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Report about a specific event.

Cape Wrath Ultra: Das große Scheitern

Der Cape-Wrath-Ultra ist kein gewöhnlicher Etappenlauf, sondern eine abenteuerliche Reise durch den menschenleeren Norden Schottlands. Die vom Eis geschliffenen und vom Wind geformten schottischen Highlands werden nur von Hartgesottenen besucht. Einer davon ist Bear Grylls bei Man vs Wild, wie er vor der Küste aus einem Hubschrauber in den Ozean springt. Zu gering ist die Infrastruktur, zu extrem das Klima. Seit Jahren hat die Läuferszene auf dieses Rennen gewartet und viel wurde darüber diskutiert. Schließlich standen am Sonntag, dem 22. Mai 2016, 95 Läufer aus 15 verschiedenen Ländern am Start in Fort Williams, dem Outdoor-Zentrum Schottlands am Fuße von Ben Nevis.

Fortsetzung folgt…

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Die Etappenübersicht:

   1. Etappe 37 Kilometer, 500 Höhenmeter
   2. Etappe 57 Kilometer, 1800 Höhenmeter
   3. Etappe 68 Kilometer, 2400 Höhenmeter
   4. Etappe 35 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   5. Etappe 44 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   6. Etappe 72 Kilometer, 1400 Höhenmeter
   7. Etappe 61 Kilometer, 1600 Höhenmeter
   8. Etappe 26 Kilometer, 700 Höhenmeter

Ergebnisse

Frauen

  1. Ita Manuela Mariotto (ITA)
  2. Louise Staples (GB)
  3. Laura Watson (GB)

Männer

  1. Marcus Scotney (GB)
  2. Thomas Adams (GB)
  3. Pavel Paloncy (CZ)

Die Ausrüstung:

  • Canon 5DS
  • EF 16-35 f4 IS USM

 

 

 

Kenianer als Erster auf dem Gipfel

Mittenwald – Was für ein Rennen. Im Tal herrschten tropische
Verhältnisse, die Strecke war so lang und so schwer wie nie zuvor und
ein Kenianer holte sich den Titel. Bereits vor dem Rennen standen die
Zeichen gut, denn über 400 Läufer waren gemeldet und der Himmel war
blau, ganz ohne Wolken. “Die Temperaturen sind ideal, es herrschen
fast tropische Verhältnisse hier”, sagt Bergwacht-Chef Heinz Pfeffer.
Auf jedem, der elf Kilometer langen Strecke, steht einer seiner
Mittenwalder Kameraden für den Notfall. Außerdem gibt es fünf
Verpflegungsstellen bis zum Gipfel. “Mehr als ausreichend”, meint
Pfeffer.

Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn
Blick von der Linderspitze auf die Bergstation der Karwendelbahn

Auch die Österreicherin Sabine Reiner ist guter Dinge, denn erst vor
einer Woche holte sie Bronze bei der Europameisterschaft im Berglauf.
“Ich lasse es auf mich zukommen”, sagt sie wenige Minuten dem Start.
“Die Temperaturen sind auch nicht zu verachten.” Pünktlich um 14 Uhr
geben der Zweite Bürgermeister Gerhard Schöner und die Biathletin
Nadine Horchler den Startschuss, und das Feld der 343 angetretenen
Läufer sprintet los. Vom Zentrum des Ortes geht es zunächst auf
flachen 1,5 Kilometern Asphalt bis zum Berg. Dort wartet dann die
erste steile Rampe, eine Teerstraße. “Da kann man sich gleich
abschießen, wenn man die nicht kennt”, erklärt der Bergläufer Stefan
Paternoster, der hier zu den großen Favoriten zählt. Anschließend
folgen die Teilnehmer etliche Kilometer einer Forststraße, bis sie auf
einen schmalen Pfad treffen. Dieser windet sich in Serpentinen durch
Latschen hinauf zur Dammkarhütte. Dort beginnt der schwierige Teil der
Strecke.

Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend
Der Kenianer Isaac Kosgei gewinnt das Rennen überraschend

“Es ist eine richtige Schinderei”, beschreibt es Paternoster treffend.
“Du machst einen Schritt und rutschst einen halben zurück”, sagt der
Kenianer Isaac Kosgei später. “Jeder Meter ist so hart.” Trotzdem kann
er sich etwas absetzen und seinen Vorsprung durch den Tunnel halten.
Wenige Minuten nach 15 Uhr erreicht er als Erster das überdimensionale
Fernrohr an der Bergstation der Karwendelbahn. Doch bis zum Ziel sind
es diesmal einhundert Höhenmeter mehr. “Wer ist das?”, fragte der
Organisator Kurt König überrascht. Bisher konnten sich die Kenianer
auf dieser anspruchsvollen Strecke nicht durchsetzen. Auf dem letzten
steilen Anstieg bis zum Gipfel der Linderspitze holt der Schotte
Robbie Simpson gefährlich schnell auf und die Zuschauer toben. Am Ende
trennten die beiden nur 43 Sekunden und Kosgei gewann das Rennen in
1:06:12 Stunden. Den dritten Platz sicherte sich der Kenianer Francis
Maina Njoroge, der nicht mit dem zähen Schotten gerechnet hatte. “Ich
dachte eigentlich, ich werde Zweiter”, sagte Njoroge nach dem Rennen.

Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert
Sabine Reiner (1. Frau) und ihr Freund Stefan Hubert

Während den Männern die Strecke zu schaffen machte, fühlte sich Sabine
Reiner scheinbar pudelwohl. “Es war super abwechslungsreich und hat
mit voll taugt. Ich habe nicht ein Mal auf die Uhr geschaut.” Mit
einer Zeit von 1:14:27 Stunden ließ sie ihre Konkurrenz weit hinter
sich und siegte bei den Damen. Ihr Freund Stefan Hubert lief die
Strecke außerhalb der Wertung in 1:20 Stunden zum Training mit
Rucksack. Das Paar gehört zur Weltspitze der Bergläufer und befindet
sich mitten in der Vorbereitung auf die Berglauf Weltmeisterschaft im
September in den USA.

Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert hat.
Licht am Ende des Tunnels. “Ganz ehrlich, der Tunnel
ist heftig”, sagt Sabine Reiner, nachdem sie den Tunnel durchquert
hat.

Die schnellen Läufer sind allerdings nur ein kleiner Teil der
Athleten, die sich den technischen 1460 Höhenmetern stellen. Nur fünf
Teilnehmer brechen das Rennen vorzeitig ab und 338 erreichen das Ziel.
Für viele ist dieser Lauf eine große Herausforderung. “Er zählt zu den
schwierigsten Läufen im Alpenraum”, sagt der österreichische
Berglauf-Weltmeister Helmut Schmuck, der heuer erstmals mitlief. Am
Ende stand König die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. “Wir
wussten nicht, funktioniert das jetzt bis da hoch. Top. Ich habe ein
gutes Team.”

