Lauf unvergleichlich werden ließen.

Nach etwas vierzig Kilometern schaltet die Spitze des Feldes in Les Contamines ihre Stirnlampen ein und trabt in die Nacht. Durch die Startzeit am Nachmittag kommt beim UTMB auch die Spitze des Feldes in den Genuss durch die Nacht zu laufen. Unter leuchtendem Sternenhimmel zieht sich die schier endlose Lichterkette über die schwarze Berglandschaft und immer wieder stehen Menschen an der Strecke und klatschen. Vom Deutschen Haus laufen Axel, Gerald, Marius und auch Thomas den UTMB. Die Frauen von Axel und Gerald beobachten den Rennverlauf per Internet und sind beruhigt, als sie im LiveTrail-Tracking sehen, dass die beiden mit geringem Abstand durch die Nacht traben: “Die beiden laufen zusammen. Bin ich froh! Da schlafe ich ruhiger”, ist Geralds Frau erleichtert. Axel genießt indes die sternklare Nacht: “Auf einem Stück Teerstraße habe ich meine Stirnlampe ausgeschaltet, um den Sternhimmel zu betrachten — unglaublich diese Pracht!” An der Kontrollstation vor dem Col du Bonhomme sagten sie ihm: “Du ziehst jetzt deine lange Hose an, sonst lassen wir dich nicht weiter.” “Das war auch gut so”, meint Axel. “Dort oben hat der Wind gepfiffen, das kannst du dir nicht vorstellen! Bei Regen möchte ich diese Strecke nicht laufen müssen.” Gerald hingegen geht es in der ersten Nacht schlecht. Schon vor dem Lauf hatte er Magenprobleme und jeder erfahrene Läufer weiß: Magenprobleme können dich richtig aus der Bahn werfen. In Courmayeur ruft er seine Frau an. Er will ihr mitteilen, dass sie ihm mit dem Auto abholen soll. Sie hat allerdings das Telefon ausgeschaltet und schläft. Gerald läuft schließlich weiter.

Xavier THEVENARD
Xavier THEVENARD

Wer kannte schon vor diesem Rennen den 25-jährigen Xavier Thevenard? Vor drei Jahren gewann der Junge aus dem französischen Jura den CCC, der bis dahin sein dritter Ultratrail war. Dieses Jahr lief er zusammen mit den Weltklasse-Läufern Julien Chorier, Miguel Heras und Tony Krupicka an der Spitze des UTMB-Feldes. Nach etwa einhundert Kilometern konnte er sich am Grand Col Ferret von seinen Verfolgern absetzen, so dass diese ihn bis zum Ende des Rennens in Chamonix nie wieder einholten. Doch damit nicht genug. Thevenard lief in 20:34 Stunden eine neue Rekordzeit auf der Strecke. Tony Krupicka plagte seine hintere Oberschenkelmuskulatur und er schied in Trient aus.

Bei den Damen führte Núria Picas auf den ersten Kilometern das Rennen an und konnte sich etwas Vorsprung vor ihren Verfolgerinnen erarbeiten. Dieser Vorsprung wurde von Rory Bosio am Col du Bonhomme aufgeholt und Bosio führte fortan das Rennen bei den Frauen an. Sie lief den Lauf ihres Lebens, scherzte an Verpflegungsstationen mit den Helfern und pulverisierte den alten Streckenrekord von Krissy Moehl um fast zwei Stunden. Sie finishte in 22 Stunden und 37 Minuten und lag damit auf Rang Sieben der Gesamtwertung hinter Julien Chorier. Sie ist damit die erste Frau, die es beim UTMB unter die besten Zehn der Gesamtwertung geschafft hat.

Das Deutsche Haus feierte mit seinen vier UTMB-Teilnehmern vier glückliche Finisher. Gerald lief auf einen fabelhaften 258. Platz in Chamonix ins Ziel und Axel landete bei seiner UTMB-Premiere sogar auf dem Treppchen seiner Kategorie. Thomas und Marius wurden am Sonntagmorgen von Julia Böttger im Ziel empfangen und beglückwünscht.

Der UTMB versammelt jährlich die Elite der Szene und das nicht zuletzt durch das Punktesystem bei der Anmeldung. Eine Auswahl der Teilnehmer, die über die Höhe des Startgeldes geregelt wird, wurde hier bisher vermieden. Die Strecke ist ein landschaftliches Highlight, technisch nicht zu schwierig, nicht zu hoch gelegen und durch die vielen Höhenmeter eine beachtliche Herausforderung für jeden Teilnehmer. Wer die Atmosphäre vor Ort, die Professionalität der Organisation und Qualität dieser Veranstaltung in Chamonix erlebt hat, der wird verstehen, dass sich die Frage nach einer Weltmeisterschaft über 100 Meilen damit erübrigt.