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Cape Wrath Ultra: Das große Scheitern

Der Cape-Wrath-Ultra ist kein gewöhnlicher Etappenlauf, sondern eine abenteuerliche Reise durch den menschenleeren Norden Schottlands. Die vom Eis geschliffenen und vom Wind geformten schottischen Highlands werden nur von Hartgesottenen besucht. Einer davon ist Bear Grylls bei Man vs Wild, wie er vor der Küste aus einem Hubschrauber in den Ozean springt. Zu gering ist die Infrastruktur, zu extrem das Klima. Seit Jahren hat die Läuferszene auf dieses Rennen gewartet und viel wurde darüber diskutiert. Schließlich standen am Sonntag, dem 22. Mai 2016, 95 Läufer aus 15 verschiedenen Ländern am Start in Fort Williams, dem Outdoor-Zentrum Schottlands am Fuße von Ben Nevis.

Fortsetzung folgt…

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Die Etappenübersicht:

   1. Etappe 37 Kilometer, 500 Höhenmeter
   2. Etappe 57 Kilometer, 1800 Höhenmeter
   3. Etappe 68 Kilometer, 2400 Höhenmeter
   4. Etappe 35 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   5. Etappe 44 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   6. Etappe 72 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   7. Etappe 61 Kilometer, 1600 Höhenmeter
   8. Etappe 26 Kilometer, 700 Höhenmeter

Ergebnisse

Frauen

  1. Ita Manuela Mariotto (ITA)
  2. Louise Staples (GB)
  3. Laura Watson (GB)

Männer

  1. Marcus Scotney (GB)
  2. Thomas Adams (GB)
  3. Pavel Paloncy (CZ)

Die Ausrüstung:

  • Canon 5DS
  • EF 16-35 f4 IS USM

 

 

 

Vorschau: 250 Kilometer durch die Namib

Wenn sich im Mai 2016 knapp 200 Ultraläufer aus über 40 Nationen in der Wüste Namib treffen, betreten sie ein lebendes Museum von unglaublicher Schönheit und Komplexität. In sechs Etappen werden die Läufer 250 Kilometer in der trockensten und ältesten Wüste der Erde bewältigen und dabei völlig unberührt Gebiete durchqueren.

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Ein warmer Wüstenwind weht durch das Cockpit, während unser Flugzeug über einen breiten Dünengürtel schwebt. Zwischen den majestätischen Dünen verstecken sich keine, grüne Inseln und grazile Marmorreliefs. Die Skelettküste im Nordwesten Namibias ist eine unzugängliche und einsame Region. Touristen dürfen diesen Bereich nicht betreten. Aus der Luft sieht die Landschaft aus wie ein abstraktes Gemälde: Schwarze, rote und gelbe Linien zeichnen ein Gemälde wie auf einer Leinwand. Sie ist die älteste Wüste der Welt und hat viel gesehen und erlebt. Über 1000 Schiffswracks liegen versunken im Sand und sind stille Zeugen von zahlreichen Tragödien, die sich hier abgespielt haben. Statt Zuflucht erwartete die Gestrandeten am rettenden Ufer die erbarmungslose Hitze eines der trockensten Orte unseres Planeten. Die Schiffswracks und Knochen gaben der Skelettküste ihren Namen.

Hyänenspuren führen zum  Wrack
Hyänenspuren führen zum Wrack

Eine besonders spektakuläre Rettung ereignete sich im November 1942. Das britische Frachtschiff Dunedin Star strandete vor der Küste mit 85 Personen Besatzung und 21 Passagieren. Ein Teil der Passagiere konnte das Ufer erreichen, bevor das Rettungsbot zerbrach. Während der Rettungsmission sollte ein nagelneues Flugzeug Wasser und Lebensmittel für die Schiffbrüchigen abwerfen. Da die Masse der Vorräte beim Auftreffen zerstört wurde, entschied sich der Pilot des Rettungsflugzeugs zur Landung. Dies war eine fatale Entscheidung. Der nagelneue Lockheed Ventura Bomber landete auf einer Salzebene und versank im Sand. Ein Konvoi der südafrikanischen Armee machte sich auf den 950 Kilometer langen Weg zu den Hilfesuchenden. Drei weitere Flugzeuge warfen daraufhin Proviant und Wasser für die Gestrandeten ab und versorgten außerdem den Rettungskonvoi. Bei der Rettung waren auch Schiffe beteiligt. Eines davon versank mit zwei Personen an Bord Besatzung und Passagiere der Dunedin Star waren nach 27 Tagen gerettet.

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Die Namib ist keine gewöhnliche Wüste. Im Westen trifft sie auf eine der nährstoffreichsten und fischreichsten Meeresströmungen der Erde — den Benguelastrom. Ihre Pflanzen- und Tiere haben sich auf spektakuläre Weise die extremen Bedingungen angepasst.

Welwitschia mirabilis
Welwitschia mirabilis

Die Welwitschia mirabilis ist Teil des Wappens Namibias und trinkt Küstennebel. Obwohl sie bis zu 2000 Jahre alt werden kann, besitzt sie lediglich zwei Blätter und die lebenswichtige Fähigkeit, Wasser vom Tau der Blätter aufzunehmen.

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Wenn die Flussbetten austrocknen, bleiben wenige Wasserstellen übrig. Wüstenelefanten legen auf ihrem Weg zu Wasserstellen bis zu 80 Kilometer pro Nacht zurück und Oryxantilopen können ihre Körpertemperatur tagsüber auf 40 Grad Celsius anheben, um die Hitze zu überstehen. Sie benötigen kein Trinkwasser und können es auch ausschließlich über ihre Nahrung aufnehmen.

