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Reise (definitiv kein Urlaub)

Radtour durch die Vulkanlandschaft

Was macht ihr als erstes, wenn ihr in einem fremden Land ankommt? Richtig, ihr sucht einen WiFi-Hotspot, geht zu Craigslist und kauft ein gebrauchtes Fahrrad. Warum? Dazu später mehr.

Für 99 Dollar war ich stolzer Besitzer eines Rennrades, das umgehend im Kofferraum meines Leihwagens verschwand. Zum Glück sind auch die Kleinwagen in den Staaten grundsätzlich etwas größer als unsere europäischen Pendants.

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Gestern wollte ich meinen neu erworbenen Drahtesel endlich ausprobieren, denn so viel Vertrauen hatte ich in das alte Gefährt dann doch nicht und Überraschungen sind nicht immer willkommen. Kurzerhand fuhr ich auf einen Parkplatz etwas außerhalb von Flagstaff, packte das Rad aus und es konnte losgehen. Leider war das Sattelrohr etwas zu kurz. Folglich saß ich wie eine eierlegende Ente auf dem Rad und rollte zunächst noch frohen Mutes über die amerikanische Landstraße. Nach knapp zehn Minuten fühlte sich mein Drahtesel bereits an, als ob der Esel mit dem Schwanz wackelt. Ein Blick auf das Hinterrad sorgte für Ernüchterung: Der Hinterreifen war dabei sich auszulösen. Kurzerhand machte ich kehrt und rollte zurück in Richtung des rettenden Autos. Etwa 500 Meter vor dem Parkplatz gab es einen lauten Knall und der Hinterreifen war endgültig platt.

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Schiebend entschloss ich: Also gut, das Rad muss zur Reparatur. Per GPS machte ich eine Radwerkstatt ausfindig. Meine Bestellung lautete: “Bitte zwei neue Reifen, zwei Schläuche und eine Sattelstütze.” Die Jungs staunten nicht schlecht beim Anblick meiner Reifen, halfen aber umgehend.

Etwas später startete ich den zweiten Versuch in der Nähe vom Sunset Crater. Eine reizvolle Schleife durch die Kraterlandschaft wäre circa 80 Kilometer lang. Da noch fünf Stunden bis Sonnenuntergang waren, dachte ich: machbar!

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Das Rad rollte mit den neuen Reifen gut bergab, doch bergauf kam ich nicht in Schwung. Scheinbar war das Problem weniger der schwere Stahlrahmen oder die aktuelle Höhe von über 2000 Metern, sondern eher die ineffiziente Mechanik und die kurzen Kurbeln. Als ich nach einer Stunde erst zwanzig Kilometer zurückgelegt hatte und von meiner halbgrünen Lavalandschaft in die Painted Desert — eine Wüste im Nordosten Arizonas — rollte, schaltete ich beim GPS neben Gesamtanstieg auch Gesamtabstieg dazu. Die offenbarte einiges: Bisher hatte ich etwa 150 Meter Anstieg bewältigt aber tatsächlich schon 500 Meter Abstieg. In Anbetracht der fortgeschrittenen Uhrzeit und meiner Wasservorräte von einem halben Liter, entschied ich mich zum kontrollierten Rückzug.

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Mit der längeren Sattelstütze schniefte ich im Ententempo die Hügel hinauf zurück, natürlich mit Gegenwind. Es roch nach Kiefern und zu beiden Seiten erstreckte sich eine schwarze, wilde Lavalandschaft mit Kiefernhölzern und trockenen Büschen. Das Gras flimmerte goldgelb im Sonnenlicht und ich stellte mir vor, wie hier diese riesigen Büffel grasen — das ist der Wilde Westen! Die Schaltung meines Rades ratterte, aber funktionierte tadellos und ich kam voran. Wenige Kilometer vor meinem Auto erstarrte ich förmlich auf dem Rad. Direkt vor mir gleitet eine Schlange mit einem guten Meter Länge gemütlich über die Straße.

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Kurzerhand flog mein Drahtesel auf die Seite und ich lief in sicherem Abstand mit Kamera in der Hand hinter dem Reptil her. Ein Teleobjektiv hätte ich hier dem Weitwinkel vorgezogen. Unbeeindruckt setzte sie ihren Weg fort und ich fragte mich: Was zur Hölle ist das für eine Schlange? Das Muster ähnelte meinen Erinnerungen an eine Klapperschlange, aber die Klapper fehlte. Wie praktisch, dass nach wenigen Kilometern ein Besucher-Zentrum am Weg lag, wo ich nachfragen konnte. Es handle sich um eine Gopher-Snake, teilte mir die junge Frau mit — nicht giftig. Am Auto angekommen, packte ich den Drahtesel weg und trank den letzten Tropfen Wasser aus — Test bestanden, dachte ich.

Sedona: Long Canyon Trail #122

Was macht ihr unmittelbar vor einem Rennen? Es gibt Läufer, die legen einfach ihre Beine hoch und ruhen sich aus. Ich kann das nicht. Was spricht schon gegen einen lockeren Dauerlauf, richtig? Am Samstag laufe ich den Zane Grey 50 in Arizona und in dieser Gegend kann ich einfach nicht still sitzen, sondern muss raus.

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Nach meiner Ankunft in Phoenix fahre ich weiter nach Sedona. Das hat den praktischen Vorteil, dass die Lebensmittel im Auto nicht täglich mehrfach ultrahocherhitzt werden, denn Sedona liegt auf über 1300 Metern Höhe und ist wesentlich kühler und überschaubarer als Phoenix. Sedona ist bekannt für seine roten Sandsteinformationen, die damit verbundenen Outdooraktivitäten, Kunst und Spiritualität.

