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Abenteuer

Radtour durch die Vulkanlandschaft

Was macht ihr als erstes, wenn ihr in einem fremden Land ankommt? Richtig, ihr sucht einen WiFi-Hotspot, geht zu Craigslist und kauft ein gebrauchtes Fahrrad. Warum? Dazu später mehr.

Für 99 Dollar war ich stolzer Besitzer eines Rennrades, das umgehend im Kofferraum meines Leihwagens verschwand. Zum Glück sind auch die Kleinwagen in den Staaten grundsätzlich etwas größer als unsere europäischen Pendants.

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Gestern wollte ich meinen neu erworbenen Drahtesel endlich ausprobieren, denn so viel Vertrauen hatte ich in das alte Gefährt dann doch nicht und Überraschungen sind nicht immer willkommen. Kurzerhand fuhr ich auf einen Parkplatz etwas außerhalb von Flagstaff, packte das Rad aus und es konnte losgehen. Leider war das Sattelrohr etwas zu kurz. Folglich saß ich wie eine eierlegende Ente auf dem Rad und rollte zunächst noch frohen Mutes über die amerikanische Landstraße. Nach knapp zehn Minuten fühlte sich mein Drahtesel bereits an, als ob der Esel mit dem Schwanz wackelt. Ein Blick auf das Hinterrad sorgte für Ernüchterung: Der Hinterreifen war dabei sich auszulösen. Kurzerhand machte ich kehrt und rollte zurück in Richtung des rettenden Autos. Etwa 500 Meter vor dem Parkplatz gab es einen lauten Knall und der Hinterreifen war endgültig platt.

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Schiebend entschloss ich: Also gut, das Rad muss zur Reparatur. Per GPS machte ich eine Radwerkstatt ausfindig. Meine Bestellung lautete: “Bitte zwei neue Reifen, zwei Schläuche und eine Sattelstütze.” Die Jungs staunten nicht schlecht beim Anblick meiner Reifen, halfen aber umgehend.

Etwas später startete ich den zweiten Versuch in der Nähe vom Sunset Crater. Eine reizvolle Schleife durch die Kraterlandschaft wäre circa 80 Kilometer lang. Da noch fünf Stunden bis Sonnenuntergang waren, dachte ich: machbar!

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Das Rad rollte mit den neuen Reifen gut bergab, doch bergauf kam ich nicht in Schwung. Scheinbar war das Problem weniger der schwere Stahlrahmen oder die aktuelle Höhe von über 2000 Metern, sondern eher die ineffiziente Mechanik und die kurzen Kurbeln. Als ich nach einer Stunde erst zwanzig Kilometer zurückgelegt hatte und von meiner halbgrünen Lavalandschaft in die Painted Desert — eine Wüste im Nordosten Arizonas — rollte, schaltete ich beim GPS neben Gesamtanstieg auch Gesamtabstieg dazu. Die offenbarte einiges: Bisher hatte ich etwa 150 Meter Anstieg bewältigt aber tatsächlich schon 500 Meter Abstieg. In Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit und meiner Wasservorräte von einem halben Liter, entschied ich mich zum kontrollierten Rückzug.

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Mit der längeren Sattelstütze schniefte ich im Ententempo die Hügel hinauf zurück, natürlich mit Gegenwind. Es roch nach Kiefern und zu beiden Seiten erstreckte sich eine schwarze, wilde Lavalandschaft mit Kiefernhölzern und trockenen Büschen. Das Gras flimmerte goldgelb im Sonnenlicht und ich stellte mir vor, wie hier diese riesigen Büffel grasen — das ist der Wilde Westen! Die Schaltung meines Rades ratterte, aber funktionierte tadellos und ich kam voran. Wenige Kilometer vor meinem Auto erstarrte ich förmlich auf dem Rad. Direkt vor mir gleitet eine Schlange mit einem guten Meter Länge gemütlich über die Straße.

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Kurzerhand flog mein Drahtesel auf die Seite und ich lief in sicherem Abstand mit Kamera in der Hand hinter dem Reptil her. Ein Teleobjektiv hätte ich hier dem Weitwinkel vorgezogen. Unbeeindruckt setzte sie ihren Weg fort und ich fragte mich: Was zur Hölle ist das für eine Schlange? Das Muster ähnelte meinen Erinnerungen an eine Klapperschlange, aber die Klapper fehlte. Wie praktisch, dass nach wenigen Kilometern ein Besucher-Zentrum am Weg lag, wo ich nachfragen konnte. Es handle sich um eine Gopher-Snake, teilte mir die junge Frau mit — nicht giftig. Am Auto angekommen, packte ich den Drahtesel weg und trank den letzten Tropfen Wasser aus — Test bestanden, dachte ich.

Entering Active Bear Area

Death Valley - Devils Golf Court
Death Valley – Devils Golf Court

Schier endlos schlängelt sich die schwarze Teerstraße über den letzten Gebirgspass, der uns aus dem lebensfeindlichen Death Valley führt. Dornenbüsche und vereinzelt Joshua Trees markieren erste Lebenszeichen. Der auf unserer Karte verzeichnete Owens Lake erweist sich als eine schlammige, versalzene Pfütze, die als Wasserreservoir für Los Angeles herhalten musste. Gegen 10 Uhr erreichen wir am Fuße der Sierra Nevada die verschlafene Siedlung Lone Pine. Der Name hält, was er verspricht, denn tatsächlich stehen hier die ersten echten Bäume, die wir seit vielen Meilen zu Gesicht bekommen. Statt Pferden rollen riesige Pick-Up Trucks mit Cowboys durch den Ort. Sonst hat sich hier in den vergangenen fünfzig Jahren scheinbar nicht viel verändert. Nicht umsonst diente Lone Pine den Studios aus Hollywood als Drehort für zahlreiche Wildwestfilme — zuletzt Django Unchained von Quentin Tarantino.

Lone Pine

Zwanzig Zoll Schnee

Erster Halt ist das Visitors Center. Dieses versorgt Wanderer mit Bärenkanistern und Kartenmaterial, bietet aber auch aktuelle Infos zu Touren, wie zum Beispiel die auf den Mount Whitney — einen 4421 Meter hohen Granitriesen, der majestätisch in der malerischen Kulisse hinter den bunten Fassaden der Häuser thront. Ein grauhaariger, gut beleibter Ranger mit Brille mustert mich argwöhnisch und warnt: “Zu Beginn des Trails liegen sieben Zoll Schnee, weiter oben zwanzig. Du brauchst Micro-Spikes, später Steigeisen und Eispickel.” Zum Glück kann er meine Gedanken nicht lesen, denke ich. Denn im Kopf überschlage ich bereits die Zeit für den Aufstieg. “Gibt es eine Spur oder muss ich selbst spuren?”, frage ich. Seine Augenbrauen heben sich und seine Stirn liegt in Falten: ”Ich weiß von sieben Bergsteigern, die erst kürzlich den Gipfel besteigen wollten”, entgegnet er mir.

Burger und Schmalz

Unser nächster Stopp ist das Mount Whitney Restaurant, ein Saloon, der über Jahrzehnte Filmgeschichte geschrieben hat wie alles hier. Porträts mit Autogrammen von John Wayne und Marilyn Monroe verzieren die Wände des Gastraumes und der Stammtisch ist voll besetzt. Die Einheimischen mustern uns. Zwei unglaublich langsame Kerle bedienen in Zeitlupe und stellen die obligatorischen Plastikbecher mit Chlorwasser und schwimmenden Eiswürfeln auf den Holztisch. Ich bin ungeduldig, denn die Uhr tickt unaufhaltsam. Gegen 11 Uhr steht ein saftiger Burger vor mir. Judy verdrückt ein gigantisches Omelett mit einem amerikanischen Biscuit und einer Schale Schmalz zum Nachtisch. Das reicht locker für einmal rauf und runter, denke ich.