D-Day – auf dem Trail durch die Geschichte Europas

Annähernd 160 000 alliierte Soldaten landeten am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie und führten in den frühen Morgenstunden diese Tages die größte militärische Landungsoperation durch, die die Welt bis heute gesehen hat. Das Ausmaß der Verluste bei dieser Operation überschreitet jegliche Vorstellungskraft. Am 6. Juni 1984 feierten Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Königin Elisabeth II., François Mitterand und der kanadische Ministerpräsident Pierre Trudeau mit tausenden Veteranen den 40. Jahrestag des D-Day. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeladen, denn die Zeit hatte die Wunden auch nach 40 Jahren nicht geheilt. Als ich im März dieses Jahres einen Anruf aus Frankreich erhielt und gefragt wurde, ob ich als deutscher Soldat für den Ultra D-Day Traillauf zum 70-jährigen Gedenken an den D-Day zur Verfügung stände, war ich mir der Bedeutung dieser Veranstaltung bewusst. Der Lauf sollte eine Gruppe, bestehend aus sieben zivilen Läufern sowie sieben militärischen Läufern aus sieben verschiedenen Nationen über 100 Meilen, entlang der fünf Landungsstrände in der Normandie führen: Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword Beach.

© Michel Dehaye
© Michel Dehaye

Prinzipiell führen Trailläufe auf schmalen Pfaden abseits befestigter Wege durch die Landschaft. Darüber hinaus sind die Strecken von Ultra-Trails länger als die hinreichend bekannte Marathondistanz von 42,195km und häufig sind Berge inklusive. So ist es nicht allzu verwunderlich, dass neben mir auch Philipp aus Bad Reichenhall und Tom aus Graz zu den Bergspezialisten dieser sehr alten Sportart zählen. Eines ist sicher: Berge gibt es in der Normandie jedenfalls nicht! Das Teilnehmerfeld des Ultra D-Day umfasst außerdem Läufer aus den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Belgien und aus Polen. Allesamt stehen wir am Morgen des 12. Juni im feuchten Sand des Utah Beach und wissen nicht so recht, was uns in den folgenden Stunden bevorsteht.

© Tom Wagner
© Tom Wagner

70 Jahre nach der Landung der alliierten Truppen sind die Strände sauber, die Luft ist klar und ein Meeresrauschen liegt in unseren Ohren. Es ist schwer vorstellbar, wie sich vor 70 Jahren die Landungsboote ihren Weg durch diese Wellnessoase bahnten und die Soldaten mit klatschnassen Kleidern unter ohrenbetäubendem Lärm in den Kugelhagel liefen. Nach den ersten Metern am Strand nehmen uns französische Kinder bei der Hand und geleiten uns zur Eröffnungszeremonie. Das Medieninteresse ist gewaltig und das Klicken der Kameras erreicht seinen Höhepunkt, als die Nationalflaggen der Teilnehmer zusammen mit Roland, einem der französischen Läufer, am Fallschirm einschweben. Auch die Bundeswehr ist mit einem Kamerateam vor Ort.

Endlich laufen wir los. Die 17 Kilometer bis zum ersten Versorgungspunkt sind zäh, denn die Läufergruppe orientiert sich am schwächsten Läufer — eine völlig neue Erfahrung für uns Bergläufer. Für die Versorgungspunkte wurden die bedeutendsten historischen Stellen im Küstenverlauf im Abstand von 8 bis 24 Kilometern gewählt. Der erste befindet sich nahe der Ortschaft Carentan, einer schwer umkämpften Schlüsselstelle des D-Day. Der deutsche Soldatenfriedhof La Cambe hinterlässt bei mir gewaltigen Eindruck. 21 000 gefallene deutsche Soldaten liegen hier begraben. Während ich die Namen der Gefallenen auf den schwarzen Grabsteinen innerlich laut vorlese, überkommt mich ein seltsames Gefühl, denn die Namen klingen unheimlich vertraut.

Pegasus Bridge © Michel Dehaye
Pegasus Bridge © Michel Dehaye

Nach 60 Kilometern erreichen wir einen Versorgungspunkt am Omaha Beach und erste Verschleißerscheinungen treten bei uns Läufern hervor. Der Asphaltanteil der Strecke liegt oberhalb meiner Schmerzgrenze wie auch die Inhomogenität der Gruppe. Jason aus Kanada ist überzeugter Vegetarier, kann sich nach 60 Kilometern allerdings nicht mehr beherrschen: “Ahh, I think I am not really a Vegetarian anymore.” und stopft sich genüsslich zwei Schinkenschnittchen zwischen die Kiefer. Ich blicke noch einmal in den knallroten Sonnenuntergang, drehe mich um und trabe im Schein meiner Stirnlampe in die stille Nacht.

Gegen 24:00 Uhr laufen wir mit brennenden Fackeln zum britischen Friedhof in Bayeux. Ich bin mir nicht sicher, ob der Rauch der Fackel meines Vordermannes oder die Flammen der strauchelnden Belgierin neben mir das größere Risiko darstellten, ohne Zweifel war auch nach über 80 Kilometern höchste Konzentration angebracht. Der zeremonielle Teil dieser Station ist geprägt von einem massiven Hunger- und Kältegefühl und ich kann mir nur mühevoll ein Lächeln abringen. Immer mehr Läufer zollen der Belastung Tribut und müssen pausieren, mich eingeschlossen. Wie ein Segen erscheinen uns die ersten Sonnenstrahlen am frühen Morgen des 11. Juni und verleihen unseren müden Knochen frische Energie für die letzten 40 Kilometer nach Caen. Erst gegen 15:00 Uhr erreichen wir die Stadt, die infolge des D-Day fast völlig zerstört wurde. Zum Zielsprint treten wir gemeinsam mit 4000 französischen Kindern an. Ihr strahlendes Lachen, die kraftvoll wehenden Nationalflaggen und die Friedenstauben am Himmel bleiben mir wohl ewig im Gedächtnis und erinnern mich daran, in welch schönen und friedlichen Zeiten wir uns in Europa befinden.

Stillstand

Madeira ist ein süßer Wein mit ordentlich Umdrehungen, der von der gleichnamigen Insel stammt. Dessen spezieller Geschmack wurde durch die Schiffsreisen zum Festland und den damit verbundenen Reifeprozess überhaupt erst geprägt. Heute wird für den Reifeprozess natürlich keine Schiffsreise mehr benötigt und so sitze ich im Flugzeug, statt auf einem Segelschiff zwischen hölzernen Weinfässern zu schwanken.

Die portugiesische Insel Madeira befindet westlich von Afrika, etwa auf der Höhe Marokkos und ist in wenigen Flugstunden von Deutschland aus erreichbar. Neben mir sitzen Gerald und Jörg, zwei erfahrene Läufer, die bereits zusammen auf den Kilimandscharo gelaufen sind und dabei ihren Bergführer abgehängt haben. Diese beiden alten Hasen haben mich auf den Madeira Island Ultra Trail (MIUT) aufmerksam gemacht — ein Lauf quer über die Insel mit knackigen Anstiegen. “Das ist toll, da bekommt man in kurzer Zeit die ganze Insel zu sehen”, hörte ich es in meinen Ohren. Jetzt sitzen wir im Flugzeug und sind uns einig, dass die Laufsaison noch viel zu jung ist diesen ausgewachsenen Lauf.