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Läufer sind deutlich schlechter angepasst. Sie werden deshalb alle zehn Kilometer mit Wasser versorgt. Ihre Ausrüstung und Nahrung tragen sie bei einem 4Deserts-Lauf im Rucksack bei sich. Die Rucksäcke wiegen zwischen sechs und fünfzehn Kilogramm. Die Läufer mit leichteren Rucksäcken liegen in der Platzierung erfahrungsgemäß weiter vorn. Übernachtet wird im Gemeinschaftszelt und Duschen gibt es erst weit hinter der Ziellinie. Wer dieses Abenteuer übersteht, ist danach ein anderer Mensch.

Oryx-Antilopen
Oryx-Antilopen

Sonnenaufgang an den Drei Zinnen

Wenn Menschen an die Alpen denken, verbinden sie damit meist die atemberaubenden Bilder der Dolomiten – die Drei Zinnen, das Dreigestirn der Tofane, Monte Cristallo. Der Lavaredo Ultra Trail ist mit seiner neunten Austragung mittlerweile ein Klassiker, der mit 119 Kilometern und knapp 6000 Höhenmetern um genau diese berühmten Felsformationen führt. Die Tour Das Rennen startet am späten Abend in Cortina d’Ampezzo und wer als Läufer sein Tempo gut einteilt, wird mit den drei Zinnen bei Sonnenaufgang belohnt. Die Läufer spüren, dass sie willkommen sind und so ist es keine Überraschung, dass 500 der 6000 Einwohner Cortinas bei den Rennen als Helfer auf der Strecke stehen. Ein kleines Alpenstädtchen umrahmt von einer atemberaubenden Kulisse feiert für einige Tage ein Trailrunning-Festival. Die Atmosphäre in Cortina erinnert ein wenig an die Anfangsjahre des UTMB. Mit 1300 Läufern aus 56 Nationen verzeichnete die diesjährige Austragung erneut einen Teilnehmerrekord, wirkt allerdings immer noch familiär – ganz im Gegensatz zum großen Bruder in Chamonix.

Lavaredo Ultra Trail

Auch den Top-Stars der Szene ist der Lavaredo nicht entgangen, so standen in diesem Jahr der US-Amerikaner Timothy Olson, die Brasilianerin Fernanda Maciel, die Französin Caroline Chaverot, Denise Zimmermann (1. Irontrail, 1. TVSB, 1. Sardona Ultra) sowie ein extrem starkes internationales Feld an der Startline. Maciel hat den Lavaredo bereits 2011 gewonnen und war Zweite in 2012. “Zum Lavaredo komme ich immer gern zurück, denn es ist eine so wunderschöne Strecke”, erläutert sie ihre erneute Teilnahme in diesem Jahr. Gewinnen konnte sie den Lavaredo Ultra Trail dieses Jahr nicht, sondern die Französin Caroline Chaverot entschied das Rennen für sich und ließ diesmal Nathalie Mauclair und Maciel hinter sich. War es eine Revanche für dich? Caroline sagt sichtlich erleichtert: “Um ehrlich zu sein, ja. Die IAU Weltmeisterschaften waren hart für mich, denn am letzten Berg hat mich Nathalie sehr schnell überholt. Aber es war nur ein Bluff, denn dann lief sie in meinem Tempo weiter, aber ich kam einfach nicht mehr ran.” Mit diesem Lauf unterbot sie den Streckenrekord von Rory Bosio vom vergangenen Jahr um 49 Minuten. Rory hatte ihrerseits bereits den alten Streckenrekord um 90 Minuten verkürzt. Auch die Herren lieferten sich einen harten Kampf um die Spitze, den der Norweger Didrik Hermansen in 12.34 h für sich entschied. Der Franzose Erik Clavery führte das Feld bis Kilometer 33, fiel dann auf Platz Fünf zurück und kämpfte sich schließlich wieder bis auf Rang Zwei nach vorn.

Rennen

Cortina Skyrace 20km, 1000 Höhenmeter
Cortina Trail 47km, 2650 Höhenmeter
Lavaredo Ultra Trail 119km, 5850 Höhenmeter

Resultate Lavaredo Ultra Trail

Männer

  1. Hermansen Didrik (NOR) 12.34h
  2. Clavery Erik (FRA) 13.01h
  3. Duran Lopez Yeray (ESP) 13.04h

Frauen

  1. Chaverot Caroline (FRA) 13.40h
  2. Mauclair Nathalie (FRA) 14.25h
  3. Maciel Fernanda (BRA) 15.15h

#### Resultate Cortina Trail

Männer

  1. Davide Cheraz (ITA) 4.43h
  2. Stefano Fantuz (ITA) 4.54h
  3. Sebasjan Zarnik (ITA) 4.57h

Frauen

  1. Kim Spence (GBR) 5.42h
  2. Kerstin Erdmann (GER) 5.58h
  3. Anna Biasin (ITA) 5.59h

Vorschau: Gobi March 2015 – Eine Karawane der besonderen Art

Der Gobi March zählt zu den härtesten Wüstenrennen, denn er führt seine Teilnehmer in eine der entlegensten Regionen der Erde – die Wüste Gobi. In diesem Jahr war ich mit der Planung einer neuen Strecke beauftragt und gebe hier einen Ausblick auf das, was die Läufer während ihres einwöchigen Abenteuers erwartet.