Wenige Augenblicke später quält sich unser Jeep die Kehren zum Whitney Portal hinauf, vorbei an einem Schild mit der Aufschrift: “Entering Active Bear Area”. Auf die Straße konzentriert, bemerke ich im Augenwinkel Judys schockierten Blick auf dem Beifahrersitz. “Bären sind eigentlich ganz harmlos. Sie suchen nur Futter”, bemühe ich mich ihren Blutdruck wieder zu senken. Am Whitney Portal auf 2550 Metern liegt Schnee. Da bis zum Gipfel 17 Kilometer und 1800 Höhenmeter zu bewältigen sind, werde ich voraussichtlich in die Dunkelheit laufen. Behutsam quetsche ich zwei Stirnlampen und eine warme zweite Schicht in meinen Rucksack.

Mount Whitney Trail
Mount Whitney Trail

Mount Whitney

Kurz nach 12 Uhr sind unsere Nahrungsvorräte in der bärensicheren Box hinter dem Auto verstaut und ich trabe in kurzer Hose und T-Shirt in die Wildnis. Auf sonnigen Abschnitten ist der Trail teilweise trocken, größtenteils jedoch mit Eis und Schnee bedeckt. Zunächst umgibt mich dichter Urwald. Die Laubbäume tragen ein gelbrotes Gewand, dazwischen ragen Kiefern mit mächtigen Stämmen empor, deren faustgroße Tannenzapfen wie Dinosauriereier am Boden verstreut liegen. Der Untergrund ist weich und es duftet mild nach Nadeln. Ideales Bärenrevier. Ab und zu überhole ich Wanderer mit heillos überladenen Rucksäcken, die wie Karawanen durch den Schnee ziehen. Wenig später trabe ich über ein Plateau mit rundgeschliffenen Granitblöcken der Größe von Autos. Mein Herz pocht mittlerweile im Hinterkopf. Ein Blick auf meinen Höhenmesser verrät, dass ich mich auf 3600 Metern befinde. Ich erreiche das auf einem Plateau gelegene Trail Camp. Aus der Ferne beobachten mich drei Bergsteiger, die offensichtlich bereits ihr Nachtlager aufgeschlagen haben. Es ist jetzt 14 Uhr und sie liegen wie riesige, bunte Raupen in ihren Schlafsäcken auf Granitblöcken. Bärenfutter, denke ich.

Blick hinüber zum Sequoia Nationalpark

Ein schmaler, schattiger Steig im Schnee führt über die berüchtigten 99 Kehren zu einem Grat auf über 4000 Meter. Beim Erreichen des Grates treffe ich auf den legendären John Muir Trail, der von hier bis zum Yosemite Nationalpark führt. Vor mir steht ein Holzschild mit der Aufschrift: Sequoia Nationalpark. Mehrere tausend Jahre alt werden die riesigen Sequoias, die in diesem Park wachsen. Die goldene Abendsonne wärmt mein Gesicht und lässt die endlose Berglandschaft in mystischen Farben erstrahlen. Auf der drei Kilometer langen Traverse fehlt mir der Sauerstoff. In einem Moment der Unaufmerksamkeit schlage ich mir das Bein an einem scharfen Granitstein auf und schnaufe verbissen in Richtung Gipfel. Ein französisches Pärchen wandert mir entgegen und grüßt freundlich: “Bonjours, gleich bist du oben.” — endlich vernünftige Wanderer, denn sie behandeln mich Läufer nicht wie einen Außerirdischen.

Abstieg

Das Panorama vom Gipfel genieße ich in absoluter Stille allein, nur der Wind säuselt mir leicht um die Ohren. Wie mit Puderzucker bestäubt, versinken die Nachbargipfel im Abendlicht. Im Tal hingegen herrscht trockenes, wüstenähnliches Klima. Nach wenigen Minuten trete ich den Abstieg an, denn der eisige Trail erfordert höchste Konzentration. Als die Dunkelheit hereinbricht, liegen die technischen Abschnitte hinter mir. Trotzdem verliere ich auf einem weiten Granitplateau den Trail und befinde mich wenig später im weglosen Gelände und versinke im hüfttiefen Schnee. Es herrscht tiefste Dunkelheit — shit, denke ich. Denn selbst meine extrem leistungsstarke Stirnlampe erlaubt keine Fernsicht, um mir einen Überblick vom Gelände zu verschaffen. Mein Versuch, den Rückweg zu finden, scheitert. Oberhalb einer Felswand erblicke ich jedoch den Schein zweier Lampen. Zwar kann ich die Wand nicht einsehen, höre aber die Stimmen der Wanderer ganz deutlich. Mit ausreichend Adrenalin im Blut klettere ich die Wand hinauf und befinde ich wenig später wieder auf dem Trail. Gerade nochmal gut gegangen, geht es mir durch den Kopf, während ich im Mantel der Nacht ins Tal rase.

We Toss'Em They're Awesome!

John Wayne und Pizza

Wenn die Filmstars aus Hollywood in Lone Pine übernachten, sind sie im Dow Hotel zu finden. In Zimmer Nummer zwanzig hat John Wayne übernachtet, als er hier seinen letzten Film gedreht hat. Es ist der krönende Abschluss eines Wildwesttages und ein angemessener Ort um die von Steinen und Eiskrusten malträtierten Beine zu versorgen. Gegen 19 Uhr werde ich von einer der Ledercouches in der Lobby verschluckt und genieße den Charme dieses historischen Ortes, während unsere Wäsche gegenüber im Waschsalon rotiert. Die Pizzeria auf der anderen Straßenseite scheint ebenfalls legendär: “We Toss’Em They’re Awesome!” Immerhin servieren sie nach 21 Uhr noch vernünftige Pizza.

Trans-Atlas Marathon – im Land der Berber

In zwei Reihen stehen die 25 Teilnehmer der Erstaustragung des Trans-Atlas Marathon (TAM) hinter der Startlinie. “Die erste Reihe könne genauso gut bei den Olympischen Spielen am Start stehen”, flüstert mir der neuseeländische Unternehmensberater Mike in mein rechtes Ohr, ein netter Kerl mit völlig überpacktem Trekkingrucksack. Links neben mir steht Basti Haag: Speedbergsteiger, Extremskifahrer und Produktentwickler von UvU. Im Hintergrund krächzt derweil die Vangelis-Hymne aus völlig übersteuerten Lautsprechern. Vor mir zappeln 15 drahtige marokkanische Laufmaschinen, alles Freunde der Brüder Mohamad Ahansal und Lahcen Ahansal. Mohamad und Lahcen haben den Marathon des Sables — das ist DER prestigeträchtigste Wüstenlauf der Erde — zusammen vierzehnmal gewonnen. Ihre Freunde hüpfen völlig aufgedreht vor mir im Staub der Startlinie und genießen das Blitzlichtgewitter und die Atmosphäre vor dem Start. Einige von ihnen erhalten hier erstmalig die Möglichkeit, ihr Können vor einem internationalen Publikum zu präsentieren. Große internationale Laufmagazine sind vertreten und der zweite öffentliche marokkanische Fernsehsender 2M TV überträgt täglich im Sportteil der Abendnachrichten vom Lauf.

Zaouiat Ahansal
Zaouiat Ahansal

Was erwarte ich von einem Lauf, den ein Weltklasse-Trailläufer organisiert? Das Kursbuch kündigt 275 Kilometer und 15 000 Höhenmeter an, das sind in etwa die Anforderungen vom Gore-Tex Transalpine Run (TAR); uns bleiben dafür sechs Tage Zeit, statt der acht Etappen beim TAR. Ruhetag gibt es keinen! Von Mohamad erwarte ich anspruchsvolle, aber laufbare Trails im Hohen Atlas. In meinem Rucksack möchte ich keine Expeditionsausrüstung tragen, dennoch soll die Pflichtausrüstung ausreichend Schutz vor dem extremen Klima bieten. Daher werden wir jeden Morgen unsere Reisetasche abgeben, um sie am Abend im nächsten Lager wieder in Empfang zu nehmen. Übernachtungen bei Einheimischen gehören für mich zu diesem Lauf wie die lokale Küche, denn erst dadurch bekomme ich einen Einblick in die Kultur und den Alltag der Berber. Magenverstimmungen werden dabei bewusst in Kauf genommen. Verpflegungspunkte? Die Micropur-Tabletten in der Pflichtausrüstung deuten an, dass es davon nicht viele geben wird. Was diese Premiere bringt, können die 25 Teilnehmer nur erahnen.