Der MIUT feiert diesjährig seine sechste Austragung und wartet mit vier verschiedenen Strecken auf: 20km, Marathon, 85km und 115km. Es muss ja auch nicht immer gleich ein Ultra sein! Ist doch klar, für welche Strecke wir uns entscheiden — wir wollen schließlich die ganze Insel sehen. Am Tag vor dem Lauf landen wir auf dem einst für seinen schwierigen Anflug und seine extrem kurze Landebahn berüchtigten Flughafen Funchal, dessen Landebahn heute durch eine einzigartige Säulenkonstruktion in den Atlantik verlängert ist.

Am Abend nach der Landung düsen wir mit weiteren 380 Läufern in Reisebussen an das andere Ende der Insel. Das Feld ist klein und familiär, so wie die Insel. Man kennt sich untereinander. Punkt 24:00 Uhr passiert das Feld des UT85 und des UT115 die Startlinie in Porto Moniz und begibt sich auf eine wunderbare Reise durch die laue Nacht. Jörg ist bereits auf der Strecke unterwegs, denn er konnte keine Startnummer mehr lösen und läuft jetzt in Einzelwertung auf Teilabschnitten des UT85 und UT115 über die Insel.

An den ersten Hügeln formen die Stirnlampen leuchtende Ketten im Dunkel der Nacht. Ich verschlinge die salzige Luft mit purem Genuss und tanze auf den glitschigen Pfaden steile, schwarze Rinnen bergab – ein technischer Höchstgenuss — bis gegen 06:00 Uhr meine Stirnlampe versagt. Während des Laufens streife ich den Rucksack ab, taste nach meiner Ersatzlampe und versuche sie zu packen. Dabei linse ich immerzu über die Schulter meines Vordermannes, um einen Blick auf den beleuchteten Teil des Trails zu erhaschen. Als wir im dichten Wald auf einen Checkpoint stoßen, gewinnt mein Vordermann einige Meter Abstand und mein Licht ist plötzlich weg. Nun bin auf mich allein gestellt und stolpere mit dem diffusen Schein meiner Notlampe (Petzl E+LITE) durch das Gestrüpp. Hält die jetzt bis zum Sonnenaufgang? Falls nicht, bin ich geliefert, denke ich. Die Strecke führt schier endlos entlang der Lebensadern der Insel – den sogenannten Levadas. Das sind schmale Wasserkanäle aus Beton, die Felder und Siedlungen mit frischem, klarem Quellwasser versorgen.

Gegen 07:00 Uhr erreiche ich die Passstraße des Encumeada-Passes und treffe auf den bestens gelaunten Jörg. Er wird an den Stationen ebenso freundlich empfangen wie die Teilnehmer und trotz seines ausdrücklichen Widerspruchs genötigt sich zu verpflegen. Nach einer frischen Nacht und infolgedessen stetig gekühlten Getränken verhält sich mein Magen nun etwas irritiert und ich löffele zaghaft Hühnersuppe und knuspere an salzigen Crackern. Draußen zeichnen sich mittlerweile blaue Silhouetten der umliegenden Berge ab. Es dämmert! Jörg begleitet mich zur nächsten Levada, ich verliere ihn jedoch bereits nach wenigen Minuten aus den Augen. Es folgt ein endloser Abstieg ins Tal der Nonnen, in dessen Winkeln einst Nonnen ihre Zuflucht vor Seefahrern und fleischlichen Gelüsten suchten. Ich hingegen suche erneut Hühnersuppe und Cracker, denn der nun folgende 1300m Anstieg führt zum höchsten Berg der Insel, dem Pico Ruivo mit 1861m.

Noch befinde ich mich im Bereich der Top Ten, aber nach stundenlangem Lauf ohne ausreichende Energiezufuhr fühle ich mich jetzt leer wie ein verdorrtes Blatt in der Wüste. Sicher kennst du dieses Gefühl. Dein Vorsprung schmilzt wie Eiscreme in der Sonne und in jeder Kehre blickst du dich ängstlich um, als ob der Teufel hinter mir her sei: Wann kommen sie endlich und traben in vernichtendem Tempo an dir vorbei? Ich krieche wie Stück Butter über einen heißen Tiegel und erklimme Meter um Meter diesen endlosen Anstieg. Die Landschaft baut sich atemberaubend vor mir auf, aber dafür reicht meine Aufmerksamkeit nicht. Gefährlich schwankend stolpere ich über die ausgesetzten Felsgrate — die Auswirkungen von Dehydrierung und Unterzucker sind unverkennbar. Selbst leicht abfallende Abschnitte werden zur Quälerei. In diesem Zustand rückt das Ziel in unerreichbare Ferne. Immerhin liegen noch 55 Kilometer mit entbehrungsvollen Anstieg zwischen meinem aktuellen Zustand und der Ziellinie in Machico!

Vor drei Jahren steckte ich beim Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) in einer ähnlichen Situation und es fehlten noch knapp 70 Kilometer bis ins Ziel. Damals beendete ich den Lauf aufgrund von Magenproblemen und dem damit verbundenen Mangel an Nährstoffen vorzeitig. Wie habe ich diese Entscheidung bereut!

Als ich einen Schritt in die Holzhütte unterhalb des Pico Ruivo setze, steht mein Entschluss bereits fest. Mein Körper sackt auf einem Stuhl in der Ecke des dunklen Raumes zusammen und mein Kopf fällt schwer nach hinten. Die zuständige Ärztin schaut mich an, läuft zu mir herüber und fragt: “Geht es dir gut?” Ich erwidere: “Hätten Sie etwas Suppe? Mein Magen versagt die Funktion und ich muss pausieren.” Unverzüglich reicht mir ein Helfer warmen, schwarzen Tee. “Der ist gut für den Magen”, erklärt er in gutmütigem, väterlichen Ton. Ich sitze da, döse, lasse die Zeit verstreichen und registriere wie meine Verfolger die Hütte betreten, sich verpflegen und weiterlaufen. Meine Arme verdecken meine Startnummer, denn ich fühle mich geschlagen, völlig am Boden. Es ist mir peinlich hier zu sitzen und teilnahmslos dem Rennen zuzusehen, bei dem ich vor wenigen Minuten einer der Hauptakteure war. Wie verhalte ich mich, wenn sich mein Magen nicht beruhigt?