Gobi March 2015-9

Vom Weltall sieht sie aus wie eine trockene Pfütze mitten in Zentralasien. Ihre Ausmaße sind gigantisch und sie ist umgeben von den höchsten Gebirgsketten unserer Erde: den Kunlun Bergen im Süden und gleich dahinter dem Himalaya, dem Pamir im Westen und im Norden dem Tien Shan. Die Wüste Gobi ist berüchtigt für ihr extremes Klima, ihre karge, steinige Landschaft. Plötzlich auftretende Stürme lassen den Tag zur Nacht werden und haben in der Vergangenheit ganze Karawanen von Reisenden verschlungen. Die Menschen in dieser Region haben sich angepasst. Sie haben gelernt, zu überleben. Ihre braungebrannten, faltigen Gesichter und ihre rauen, furchigen Hände zeichnen ein Bild von einem Leben in den Extremen.

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Mit der zwölften Austragung des Gobi Marches zieht erneut eine Karawane durch die karge Einöde. Ultraläufer aus über 40 Nationen haben sich in der chinesischen Provinz Xinjiang verabredet, um in sechs Tagen 250 Kilometer zu Fuß und nahezu autark zurückzulegen. Dabei werden sie schwitzen, bluten, Tränen werden fließen und es werden Freundschaften fürs Leben geschlossen. Viele wird dieser Lauf für immer verändern und für einige wird es das Abenteuer ihres Lebens. Was erwartet die Teilnehmer des Gobi March im Jahr 2015?

Die Region um die Oase Hami war bereits 2006 Austragungsort für den Gobi March. Die Reisenden auf der Seidenstraße schätzen Hami besonders für seine süßen Melonen, die großen Rosinen und den herrlichen Wein. Hami ist das östliche Tor nach Xinjiang und mittlerweile zu einer chinesischen Großstadt mit geraden Straßen und Betonhäusern gewachsten. In den schmalen Gassen abseits der verkehrsbeladenen Hauptstraßen herrscht jedoch noch immer die Ruhe und Gelassenheit einer Wüstenoase.

Direkt hinter dem Hotel, das die Läufer des Gobi March 2015 beziehen werden, liegt der Duft von gegrilltem Schaffleisch in der Luft. Nebenan verkauft ein Händler die saftig-süßen Früchte der Region. Zahlreiche Minoritäten wie Uiguren, Hui, Kasachen und Mongolen sind hier zu Hause. Schaffleisch in allen Varianten bildet das Grundgerüst aller Speisekarten in Hami. Schaffleisch gegrillt, gekocht oder gebraten als Hauptspeise oder kalte Knochen als Snack zwischendurch.

Erste Etappe

Von Beginn an werden die Läufer sprachlos gelassen. Das erste Zeltlager liegt inmitten bizarrer rotbrauner Steinformationen und nicht zuletzt auf einer Höhe von 2400 Metern. Vorbei an Nomadenhäusern und durch steile Schluchten schlängelt sich ein schmaler Pfad hinaus in die weiten Grasebenen Dschingis Khans. Mit etwas Glück sind Reiter zu sehen und einzelne Kamelherden grasen friedlich im satten Grün. Nach etwa 25 Kilometern ragt mitten im Grün eine gigantische Sanddüne empor. Gleich daneben befindet sich der dritte Checkpoint und die letzte Verpflegung vor dem zweiten Zeltlager.

Gobi-22

Zweite Etappe und dritte Etappe

Eine Schotterpiste schlängelt sich auf einen 2770 Meter hohen Bergpass des Tien Shan hinauf. Am höchsten Punkt ruht ein Kloster, vor dessen Pforte ich im März noch hüfttief im Schnee steckte, während unser Fahrer einen steckengebliebenen Geländewagen aushob. Wir waren die ersten Besucher nach dem strengen Winter. Langsam windet sich die Straße vom Pass hinab und eröffnet immer wieder den Blick in das schier endlose Becken um Hami. Knochenbrecherische Gerölllandschaften mit messerscharfen Steinen gewähren genug Raum für einen schmalen Pfad durch die Ausläufer des Tien Shan. Dazwischen verstecken sich malerische Oasen mit Schafherden und Aprikosenbäumen.

Vierte Etappe

Diese Etappe schließt den Bogen vom Gebirge zur Wüste. Um von den Ausläufern des Tien Shan in das Hami-Becken zu gelangen, muss eine breite Fläche aus Geröll und Büschen durchquert werden. Dazwischen verlaufen Wassergräben und am Horizont zeichnen sich die Silhouetten der Skyline von Hami ab. Sind die deutlichen Zeichen unserer Zivilisation passiert, betreten die Athleten den Boden der Wüste um Hami. Nahe eines Dorfes, das wir Aprikosendorf getauft haben, ragen rote Steinformationen empor. Dort befindet sich das Camp Fünf.

Gobi March 2015-15

Fünfte Etappe – The Long March

Bereits mit den ersten Schritten betreten die Läufer den pechschwarzen Boden der Wüste Gobi — wir nennen sie Schwarze Gobi. Die flimmernde Luft lässt den Horizont verschwimmen und manchmal meint man, in der Ferne einen Ozeanteppich zu erkennen. Einige nennen das Fata Morgana. Schon bald stehen bizarre Formationen wie einsame Säulen inmitten dieses schwarzen Meeres. Über Jahrtausende haben Wind und Sonne hier Kunstwerke geschaffen, die hiesige Adlerpärchen jetzt als Nistplätze missbrauchen. Nur wenige Menschen verirren sich in diese Gegend. Das sechste Zeltlager erwartet die Läufer vor einer besonders imposanten Formation, die den Einheimischen als Heilige Frau geläufig ist.