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Long Canyon Trail

Karten und aktuelle Informationen zur Umgebung erhaltet ihr von der Touristen-Information direkt im Ortskern. Etwa zwei Meilen außerhalb beginnt der Long-Canyon-Trail, für mich der Trail der Wahl. Parken könnt ihr am der Straßenrand in der Nähe des Trailheads. Den Trailhead findet ihr vielleicht mit einer der Skizzen, sicher aber mit einem GPS-Gerät und aktueller Karte. Der Trail selbst ist gut beschildert.

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Die Beschreibung ist leicht: Vom Start lauft ihr etwa sieben Kilometer leicht bergauf in den Canyon hinein. Zu beiden Seiten verengt sich der Canyon zusehends, Blumen verzieren den Pfad und mächtige Sandsteinwände ragen empor — ein Traum. Der Trail schlängelt sich allmählich dahin und wird gegen Ende etwas schmaler. Gerade als die Schlucht richtig eng wurde, lief ich direkt in eine Herde Wildschweine. Nicht nur die Schweine waren sichtlich genervt. Am Ende des Canyons dreht ihr einfach um und lauf die gleiche Strecke zurück. Die Wildschweine fanden das zweite Treffen gar nicht lustig.

Daten zum Trail findet ihr auf Strava.

Übernachten könnt ihr auf einem der nahegelegenen Campingplätze oder in den Motels/Hotels vor Ort. Vorsicht: Im April kann es nachts noch kalt werden, ich hatte morgens ganze zwei Grad Celsius.

Projekt: Rim to Rim to Rim

The Grand Canyon

Gäbe es das Buch “1000 Places To See Before You Die” in einer Sonderausgabe für Trail Runner, wäre der folgende Eintrag ganz gewiss darin aufgeführt: Rim to Rim to Rim (R2R2R). Die Strecke führt vom Südrand des Grand Canyon hinunter zum Colorado River, durch den Canyon hindurch, hinauf zur Nordkante und wieder zurück – ein achtzig Kilometer langes Abenteuer im Wilden Westen der USA mit über dreitausend Höhenmetern Auf- und Abstieg. Große Namen der Trail-Szene haben hier bereits mehrfach ihre Spuren und Schweißtropfen im Staub hinterlassen: Dakota Jones, Anton Krupicka, Krissy Moehl sind einige davon. Für mich gibt es keine bessere Möglichkeit, diese gewaltige Landschaft in ihrer Schönheit und Vielfalt und mit ihren zahlreichen Bewohnern so zu erleben, wie sie sich uns präsentiert.

The US-Car

Mein Sports-Utility-Vehicle (SUV) summt leise und einsam durch die nordamerikanische Prärie. Schier unendlich erstrecken sich die gelben Grasflächen zu beiden Seiten der Fahrbahn. Es braucht nicht viel, um sich vorzustellen, wie hier einst die Cowboys ihre Kuhherden gen Sonnenuntergang trieben. In einer winzigen Siedlung biege ich auf den Highway 64 West zum Grand Canyon Village ab. Die schmale Straße führt allmählich hinauf auf über 2000 Meter und lässt die Temperaturen stetig fallen. Zu meiner Rechten zeichnen sich im Schein des Vollmondes die grauen Silhouetten der gewaltigen Schlucht ab, jedoch wird plötzlich meine Aufmerksamkeit zurück auf die Straße gelenkt und muss schlagartig bremsen: Ein riesiger Wapiti steht im Scheinwerferlicht und starrt mich an. Diese Tiere sehen unserem europäischen Rothirsch ähnlich, sind allerdings noch größer. Ich hupe ihn freundlich an, da trottet er gelassen zurück ins Gebüsch.

Wechsel Pathfinder ZG
Wechsel Pathfinder ZG

Gegen 20:30 Uhr parke ich vor dem Pförtnerhäuschen am Eingang des Mather Campground beim Grand Canyon Village – es ist dunkel und kalt hier oben. An der Seite des Häuschens hängt eine Liste mit Namen, darunter zu finden: Thomas Bohne, Zelt, Platz 168. Passt ja, denke ich und lasse meinen Blick auf die fetten Buchstaben unterhalb der Liste schweifen: “If you arrive late at night, you must register here the next morning or your space will be given away. Opening hours: 08:00 o’clock …”. Mehr muss ich nicht lesen, um zu verstehen, dass diese Information erhebliches Konfliktpotenzial zu meinem Plänen birgt. Bereits früh morgens wollte ich aufbrechen, um der brütenden Tageshitze im Canyon zu entgehen. Daraus wird jetzt nichts, denn ich will meinen Zeltplatz nicht verlieren.

bus stop @ mather campground
bus stop @ mather campground

Kurz nach acht Uhr habe ich erfolgreich am Zeltplatz eingecheckt und warte an der Bushaltestelle vor dem Campingplatz auf das Shuttle zum South Kaibab Trailhead. Der South Kaibab Trail ist die steilere und kürzere Variante hinunter zum Colorado River als der Bright Angel Trail. Mit am Busstop steht ein deutsches Wandererpärchen. Beide sportlich, mit großem Rucksack ausgestattet und bei bester Laune, scheinen sie doch überrascht, einen deutschen Läufer hier anzutreffen und noch dazu, als ich ihnen meine Tagesetappe erläutere. Dass mir die wilden Tiere mehr Sorgen bereiten als die achtzig Kilometer Streckenlänge, stößt endgültig auf Unverständnis. Neben den gängigen Klapperschlangen und Skorpionen siedeln hier Pumas, Kojoten und Luchse – das sind diese etwas größeren Katzen mit unglaublich schönen Augen und kurzem Schwanz. Im Gegensatz zu Hauskatzen verdrücken diese auch größere Beute. Wilden Tieren begegne ich grundsätzlich mit großem Respekt, besonders den Tieren, die in extremen klimatischen Bedingungen überleben müssen.