TAM 53

Kurz nach dem Start blicke ich mich um und stutze irritiert. Eine Traube von zehn Berber-Läufern umgibt mich. Diese Jungs laufen sich lockeren Schrittes warm und schießen obendrein Fotos mir ihrer kleinen Digitalkamera. Als wir an einer Brücke rechts auf einen halsbrecherischen Trail abbiegen und von der Ehrenrunde durch das Dorf Zaouiat Ahansal erneut in Richtung Startlinie laufen, erhalte ich einen Vorgeschmack ihres atemberaubenden und technisch perfekten Lauftstils: Wie ein Vogelschwarm erhöhen sie schlagartig ihr Tempo und fliegen wild und frei in Richtung der klickenden Kameras und wartenden Würdenträger. In dem Augenblick als ich die Startlinie erneut passiere, bemerke ich Lahcen am Streckenrand und blicke für einen Moment in ein väterlich mahnendes Lächeln, das er seinen Jungs entgegenwirft — bloß nicht zu schnell anfangen, die Woche wird noch sehr lang.

Tizi N’Tichka

Prolog — 54 Kilometer

Die erste Tagesetappe schlägt bereits mit 54 Kilometern und mit 2400 Höhenmetern zu Buche, dennoch laufen die jungen Berber durch das ausgewaschene Flussbett der ersten 1000 Höhenmeter-Rampe mit einer Leichtigkeit, die mich an die Schilderungen in McDougalls “Born to Run” erinnert. Die Landschaft ähnelt der in den Star-Wars-Filmen — karge, braune Gebirgslandschaften erstrecken sich vor mir, dazwischen schimmern vereinzelt grüne Oasen. Ab und zu begegnet mir Obi-Wan Kenobi in braunem Gewand mit Kapuze, eine Ziege oder ein Schaf auf der Schulter tragend. Der Trail ist so wild wie seine Heimat. Den Großteil der Etappe laufen wir auf über 2000 Metern Höhe, was ich deutlich am Schnaufen meiner marokkanischen Begleiter vernehme. Nach den Erfahrungen beim UTAT (siehe Blogeintrag UTAT) bin ich dieses Jahr ausreichend akklimatisiert und kann besonders bergauf und während der technischen Abschnitte punkten. Die flachen Abschnitte gehören den Tarahumara. Die Versorgung während des Laufes ist minimal. An zwei bis drei Punkten wartet ein Geländewagen, und jeder Läufer erhält eine Flasche Wasser. Den Rest musst du im Rucksack haben!

Ausfall

Etappe Zwei fällt aus! Über Nacht hat es geregnet, Straßen weggespült und auf den Hochebenen geschneit. Infolgedessen erwartet uns eine siebenstündige Busfahrt auf schmalen Pisten, machmal näher am Abgrund als uns lieb ist. Als unser Konvoi die nächste Unterkunft erreicht, empfängt uns das Dorf mit einem Volksfest der besonderen Art: Am gefühlten Ende der Welt tanzt ein Dorf in traditionellem Gewand für uns und singt im Chor. Ich reihe mich in eine riesige Polonaise und wir tanzen durch die Nacht. Mohamad bemüht sich ausdrücklich um die Nähe zu den Einheimischen. So ist es uns Läufern gestattet, ja sogar gewünscht, Speisen und Getränke vor Ort zu kaufen, sowohl während des Rennens als auch danach.

Dritte Etappe — 42 Kilometer

Nach dem gemeinsamen Abendessen findet die Wettkampfbesprechung für die dritte Etappe statt und Mohamad bemerkt freundlich: “The time limit is 14 hours and if you can’t do it in 14 hours, we will wait for you at the finish line.” Eventuell gibt es nur einen Versorgungspunkt auf der heutigen Marathondistanz, da die Zugangsstraßen abermals weggespült wurden. Am nächsten Morgen sind die Beine der Berber-Jungs wieder frisch und wir schießen im gewohnten Eiltempo gen Sonnenaufgang durch das prächtigste Dorf des Hohen Atlas. Der Kerl vor mir ist hochmotiviert, so kürzen wir alle Serpentinen ab und hecheln bei maximalem Anstieg mit maximaler Herzfrequenz gen Himmel. Oben angekommen, bemerken wir schließlich, dass unsere Verfolger inzwischen abgebogen sind, da wir eine der Markierungen übersehen haben. Nach der dritten Irrfahrt übernehme ich fluchend die Führung und folge stur den Markierungen. Wenig später überholt uns Omar, ein heimischer Bergführer, der heute erstmals als Gast mitläuft. Dran bleiben, denke ich! Der kennt sich aus. Omar trabt seelenruhig vor mir her, schaltet allerdings in unregelmäßigen Abständen in den Sprintmodus, was mich an den Rand der Verzweiflung bringt. Seine Taktik funktioniert besser als erwartet, denn nach zwanzig Kilometern bricht er selbst ein und ich betrete die Südseite des Hohen Atlas in völliger Einsamkeit. In diesem Augenblick breitet sich vor mir der graue Dunst der unendlichen Sahara aus und ein warmer, trockener Wüstenwind weht mir auf 2800 Metern ins Gesicht. Den Sand in der Luft kann ich förmlich schmecken.

TAM 19

Die nächsten Stunden verbringe ich allein, nur Schafe, Ziegen und einzelne Hunde kreuzen meinen Weg. Erst wenige Kilometer vor dem Ziel erreiche ich eine grüne Oase und treffe auf Gesellschaft. Ein kleiner Junge hat mich erspäht und läuft zu mir heran. Er ist nicht älter als fünf Jahre. Wir begrüßen uns mit Handschlag und toben anschließend wie Geschwister über die felsigen Trails am Rande des grünen Idylls. “Wuaaaa” rufe ich jedes Mal ängstlich, wenn er neben mir von einem dieser schulterhohen Felsblöcken springt, da landet er bereits federleicht im Staub und lacht. Ich dagegen fühle mich wie ein träges Rhinozeros. Auf unglaublichen vier Kilometern albern wir herum und lassen die Fetzen fliegen, so dass der Zieleinlauf danach zur Formsache wird. Das breite Grinsen verharrt an diesem Abend noch lange in meinem Gesicht.

Die klaren Nächte im Hohen Atlas

Tighza-Wawrikt
Tighza-Wawrikt

Vierte Etappe — 40 Kilometer

Die ersten zwanzig Kilometer dieser Etappe verlaufen relativ flach, und ich bin bemüht, die führenden Marokkaner nicht aus den Augen zu verlieren. Beim ersten Verpflegungspunkt habe ich den Zweitplatzierten hinter mir gelassen und zum Führenden, zu Ali, aufgeschlossen. Wir nippen genüsslich süßen Minztee aus kleinen Gläsern, bevor wir gemeinsam in den längsten Anstieg des Tages traben. Ab diesem Punkt zolle ich dem hohen Anfangstempo Tribut und verbringe daraufhin den Rest der Etappe allein.