Bizarre Skulpturen inmitten der Wüste
Bizarre Skulpturen inmitten der Wüste

Die letzten Schritte

Die letzten Schritte des Rennens bringen die Läufer über knappe 15 Kilometer bis ins ersehnte Ziel. Wer auf dem Weg genau hinsieht, kann auf dem Boden die eine oder andere wertvolle Überraschung entdecken. Was die Läufer im Ziel erwartet, kann ich an dieser Stelle nicht schreiben. Nur so viel sei verraten: Der Zieleinlauf ist bisher bei jedem Läufer ein unvergessliches Erlebnis geblieben.

Informationen

Weitere Informationen zum Rennen findet ihr unter:

www.4deserts.com/gobimarch

Für die Anreise empfehle ich folgende Varianten:

  1. Flug nach Urumqi, dann Zug nach Hami
  2. Direktflug nach Hami von einem der großen Hubs

Weitere Informationen zur Reiseplanung liefert der Veranstalter.

Gobi-6

Wer das Rennen mit einer Chinareise verbinden möchte, dem lege ich wärmstens Country Holidays als Veranstalter ans Herz.

Kenianer als Erster auf dem Gipfel

Mittenwald – Was für ein Rennen. Im Tal herrschten tropische
Verhältnisse, die Strecke war so lang und so schwer wie nie zuvor und
ein Kenianer holte sich den Titel. Bereits vor dem Rennen standen die
Zeichen gut, denn über 400 Läufer waren gemeldet und der Himmel war
blau, ganz ohne Wolken. “Die Temperaturen sind ideal, es herrschen
fast tropische Verhältnisse hier”, sagt Bergwacht-Chef Heinz Pfeffer.
Auf jedem, der elf Kilometer langen Strecke, steht einer seiner
Mittenwalder Kameraden für den Notfall. Außerdem gibt es fünf
Verpflegungsstellen bis zum Gipfel. “Mehr als ausreichend”, meint
Pfeffer.

Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn
Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn

Auch die Österreicherin Sabine Reiner ist guter Dinge, denn erst vor
einer Woche holte sie Bronze bei der Europameisterschaft im Berglauf.
“Ich lasse es auf mich zukommen”, sagt sie wenige Minuten dem Start.
“Die Temperaturen sind auch nicht zu verachten.” Pünktlich um 14 Uhr
geben der Zweite Bürgermeister Gerhard Schöner und die Biathletin
Nadine Horchler den Startschuss, und das Feld der 343 angetretenen
Läufer sprintet los. Vom Zentrum des Ortes geht es zunächst auf
flachen 1,5 Kilometern Asphalt bis zum Berg. Dort wartet dann die
erste steile Rampe, eine Teerstraße. “Da kann man sich gleich
abschießen, wenn man die nicht kennt”, erklärt der Bergläufer Stefan
Paternoster, der hier zu den großen Favoriten zählt. Anschließend
folgen die Teilnehmer etliche Kilometer einer Forststraße, bis sie auf
einen schmalen Pfad treffen. Dieser windet sich in Serpentinen durch
Latschen hinauf zur Dammkarhütte. Dort beginnt der schwierige Teil der
Strecke.

Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend
Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend

“Es ist eine richtige Schinderei”, beschreibt es Paternoster treffend.
“Du machst einen Schritt und rutschst einen halben zurück”, sagt der
Kenianer Isaac Kosgei später. “Jeder Meter ist so hart.” Trotzdem kann
er sich etwas absetzen und seinen Vorsprung durch den Tunnel halten.
Wenige Minuten nach 15 Uhr erreicht er als Erster das überdimensionale
Fernrohr an der Bergstation der Karwendelbahn. Doch bis zum Ziel sind
es diesmal einhundert Höhenmeter mehr. “Wer ist das?”, fragte der
Organisator Kurt König überrascht. Bisher konnten sich die Kenianer
auf dieser anspruchsvollen Strecke nicht durchsetzen. Auf dem letzten
steilen Anstieg bis zum Gipfel der Linderspitze holt der Schotte
Robbie Simpson gefährlich schnell auf und die Zuschauer toben. Am Ende
trennten die beiden nur 43 Sekunden und Kosgei gewann das Rennen in
1:06:12 Stunden. Den dritten Platz sicherte sich der Kenianer Francis
Maina Njoroge, der nicht mit dem zähen Schotten gerechnet hatte. “Ich
dachte eigentlich, ich werde Zweiter”, sagte Njoroge nach dem Rennen.

Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert
Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert

Während den Männern die Strecke zu schaffen machte, fühlte sich Sabine
Reiner scheinbar pudelwohl. “Es war super abwechslungsreich und hat
mit voll taugt. Ich habe nicht ein Mal auf die Uhr geschaut.” Mit
einer Zeit von 1:14:27 Stunden ließ sie ihre Konkurrenz weit hinter
sich und siegte bei den Damen. Ihr Freund Stefan Hubert lief die
Strecke außerhalb der Wertung in 1:20 Stunden zum Training mit
Rucksack. Das Paar gehört zur Weltspitze der Bergläufer und befindet
sich mitten in der Vorbereitung auf die Berglauf Weltmeisterschaft im
September in den USA.

Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert hat.
Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel
ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert
hat.

Die schnellen Läufer sind allerdings nur ein kleiner Teil der
Athleten, die sich den technischen 1460 Höhenmetern stellen. Nur fünf
Teilnehmer brechen das Rennen vorzeitig ab und 338 erreichen das Ziel.
Für viele ist dieser Lauf eine große Herausforderung. “Er zählt zu den
schwierigsten Läufen im Alpenraum”, sagt der österreichische
Berglauf-Weltmeister Helmut Schmuck, der heuer erstmals mitlief. Am
Ende stand König die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. “Wir
wussten nicht, funktioniert das jetzt bis da hoch. Top. Ich habe ein
gutes Team.”