Schließlich raffe ich mich auf, fülle etwas Tee in meine Flaschen und lasse die Hütte hinter mir. Fünfundvierzig lange und schwere Kilometer liegen jetzt vor mir. Der landschaftlich schönste Teil der Insel breite sich unter meinen Füßen aus. Ich nehme mir Zeit, genieße die exponierten Pfade, laufe durch pechschwarze Felstunnel und erfreue mich der verstörten Gesichter der deutschen Wanderer, die sich mit einem freundlichen “Grüß Gott” einstellen. Mein Magen erholt sich allmählich. Am nächsten Verpflegungspunkt unterhalb des Pico Ariero (1818m) pausiere ich erneut ausgiebig und schlürfe wässrige Hühnerbrühe. Endlich habe ich Zeit, mir über die Hühner in der Suppe meine Gedanken zu zerbrechen. Wieder betreten meine Verfolger die Station, aber jetzt verlasse ich den Verpflegungspunkt vor ihnen. Sie sitzen mir wie Wespen im Nacken. Auf abschüssigen und flachen Trails kann ich den Abstand zu ihnen halten, ja sogar vergrößern. Allen die langen Anstiege fressen zu viel Kraft. Etwa 20 Kilometer später ist ein Finne direkt hinter mir. Ich lasse ihn passieren. Plötzlich taucht Jörg vor mir auf; er läuft mir entgegen. Ich freue mich wahnsinnig sein vertrautes Lächeln zu sehen. Er hat definitiv einen guten Tag, auch außerhalb der Wertung.

Madeira coast

Der Nordküstenweg vor Machico belohnt mich mit traumhaften Tiefblicken auf die Steilküste und den schäumenden Atlantik. Ich passiere Läufer des T20, die auf diesem Abschnitt mit den Juwelen des Trailrunning verwöhnt werden. Feinste Trails, steile Rampen und technische Leckerbissen zieren diesen Parkours. Ob diese Leckerbissen als solche wahrgenommen werden, hängt von den technischen und sportlichen Fähigkeiten der Läufer ab. Meine Gedanken wandern zu Gerald, der diese halsbrecherischen Abstiege bei Nacht absolvieren muss. Jörg erreicht Machico kurz vor Einbruch der Dunkelheit nach ca. einhundert zurückgelegten Kilometern. Am Ende erfahre ich, dass ich die Ziellinie als elfter Läufer überschritten habe und bin unendlich dankbar. Ich bin dankbar für den Mut, die Zeit verstreichen haben zu lassen.

Finally finished
Finally finished
Flugkosten: ab 250€
Startgeld
T20 35€
Marathon 55€
T85 85€
T120 105€
Übernachtungsort Machico
Übernachtung Casa da Graça
Die Strecke (T115) auf Strava

Madeira 11 copy

Grundausstattung:
– leichter Laufrucksack
– Stirnlampe mit Ersatzbatterien
– Notlampe
– Rücklicht (vom Veranstalter vorgeschrieben)
– Trinkbecher
– 1 l Wasservorrat
– Mobiltelefon

Bekleidung:
– T-Shirt
– Laufhose
– Socken
– Trailschuhe
– leichter Windbreaker
– wasser- und winddichte Jacke mit Membran
– Kopfbedeckung (Buff)
– Sonnenbrille

Notfallausrüstung:
– elastischer Verband
– Notfalldecke
– Tempotaschentücher

Nahrung:
– Salztabletten
– Nussmischung / Riegel / Gels
– Elektrolytpulver

MIUT auf GPSies

Auf eisigen Pfaden: Trail-Running im Winter

Winterlaufen 1

Eine Gruppe Schneeschuhwanderer stapft im Gänsemarsch durch tiefen Schnee im dichten Nadelwald. Es ist Februar und der Winter hat die Berglandschaft in eine weiße Decke gehüllt. Trotz ihrer breiten Schneeschuhe sinken die Wanderer tief in die kalte, weiche Decke ein, wenn sie den Fußabdruck ihres Vordermannes verfehlen. Mittlerweile rollen ihnen die Schweißtropfen über die Stirn und der kondensierende Atem der Gruppe bildet eine Wolke wie bei einer Dampflock. Hinter ihnen nähert sich ein drahtiger Läufer, der mit langen Schritten zur Gruppe aufschließt. Sein Herz pulsiert, seine Lunge pumpt und seine Augenbrauen sind mit Reif überfroren. Die Gruppe hat ihn noch nicht bemerkt. Erst als er zum Überholen ansetzt, drehen sich die Wanderer erschrocken um. Als er die festgetretene Spur der Wanderer verlässt, sinkt er bis zum Oberschenkel ein und wühlt sich unter ungläubigen Blicken der Wanderer mit ganzer Kraft durch den tiefen Schnee an der Gruppe vorbei. Nachdem der Läufer die Gruppe überholt hat, springt er zurück in die ausgetretene Spur. Sogleich umgibt ihn wieder die stille, weiße Landschaft, und nur das Knarzen seiner Schritte im Schnee ist noch zu hören.

Winterlaufen 4

Trail-Läufer sind zu jeder Jahreszeit draußen unterwegs, denn genau das unterscheidet sie von Läufern, die im Fitnessstudio auf dem Laufband in Richtung Bildschirm laufen. Im Sommer springen sie leichtbekleidet und wie Gämsen durch hochalpines Gelände, im Winter traben sie völlig vermummt und mit Leuchtfarben dekoriert durch die eisige Kälte. Trail-Running ist zu jeder Jahreszeit möglich, allerdings gestaltet sich das Training auf den Lieblingstrails im Winter gänzlich anders als im Sommer. Liegt tiefer Schnee, ist der
Kraftaufwand ungleich höher als auf trockenem Boden und tiefe Außentemperaturen müssen vom Körper durch zusätzliche Wärmeproduktion kompensiert werden. Ihr verbraucht folglich beim Training im Winter mehr Energie als im Sommer. Aus diesem Grund nehme ich bei langen Läufen in jedem Fall Verpflegung mit. Achtet aber darauf, dass sich viele Riegel in gefrorenem Zustand nicht gut kauen lassen und verstaut diese nah am Rumpf oder greift auf Nüsse und Trockenfrüchte zurück. Gefrorenes Olivenöl lutschen nur die ganz Harten. Zum Ausgleich des Flüssigkeitsbedarfes eignen sich die üblichen Sportgetränke, diese solltet ihr allerdings warm halten. Auch wenn die Flüssigkeit in der Trinkblase auf dem Rücken angenehm temperiert ist, friert sie im Trinkschlauch schneller ein als ihr ansaugen könnt. Schnee zu essen ist auf Dauer auch keine Alternative, denn dieser enthält keine Mineralien. Vielmehr wäscht er die Mineralien eures Körpers aus und senkt zusätzlich eure Körperkerntemperatur.