Hammam

Royal Stage — 66 Kilometer, 4500 Höhenmeter

Die Königsetappe macht ihrem Namen alle Ehre. Völlig ohne Markierungen verlassen wir uns am frühen Morgen erneut auf die Orientierung eines einheimischen Läufers. Erfreulicherweise haben wir wieder einen Berber-Läufer im Feld, der sich in dieser Region auskennt. Auch Basti Haag ist als zweiter deutscher Teilnehmer ganz vorn mit dabei. Etwas später erreiche ich mit Ali ein gigantisches Hochplateau, auf dessen Boden Werkzeuge ausgegraben wurden, die bis ins vierte Jahrtausend vor Christus zurückreichen. Die Stimmung ist gut und wir tauschen Datteln gegen geröstete Cashew-Nüsse vom Aldi. Wer jemals von Nomadenhunden angegriffen wurde, der weiß, solange die Köter bellen, ist alles in Ordnung. Falls ihr allerdings eine rotierende Staubwolke auf euch zu rasen seht, die sich in den Kurven beinahe überschlägt, dann ist Gefahr im Verzug. Völlig synchron schnappen sich Ali und ich Steine vom Boden und drehen uns um. Drei zerzauste Nomadenhunde rasen wie besessen auf uns zu. Ich werfe sofort und einer der Hunde jagt augenblicklich meinem Stein hinterher, die anderen Beiden gehen auf uns los. Im überschlagenen Rückzug werfen, laufen und werfen wir, bis die Hunde schließlich von uns ablassen — unseren Verfolgern viel Glück! Nach etwa vierzig Kilometern treffen wir auf eine Teerstraße und verpflegen uns kurz mit Wasser. Ab jetzt wirds lustig! Die Jungs von 2M TV filmen uns aus dem Geländewagen, die Einheimischen am Straßenrand klatschen und Ali dreht so richtig auf. An meiner Ehre gepackt, muss ich natürlich mithalten und klebe in brütender Hitze auf kochendem Asphalt wie eine Klette an Alis Ferse mit stetem Blick in die Kamera. Auf geschätzten fünf Kilometern brüllt mein Hirn: Langsamer du Idiot, da kommt noch mehr! Die folgenden Kilometer bezahle ich teuer. Die Sonne brennt auf mich herab, während Lahcen und Mohamad uns aus Geländewagen mit Wasserflaschen versorgen. Ich bilde mir ein, dass es jedes Mal zischt, wenn ich mir das Wasser geradewegs über den dampfenden Körper gieße. Das Gefühl, von einem der besten Läufer der Welt eine Flasche Wasser in die Hand gedrückt zu bekommen, ist unbeschreiblich. Der letzte 3200 Meter hohe Pass wird zur Qual. Ali gewinnt verdient mit zwei Minuten Vorsprung und ich bin mächtig stolz — was für ein Lauf!

Oukaïmeden
Oukaïmeden

Finale — 17 Kilometer

Die letze Etappe startet in Oukaïmeden auf über 2600 Metern. Dieses marokkanische Skigebiet kenne ich bereits vom vergangenen Jahr und kann mich noch gut an das beste Restaurant erinnern: Hotel Chez Juju! Am Morgen vor dem Lauf sitze ich mit Mike und Basti vor dampfendem Cappuccino in kolonialem französischen Ambiente. Für Basti geht es heute um das Podium … vermuten wir jedenfalls. Die Gesamtplatzierung ist nicht ganz offensichtlich, aber eins ist klar: Basti muss heute kämpfen! Die Berber-Jungs wissen das leider auch und so poltern beim ersten höllischen Downhill zunächst Basti und anschließend drei Marokkaner donnernd an mir vorbei, als ich genüsslich die Serpentinen auslaufe. Mohamad hat sich die besonders technischen Passagen für die letzten Kilometer aufgehoben und ich bin froh, alle verbliebenen Teilnehmer heil und glücklich in Imlil einlaufen zu sehen. Hier endet das Rennen und eine lange Reise geht damit zu Ende.

What a great journey we had together!

Vom Pleisensigi

Sigi Gaugg © Judy Ng


Wenn du als Läufer in die Pleisenhütte im Karwendel kommst, fühlt sich das zunächst an wie in einer gewöhnlichen Berghütte: Du öffnest die schwere Holztür zum Gastraum, trittst in die warme Stube ein und plötzlich verstummt das Hintergrundmurmeln der Gäste, die hinter ihren Biergläsern hocken; fragende Blicke durchbohren dich und sie tuscheln leise: “Schau mal, wie der angezogen ist. Bei der Kälte da draußen trägt der kurze Hosen. Und die Schuhe erst!” So ergeht es mir sehr oft, wenn ich durch die Berge laufe. Als das Profil meiner Trailschuhe die Holzdielen des Gastraumes der Pleisenhütte berühren, steht sofort der Hüttenwirt Sigi mit einem Lächeln vor mir und begrüßt mich und meine Begleitung mit den Worten: “Servus Burschen, ihr seht aber sportlich aus. Wie lange habt ihr für den Aufstieg zur Hütte gebraucht?”

Pleisenhütte © Thomas Bohne

Sigi Gaugg ist seit 1992 Hüttenwirt auf der Pleisenhütte und läuft selbst gern auf den heimischen Trails durch das Karwendel. Dieses Jahr hatte er sich zum Salomon Zugspitz Ultratrail angemeldet. “Ich wollte mich mal richtig auspowern”, sagt er. “Außerdem ist es ganz praktisch, wenn du die Verpflegung auf einer so langen Strecke nicht mitnehmen musst, du bist dann viel leichter”. Als Hüttenwirt bleibt ihm für sein Training allerdings nicht viel Zeit, denn besonders an schönen Tagen besuchen viele Wanderer und Mountainbiker die Pleisenhütte im Karwendel. Den Großteil der Trainingszeit verbringt er deshalb auf Tourenskiern im Winter. Im Sommer kann er die Hütte mit seinem Geländewagen beliefern, doch im Winter muss er alle Nahrungsmittel aus eigener Kraft auf die 1757m hoch gelegene Hütte befördern. Dazu schnappt er sich mehrmals pro Woche eine großen Rucksack, schnallt seine Skier unter die Stiefel und geht bei Wind und Wetter hinauf zur Hütte.

Pleisenhütte 3

Eine unglaubliche Anstrengung hatte bereits sein Vater Toni Gaugg auf sich genommen als er die Hütte errichtete. Während seiner fünfjährigen Kriegsgefangenschaft in Russland schwor er sich, eine Hütte auf seinem Lieblingsberg – dem Pleisen – zu bauen, sollte er den Zweiten Weltkrieg und die Gefangenschaft überleben. Im Jahre 1953 erhielt er die Genehmigung zum Bau, jedoch glaubte niemand ernsthaft daran, dass er diesen Bau fertigstellen könnte. Damals gab es noch keine Forststraße, somit er trug alle Baumaterialien, die er nicht auf dem Berg fand, aus eigener Kraft hinauf zum Bauplatz der Hütte. Noch im selben Jahr verwirklichte er sich seinen Traum. Heute bewirtschaftet sein Sohn Sigi die Hütte und führt diese ganz im Stile seines Vaters.

Toni-Gaugg-Weg © Thomas Bohne

Für die 6.5 Kilometer lange Strecke vom Parkplatz in Scharnitz bis zur Pleisenhütte benötigt ein Trail Runner eine reichliche Stunde. Der Aufstieg ist also auch noch nach dem Feierabend möglich. Die Hütte bietet 39 Lagerplätze, gute lokale Küche und urige Stimmung bei Kerzenschein. Besonders zu empfehlen ist der Haselnussschnaps. Von der Hütte kann man die Pleisenspitze auf 2569m über einen leichten Wanderweg erreichen. Besonders erfahrene und alpin versierte Trail Runner können über den Toni-Gaugg-Weg zum Karwendelhaus steigen und dann über die Forststraße zurück zum Parkplatz in Scharnitz laufen. Diese Tour wurde bereits vor 25 Jahren von einheimischen Läufern zurückgelegt und zeigt, dass technisch anspruchsvolles Trail Running keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist.


© OpenStreetMap contributors

Zu Gast im Land von Dschingis Khan

Gobi March



Sie sagen, man riecht sie von weitem, sogar bevor der Donner ihrer Hufe zu hören ist. Dann ist es sowieso zu spät. Binnen Sekunden kamen die ersten, mörderischen Schwälle von Pfeilen, verdunkelten die Sonne und kehrten den Tag zur Nacht. Dann waren sie unter ihnen — schlachtend, vergewaltigend, plündernd und brandschatzend. Wie geschmolzene Lava zerstörten sie alles auf ihrem Weg. Sie hinterließen einen Pfad rauchender Städte und weißer Knochen, der bis in ihre Heimat nach Zentralasien führte. “Die Soldaten des Antichristen sind gekommen, um die letzte schreckliche Ernte einzufahren”, so bezeichnete ein Gelehrter aus dem 13. Jahrhunderts die mongolischen Horden.

— Peter Hopkirk, Foreign Devils on the Silk Road

Nomad @ Sayram Lake
Nomad @ Sayram Lake

Im 13. Jahrhundert trieb Dschingis Khan seine Horden in Richtung Süden durch die Wüste Gobi und eroberte große Teile Chinas. Nach seinem Tod zerfiel sein Großreich und der Islam hielt Einzug im Westen Chinas, der heutigen Provinz Xinjiang. Noch heute leben in dem Bezirk Bortala mongolische Nomaden, denn sie haben gelernt, dem rauen Klima und den beißenden Winden dieser Region zu widerstehen.