Grand Canyon South Rim
Grand Canyon @ South Rim

Um 08:30 Uhr stehe ich am Trailhead und blicke erstmals über Südrand des Canyons – whoa! Nicht auszumalen, wo auf der anderen Seite der Trail wieder hinaufführen soll. Die Nordseite gleicht einer mächtigen, senkrechten Steilwand. Die Sonne steht bereits hoch und brennt kräftig auf den roten Fels – ich bin spät dran. Als ich freudig in die Tiefe trabe, hecheln mir die ersten Wanderer schwer bepackt entgegen. Der Trail ist technisch einfach, staubig und riecht ab und zu nach Muli. Lediglich die treppenartigen Absätze und Wasserableitungen bringen mich konstant aus dem Rhythmus. Auf dem South Kaibab Trail werden fantastische 360° Panoramen und Fossilien geboten — eine Fotopause folgt der nächsten! Unterwegs passiert mich eine Maultierkolonne mit richtigen Cowboys, die Proviant für die Ranches im Canyon befördert. Der starke Akzent und der nicht minder strenge Geruch dieser Jungs ist deren bestimmendes Merkmal. Echter Wilder Westen! Im Abstieg nippe ich vorsichtig am Schlauch meiner Trinkblase. Bähhhh! Das Wasser schmeckt richtig übel, dabei habe ich die Blase erst vor wenigen Minuten gefüllt. Nach etwa einer Stunde bergab erreiche ich den grün schimmernden Colorado River — die Lebensader des Südwestens der USA — und kurz darauf die Phantom Ranch, eine idyllische Siedlung aus Hütten und Zelten für Touristen. Das deutsche Pärchen wird hier übernachten, bevor sie — wie die meisten Wanderer — am darauffolgenden Tag über den Bright Angel Trail oder den South Kaibab Trail wieder zum Grand Canyon Village aufsteigen. Vor dem Ab- und Aufstieg am gleichen Tag warnen zahlreiche, anschauliche Hinweistafeln. Nicht auszudenken, wie eine Warnung vor dem R2R2R aussehen würde. Der Trail schlängelt sich entlang eines Baches durch eine enge Schlucht mit hohen, senkrechten Wänden. Die Felswände bieten ausreichend Schatten für sattes Grün und ein angenehm feuchtwarmes Klima.

Arizona 29

Nach wenigen Kilometern schließe ich zu einem Läufer auf – er heißt Jeff und kommt aus Minnesota. Jeff ist mit seinem Vater und seinem Onkel bereits seit drei Tagen in der Phantom Ranch zu Gast und seine Begleiter haben heute Ruhetag. Deshalb trabt Jeff allein in Richtung Tagesziel: die rauschenden Wasserfälle in einigen Kilometern Entfernung. Als sich unsere Wege trennen, ist der Canyon breiter geworden und Kakteen, Sträucher und Dornbüsche bestimmen nun die Vegetation. Flink flitzen kleine und größere Echsen durch meine Füße und ich denke: Wo das Futter ist, ist auch der Jäger nicht weit! Nach ca. 25 Kilometern erreiche ich das Cottonwood Camp, fülle frisches Wasser in die Trinkblase und stülpe mir das klatschnasse Buff über den Kopf, denn es ist heiß geworden. Mein Magen rumort. Im Dickicht baut ein alter Greis sein Zelt auf, ganz still und allein. Als ich ihn bemerke, rufe ich ihm zu, ob alles okay ist. “Die Fliegen werden schlimmer”, erwidert er. Wenige Minuten später lasse ich das Rangerhaus rechts liegen und trabe den Anstieg zum North Rim hinauf. Spektakulär ist der Pfad in den roten Fels gefräst; den Abgrund immer vor Augen passiere ich Millionen, ja sogar Milliarden Jahre alte Gesteinsschichten und bin fasziniert von den einzigartigen Formen und Farben. Auf der anderen Seite tosen Wasserfälle — die Ribbon Falls — die Wand hinunter und dann plötzlich: Bäääämmm! Das war kein Schuss, eher eine Explosion ganz in meiner Nähe. Der Weg wird steiler, ich fotografiere und spiele mit dem Licht. Mein Magen beruhigt sich nicht, mir fehlt die Energie und ich muss gehen. Oberhalb einer Brücke sitzen zwei Arbeiter, neben ihnen liegt Sprengvorrichtung. Als ich sie freundlich bitte, mich nicht in die Luft zu jagen, grinsen sie. Die sprengen hier tatsächlich den Weg frei, fährt es mir durch den Kopf, als ich durch einen Tunnel über die Trümmerteile steige. Am Tunnelausgang arbeitet eine Schar Männer mit Spitzhacken und Presslufthämmern. Die Wasserstelle am Tunnelausgang ist trocken, meinen sie. Und tatsächlich, es tut sich kein Tropfen. Auch oben am Trailhead ist alles abgestellt, wegen dem Frost, sagen sie. Die Straße öffnet erst am 15. Mai. “Brauchst du Wasser?”, fragt der Arbeiter mit dem längsten Vollbart? “Nein danke, ich habe noch Wasser”, entgegne ich und denke: Wird schließlich auch kühler da oben. Ich laufe weiter und treffe auf weitere Arbeiter und Maultiere. Sie bereiten den Weg für die Hauptsaison vor. Eine Läuferin kommt mir entgegen. Sie ist bereits auf dem Rückweg und trabt locker bergab. Ich hoffe mir geht es bald besser.