Ich empfehle:

Nuss-/Beerenmischung

Winterlaufen 6

Für die Bekleidung gilt auch im Winter: Vor dem Lauf musst du leicht frieren! Zieh dich keinesfalls zu warm an, denn zu warme Bekleidung führt zu erhöhter Schweißproduktion und damit zu mehr Nässe am Körper und in der Bekleidung. In der Konsequenz kühlst du schneller aus. Ein Anzug nach dem Zwiebelschalenprinzip bewährt sich besonders im Winter und bei wechselnden Bedingungen. Die einzelnen Bekleidungsschichten können flexibel an- und ausgezogen werden und Lufteinschlüsse zwischen den Schichten isolieren zusätzlich. Da ich sehr wenig schwitze, trage ich direkt auf der Haut Textilien aus Merinowolle; für viel schwitzende Sportler eignen sich hingegen Kunstfasern wie Polyester besser. Als zweite Bekleidungsschicht empfehle ich Kleidung aus dem Material Polartec, da dies besonders gut Wärme speichert und auch bei Nässe funktioniert. Meist ist ein dünner Windbreaker als dritte Bekleidungsschicht ausreichend, bei Niederschlag und Schnee greife ich jedoch auf atmungsaktive Materialien zurück. Glich die Atmosphäre unter älteren Funktionsjacken noch der eines Gewächshauses, sind aktuelle Membranen erstaunlich durchlässig und eignen sich auch für schweißtreibende Abenteuer. Wer in den Bergen läuft, sollte für den Notfall immer eine zusätzliche, trockene Bekleidungsschicht im obligatorischen Rucksack mitführen. Und bitte vergesst Mütze und Handschuhe nicht!


Erste Bekleidungsschicht: Patagonia Long-Sleeved Thermo Flyer Shirt
Zweite Bekleidungsschicht: Patagonia Men’s Piton Pullover
Dritte Bekleidungsschicht: Patagonia Men’s M10 Jacket
Patagonia Men’s Alpine Guide Pants

Auf Schuhe möchte ich in diesem Beitrag nicht näher eingehen, denn die richtige Schuhwahl hängt in erster Linie von der Passform, den Bedingungen und den persönlichen Vorlieben ab. Im Tiefschnee sind Gamaschen von Vorteil, denn diese verhindern, dass euch der Schnee in den Schuh rutscht und den Fuß tiefkühlt. Längere Socken sind im Schnee von Vorteil, denn sie bieten einen zusätzlichen Schutz der Waden bei Bruchharsch.

Gamaschen findet ihr zum Beispiel im RacingThePlanet Shop.

Winterlaufen  bei Nacht

Berufsbedingt laufe ich in der kalten Jahreszeit meist erst nach Eintritt der Dunkelheit und bin aus diesem Grund auf meine Stirnlampe angewiesen. Diese ist leicht, hell, wird mit Akkus betrieben und besitzt eine lange Leuchtdauer. Auf langen Touren und in den Bergen habe ich zusätzlich eine Ersatzlampe im Gepäck, denn bei Nebel und im Wald ist ohne entsprechende Beleuchtung keine Orientierung mehr möglich. Für die urbanen Läufer sind Lampen von geringerer Bedeutung, vielmehr schützen ausreichend Reflektoren vor unerwarteten Begegnungen mit anderen Verkehrsteilnehmern.

Meine Empfehlung:

AY UP Lights aus Australien

Winterlaufen 3

In der Tat ist der materielle Aufwand zur Vorbereitung für einen Lauf im Winter größer als der für einen Lauf im Sommer. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen die einzigartige Atmosphäre bei Nacht und das Gefühl von Freiheit gegen ein Laufband im Studio einzutauschen.

Trans-Atlas Marathon – im Land der Berber

In zwei Reihen stehen die 25 Teilnehmer der Erstaustragung des Trans-Atlas Marathon (TAM) hinter der Startlinie. “Die erste Reihe könne genauso gut bei den Olympischen Spielen am Start stehen”, flüstert mir der neuseeländische Unternehmensberater Mike in mein rechtes Ohr, ein netter Kerl mit völlig überpacktem Trekkingrucksack. Links neben mir steht Basti Haag: Speedbergsteiger, Extremskifahrer und Produktentwickler von UvU. Im Hintergrund krächzt derweil die Vangelis-Hymne aus völlig übersteuerten Lautsprechern. Vor mir zappeln 15 drahtige marokkanische Laufmaschinen, alles Freunde der Brüder Mohamad Ahansal und Lahcen Ahansal. Mohamad und Lahcen haben den Marathon des Sables — das ist DER prestigeträchtigste Wüstenlauf der Erde — zusammen vierzehnmal gewonnen. Ihre Freunde hüpfen völlig aufgedreht vor mir im Staub der Startlinie und genießen das Blitzlichtgewitter und die Atmosphäre vor dem Start. Einige von ihnen erhalten hier erstmalig die Möglichkeit, ihr Können vor einem internationalen Publikum zu präsentieren. Große internationale Laufmagazine sind vertreten und der zweite öffentliche marokkanische Fernsehsender 2M TV überträgt täglich im Sportteil der Abendnachrichten vom Lauf.

Zaouiat Ahansal
Zaouiat Ahansal

Was erwarte ich von einem Lauf, den ein Weltklasse-Trailläufer organisiert? Das Kursbuch kündigt 275 Kilometer und 15 000 Höhenmeter an, das sind in etwa die Anforderungen vom Gore-Tex Transalpine Run (TAR); uns bleiben dafür sechs Tage Zeit, statt der acht Etappen beim TAR. Ruhetag gibt es keinen! Von Mohamad erwarte ich anspruchsvolle, aber laufbare Trails im Hohen Atlas. In meinem Rucksack möchte ich keine Expeditionsausrüstung tragen, dennoch soll die Pflichtausrüstung ausreichend Schutz vor dem extremen Klima bieten. Daher werden wir jeden Morgen unsere Reisetasche abgeben, um sie am Abend im nächsten Lager wieder in Empfang zu nehmen. Übernachtungen bei Einheimischen gehören für mich zu diesem Lauf wie die lokale Küche, denn erst dadurch bekomme ich einen Einblick in die Kultur und den Alltag der Berber. Magenverstimmungen werden dabei bewusst in Kauf genommen. Verpflegungspunkte? Die Micropur-Tabletten in der Pflichtausrüstung deuten an, dass es davon nicht viele geben wird. Was diese Premiere bringt, können die 25 Teilnehmer nur erahnen.

TAM 53

Kurz nach dem Start blicke ich mich um und stutze irritiert. Eine Traube von zehn Berber-Läufern umgibt mich. Diese Jungs laufen sich lockeren Schrittes warm und schießen obendrein Fotos mir ihrer kleinen Digitalkamera. Als wir an einer Brücke rechts auf einen halsbrecherischen Trail abbiegen und von der Ehrenrunde durch das Dorf Zaouiat Ahansal erneut in Richtung Startlinie laufen, erhalte ich einen Vorgeschmack ihres atemberaubenden und technisch perfekten Lauftstils: Wie ein Vogelschwarm erhöhen sie schlagartig ihr Tempo und fliegen wild und frei in Richtung der klickenden Kameras und wartenden Würdenträger. In dem Augenblick als ich die Startlinie erneut passiere, bemerke ich Lahcen am Streckenrand und blicke für einen Moment in ein väterlich mahnendes Lächeln, das er seinen Jungs entgegenwirft — bloß nicht zu schnell anfangen, die Woche wird noch sehr lang.