RacingThePlanet hat sich für die zehnte Austragung des Gobi Marches für einen besonderen Ort entschieden: die ehemaligen Schlachtfelder von Dschingis Khan. Der autonome Bezirk Bortala befindet sich im äußersten Nordwesten der chinesischen Provinz Xinjiang und ist umschlossen von Tien-Shan, ein Hochgebirge, das bis auf 7439 Meter reicht.

Bereits die Anreise aus Deutschland ist ein Abenteuer: München (1.4 Mio Einwohner) – Peking (20 Mio) – Urumqi (3.2 Mio) – Bole (0.25 Mio). Auf dem Flug von Urumqi nach Bole sitze ich mit dem Briten Ross in einer kleinen Maschine voller Chinesen; wir sind die einzigen Ausländer und schmunzeln leicht, als ein Chinese schwankend im Gang steht und lebhaft mit einem anderen Passagier diskutiert, als das Flugzeug abhebt. Ein junger Flugbegleiter sitzt mit schüchternem Blick auf seinem Klappsitz und gestikuliert wild mit den Armen umher, traut sich aber nicht den Ton zu ergreifen und den Passagier auf seinen Sitzplatz zu verweisen. Irgendwo hinter uns raucht ein Passagier Zigaretten – egal, denke ich und blicke aus dem winzigen Bullauge in die weite Landschaft am Rande Chinas. Letzte Sonnenstrahlen durchbrechen die grauen Wolken und in feinen Schleiern fällt Regen zu Boden.

Bole (Bortala) Stadt gleicht einer typischen chinesischen Retortenstadt aus einem Meer von Plattenbauten; sie beheimatet mehr als die Hälfte der Einwohner des Bezirks Bortala. In den Straßen registriere ich chinesische Zeichen ebenso wie arabische Schriftzüge, viel augenscheinlicher wird der islamische Einfluss jedoch auf dem lokalen Nachtmarkt. Unter freiem Himmel brutzeln die Lamm- und Rindfleischspieße über der glimmenden Holzkohle und verbreiten dabei einen Duft, der einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Während die Rauchschwaden über unseren Tisch ziehen, füllt sich dieser wie von selbst mit lokalen Spezialitäten: gegrillte Pilzspieße, geröstete Bohnen mit Chili, ein Berg Nudeln mit gekochtem Hühnchenfleisch, Erdnüsse, Shish Kebabs und gegrillter Fisch. Die Uyguren am Nachbartisch sind von unserer Anwesenheit überrascht; wahrscheinlich haben sie nie zuvor Europäer gesehen, denn nach Bole verirren sich nur sehr wenige europäische Touristen.

Erneut bin ich mit dem Team von RacingThePlanet in eine der entlegensten Regionen unseres Planeten gereist, um für 150 Läufer aus 29 Ländern eine 250 Kilometer lange Strecke vorzubereiten. Diese Strecke werden die Läufer in sechs Etappen und sieben Tagen zurücklegen und dabei unvergessliche Eindrücke sammeln.

Die erste Etappe führt die Athleten durch das Koytas-Tal, ein riesiges Gebiet geheimnisvoller Steinformationen nordöstlich von Bole. Noch vor Sonnenaufgang mache ich mich auf den Weg und laufe die erste Etappe. Im Schein meiner Stirnlampe taste ich mich durch die Dämmerung und kontrolliere dabei die Streckenmarkierungen. Die ersten Kilometer führen mich durch trockene, steinige Flussbetten. Zu beiden Seiten türmen sich braune Felsen, die im ersten Sonnenlicht rötlich schimmern. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Schafe auf einmal gesehen wie in dieser Region. Des Öfteren klettert eine ganze Schafherde durch die steilen Felsformationen und plärrt anschließend lauthals zu mir herab. Kurz vor einer Nomadenhütte empfangen mich drei zerzauste Hunde, Zähne fletschend und knurrend. Taktisch klug umzingeln sie mich von mehreren Seiten und rücken auf, je mehr ich mich der Hütte nähere. Meine Schritte verlangsamen sich. An Rückzug ist nicht zu denken, denn hinter mir kommen schließlich bald die Läufer. Laut rufe ich in Richtung des Hauses und hoffe, dass meine Schreie bis in die Hütte vordringen. Als sich die knarrende Holztür öffnet, atme ich auf. Eine junge Frau tritt heraus und pfeift die Hunde energisch zurück. Kurz darauf sitze ich mit der Nomadenfamilie am warmen Ofen, beobachte wie die Frau den Teig für das Frühstück knetet und neben mir dösen friedlich die Hunde.

Im Gegensatz zu vorherigen Austragungen ist der diesjährige Gobi March kein Wüstenlauf, vielmehr führt die Strecke über grüne Wiesen und durch blühende Gebirgslandschaften. Der Schweizer Athlet Roberto fühlt sich prompt an seine Heimat erinnert, nur die Kamele wirken etwas befremdlich.

Die fünfte Etappe ist bei den 4Deserts-Läufen bekannt unter der Bezeichnung: “The Long March”. Diese über 70 Kilometer lange Etappe ist für viele Teilnehmer mehr als eine eintägige Herausforderung. Bereits bei der Streckenmarkierung heult der Wind bedrohlich in meinen Ohren. Es sind weit und breit keine Gebäude, Tiere oder Menschen Spuren erkennbar. Ich bin tief im Tien-Shan Gebirge angekommen. Einige der Läufer werden diesen Abschnitt bei Nacht bewältigen müssen, denke ich. Auf etwa 2700 Metern begegnet mir ein dunkler Reiter, er ist Mongole. Als er näher kommt, begrüßen wir uns freundlich, betrachten uns neugierig und ziehen dann unseres Weges – ich stecke weiter kleine pinkfarbene Fähnchen, er reitet davon. Wie überleben diese Menschen in dieser rauen Umgebung?

Als Trail-Läufer erlebt man viele wunderbare Momente, jedoch gibt es diese ganz besonderen Augenblicke im Leben, die sich ewig in das Gedächtnis brennen. Als ich mich schniefend über den zweiten hohen Pass schiebe, erblicke ich einen gigantischen azurblauen See, zu dessen Ufern sich farbenfroh blühende Blumenwiesen ausbreiten. Eingerahmt von schneebedeckten Bergen liegt er ruhig und schweigsam vor mir. Die Wucht und Kraft dieses Anblicks muss wohl auch Dschingis Khan beeindruckt haben, denn sein Denkmal steht noch heute am Ufer. Der Sayram See liegt auf 2073 Metern und wird als “Perle der Seidenstraße” bezeichnet. Sayram bedeutet in kasachischer Sprache “Segen”.

Am darauffolgenden Tag ist der See alles andere als ein Segen für die Läufer. Wir sitzen in unseren Geländewagen als der Regen bedrohlich laut gegen die Karossen peitscht. Die Fenster sind geschlossen, was die Fahrer nicht davon abhält im Fahrzeug zu rauchen. Draußen spielen sich apokalyptische Szenen ab. Durchziehende schwarze Wolken bringen Regen und Hagel im Minutentakt. Unsere Zelte halten den eisigen Böen nicht stand und klappen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Nur die ersten neun Läufer erreichen das Ziel am Ufer des Sayram Sees und werden von den Helfern mit Decken und heißem Wasser empfangen. Der Rest des Feldes wird angehalten, in Busse und Fahrzeuge verladen und zu einer nahegelegenen Jurtensiedlung befördert. Die roten Teppiche in den Jurten sind klamm, meine Bekleidung ist nass. In der darauffolgenden Nacht fallen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt und Eiskristalle glitzern im Lichtkegel meiner Stirnlampe.

Sayram Lake

Am siebten Tag präsentiert sich die azurblaue Perle erneut in ihrer ganzen Pracht. Das Spiegelbild der schneebedeckten Berge liegt ruhig im Wasser. Auch nach über 200 Kilometern in den Beinen bewegen sich die Teilnehmer des zehnten Gobi Marches mit einem Grinsen durch die gelben und blauen Blüten der Seeufer als seien es ihre ersten Schritte – das Panorama und die Stimmung sind gigantisch.