North Kaibab Trail
North Kaibab Trail

Nach vierzig Kilometern und fünf Stunden stehe ich an der Nordkante. Im Schatten der Fichten liegt Schnee und eine frische Brise weht durch mein Shirt. Der kleine Kiosk ist geschlossen, nur ein Ranger fährt vorbei. “Hier kommen derzeit nur Läufer und Arbeiter hoch, die Straße ist 45 Meilen unterhalb gesperrt”, sagt er ruhig. “Wie lange hast du gebraucht?” “Fünf Stunden”, erwidere ich. Der Abstieg tut gut, die Muskeln in den Beinen lockern auf und der lose Sand federt jeden Schritt wie ein Kissen. Mein Wasservorrat ist endgültig aufgebraucht aber ich will nicht fragen, drücke dafür einem Arbeiter ein paar meiner Cliff Bars in die Hand. Die bekomme ich eh nicht runter ohne Wasser. Unten am Rangerhaus fülle ich die Trinkblase auf. Beim ersten Schluck muss ich spucken. Das Wasser schmeckt so widerlich, dass ich würgen muss. Eine Mischung aus Chlor, Öl und Eisen liegt mir auf der Zunge. Um die Brühe möglichst schnell an meiner Zunge vorbeifließen zu lassen, ziehe ich in tiefen Zügen. Die Sonne brennt erbarmungslos in den Canyon, alles raschelt um mich herum. Beim Cottonwood Camp treffe ich wieder auf den Alten. Sein Zelt steht jetzt und ich setze mich zu ihm auf eine Bank. Er erzählt mir von seinem Zuhause in Las Vegas und dass er seit vier Jahren in den Canyon zum Zelten kommt. Kurz vor der Phantom Ranch hole ich die Läuferin ein. Sie hat Blasen und muss gehen. Das Wasser? “Schmeckt scheußlich”, meint sie. Sie nimmt den South Kaibab am Ende, will fertig werden. Ich entscheide mich für den fünf Kilometer längeren Bright Angel Trail, denn ich bin neugierig und meine Beine fühlen sich gut an.

Colorado River
Colorado River

An der Phantom Ranch ruft jemand meinen Namen. “Thomas?” Die deutschen Wanderer haben mich erkannt und fragen nach meinen Erlebnissen. “Gefährlichen Tieren bin ich nicht begegnet aber jeder Kilometer ist ein Erlebnis. Einfach wunderschön!”, beschreibe ich die letzten Stunden und verschweige dabei die brodelnde Chlorbrühe in meinem Bauch. Ich eile weiter in Richtung Bright Angel Trail, doch bereits beim ersten Anstieg fehlt mir die Kraft und ich beschließe zu gehen. Im Farbenspiel des Abendlichtes schimmern die Felsen goldbraun, der grüne Colorado rauscht lebendig dazwischen. Plötzlich halte ich inne, stehe wie angewurzelt und bewege mich keine Millimeter. Der Beitrag im Trail Magazin von Philipp Reiter schießt mir in den Kopf: Immer vorausschauend laufen, niemals den Blick nur wenige Meter vor sich richten. Da liegt sie, ganz still, prächtig und anmutig, seelenruhig – eine einmeterlange Klapperschlange wärmt sich lang ausgestreckt auf dem Pfad vor mir. Nach den Begrüßungsfotos will ich weiter, doch die Schlange reagiert nicht auf mein Stampfen, ist scheinbar gemütlich auf dem warmen Sandboden. Vorsichtig mache ich einen Bogen und stapfe weiter bergauf, achte auf jeden Tritt. Mir fehlt die Energie und so werden die letzten Kilometer sehr lang und in der Dunkelheit noch viel länger. Nach ca. 12 Stunden erreiche ich das Grand Canyon Village, sehr müde und kalt aber zufrieden.

Would you have seen it?
Would you have seen it?

Der Morgen nach dem Lauf beginnt für mich mit einem Frühstück im Hotel El Tovar. In klassischem Ambiente tanzen die Kellner wie Bienen um mich herum und sind um mein Wohl bemüht. Sie servieren das denkbar deftigste Frühstück zur vollständigen Wiederherstellung meiner Geschmacksnerven und Energiereserven.

Thank you Jim McLaughlin for this wonderful recommendation!

Gobi March 2011



Die Amerikanerin Mary Gadams nahm selbst an zahllosen Ultramarathonläufen, Wüstenrennen und Abenteuerrennen teil, bevor sie 1996 RacingThePlanet gründete. Ihr Ziel war es, Menschen in die verbliebenen abgeschiedenen Regionen unserer Erde zu führen. Sie ist allerdings nicht die Geschäftsführerin eines Reiseunternehmens, sondern schickt Extremsportler auf 250 km lange Läufe. RacingThePlanet veranstaltet seitdem mit der 4-Deserts Serie vier Etappenläufe, die Athleten durch die vier größten Wüsten unserer Erde führen: das Dünenmeer der Sahara in Ägypten, die heißen Ebenen der Gobi in China, die vertrockneten Salzseen der Atacama in Chile und nicht zuletzt durch die klirrend kalten und schier unerreichbaren Eisfelder der Antarktis. Während der Rennen tragen die Läufer ihre komplette Ausrüstung am Körper, lediglich Zelte und Wasser werden von der Organisation bereitgestellt.