Tizi N’Tichka

Prolog — 54 Kilometer

Die erste Tagesetappe schlägt bereits mit 54 Kilometern und mit 2400 Höhenmetern zu Buche, dennoch laufen die jungen Berber durch das ausgewaschene Flussbett der ersten 1000 Höhenmeter-Rampe mit einer Leichtigkeit, die mich an die Schilderungen in McDougalls “Born to Run” erinnert. Die Landschaft ähnelt der in den Star-Wars-Filmen — karge, braune Gebirgslandschaften erstrecken sich vor mir, dazwischen schimmern vereinzelt grüne Oasen. Ab und zu begegnet mir Obi-Wan Kenobi in braunem Gewand mit Kapuze, eine Ziege oder ein Schaf auf der Schulter tragend. Der Trail ist so wild wie seine Heimat. Den Großteil der Etappe laufen wir auf über 2000 Metern Höhe, was ich deutlich am Schnaufen meiner marokkanischen Begleiter vernehme. Nach den Erfahrungen beim UTAT (siehe Blogeintrag UTAT) bin ich dieses Jahr ausreichend akklimatisiert und kann besonders bergauf und während der technischen Abschnitte punkten. Die flachen Abschnitte gehören den Tarahumara. Die Versorgung während des Laufes ist minimal. An zwei bis drei Punkten wartet ein Geländewagen, und jeder Läufer erhält eine Flasche Wasser. Den Rest musst du im Rucksack haben!

Ausfall

Etappe Zwei fällt aus! Über Nacht hat es geregnet, Straßen weggespült und auf den Hochebenen geschneit. Infolgedessen erwartet uns eine siebenstündige Busfahrt auf schmalen Pisten, machmal näher am Abgrund als uns lieb ist. Als unser Konvoi die nächste Unterkunft erreicht, empfängt uns das Dorf mit einem Volksfest der besonderen Art: Am gefühlten Ende der Welt tanzt ein Dorf in traditionellem Gewand für uns und singt im Chor. Ich reihe mich in eine riesige Polonaise und wir tanzen durch die Nacht. Mohamad bemüht sich ausdrücklich um die Nähe zu den Einheimischen. So ist es uns Läufern gestattet, ja sogar gewünscht, Speisen und Getränke vor Ort zu kaufen, sowohl während des Rennens als auch danach.

Dritte Etappe — 42 Kilometer

Nach dem gemeinsamen Abendessen findet die Wettkampfbesprechung für die dritte Etappe statt und Mohamad bemerkt freundlich: “The time limit is 14 hours and if you can’t do it in 14 hours, we will wait for you at the finish line.” Eventuell gibt es nur einen Versorgungspunkt auf der heutigen Marathondistanz, da die Zugangsstraßen abermals weggespült wurden. Am nächsten Morgen sind die Beine der Berber-Jungs wieder frisch und wir schießen im gewohnten Eiltempo gen Sonnenaufgang durch das prächtigste Dorf des Hohen Atlas. Der Kerl vor mir ist hochmotiviert, so kürzen wir alle Serpentinen ab und hecheln bei maximalem Anstieg mit maximaler Herzfrequenz gen Himmel. Oben angekommen, bemerken wir schließlich, dass unsere Verfolger inzwischen abgebogen sind, da wir eine der Markierungen übersehen haben. Nach der dritten Irrfahrt übernehme ich fluchend die Führung und folge stur den Markierungen. Wenig später überholt uns Omar, ein heimischer Bergführer, der heute erstmals als Gast mitläuft. Dran bleiben, denke ich! Der kennt sich aus. Omar trabt seelenruhig vor mir her, schaltet allerdings in unregelmäßigen Abständen in den Sprintmodus, was mich an den Rand der Verzweiflung bringt. Seine Taktik funktioniert besser als erwartet, denn nach zwanzig Kilometern bricht er selbst ein und ich betrete die Südseite des Hohen Atlas in völliger Einsamkeit. In diesem Augenblick breitet sich vor mir der graue Dunst der unendlichen Sahara aus und ein warmer, trockener Wüstenwind weht mir auf 2800 Metern ins Gesicht. Den Sand in der Luft kann ich förmlich schmecken.

TAM 19

Die nächsten Stunden verbringe ich allein, nur Schafe, Ziegen und einzelne Hunde kreuzen meinen Weg. Erst wenige Kilometer vor dem Ziel erreiche ich eine grüne Oase und treffe auf Gesellschaft. Ein kleiner Junge hat mich erspäht und läuft zu mir heran. Er ist nicht älter als fünf Jahre. Wir begrüßen uns mit Handschlag und toben anschließend wie Geschwister über die felsigen Trails am Rande des grünen Idylls. “Wuaaaa” rufe ich jedes Mal ängstlich, wenn er neben mir von einem dieser schulterhohen Felsblöcken springt, da landet er bereits federleicht im Staub und lacht. Ich dagegen fühle mich wie ein träges Rhinozeros. Auf unglaublichen vier Kilometern albern wir herum und lassen die Fetzen fliegen, so dass der Zieleinlauf danach zur Formsache wird. Das breite Grinsen verharrt an diesem Abend noch lange in meinem Gesicht.

Die klaren Nächte im Hohen Atlas

Tighza-Wawrikt
Tighza-Wawrikt

Vierte Etappe — 40 Kilometer

Die ersten zwanzig Kilometer dieser Etappe verlaufen relativ flach, und ich bin bemüht, die führenden Marokkaner nicht aus den Augen zu verlieren. Beim ersten Verpflegungspunkt habe ich den Zweitplatzierten hinter mir gelassen und zum Führenden, zu Ali, aufgeschlossen. Wir nippen genüsslich süßen Minztee aus kleinen Gläsern, bevor wir gemeinsam in den längsten Anstieg des Tages traben. Ab diesem Punkt zolle ich dem hohen Anfangstempo Tribut und verbringe daraufhin den Rest der Etappe allein.