Gobi March 2014 – hinter den Kulissen

Der Gobi March zählt zu den spektakulärsten Extremläufen unseres Zeitalters, denn er führt seine Teilnehmer über eine Distanz von 250 Kilometern durch eine der entlegensten Regionen dieser gigantischen, lebensfeindlichen Wüstenlandschaft im Herzen Asiens. Extreme Hitze, klirrende Kälte und beißende Winde sind die täglichen Begleiter derer, die sich auf dieses Abenteuer wagen. Seit mittlerweile elf Jahren veranstaltet RacingThePlanet diesen Etappenlauf und dieses Jahr bereitete ich den Teilnehmern als Course Director ihren Weg.

Plötzlich sind wir mitten drin in der Baustelle
Plötzlich sind wir mitten drin in der Baustelle

Die Anreise führte mich über die chinesische Hauptstadt Peking nach Urumqi, einer Millionenstadt am Rande der Wüste in der Provinz Xinjiang. Urumqi ist seit jeher geprägt durch verschiedenste kulturelle Einflüsse, was ich direkt nach meiner Ankunft an den dreisprachig beschrifteten Verkehrsschildern ausmache; leider umfasst mein Sprachschatz keine dieser Sprachen. Wurden die mehrspurigen, breiten Stadtautobahnen Urumqis noch vor wenigen Jahren hauptsächlich von Eselkarren befahren, werden sie heute dem drastisch gestiegenen Verkehrsaufkommen der Stadt kaum noch gerecht und die Eselkarren sind nahezu vollständig von der Fahrbahn verschwunden. Lediglich auf den Randstreifen verirren sich vereinzelt Fußgänger und Radfahrer, was den Fahrer unseres Geländewagens nicht weiter zu irritieren scheint, denn dieser erklärt den Randstreifen regelmäßig zu seiner Überholspur und verursacht damit bei uns Insassen eine zwanghafte innere Unruhe. Von der Provinzhauptstadt Urumqi fahren wir ca. 450 Kilometer weiter gen Westen in Richtung des äußersten Zipfels Chinas in die chinesische Stadt Bole (Bortala).

Gobi March 2014 40

Hin und wieder tauchen am Horizont gigantische, gleißende Industrieanlagen der Größe einer Stadt auf, sonst ist es pechschwarz um uns und die lebensfeindliche Wüstenlandschaft zu beiden Seiten der schnurgeraden Autobahn lässt sich im Dunkel der Nacht nur erahnen. Wir passieren heillos überladene LKW mit blinkender Leuchtreklame oder gänzlich ohne Beleuchtung. Gegen 03:30 Uhr verliert sich die Teerstraße urplötzlich in eine staubige Piste, denn wir rumpeln in eine Baustelle. Als ich am Straßenrand eine leblose Person bemerke, bitte ich unseren Fahrer zu stoppen. Offenbar wurde die Schotterpiste einem Motorradfahrer zum Verhängnis, der jetzt schreiend und blutverschmiert auf der Fahrbahn liegt. Wir sichern die Unfallstelle, alarmieren den Rettungsdienst und leiten den nächtlichen Schwerlastverkehr zentimetergenau an seinem Körper vorbei. Gegen 05:00 Uhr und nach insgesamt knapp 40 Stunden Reisezeit erreichen wir die Retortenstadt Bole und die Vorbereitungen für den Lauf können endlich beginnen.

Pavel (vorne) und Dominik
Pavel (vorne) und Dominik

Auf die Teilnehmer wartet ein Etappenlauf über sechs Etappen mit Einzeldistanzen zwischen 14 und 68 Kilometern und bis zu 2500 Höhenmetern pro Tag. Die Planung dieser Strecke sowie aller logistischen Abläufe während des Rennens obliegen mir; bei der Markierung unterstützen mich Pavel und Dominik – beide sehr erfahrene und zähe Langstreckenläufer, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann. Noch bevor die ersten Teilnehmer in das Camp vor dem Start des Rennens verlegen, haben wir die 47 Kilometer der Auftaktetappe bereits vollständig mit kleinen pinkfarbenen Fähnchen markiert. Per Funk erfahre ich, dass das vermeintlich sichere Camp über Nacht durch einen Wüstensturm vollständig demontiert wurde und der Campmanager Hernan die Nacht unsanft, in Zeltplanen gewickelt, und an einen Generator geklammert, verbracht hat. Um den Läufern diese Erfahrung zu ersparen, bringen wir sie in der Nacht vor dem Start in einer nahegelegenen, verlassenen — zugegebenermaßen hässlichen — Bergbausiedlung unter. Während sich Dominik ein Zimmer mit einer hässlichen Hundeminiatur teilt, übernachte ich mit Hernan unter freiem Himmel und bete für beständiges Wetter. Extreme klimatische Bedingungen erfordern ein gewisses Maß an Flexibilität und Respekt gegenüber der Natur, so plane ich die erste Etappe um, noch bevor der erste Läufer die Startlinie auch nur in Sichtweite bekommt.