Vor dem Start

Ich steige am 20. Juni um 23:00 Uhr auf dem Flughafen Ürümqi aus dem Flugzeug und ein warmer Wind weht über meine Haut. Augenblicklich steigt der Geruch der Wüste in meine Nase und weckt Erinnerungen an vergangene Rennen in dieser Region. Wenige Minuten später treffe ich weitere Mitarbeiter von RacingThePlanet aus Hongkong, Großbritannien und den Vereinigten Staaten in einem Hotel in der Stadt. Chuck empfängt mich bereits in der Lobby, denn er kann es kaum erwarten aufzubrechen. Wir beide arbeiten in den folgenden zwei Wochen für RacingThePlanet. Unsere Hauptaufgabe ist die Bereitstellung einer markierten, sicheren 250 km langen Strecke für 152 Athleten und die Positionierung der einzelnen Teams der Organisation während des Rennens. In einer Gegend mit geringer Infrastruktur, extremen Naturgewalten, einem internationalen Team und nicht zuletzt eigensinnigen Fahrern stellt dies eine gewaltige Herausforderung für zwei Personen dar. Chuck Walker hat bereits alle großen Wüsten durchquert und scheint nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen.Während ich die wenigen Stunden im fünf Sterne Hotel im King-Size Bett versinke, beobachte ich, wie sich Chuck neben meinem Bett in seinen Schlafsack rollt. Am nächsten Morgen verlassen wir die Millionen-Metropole und fahren in Richtung Wüste.



Die Temperaturen steigen stetig, bei knapp 46 Grad Celsius Innentemperatur sitzen wir reglos im Auto, Klimaanlage: Fehlanzeige. Nach ca. 6 Stunden erreichen wir eine Stelle in der Wüste, die später als Camp dienen soll und entdecken erstes Leben. Völlig unerwartet vollführt Fahrer Hassan plötzlich hektische Bewegungen und zeigt vor sich auf den Boden. Zwei lange ”Arme“ bedrohlich in die Höhe gestreckt, rast eine handtellergroße Kreatur auf acht Füßen zwischen unseren Beinen hindurch. Ein Einheimischer bestätigt uns, dass diese Spinnen nicht giftig sind, jedoch Skorpione fressen. Ich stelle mir die Begegnung mit den freiwilligen Helfern vor und grinse leicht zu Chuck, der trocken meint: ”Then I guess they live where the food lives.“ Wir sind uns einig, die Nacht lieber weit entfernt in den Sanddünen zu verbringen.



In den nächsten Tagen markieren wir Abschnitte im Turpan Becken – sprichwörtlich ein Freiluftgrill. Ich greife in der Mittagshitze nach meiner Wasserflasche; sie ist heiß. Gerde platziere ich eine Flagge auf einem Erdwall, da erblicke ich ein tiefes Loch vor mir. Offenbar haben Einheimische an dieser Stelle nach Grundwasser gegraben. So weit das Auge reicht, formen hunderte Hügel eine bizarre Kraterlandschaft. Sorgsam entwerfe ich einen Parcours um die Hindernisse herum, um plötzliches Abtauchen von Athleten zu vermeiden. Chuck verliert indes im vertrockneten Aydingkol-Salzsee 154 m unter dem Meeresspiegel seine Schuhsohlen. Der Kleber zwischen Schuh und Sohle hat sich durch die Hitze gelöst. Als er seinen Wasservorrat an einer Oase auffüllen möchte, schnaubt ihn eine Herde Kamele an und versperrt ihm den Weg zur Quelle. Er watet behutsam durch das mit Kameldung gefüllte Wasserloch und beginnt sich zu erfrischen, da taucht neben ihm ein riesiger Schatten auf. Er fühlt den feuchten Atem eines Kamels direkt an seinem Körper. Im nächsten Augenblick schleckt eine glitschige, raue Zunge quer über seinen Rücken.



Die Berge

Nach den Erlebnissen im Turpan Becken blicken wir erwartungsvoll auf die Bergetappen und fahren in ein Dorf auf 2000 m Höhe. Um 02:00 Uhr nachts öffnet uns kein Tor, so werfen wir unsere Schlafsäcke auf einen leeren Anhänger am Straßenrand und schlafen unter leuchtenden Sternen ein. Ein kleiner Strom bringt etwas Wasser ins Dorf, so dass die Bauern Weintrauben und Pfirsiche anbauen können, was dem Dorf den Namen Peach Village gibt. Dennoch lassen der Zustand der Häuser und die Kleidung der Menschen auf ein Leben in Armut und Dürre schließen. Hier im Tian Shan Gebirge geben plötzlich weggespülte Straßen und Temperaturstürze von 20°C innerhalb von 15 Minuten einen kleinen Eindruck von den Naturgewalten, die diese Landschaft prägen.



Das Rennnen

Am 26. Juli startet das Rennen und damit ändert sich auch unser Tagesablauf. Als die Athleten die Startlinie überschreiten, sind wir bereits seit zwei Stunden auf der Strecke und überprüfen alle Wegmarkierungen. Oft fegen nächtliche Stürme die kleinen pinkfarbenen Fähnchen in weite Ferne oder Ziegen führen an ihnen Geschmackstests durch, ganz zu schweigen von der Anziehungskraft, die diese leuchtenden Farben auf Nomaden ausüben. Kurz nach Sonnenaufgang stoße ich auf eine Herde Kühe in den Bergen, die erschrocken auf und davon stürmt. Etwas besorgt verfolge ich die munteren Galoppsätze der Kühe in einen steilen Abhang hinein und frage mich, wie viele lebend unten ankommen. Einige Kehren später treffe ich die Herde erneut und mein Blick fällt spontan auf das Tier mit Hörnern und ohne Euter, das mich mit erhobenem Haupt mustert. Die Athleten wundern sich später sicherlich, dass der Kurs an dieser Stelle von der Ideallinie abweicht.