Hammam

Royal Stage — 66 Kilometer, 4500 Höhenmeter

Die Königsetappe macht ihrem Namen alle Ehre. Völlig ohne Markierungen verlassen wir uns am frühen Morgen erneut auf die Orientierung eines einheimischen Läufers. Erfreulicherweise haben wir wieder einen Berber-Läufer im Feld, der sich in dieser Region auskennt. Auch Basti Haag ist als zweiter deutscher Teilnehmer ganz vorn mit dabei. Etwas später erreiche ich mit Ali ein gigantisches Hochplateau, auf dessen Boden Werkzeuge ausgegraben wurden, die bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Die Stimmung ist gut und wir tauschen Datteln gegen geröstete Cashew-Nüsse vom Aldi. Wer jemals von Nomadenhunden angegriffen wurde, der weiß, solange die Köter bellen, ist alles in Ordnung. Falls ihr allerdings eine rotierende Staubwolke auf euch zu rasen seht, die sich in den Kurven beinahe überschlägt, dann ist Gefahr im Verzug. Völlig synchron schnappen sich Ali und ich Steine vom Boden und drehen uns um. Drei zerzauste Nomadenhunde rasen wie besessen auf uns zu. Ich werfe sofort und einer der Hunde jagt augenblicklich meinem Stein hinterher, die anderen Beiden gehen auf uns los. Im überschlagenen Rückzug werfen, laufen und werfen wir, bis die Hunde schließlich von uns ablassen — unseren Verfolgern viel Glück! Nach etwa vierzig Kilometern treffen wir auf eine Teerstraße und verpflegen uns kurz mit Wasser. Ab jetzt wirds lustig! Die Jungs von 2M TV filmen uns aus dem Geländewagen, die Einheimischen am Straßenrand klatschen und Ali dreht so richtig auf. An meiner Ehre gepackt, muss ich natürlich mithalten und klebe in brütender Hitze auf kochendem Asphalt wie eine Klette an Alis Ferse mit stetem Blick in die Kamera. Auf geschätzten fünf Kilometern brüllt mein Hirn: Langsamer du Idiot, da kommt noch mehr! Die folgenden Kilometer bezahle ich teuer. Die Sonne brennt auf mich herab, während Lahcen und Mohamad uns aus Geländewagen mit Wasserflaschen versorgen. Ich bilde mir ein, dass es jedes Mal zischt, wenn ich mir das Wasser geradewegs über den dampfenden Körper gieße. Das Gefühl, von einem der besten Läufer der Welt eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt zu bekommen, ist unbeschreiblich. Der letzte 3200 Meter hohe Pass wird zur Qual. Ali gewinnt verdient mit zwei Minuten Vorsprung und ich bin mächtig stolz — was für ein Lauf!

Oukaïmeden
Oukaïmeden

Finale — 17 Kilometer

Die letze Etappe startet in Oukaïmeden auf über 2600 Metern. Dieses marokkanische Skigebiet kenne ich bereits vom vergangenen Jahr und kann mich noch gut an das beste Restaurant erinnern: Hotel Chez Juju! Am Morgen vor dem Lauf sitze ich mit Mike und Basti vor dampfendem Cappuccino in kolonialem französischen Ambiente. Für Basti geht es heute um das Podium … vermuten wir jedenfalls. Die Gesamtplatzierung ist nicht ganz offensichtlich, aber eins ist klar: Basti muss heute kämpfen! Die Berber-Jungs wissen das leider auch und so poltern beim ersten höllischen Downhill zunächst Basti und anschließend drei Marokkaner donnernd an mir vorbei, als ich genüsslich die Serpentinen auslaufe. Mohamad hat sich die besonders technischen Passagen für die letzten Kilometer aufgehoben und ich bin froh, alle verbliebenen Teilnehmer heil und glücklich in Imlil einlaufen zu sehen. Hier endet das Rennen und eine lange Reise geht damit zu Ende.

What a great journey we had together!

Ultra-Trail du Mont-Blanc 2013

© Judy Ng
© Judy Ng

Der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) ist einer der anspruchsvollsten Trailläufe Europas und führt seine Teilnehmer auf einer 168 Kilometer langen Strecke mit 9600 Höhenmetern non-stop um das Dach Europas herum. Neben dem eigentlichen UTMB können sich die Teilnehmer für die kleinere aber nicht wesentlich zahmere Schwester, den Courmayeur – Champex – Chamonix (CCC), oder den Sur les Traces des Ducs de Savoie (TDS) registrieren.

Der Petite Trotte à Léon (PTL) zählt ebenfalls zur Serie der Läufe des UTMB, findet aber unter besonderen Rahmenbedingungen statt. Dieser Lauf startet bereits am Montagabend in Chamonix und endet sechs Tage später am gleichen Ort, dem Place Triangle de l’Amitié. Die Teilnehmer dieses Abenteuers finden sich in Zweier- und Dreierteams zusammen, bewegen sich in völliger Autonomie um den Mont-Blanc und “drehen zusätzlich noch eine Schleife durch ein anderes Gebirge”, formulierte der deutsche Teilnehmer Thomas Eller lässig. Von den 91 Teams befand sich dieses Jahr nur ein einziges deutsches Team auf diesem Parkour: “Les émeus rampants” (die schleichenden EMUs). Thomas Eller hat sich kurzfristig beim Frühstück am Montagmorgen im Deutschen Haus dazu entschlossen, das Team von Uwe Herrmann und Eric Türlings zu ergänzen. Die 288 Kilometer lange Strecke mit 25 000 Höhenmetern hat es in sich, so müssen die Teams selbstständig navigieren und werden nur an drei Labestationen versorgt. Sie passieren auf ihrem Weg nicht weniger als 33 Bergpässe und bewältigen schwere alpine Passagen bei Nacht und bei schlechtem Wetter. Bewusst wird bei dieser Kategorie auf eine Wertung verzichtet: Ankommen ist das Ziel!

Leider steht Thomas Eller zu unserer Überraschung am Mittwochmorgen völlig entkräftet, kalt und durchnässt in der Küche des Deutschen Hauses und berichtet den staunenden Gesichtern über die Strapazen der letzten Nacht, die das Team zur Aufgabe gezwungen haben. Das schlechte Wetter zu Beginn dieses Laufes setzte vielen Teams schwer zu und führte bereits in der ersten Nacht bei 12 Teams zur Aufgabe. Insgesamt konnten 43 Mannschaften den Lauf erfolgreich beenden, davon legten 31 die Gesamtdistanz zurück.

Als Tom, Bernie, Jan und Bei am Freitagmorgen bereits im Bus nach Courmayeur sitzen, schläft das Deutsche Haus noch tief. Später beim Frühstück verfolgen wir den Start des CCC per Ultratrail TV, dem online TV-Programm des UTMB. Der CCC führt seine Teilnehmer über 101 Kilometer und 6100 Höhenmeter von Courmayeur in Italien über Champex-Lac in der Schweiz nahezu vollständig auf der UTMB-Nordschleife nach Chamonix und bietet einen Vorgeschmack dessen, was der große Bruder an Herausforderungen bereithält. Direkt an der Startaufstellung kontrollieren Mitarbeiter der Organisation stichprobenartig die Ausrüstung einzelner Läufer. Extreme Wetterbedingungen und Notsituationen bei Trailläufen vergangener Jahre ließen die Pflichtausrüstung der Teilnehmer deutlich anwachsen und ziehen diese drastischen Konsequenzen nach sich. Der Start der 1901 Teilnehmer des CCC erfolgt in drei Gruppen zeitversetzt.