Gobi March 2014 32

Während die Dornbüsche und die steinigen Trails der Gobi noch vom Mantel der Nacht umhüllt sind, trabt Pavel bereits behutsam mit Stirnlampe über den Schotter und überprüft die Markierungen der ersten Etappe. In der Zwischenzeit beladen die freiwilligen Helfer die Geländewagen der Checkpoints mit Wasser und Hernan schürt uns im Camp ein Feuer, damit wir unseren Instant-Kaffee und unser Müsli mit warmem Wasser aufgießen können. Sind die Teilnehmer um 08:00 Uhr auf der Strecke, stehen alle Checkpoints in Abständen von ungefähr 10 Kilometern wartend in Position und das Course Team widmet sich der Markierung der Etappe des Folgetages. Die Auftaktetappe sorgt für ausgezeichnete Stimmung im Läuferfeld, denn sie führt durch eine Fabellandschaft, die mit bizarren, vom Wind geformten Felsen, durchsetzt ist. Zum Glück ahnen die Läufer nicht, dass mit der zweiten Etappe eine weniger spannende, dafür aber deutlich forderndere, mit trockenen Flussbetten durchsetzte, Gerölllandschaft auf sie wartet.

Checkpoint am ersten hohen Pass auf 2785 Metern
Checkpoint am ersten hoher Pass auf 2785 Metern

Als am dritten Tag das Wetter kippt und Dominik unsere pinkfarbenen Fähnchen im Schnee vorfindet, ist der Lauf längst gestartet und die ersten Athleten nähern sich ihm bereits. Erneut bewährt sich unser flexibles System und wir erklären eine nahegelegene Yurtensiedlung zum Camp und markieren die Strecke in Windeseile um. Noch bevor der erste Läufer schlotternd in eine der Yurten schlürft, haben die Nomaden Teppiche ausgelegt und die Yurten eingeheizt. Seit ich diese Siedlung kennengelernt habe, ist mir Schafkopf nicht nur als Kartenspiel bekannt, sondern zusätzlich in gekochter Form als Abendessen. Zusammen mit dem salzigen Milchtee zum Frühstück hält sich hier meine kulinarische Begeisterung stark in Grenzen.

Das Highlight des Laufes bildet seit jeher der “Long March”. Die fünfte und längste Etappe führt nicht nur die Teilnehmer an ihre Grenzen, sondern ist auch für die gesamte Organisation eine enorme Belastung, da sie die Masse der Läufer auf einer großen Distanz und über mehr als 24 Stunden betreut. Zwei gewaltige Pässe weit über 2000 Meter sind von den Teilnehmern zu bewältigen, bevor sie den unvergesslichen Blick auf den Sayram See erhalten. Der Sayram See ist ein 2000 Meter hoch gelegener, kristallklarer und azurblauer Bergsee, der von Blumenwiesen umgeben ist, die an einen überdimensionalen Golfplatz erinnern. Durchziehende Stürme mit Schnee und Hagel sind in dieser Region auch im Sommer an der Tagesordnung und es ist mir ein Rätsel, wie Menschen in diesem lebensfeindlichen Klima überleben und leben können. Immer wieder stehe ich staunend vor Kasachen und Mongolen, die mit ihren Pferden über diese Farbteppiche traben und mich während der Markierungsarbeiten begrüßen. Die Leichtigkeit und Eleganz sowie der kraftvolle Schritt einer Pferdehorde in diesem, ihrem Element, ist an Schönheit kaum zu überbieten.

Wie geschaffen scheinen diese Pferde für diese Region und das raue Klima.
Wie geschaffen scheinen diese Pferde für diese Region und das raue Klima.

Während die langsamsten Läufer und letzte Teile der Organisation erschöpft aber vollzählig das sechste Camp am Ufer des Sees erreichen, nähert sich das Schnarchkonzert in den Zelten seinem Höhepunkt. Der Tag vor der finalen Etappe wird von allen gleichermaßen zum Lecken der Wunden genutzt, denn die sechste Etappe schlägt lediglich mit 14 Kilometern zu Buche und stellt keine ernstzunehmende Hürde mehr dar. Im Camp spielen sich bizarre Szenen ab: Während die Spanier ihre Oberkörper in der Höhensonne braten, sitzen die Japaner und Chinesen völlig vermummt im Schatten. Sie haben jeden Millimeter ihres Körpers verdeckt, um die Sonneneinstrahlung und deren bräunende Wirkung auf ihre Hautfarbe zu minimieren. Die Jungs aus Polen haben sich für die spanische Variante entschieden und sind mittlerweile krebsrot. Pulver für Kartoffelpampe wechselt ebenso den Besitzer wie Lachs aus der Dose oder gefriergetrocknetes Elchragout aus der Tüte. Das Ärzteteam behandelt weiterhin unzählige Blasenfüße im Medic-Zelt, das mittels iPhone in ein Partyzelt umfunktioniert wird. Der Gang zum Toilettenloch ist für einige die maximale Herausforderung des Tages — es herrscht eine Bombenstimmung!

Die letzten Meter des Laufes verbringen die Teilnehmer am Ufers des gigantischen Sees, der am heutigen Morgen keine Wellen wirft, sondern sich behutsam in den Schleier eines hauchdünnen Nebels hüllt. Der Läufer Pit aus Deutschland bemerkt im Ziel: “Bereits bevor ich das Ziel vor Augen hatte, konnte ich euch hören.” Dieser Kommentar überrascht keineswegs, denn hinter der Ziellinie erwartet die Läufer eine Partyzone, beschallt von einer lokalen Musikgruppe und krachendem Techno im Wechsel. Über dreißig Nationen tanzen ausgelassen und aufgedreht wie Kleinkinder im Kreis. Zum gebührenden Empfang gibt es Reis mit Ei, Wassermelone und natürlich Bier nach deutscher Brauart. Am Ende sind wir alle müde, erleichtert und auch ein wenig stolz, diesen Jungs und Mädels ein unvergessliches Erlebnis bereitet zu haben.