Als ich am zweiten Tag des Rennens das Zelt verlasse, umhüllt mich ein milchiger Schleier aus Dunst. Läufer Gian Mins sagt dazu später: ”Ich dachte ich bin im Himmel.“ Über Nacht ist dichter Nebel aufgezogen und die Sichtweite beträgt nur noch wenige Meter. Das Course Team sitzt auf das Fahrzeug auf; wir verschwinden in der grauen Masse und entfernen zwei Bergabschnitte von der heutigen Etappe. Der am Vortag Erstplatzierte Australier David Goerke nutzt die Gelegenheit und erreicht das Ziel heute bereits nach 1,5 Stunden, andere Läufer schonen sich auf der kurzen Etappe, denn sie ahnen was ihnen noch bevorsteht. Die Nacht verbringen wir erneut in Peach Village, werden jedoch diesmal fürstlich von Einheimischen bewirtet. Am folgenden Tag bereiten die lediglich zwölf Familien des Dorfes für 200 Personen ein außergewöhnliches Nachtlager.



Wenn Chuck von ”rechtmäßigen“ Dünen spricht, kann das nur bedeuten, dass die bis dahin härteste Etappe des Rennens ansteht. Die atemberaubende Schönheit der endlos erscheinenden Sanddünen gerät so schnell in den Hintergrund. Bereits beim Markieren der Etappe versinke ich tief im glühend heißen Sand und verbrenne mir meine Zehen. An besonders steilen Anstiegen zieht mich ein unsichtbares Band beständig bergab. Einige Athleten stoßen hier an ihre Grenzen, werden jedoch vom wüstentauglichen Besenwagen, dem Kamel, eingesammelt und zum nächsten Checkpoint geschaukelt. Wenige Kilometer weiter hat ein Sturm die Markierungen weggetragen, jedoch befolgen alle Athleten unsere Anweisungen vom Morgen und folgen einem frei stehenden Zaun bis zum Camp – bis auf die Koreaner. Wir schütteln ungläubig unsere Köpfe als wir erfahren, dass die Koreaner den dichten Stacheldrahtzaun überklettert haben und nun neue Wege beschreiten. Jedoch gelangen auch an diesem Abend alle Athleten sicher ins Camp und tauschen dort ihre Tageserlebnisse am Lagerfeuer oder im Ärztezelt aus. Unwesentlich überrascht aber durchaus erheitert vernahm ich die Nachricht, dass im Tagesverlauf eine der handtellergroßen Spinnen im Ärztezelt an der Decke haftete und für Aufregung sorgte. Die familiäre Atmosphäre bei RacingThePlanet wird einem bereits beim Betreten des Camps deutlich. 39 verschiedene Nationalitäten sind bei diesem Gobi March vertreten und 19 freiwillige Helfer opfern ihren Urlaub für eine Woche harte Arbeit. Wer einmal bei einem dieser Läufe war, nimmt neben den Eindrücken und neuen Bekanntschaften auch ein unbeschreibliches Gefühl mit nach Hause.



The Long March

”Der lange Marsch“ bezeichnet mit 80 km die längste Etappe des Laufes. Zunächst führt eine unwirkliche, graue Mondlandschaft die Läufer zu einem riesigen, vertrockneten Salzsee. Vorbei an den Kameloasen, die Chuck in bester Erinnerung behält, verläuft die Strecke auf direktem Weg nach Gaochang. Die Palastruinen der 2000 Jahre alten Oasenstadt Gaochang an der Seidenstraße zählen heute zum UNESCO Weltkulturerbe. Am Horizont hinter Gaochang leuchten bereits die Flammenden Berge, eine rote Sandsteinformation am Rande der Taklamakan. Das Ziel dieser Etappe und damit letzte Camp des Laufes befindet sich inmitten der Flammenden Berge. Wir verteilen bis spät in die Nacht Leuchtsticks auf der Strecke, die den Läufern auch bei Nacht den Weg weisen. Am nächsten Morgen markiere ich mit Chuck gemeinsam die letzten 10 km bis zum Ziel, bevor ich vor Ende des Laufes die Heimreise antrete. Zurück in Urumqi erfahre ich, dass in der Nacht ein Sandsturm mehrere Zelte im Lager einfach weggerissen hat – die Wüste ist einfach unberechenbar.

Thomas Bohne

Taklamakan 100

Erkundung

Nach vier Flügen und 36 Stunden Reisezeit befinde ich mich in Hotan, einer Wüstenstadt im äußersten Südwesten Chinas. Racing The Planet veranstaltet den ersten Lauf der 100 km-Serie in der zweitgrößten Sandwüste der Erde – der Taklamakan. Gegen ein Uhr nachts öffnet mir ein kleiner drahtiger Franzose das Hotelzimmer. Pierre ist Bergführer aus der Eliteschule in Chamonix und organisierte die legendären Raid Gauloises.



Mit unserem Übersetzer Mahmud und dem Fahrer – den wir “K” nennen – bilden wir das Course Team für Racing the Planet. Wir sind eine Woche vor dem Start angereist um eine geeignete Strecke für den Lauf zu erkunden. Wir vermessen einzelne Abschnitte mit GPS, fügen sie geeignet zusammen und markieren sie kurz vor dem Rennen mit roten Fähnchen sowie bei Bedarf mit Leuchtsticks.