Projekt: Rim to Rim to Rim

The Grand Canyon

Gäbe es das Buch “1000 Places To See Before You Die” in einer Sonderausgabe für Trail Runner, wäre der folgende Eintrag ganz gewiss darin aufgeführt: Rim to Rim to Rim (R2R2R). Die Strecke führt vom Südrand des Grand Canyon hinunter zum Colorado River, durch den Canyon hindurch, hinauf zur Nordkante und wieder zurück – ein achtzig Kilometer langes Abenteuer im Wilden Westen der USA mit über dreitausend Höhenmetern Auf- und Abstieg. Große Namen der Trail-Szene haben hier bereits mehrfach ihre Spuren und Schweißtropfen im Staub hinterlassen: Dakota Jones, Anton Krupicka, Krissy Moehl sind einige davon. Für mich gibt es keine bessere Möglichkeit, diese gewaltige Landschaft in ihrer Schönheit und Vielfalt und mit ihren zahlreichen Bewohnern so zu erleben, wie sie sich uns präsentiert.

The US-Car

Mein Sports-Utility-Vehicle (SUV) summt leise und einsam durch die nordamerikanische Prärie. Schier unendlich erstrecken sich die gelben Grasflächen zu beiden Seiten der Fahrbahn. Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, wie hier einst die Cowboys ihre Kuhherden gen Sonnenuntergang trieben. In einer winzigen Siedlung biege ich auf den Highway 64 West zum Grand Canyon Village ab. Die schmale Straße führt allmählich hinauf auf über 2000 Meter und lässt die Temperaturen stetig fallen. Zu meiner Rechten zeichnen sich im Schein des Vollmondes die grauen Silhouetten der gewaltigen Schlucht ab, jedoch wird plötzlich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Straße gelenkt und muss schlagartig bremsen: Ein riesiger Wapiti steht im Scheinwerferlicht und starrt mich an. Diese Tiere sehen unserem europäischen Rothirsch ähnlich, sind allerdings noch größer. Ich hupe ihn freundlich an, da trottet er gelassen zurück ins Gebüsch.

Wechsel Pathfinder ZG
Wechsel Pathfinder ZG

Gegen 20:30 Uhr parke ich vor dem Pförtnerhäuschen am Eingang des Mather Campground beim Grand Canyon Village – es ist dunkel und kalt hier oben. An der Seite des Häuschens hängt eine Liste mit Namen, darunter zu finden: Thomas Bohne, Zelt, Platz 168. Passt ja, denke ich und lasse meinen Blick auf die fetten Buchstaben unterhalb der Liste schweifen: “If you arrive late at night, you must register here the next morning or your space will be given away. Opening hours: 08:00 o’clock …”. Mehr muss ich nicht lesen, um zu verstehen, dass diese Information erhebliches Konfliktpotenzial zu meinem Plänen birgt. Bereits früh morgens wollte ich aufbrechen, um der brütenden Tageshitze im Canyon zu entgehen. Daraus wird jetzt nichts, denn ich will meinen Zeltplatz nicht verlieren.

bus stop @ mather campground
bus stop @ mather campground

Kurz nach acht Uhr habe ich erfolgreich am Zeltplatz eingecheckt und warte an der Bushaltestelle vor dem Campingplatz auf das Shuttle zum South Kaibab Trailhead. Der South Kaibab Trail ist die steilere und kürzere Variante hinunter zum Colorado River als der Bright Angel Trail. Mit am Busstop steht ein deutsches Wandererpärchen. Beide sportlich, mit großem Rucksack ausgestattet und bei bester Laune, scheinen sie doch überrascht, einen deutschen Läufer hier anzutreffen und noch dazu, als ich ihnen meine Tagesetappe erläutere. Dass mir die wilden Tiere mehr Sorgen bereiten als die achtzig Kilometer Streckenlänge, stößt endgültig auf Unverständnis. Neben den gängigen Klapperschlangen und Skorpionen siedeln hier Pumas, Kojoten und Luchse – das sind diese etwas größeren Katzen mit unglaublich schönen Augen und kurzem Schwanz. Im Gegensatz zu Hauskatzen verdrücken diese auch größere Beute. Wilden Tieren begegne ich grundsätzlich mit großem Respekt, besonders den Tieren, die in extremen klimatischen Bedingungen überleben müssen.

Grand Canyon South Rim
Grand Canyon @ South Rim

Um 08:30 Uhr stehe ich am Trailhead und blicke erstmals über Südrand des Canyons – whoa! Nicht auszumalen, wo auf der anderen Seite der Trail wieder hinaufführen soll. Die Nordseite gleicht einer mächtigen, senkrechten Steilwand. Die Sonne steht bereits hoch und brennt kräftig auf den roten Fels – ich bin spät dran. Als ich freudig in die Tiefe trabe, hecheln mir die ersten Wanderer schwer bepackt entgegen. Der Trail ist technisch einfach, staubig und riecht ab und zu nach Muli. Lediglich die treppenartigen Absätze und Wasserableitungen bringen mich konstant aus dem Rhythmus. Auf dem South Kaibab Trail werden fantastische 360° Panoramen und Fossilien geboten — eine Fotopause folgt der nächsten! Unterwegs passiert mich eine Maultierkolonne mit richtigen Cowboys, die Proviant für die Ranches im Canyon befördert. Der starke Akzent und der nicht minder strenge Geruch dieser Jungs ist deren bestimmendes Merkmal. Echter Wilder Westen! Im Abstieg nippe ich vorsichtig am Schlauch meiner Trinkblase. Bähhhh! Das Wasser schmeckt richtig übel, dabei habe ich die Blase erst vor wenigen Minuten gefüllt. Nach etwa einer Stunde bergab erreiche ich den grün schimmernden Colorado River — die Lebensader des Südwestens der USA — und kurz darauf die Phantom Ranch, eine idyllische Siedlung aus Hütten und Zelten für Touristen. Das deutsche Pärchen wird hier übernachten, bevor sie — wie die meisten Wanderer — am darauffolgenden Tag über den Bright Angel Trail oder den South Kaibab Trail wieder zum Grand Canyon Village aufsteigen. Vor dem Ab- und Aufstieg am gleichen Tag warnen zahlreiche, anschauliche Hinweistafeln. Nicht auszudenken, wie eine Warnung vor dem R2R2R aussehen würde. Der Trail schlängelt sich entlang eines Baches durch eine enge Schlucht mit hohen, senkrechten Wänden. Die Felswände bieten ausreichend Schatten für sattes Grün und ein angenehm feuchtwarmes Klima.