Eine Bomben-Stimmung herrscht unter den Volunteers nach dem Lauf
Eine Bomben-Stimmung herrscht unter den Volunteers nach dem Lauf

Stillstand

Madeira ist ein süßer Wein mit ordentlich Umdrehungen, der von der gleichnamigen Insel stammt. Dessen spezieller Geschmack wurde durch die Schiffsreisen zum Festland und den damit verbundenen Reifeprozess überhaupt erst geprägt. Heute wird für den Reifeprozess natürlich keine Schiffsreise mehr benötigt und so sitze ich im Flugzeug, statt auf einem Segelschiff zwischen hölzernen Weinfässern zu schwanken.

Die portugiesische Insel Madeira befindet westlich von Afrika, etwa auf der Höhe Marokkos und ist in wenigen Flugstunden von Deutschland aus erreichbar. Neben mir sitzen Gerald und Jörg, zwei erfahrene Läufer, die bereits zusammen auf den Kilimandscharo gelaufen sind und dabei ihren Bergführer abgehängt haben. Diese beiden alten Hasen haben mich auf den Madeira Island Ultra Trail (MIUT) aufmerksam gemacht — ein Lauf quer über die Insel mit knackigen Anstiegen. “Das ist toll, da bekommt man in kurzer Zeit die ganze Insel zu sehen”, hörte ich es in meinen Ohren. Jetzt sitzen wir im Flugzeug und sind uns einig, dass die Laufsaison noch viel zu jung ist diesen ausgewachsenen Lauf.

Der MIUT feiert diesjährig seine sechste Austragung und wartet mit vier verschiedenen Strecken auf: 20km, Marathon, 85km und 115km. Es muss ja auch nicht immer gleich ein Ultra sein! Ist doch klar, für welche Strecke wir uns entscheiden — wir wollen schließlich die ganze Insel sehen. Am Tag vor dem Lauf landen wir auf dem einst für seinen schwierigen Anflug und seine extrem kurze Landebahn berüchtigten Flughafen Funchal, dessen Landebahn heute durch eine einzigartige Säulenkonstruktion in den Atlantik verlängert ist.

Am Abend nach der Landung düsen wir mit weiteren 380 Läufern in Reisebussen an das andere Ende der Insel. Das Feld ist klein und familiär, so wie die Insel. Man kennt sich untereinander. Punkt 24:00 Uhr passiert das Feld des UT85 und des UT115 die Startlinie in Porto Moniz und begibt sich auf eine wunderbare Reise durch die laue Nacht. Jörg ist bereits auf der Strecke unterwegs, denn er konnte keine Startnummer mehr lösen und läuft jetzt in Einzelwertung auf Teilabschnitten des UT85 und UT115 über die Insel.

An den ersten Hügeln formen die Stirnlampen leuchtende Ketten im Dunkel der Nacht. Ich verschlinge die salzige Luft mit purem Genuss und tanze auf den glitschigen Pfaden steile, schwarze Rinnen bergab – ein technischer Höchstgenuss — bis gegen 06:00 Uhr meine Stirnlampe versagt. Während des Laufens streife ich den Rucksack ab, taste nach meiner Ersatzlampe und versuche sie zu packen. Dabei linse ich immerzu über die Schulter meines Vordermannes, um einen Blick auf den beleuchteten Teil des Trails zu erhaschen. Als wir im dichten Wald auf einen Checkpoint stoßen, gewinnt mein Vordermann einige Meter Abstand und mein Licht ist plötzlich weg. Nun bin auf mich allein gestellt und stolpere mit dem diffusen Schein meiner Notlampe (Petzl E+LITE) durch das Gestrüpp. Hält die jetzt bis zum Sonnenaufgang? Falls nicht, bin ich geliefert, denke ich. Die Strecke führt schier endlos entlang der Lebensadern der Insel – den sogenannten Levadas. Das sind schmale Wasserkanäle aus Beton, die Felder und Siedlungen mit frischem, klarem Quellwasser versorgen.

Gegen 07:00 Uhr erreiche ich die Passstraße des Encumeada-Passes und treffe auf den bestens gelaunten Jörg. Er wird an den Stationen ebenso freundlich empfangen wie die Teilnehmer und trotz seines ausdrücklichen Widerspruchs genötigt sich zu verpflegen. Nach einer frischen Nacht und infolgedessen stetig gekühlten Getränken verhält sich mein Magen nun etwas irritiert und ich löffele zaghaft Hühnersuppe und knuspere an salzigen Crackern. Draußen zeichnen sich mittlerweile blaue Silhouetten der umliegenden Berge ab. Es dämmert! Jörg begleitet mich zur nächsten Levada, ich verliere ihn jedoch bereits nach wenigen Minuten aus den Augen. Es folgt ein endloser Abstieg ins Tal der Nonnen, in dessen Winkeln einst Nonnen ihre Zuflucht vor Seefahrern und fleischlichen Gelüsten suchten. Ich hingegen suche erneut Hühnersuppe und Cracker, denn der nun folgende 1300m Anstieg führt zum höchsten Berg der Insel, dem Pico Ruivo mit 1861m.

Noch befinde ich mich im Bereich der Top Ten, aber nach stundenlangem Lauf ohne ausreichende Energiezufuhr fühle ich mich jetzt leer wie ein verdorrtes Blatt in der Wüste. Sicher kennst du dieses Gefühl. Dein Vorsprung schmilzt wie Eiscreme in der Sonne und in jeder Kehre blickst du dich ängstlich um, als ob der Teufel hinter mir her sei: Wann kommen sie endlich und traben in vernichtendem Tempo an dir vorbei? Ich krieche wie Stück Butter über einen heißen Tiegel und erklimme Meter um Meter diesen endlosen Anstieg. Die Landschaft baut sich atemberaubend vor mir auf, aber dafür reicht meine Aufmerksamkeit nicht. Gefährlich schwankend stolpere ich über die ausgesetzten Felsgrate — die Auswirkungen von Dehydrierung und Unterzucker sind unverkennbar. Selbst leicht abfallende Abschnitte werden zur Quälerei. In diesem Zustand rückt das Ziel in unerreichbare Ferne. Immerhin liegen noch 55 Kilometer mit entbehrungsvollen Anstieg zwischen meinem aktuellen Zustand und der Ziellinie in Machico!