Fahl und staubig reihen sich die Bäume entlang der Piste, nur wenige Kilometer sind asphaltiert. Immer wieder überholen wir spektakulär beladene Eselkarren, die dann in einer dichten Wolke im Rückspiegel verschwinden. An einem kleinen See halten wir, und ich bemerke ein Runzeln auf Mahmuds Stirn: Der Wasserspiegel ist innerhalb einer Nacht um zwei Meter gesunken. Diese kleine Oase soll eigentlich als Zielbereich für die Läufer dienen, doch in einer Woche müssen die Läufer wahrscheinlich nach Wasser graben.

Tuslukotak

Nach drei Stunden erreichen wir das Dorf Tuslukotak. Die Bewohner beschnuppern mich im wahrsten Sinne des Wortes und bilden Trauben um jene Menschen, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Mahmud kauft Naanbrot mit Walnüssen und viel Wasser. In den folgenden Tagen besuche ich Tuslukotak immer wieder und ein Basketballspiel mit dem halben Dorf bricht auch am Ende der Welt jegliches Eis. Nur die Ziege auf dem Platz ist nicht sonderlich begeistert.

Wir erkunden die Gegend nördlich vom Dorf und folgen einem ausgetrockneten Flussbett. Die Fahrspuren sind längst verweht in dieser trostlosen Landschaft und nur mit Mühe und viel Schwung kommen wir voran. Oft zweigen wir ab und suchen nach geeigneten Passagen für die Läufer. Sanddünen sind tückisch, denn sie sind nur von der windzugewandten Seite befahrbar und fallen auf der anderen steil ab. K ist besorgt, denn immer öfter schaufeln wir die Räder mühsam aus dem heißen Sand und die Dornenbüsche haben tiefe Furchen im Lack hinterlassen. Am Abend vermesse ich einen Abschnitt zu Fuß. Das sind meine ersten Minuten allein in dieser Landschaft. Die Dämmerung setzt ein und die Dünen leuchten rot, ich genieße den lauen Wind.

Lunch Break

Hier leben fast ausschließlich Muslime, die jetzt im Fastenmonat Ramadan erst nach Sonnenuntergang, gemeinsam mit ihren Familien, auf den Holzpritschen vor dem Haus, zu Abend essen. Spät in der Nacht brennt unser kleines Feuer in den Dünen nahe des Dorfes und erhitzt Wasser in einer rußigen Kanne. Wir trinken Tee und essen Nudelsuppe mit Naan. Irgendwann legt sich jeder auf seine Iso-Matte und versucht zu schlafen. Das entfernte Bellen der Hunde und die Schreie der Esel halten mich wach und als sich der Wind legt, summen die Mücken angriffslustig über mein Gesicht. Erst am Morgen schlafe ich ein.

Dinner

Markierung

Zwischen den Dünen formen vertrocknete Baumstämme bizarre Skulpturen, ständig präsenter Sand und hohe Temperaturen ersticken jegliches Leben im Keim. Der Himmel ist grau, jedoch steigen die Temperaturen nachmittags merklich an. Kurze wolkenfreie Abschnitte erinnern mich an das Spiel mit den Ameisen und der Lupe.

1st section

Die ersten 17 Kilometer liegen vor mir und müssen mit Fähnchen markiert werden. Trotz GPS fällt mir die Orientierung schwer, denn Dünen sind als Fixpunkt im Dünenmeer nicht sonderlich hilfreich. Der Sand ist weich und ich sinke tief ein, die kurzen Anstiege kosten Kraft. Nach 2,5 Stunden und 400 Höhenmetern komme ich am geplanten Treffpunkt an und warte auf unser Fahrzeug, das jedoch weit entfernt im Sand feststeckt. Meine Planung war recht optimistisch, denn das Wasser ist bereits aufgebraucht. Zwei Stunden später beginne ich den grünen Tee vom Morgen zu kauen und wäge meine Optionen ab. Bis zum Dorf sind es 30 km Wüste, bis zum Fluss 15 km – beides ziemlich tödlich bei 42 Grad im nicht vorhandenen Schatten. Erst nach insgesamt fünf Stunden höre ich das bekannte Stöhnen des Motors aus der Ferne und bin unendlich erleichtert.


Pierre markiert die Strecke am fast trockenen Black Jade River, während Mahmud und K entfernt stromabwärts unbeschwert baden und ich mir mit der hüfttiefen braunen Brühe die Schicht aus Dreck und Sonnencreme abwasche. Aggressive Mückenschwärme jagen Pierre auf seinem Weg durch das Gestrüpp, bis er im Flussbett kurz inne hält und mit beiden Füßen in den Treibsand sinkt. Mit aller Kraft zieht er an einem Schenkel, während sich das andere Bein hüfttief in den Schlick drückt. Wie eine Eidechse kriecht er auf allen Vieren durch den Schlamm ans rettende Ufer. Als er Stunden später in Schlamm paniert vor uns steht, lachen wir über sein haarsträubendes Erlebnis und planen diesen Abschnitt neu.

Am Abend schlachtet das Dorf ein Schaf und hängt den Kadaver zum Verkauf an die Kreuzung. Mahmud reiht sich in die Schlange der Einheimischen ein und kauft uns Fleisch, Mahmud mag Leber. Nach langer Fahrt durch die Nacht erreichen wir einen geeigneten Schlafplatz und suchen in absoluter Finsternis Feuerholz. Die Stirnlampen leuchten nur wenige Meter, denn der Wind treibt feinen Sand durch die Luft. Etwas später sitzen wir hinter einer Düne und drehen Stöcke mit frischem Lammfleisch über der heißen Glut. Der Sand weht mir kühl ins Gesicht und ich beobachte das spritzende Fett in den Flammen. Gegen drei Uhr schlafen wir erschöpft ein.