Arizona 29

Nach wenigen Kilometern schließe ich zu einem Läufer auf – er heißt Jeff und kommt aus Minnesota. Jeff ist mit seinem Vater und seinem Onkel bereits seit drei Tagen in der Phantom Ranch zu Gast und seine Begleiter haben heute Ruhetag. Deshalb trabt Jeff allein in Richtung Tagesziel: die rauschenden Wasserfälle in einigen Kilometern Entfernung. Als sich unsere Wege trennen, ist der Canyon breiter geworden und Kakteen, Sträucher und Dornbüsche bestimmen nun die Vegetation. Flink flitzen kleine und größere Echsen durch meine Füße und ich denke: Wo das Futter ist, ist auch der Jäger nicht weit! Nach ca. 25 Kilometern erreiche ich das Cottonwood Camp, fülle frisches Wasser in die Trinkblase und stülpe mir das klatschnasse Buff über den Kopf, denn es ist heiß geworden. Mein Magen rumort. Im Dickicht baut ein alter Greis sein Zelt auf, ganz still und allein. Als ich ihn bemerke, rufe ich ihm zu, ob alles okay ist. “Die Fliegen werden schlimmer”, erwidert er. Wenige Minuten später lasse ich das Rangerhaus rechts liegen und trabe den Anstieg zum North Rim hinauf. Spektakulär ist der Pfad in den roten Fels gefräst; den Abgrund immer vor Augen passiere ich Millionen, ja sogar Milliarden Jahre alte Gesteinsschichten und bin fasziniert von den einzigartigen Formen und Farben. Auf der anderen Seite tosen Wasserfälle — die Ribbon Falls — die Wand hinunter und dann plötzlich: Bäääämmm! Das war kein Schuss, eher eine Explosion ganz in meiner Nähe. Der Weg wird steiler, ich fotografiere und spiele mit dem Licht. Mein Magen beruhigt sich nicht, mir fehlt die Energie und ich muss gehen. Oberhalb einer Brücke sitzen zwei Arbeiter, neben ihnen liegt Sprengvorrichtung. Als ich sie freundlich bitte, mich nicht in die Luft zu jagen, grinsen sie. Die sprengen hier tatsächlich den Weg frei, fährt es mir durch den Kopf, als ich durch einen Tunnel über die Trümmerteile steige. Am Tunnelausgang arbeitet eine Schar Männer mit Spitzhacken und Presslufthämmern. Die Wasserstelle am Tunnelausgang ist trocken, meinen sie. Und tatsächlich, es tut sich kein Tropfen. Auch oben am Trailhead ist alles abgestellt, wegen dem Frost, sagen sie. Die Straße öffnet erst am 15. Mai. “Brauchst du Wasser?”, fragt der Arbeiter mit dem längsten Vollbart? “Nein danke, ich habe noch Wasser”, entgegne ich und denke: Wird schließlich auch kühler da oben. Ich laufe weiter und treffe auf weitere Arbeiter und Maultiere. Sie bereiten den Weg für die Hauptsaison vor. Eine Läuferin kommt mir entgegen. Sie ist bereits auf dem Rückweg und trabt locker bergab. Ich hoffe mir geht es bald besser.

North Kaibab Trail
North Kaibab Trail

Nach vierzig Kilometern und fünf Stunden stehe ich an der Nordkante. Im Schatten der Fichten liegt Schnee und eine frische Brise weht durch mein Shirt. Der kleine Kiosk ist geschlossen, nur ein Ranger fährt vorbei. “Hier kommen derzeit nur Läufer und Arbeiter hoch, die Straße ist 45 Meilen unterhalb gesperrt”, sagt er ruhig. “Wie lange hast du gebraucht?” “Fünf Stunden”, erwidere ich. Der Abstieg tut gut, die Muskeln in den Beinen lockern auf und der lose Sand federt jeden Schritt wie ein Kissen. Mein Wasservorrat ist endgültig aufgebraucht aber ich will nicht fragen, drücke dafür einem Arbeiter ein paar meiner Cliff Bars in die Hand. Die bekomme ich eh nicht runter ohne Wasser. Unten am Rangerhaus fülle ich die Trinkblase auf. Beim ersten Schluck muss ich spucken. Das Wasser schmeckt so widerlich, dass ich würgen muss. Eine Mischung aus Chlor, Öl und Eisen liegt mir auf der Zunge. Um die Brühe möglichst schnell an meiner Zunge vorbeifließen zu lassen, ziehe ich in tiefen Zügen. Die Sonne brennt erbarmungslos in den Canyon, alles raschelt um mich herum. Beim Cottonwood Camp treffe ich wieder auf den Alten. Sein Zelt steht jetzt und ich setze mich zu ihm auf eine Bank. Er erzählt mir von seinem Zuhause in Las Vegas und dass er seit vier Jahren in den Canyon zum Zelten kommt. Kurz vor der Phantom Ranch hole ich die Läuferin ein. Sie hat Blasen und muss gehen. Das Wasser? “Schmeckt scheußlich”, meint sie. Sie nimmt den South Kaibab am Ende, will fertig werden. Ich entscheide mich für den fünf Kilometer längeren Bright Angel Trail, denn ich bin neugierig und meine Beine fühlen sich gut an.

Colorado River
Colorado River

An der Phantom Ranch ruft jemand meinen Namen. “Thomas?” Die deutschen Wanderer haben mich erkannt und fragen nach meinen Erlebnissen. “Gefährlichen Tieren bin ich nicht begegnet aber jeder Kilometer ist ein Erlebnis. Einfach wunderschön!”, beschreibe ich die letzten Stunden und verschweige dabei die brodelnde Chlorbrühe in meinem Bauch. Ich eile weiter in Richtung Bright Angel Trail, doch bereits beim ersten Anstieg fehlt mir die Kraft und ich beschließe zu gehen. Im Farbenspiel des Abendlichtes schimmern die Felsen goldbraun, der grüne Colorado rauscht lebendig dazwischen. Plötzlich halte ich inne, stehe wie angewurzelt und bewege mich keine Millimeter. Der Beitrag im Trail Magazin von Philipp Reiter schießt mir in den Kopf: Immer vorausschauend laufen, niemals den Blick nur wenige Meter vor sich richten. Da liegt sie, ganz still, prächtig und anmutig, seelenruhig – eine einmeterlange Klapperschlange wärmt sich lang ausgestreckt auf dem Pfad vor mir. Nach den Begrüßungsfotos will ich weiter, doch die Schlange reagiert nicht auf mein Stampfen, ist scheinbar gemütlich auf dem warmen Sandboden. Vorsichtig mache ich einen Bogen und stapfe weiter bergauf, achte auf jeden Tritt. Mir fehlt die Energie und so werden die letzten Kilometer sehr lang und in der Dunkelheit noch viel länger. Nach ca. 12 Stunden erreiche ich das Grand Canyon Village, sehr müde und kalt aber zufrieden.

Would you have seen it?
Would you have seen it?

Der Morgen nach dem Lauf beginnt für mich mit einem Frühstück im Hotel El Tovar. In klassischem Ambiente tanzen die Kellner wie Bienen um mich herum und sind um mein Wohl bemüht. Sie servieren das denkbar deftigste Frühstück zur vollständigen Wiederherstellung meiner Geschmacksnerven und Energiereserven.

Thank you Jim McLaughlin for this wonderful recommendation!

Taklamakan 100

Erkundung

Nach vier Flügen und 36 Stunden Reisezeit befinde ich mich in Hotan, einer Wüstenstadt im äußersten Südwesten Chinas. Racing The Planet veranstaltet den ersten Lauf der 100 km-Serie in der zweitgrößten Sandwüste der Erde – der Taklamakan. Gegen ein Uhr nachts öffnet mir ein kleiner drahtiger Franzose das Hotelzimmer. Pierre ist Bergführer aus der Eliteschule in Chamonix und organisierte die legendären Raid Gauloises.



Mit unserem Übersetzer Mahmud und dem Fahrer – den wir “K” nennen – bilden wir das Course Team für Racing the Planet. Wir sind eine Woche vor dem Start angereist um eine geeignete Strecke für den Lauf zu erkunden. Wir vermessen einzelne Abschnitte mit GPS, fügen sie geeignet zusammen und markieren sie kurz vor dem Rennen mit roten Fähnchen sowie bei Bedarf mit Leuchtsticks.

Fahl und staubig reihen sich die Bäume entlang der Piste, nur wenige Kilometer sind asphaltiert. Immer wieder überholen wir spektakulär beladene Eselkarren, die dann in einer dichten Wolke im Rückspiegel verschwinden. An einem kleinen See halten wir, und ich bemerke ein Runzeln auf Mahmuds Stirn: Der Wasserspiegel ist innerhalb einer Nacht um zwei Meter gesunken. Diese kleine Oase soll eigentlich als Zielbereich für die Läufer dienen, doch in einer Woche müssen die Läufer wahrscheinlich nach Wasser graben.

Tuslukotak

Nach drei Stunden erreichen wir das Dorf Tuslukotak. Die Bewohner beschnuppern mich im wahrsten Sinne des Wortes und bilden Trauben um jene Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Mahmud kauft Naanbrot mit Walnüssen und viel Wasser. In den folgenden Tagen besuche ich Tuslukotak immer wieder und ein Basketballspiel mit dem halben Dorf bricht auch am Ende der Welt jegliches Eis. Nur die Ziege auf dem Platz ist nicht sonderlich begeistert.