Vor drei Jahren steckte ich beim Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) in einer ähnlichen Situation und es fehlten noch knapp 70 Kilometer bis ins Ziel. Damals beendete ich den Lauf aufgrund von Magenproblemen und dem damit verbundenen Mangel an Nährstoffen vorzeitig. Wie habe ich diese Entscheidung bereut!

Als ich einen Schritt in die Holzhütte unterhalb des Pico Ruivo setze, steht mein Entschluss bereits fest. Mein Körper sackt auf einem Stuhl in der Ecke des dunklen Raumes zusammen und mein Kopf fällt schwer nach hinten. Die zuständige Ärztin schaut mich an, läuft zu mir herüber und fragt: “Geht es dir gut?” Ich erwidere: “Hätten Sie etwas Suppe? Mein Magen versagt die Funktion und ich muss pausieren.” Unverzüglich reicht mir ein Helfer warmen, schwarzen Tee. “Der ist gut für den Magen”, erklärt er in gutmütigem, väterlichen Ton. Ich sitze da, döse, lasse die Zeit verstreichen und registriere wie meine Verfolger die Hütte betreten, sich verpflegen und weiterlaufen. Meine Arme verdecken meine Startnummer, denn ich fühle mich geschlagen, völlig am Boden. Es ist mir peinlich hier zu sitzen und teilnahmslos dem Rennen zuzusehen, bei dem ich vor wenigen Minuten einer der Hauptakteure war. Wie verhalte ich mich, wenn sich mein Magen nicht beruhigt?

Schließlich raffe ich mich auf, fülle etwas Tee in meine Flaschen und lasse die Hütte hinter mir. Fünfundvierzig lange und schwere Kilometer liegen jetzt vor mir. Der landschaftlich schönste Teil der Insel breite sich unter meinen Füßen aus. Ich nehme mir Zeit, genieße die exponierten Pfade, laufe durch pechschwarze Felstunnel und erfreue mich der verstörten Gesichter der deutschen Wanderer, die sich mit einem freundlichen “Grüß Gott” einstellen. Mein Magen erholt sich allmählich. Am nächsten Verpflegungspunkt unterhalb des Pico Ariero (1818m) pausiere ich erneut ausgiebig und schlürfe wässrige Hühnerbrühe. Endlich habe ich Zeit, mir über die Hühner in der Suppe meine Gedanken zu zerbrechen. Wieder betreten meine Verfolger die Station, aber jetzt verlasse ich den Verpflegungspunkt vor ihnen. Sie sitzen mir wie Wespen im Nacken. Auf abschüssigen und flachen Trails kann ich den Abstand zu ihnen halten, ja sogar vergrößern. Allen die langen Anstiege fressen zu viel Kraft. Etwa 20 Kilometer später ist ein Finne direkt hinter mir. Ich lasse ihn passieren. Plötzlich taucht Jörg vor mir auf; er läuft mir entgegen. Ich freue mich wahnsinnig sein vertrautes Lächeln zu sehen. Er hat definitiv einen guten Tag, auch außerhalb der Wertung.

Madeira coast

Der Nordküstenweg vor Machico belohnt mich mit traumhaften Tiefblicken auf die Steilküste und den schäumenden Atlantik. Ich passiere Läufer des T20, die auf diesem Abschnitt mit den Juwelen des Trailrunning verwöhnt werden. Feinste Trails, steile Rampen und technische Leckerbissen zieren diesen Parkours. Ob diese Leckerbissen als solche wahrgenommen werden, hängt von den technischen und sportlichen Fähigkeiten der Läufer ab. Meine Gedanken wandern zu Gerald, der diese halsbrecherischen Abstiege bei Nacht absolvieren muss. Jörg erreicht Machico kurz vor Einbruch der Dunkelheit nach ca. einhundert zurückgelegten Kilometern. Am Ende erfahre ich, dass ich die Ziellinie als elfter Läufer überschritten habe und bin unendlich dankbar. Ich bin dankbar für den Mut, die Zeit verstreichen haben zu lassen.

Finally finished
Finally finished
Flugkosten: ab 250€
Startgeld
T20 35€
Marathon 55€
T85 85€
T120 105€
Übernachtungsort Machico
Übernachtung Casa da Graça
Die Strecke (T115) auf Strava

Madeira 11 copy

Grundausstattung:
– leichter Laufrucksack
– Stirnlampe mit Ersatzbatterien
– Notlampe
– Rücklicht (vom Veranstalter vorgeschrieben)
– Trinkbecher
– 1 l Wasservorrat
– Mobiltelefon

Bekleidung:
– T-Shirt
– Laufhose
– Socken
– Trailschuhe
– leichter Windbreaker
– wasser- und winddichte Jacke mit Membran
– Kopfbedeckung (Buff)
– Sonnenbrille

Notfallausrüstung:
– elastischer Verband
– Notfalldecke
– Tempotaschentücher

Nahrung:
– Salztabletten
– Nussmischung / Riegel / Gels
– Elektrolytpulver

MIUT auf GPSies