UTMB 2013CCC© The North Face¨ Ultra-Trail du Mont-Blanc¨ - Pascal Tournaire
UTMB 2013CCC© The North Face¨ Ultra-Trail du Mont-Blanc¨ – Pascal Tournaire

Während Tom am ersten Pass mit Schwindel kämpft, befinden sich Jan, Bernie und Bei unterdes weiter hinten im Feld und marschieren im Gänsemarsch den 1500m-Anstieg zum Tête de la Tronche hinauf. Jan fühlt sich dabei an seine Heimat erinnert: “Das ist wie in Polen vor 30 Jahren. Da standen diese langen Schlangen vor den Geschäften.” Champex Lac hingegen gleicht eher dem Rummel wie auf dem Oktoberfest: Während sich die Masse der Läufer inbrünstig an Speisen und Getränken labt und dabei halbe Kuchen verdrückt, liegen einige zitternd und röchelnd auf Bänken und Tischen. Bernie hat hier die Linzer Törtchen entdeckt, schlürft dazu ein Tässchen Kaffee und beobachtet das wilde Treiben im Zelt mit argwöhnischer Neugier. Unser Küchenchef Jan ist begeistert von der Verpflegung auf der Strecke: “Überall gab es Nudelsuppe, an den großen Stationen sogar warme Spaghetti; die habe ich natürlich gegessen. Und die Salami erst — großartig!” Erfahrungsgemäß kehrt Jan bei Wettkämpfen gemütlich auf Berghütten ein und ordert lokale Spezialitäten. Da er sich diese Zeit beim CCC sparen konnte, lief er diesmal prompt auf Platz Eins unserer internen Hauswertung.

Der Start vom großen Bruder gleicht einem Rock Festival der Superlative: Die Zuschauermassen schieben sich durch die viel zu engen Gassen von Chamonix, Fotoapparate klicken und Catherine Poletti tanzt berauscht vor der tobenden Menge, während die Stars der Szene mit großen Schritten einmarschieren. Die Stimmung im Feld ist elektrisiert. Alle sind sie heute hier versammelt: Julien Chorier, Miguel Heras, Tony Krupicka, Mike Wolfe, Sébastien Chaigneau, Nuria Picas und dann das gigantische Feld der 2500 Läufer. Alle vereint sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen um diesen weißen Riesen laufen, so schnell und kraftsparend wie möglich. Als sich schließlich das Feld zur Vangelis-Hymne in Bewegung setzt, blicke ich in zahlreiche feuchte Augen. Es sind diese Momente, die diesen Lauf unvergleichlich werden ließen.

Nach etwas vierzig Kilometern schaltet die Spitze des Feldes in Les Contamines ihre Stirnlampen ein und trabt in die Nacht. Durch die Startzeit am Nachmittag kommt beim UTMB auch die Spitze des Feldes in den Genuss durch die Nacht zu laufen. Unter leuchtendem Sternenhimmel zieht sich die schier endlose Lichterkette über die schwarze Berglandschaft und immer wieder stehen Menschen an der Strecke und klatschen. Vom Deutschen Haus laufen Axel, Gerald, Marius und auch Thomas den UTMB. Die Frauen von Axel und Gerald beobachten den Rennverlauf per Internet und sind beruhigt, als sie im LiveTrail-Tracking sehen, dass die beiden mit geringem Abstand durch die Nacht traben: “Die beiden laufen zusammen. Bin ich froh! Da schlafe ich ruhiger”, ist Geralds Frau erleichtert. Axel genießt indes die sternklare Nacht: “Auf einem Stück Teerstraße habe ich meine Stirnlampe ausgeschaltet, um den Sternhimmel zu betrachten — unglaublich diese Pracht!” An der Kontrollstation vor dem Col du Bonhomme sagten sie ihm: “Du ziehst jetzt deine lange Hose an, sonst lassen wir dich nicht weiter.” “Das war auch gut so”, meint Axel. “Dort oben hat der Wind gepfiffen, das kannst du dir nicht vorstellen! Bei Regen möchte ich diese Strecke nicht laufen müssen.” Gerald hingegen geht es in der ersten Nacht schlecht. Schon vor dem Lauf hatte er Magenprobleme und jeder erfahrene Läufer weiß: Magenprobleme können dich richtig aus der Bahn werfen. In Courmayeur ruft er seine Frau an. Er will ihr mitteilen, dass sie ihm mit dem Auto abholen soll. Sie hat allerdings das Telefon ausgeschaltet und schläft. Gerald läuft schließlich weiter.

Xavier THEVENARD
Xavier THEVENARD

Wer kannte schon vor diesem Rennen den 25-jährigen Xavier Thevenard? Vor drei Jahren gewann der Junge aus dem französischen Jura den CCC, der bis dahin sein dritter Ultratrail war. Dieses Jahr lief er zusammen mit den Weltklasse-Läufern Julien Chorier, Miguel Heras und Tony Krupicka an der Spitze des UTMB-Feldes. Nach etwa einhundert Kilometern konnte er sich am Grand Col Ferret von seinen Verfolgern absetzen, so dass diese ihn bis zum Ende des Rennens in Chamonix nie wieder einholten. Doch damit nicht genug. Thevenard lief in 20:34 Stunden eine neue Rekordzeit auf der Strecke. Tony Krupicka plagte seine hintere Oberschenkelmuskulatur und er schied in Trient aus.

Bei den Damen führte Núria Picas auf den ersten Kilometern das Rennen an und konnte sich etwas Vorsprung vor ihren Verfolgerinnen erarbeiten. Dieser Vorsprung wurde von Rory Bosio am Col du Bonhomme aufgeholt und Bosio führte fortan das Rennen bei den Frauen an. Sie lief den Lauf ihres Lebens, scherzte an Verpflegungsstationen mit den Helfern und pulverisierte den alten Streckenrekord von Krissy Moehl um fast zwei Stunden. Sie finishte in 22 Stunden und 37 Minuten und lag damit auf Rang Sieben der Gesamtwertung hinter Julien Chorier. Sie ist damit die erste Frau, die es beim UTMB unter die besten Zehn der Gesamtwertung geschafft hat.

Das Deutsche Haus feierte mit seinen vier UTMB-Teilnehmern vier glückliche Finisher. Gerald lief auf einen fabelhaften 258. Platz in Chamonix ins Ziel und Axel landete bei seiner UTMB-Premiere sogar auf dem Treppchen seiner Kategorie. Thomas und Marius wurden am Sonntagmorgen von Julia Böttger im Ziel empfangen und beglückwünscht.

Der UTMB versammelt jährlich die Elite der Szene und das nicht zuletzt durch das Punktesystem bei der Anmeldung. Eine Auswahl der Teilnehmer, die über die Höhe des Startgeldes geregelt wird, wurde hier bisher vermieden. Die Strecke ist ein landschaftliches Highlight, technisch nicht zu schwierig, nicht zu hoch gelegen und durch die vielen Höhenmeter eine beachtliche Herausforderung für jeden Teilnehmer. Wer die Atmosphäre vor Ort, die Professionalität der Organisation und Qualität dieser Veranstaltung in Chamonix erlebt hat, der wird verstehen, dass sich die Frage nach einer Weltmeisterschaft über 100 Meilen damit erübrigt.