Wir erkunden die Gegend nördlich vom Dorf und folgen einem ausgetrockneten Flussbett. Die Fahrspuren sind längst verweht in dieser trostlosen Landschaft und nur mit Mühe und viel Schwung kommen wir voran. Oft zweigen wir ab und suchen nach geeigneten Passagen für die Läufer. Sanddünen sind tückisch, denn sie sind nur von der windzugewandten Seite befahrbar und fallen auf der anderen steil ab. K ist besorgt, denn immer öfter schaufeln wir die Räder mühsam aus dem heißen Sand und die Dornenbüsche haben tiefe Furchen im Lack hinterlassen. Am Abend vermesse ich einen Abschnitt zu Fuß. Das sind meine ersten Minuten allein in dieser Landschaft. Die Dämmerung setzt ein und die Dünen leuchten rot, ich genieße den lauen Wind.

Lunch Break

Hier leben fast ausschließlich Muslime, die jetzt im Fastenmonat Ramadan erst nach Sonnenuntergang, gemeinsam mit ihren Familien, auf den Holzpritschen vor dem Haus, zu Abend essen. Spät in der Nacht brennt unser kleines Feuer in den Dünen nahe des Dorfes und erhitzt Wasser in einer rußigen Kanne. Wir trinken Tee und essen Nudelsuppe mit Naan. Irgendwann legt sich jeder auf seine Iso-Matte und versucht zu schlafen. Das entfernte Bellen der Hunde und die Schreie der Esel halten mich wach und als sich der Wind legt, summen die Mücken angriffslustig über mein Gesicht. Erst am Morgen schlafe ich ein.

Dinner

Markierung

Zwischen den Dünen formen vertrocknete Baumstämme bizarre Skulpturen, ständig präsenter Sand und hohe Temperaturen ersticken jegliches Leben im Keim. Der Himmel ist grau, jedoch steigen die Temperaturen nachmittags merklich an. Kurze wolkenfreie Abschnitte erinnern mich an das Spiel mit den Ameisen und der Lupe.

1st section

Die ersten 17 Kilometer liegen vor mir und müssen mit Fähnchen markiert werden. Trotz GPS fällt mir die Orientierung schwer, denn Dünen sind als Fixpunkt im Dünenmeer nicht sonderlich hilfreich. Der Sand ist weich und ich sinke tief ein, die kurzen Anstiege kosten Kraft. Nach 2,5 Stunden und 400 Höhenmetern komme ich am geplanten Treffpunkt an und warte auf unser Fahrzeug, das jedoch weit entfernt im Sand feststeckt. Meine Planung war recht optimistisch, denn das Wasser ist bereits aufgebraucht. Zwei Stunden später beginne ich den grünen Tee vom Morgen zu kauen und wäge meine Optionen ab. Bis zum Dorf sind es 30 km Wüste, bis zum Fluss 15 km – beides ziemlich tödlich bei 42 Grad im nicht vorhandenen Schatten. Erst nach insgesamt fünf Stunden höre ich das bekannte Stöhnen des Motors aus der Ferne und bin unendlich erleichtert.


Pierre markiert die Strecke am fast trockenen Black Jade River, während Mahmud und K entfernt stromabwärts unbeschwert baden und ich mir mit der hüfttiefen braunen Brühe die Schicht aus Dreck und Sonnencreme abwasche. Aggressive Mückenschwärme jagen Pierre auf seinem Weg durch das Gestrüpp, bis er im Flussbett kurz inne hält und mit beiden Füßen in den Treibsand sinkt. Mit aller Kraft zieht er an einem Schenkel, während sich das andere Bein hüfttief in den Schlick drückt. Wie eine Eidechse kriecht er auf allen Vieren durch den Schlamm ans rettende Ufer. Als er Stunden später in Schlamm paniert vor uns steht, lachen wir über sein haarsträubendes Erlebnis und planen diesen Abschnitt neu.

Am Abend schlachtet das Dorf ein Schaf und hängt den Kadaver zum Verkauf an die Kreuzung. Mahmud reiht sich in die Schlange der Einheimischen ein und kauft uns Fleisch, Mahmud mag Leber. Nach langer Fahrt durch die Nacht erreichen wir einen geeigneten Schlafplatz und suchen in absoluter Finsternis Feuerholz. Die Stirnlampen leuchten nur wenige Meter, denn der Wind treibt feinen Sand durch die Luft. Etwas später sitzen wir hinter einer Düne und drehen Stöcke mit frischem Lammfleisch über der heißen Glut. Der Sand weht mir kühl ins Gesicht und ich beobachte das spritzende Fett in den Flammen. Gegen drei Uhr schlafen wir erschöpft ein.



Rennen

“Nie wieder Strandurlaub” lautet der Kommentar eines Läufers nach dem Taklamakan Ultramarathon. Am Rande einer endlos erscheinenden Straße, etwa 120 km nördlich von Hotan, hält der Reisebus mit den 40 Athleten. Hagere Läufer mit rasierten Beinen stehen neben tätowierten Bullen mit Dreitagebart, allesamt vermummt und bepackt für die gemeinsame Herausforderung. Pfeifend bläst der Wind den Sand über die Dünen, als sie um 18:00 Uhr über ein grenzenlos erscheinendes Dünenmeer blicken.



Eric LaHaile läuft allen davon. Für Eric beginnt hier die schönste Etappe des Laufes, denn bereits zwei Stunden später verschwindet das Sonnenlicht am Horizont und die Temperaturen fallen auf frische 21 Grad. Mond und Stirnlampe leuchten nun die nächsten Meter des Kurses aus. Lediglich die dumpfen Schritte im Sand und das Knarzen des Rucksacks sind hörbar – es herrscht eine schier unwirkliche Stille in dieser gigantischen Landschaft. Tausende Leuchtsticks weisen den Pfad durch die Nacht, lediglich im Dorf verschwinden die Leuchtsticks wie von Geisterhand. Während ich nachts im Dorf neue Leuchtsticks verteile, kontrolliert Pierre die Markierungen zum nächsten Checkpoint, denn ein Sturm zieht auf und vier Koreaner befinden sich noch auf diesem Abschnitt. Als er am nächsten Checkpoint eintrifft, ist eine gewisse Nervosität zu spüren, denn von den Koreanern fehlt jede Spur. Wie sich später herausstellt, schliefen die vier friedlich neben der Strecke, als er sie passierte.



Kurz hinter der Kreuzung in Tuslukotak, an der vorher noch das Schaf hing, befindet sich das kleine Zelt des Checkpoints bei Kilometer 70. Die beiden freiwilligen Helfer sind nicht zu sehen, denn bis spät in die Nacht steht eine Traube von bis zu 50 Einheimischen, dicht gedrängt um das Zelt und beobachtet gespannt jede Bewegung der zwei weiblichen blonden Volunteers. Als Eric in Sichtweite gerät, jubelt ihm die Masse entgegen, die Kinder beherrschen mittlerweile die La Ola. Wie bei diesen Events üblich, werden sie in das Geschehen eingebunden und reichen den ausgezehrten Läufern saftige Wassermelonen als Erfrischung. Die freiwilligen Helfer schlafen nur wenige Minuten in den beiden Nächten, verbreiten jedoch jederzeit beste Laune.

Am Ende verlassen auch Eric die Kräfte. Er gewinnt aber den Lauf in weniger als 12 Stunden und absolviert damit fast die gesamte Strecke bei Nacht. “Das letzte Mal, dass ich einen anderen Läufer gesehen habe, war drei Minuten nach dem Start” lautet sein Kommentar nach dem Zieleinlauf. Der Zweitplatzierte erreicht die nun wasserlose Oase über zwei Stunden nach ihm. Wer das Rennen vorzeitig beenden muss, den erwartet ein nicht weniger abenteuerlicher Ritt auf einem Kamel bis zum nächsten Checkpoint. Selten treffen so unterschiedliche Kulturen und einzigartige Persönlichkeiten aufeinander und entwickeln sich während des Rennens zu Freunden fürs Leben. Der Respekt vor den Strapazen des Laufes und die Faszination gegenüber der einzigartigen Landschaft verbindet uns alle und so wird jeder Finisher gebührend empfangen und gefeiert. 35 der Läufer erreichten das Ziel, darunter 5 Frauen und ein blinder Läufer aus Südkorea.