Rennen

“Nie wieder Strandurlaub” lautet der Kommentar eines Läufers nach dem Taklamakan Ultramarathon. Am Rande einer endlos erscheinenden Straße, etwa 120 km nördlich von Hotan, hält der Reisebus mit den 40 Athleten. Hagere Läufer mit rasierten Beinen stehen neben tätowierten Bullen mit Dreitagebart, allesamt vermummt und bepackt für die gemeinsame Herausforderung. Pfeifend bläst der Wind den Sand über die Dünen, als sie um 18:00 Uhr über ein grenzenlos erscheinendes Dünenmeer blicken.



Eric LaHaile läuft allen davon. Für Eric beginnt hier die schönste Etappe des Laufes, denn bereits zwei Stunden später verschwindet das Sonnenlicht am Horizont und die Temperaturen fallen auf frische 21 Grad. Mond und Stirnlampe leuchten nun die nächsten Meter des Kurses aus. Lediglich die dumpfen Schritte im Sand und das Knarzen des Rucksacks sind hörbar – es herrscht eine schier unwirkliche Stille in dieser gigantischen Landschaft. Tausende Leuchtsticks weisen den Pfad durch die Nacht, lediglich im Dorf verschwinden die Leuchtsticks wie von Geisterhand. Während ich nachts im Dorf neue Leuchtsticks verteile, kontrolliert Pierre die Markierungen zum nächsten Checkpoint, denn ein Sturm zieht auf und vier Koreaner befinden sich noch auf diesem Abschnitt. Als er am nächsten Checkpoint eintrifft, ist eine gewisse Nervosität zu spüren, denn von den Koreanern fehlt jede Spur. Wie sich später herausstellt, schliefen die vier friedlich neben der Strecke, als er sie passierte.



Kurz hinter der Kreuzung in Tuslukotak, an der vorher noch das Schaf hing, befindet sich das kleine Zelt des Checkpoints bei Kilometer 70. Die beiden freiwilligen Helfer sind nicht zu sehen, denn bis spät in die Nacht steht eine Traube von bis zu 50 Einheimischen, dicht gedrängt um das Zelt und beobachtet gespannt jede Bewegung der zwei weiblichen blonden Volunteers. Als Eric in Sichtweite gerät, jubelt ihm die Masse entgegen, die Kinder beherrschen mittlerweile die La Ola. Wie bei diesen Events üblich, werden sie in das Geschehen eingebunden und reichen den ausgezehrten Läufern saftige Wassermelonen als Erfrischung. Die freiwilligen Helfer schlafen nur wenige Minuten in den beiden Nächten, verbreiten jedoch jederzeit beste Laune.

Am Ende verlassen auch Eric die Kräfte. Er gewinnt aber den Lauf in weniger als 12 Stunden und absolviert damit fast die gesamte Strecke bei Nacht. “Das letzte Mal, dass ich einen anderen Läufer gesehen habe, war drei Minuten nach dem Start” lautet sein Kommentar nach dem Zieleinlauf. Der Zweitplatzierte erreicht die nun wasserlose Oase über zwei Stunden nach ihm. Wer das Rennen vorzeitig beenden muss, den erwartet ein nicht weniger abenteuerlicher Ritt auf einem Kamel bis zum nächsten Checkpoint. Selten treffen so unterschiedliche Kulturen und einzigartige Persönlichkeiten aufeinander und entwickeln sich während des Rennens zu Freunden fürs Leben. Der Respekt vor den Strapazen des Laufes und die Faszination gegenüber der einzigartigen Landschaft verbindet uns alle und so wird jeder Finisher gebührend empfangen und gefeiert. 35 der Läufer erreichten das Ziel, darunter 5 Frauen und ein blinder Läufer aus Südkorea.

Leukerbad

Via Ferrata Leukerbad
Via Ferrata Leukerbad
22-08-2009 Leukerbad (Schweiz)

Als Unterbrechung der durchaus langen Fahrt in den Süden Frankreichs beschließen Frederik und ich den Klettersteig in Leukerbad in unsere einwöchige Tour einzubauen. Nach einer kurzen und kühlen Nacht im Schlafsack auf einer nahegelegenen Almwiese stapfen wir um 0630 Uhr in Richtung Ortschaft, kaufen frische Baguettes und bereiten die Ausrüstung vor. Noch vor dem Abmarsch stehen wir vor einem gewaltigen Bergmassiv mit einem in weiter Ferne erkennbaren Schweizer Kreuz und wundern uns, welche Freaks diese Wand wohl bezwingen mögen. Ca. 600 Hm später wird uns plötzlich bewusst, dass die gewählte Route exakt durch diese Wand verläuft. Beruhigend wirken auf mich nur die von Angst ergriffenen Blicke der fünf Franzosen vor uns.

Schon auf den ersten Metern wird es luftig, wie man in den Bergen zu sagen pflegt, jedoch verhindern aufziehende Wolken zunächst den Blick in die Tiefe. Wir durchsteigen unzählige ausgesetzte Passagen, senkrechten Fels und eine beeindruckende Höhle mit überhängenden Leitern. Nicht nur Kraft wird hier gefordert, sondern auch absolute Schwindelfreiheit. So stehen wir bei der “luftigen Variante” vor einer senkrecht abfallenden 1000m Steilwand. Nach 5 Stunden und 900 Hm erreichen wir den Gipfel und werden mit einem beeindruckenden Ausblick belohnt. Der Abstieg erfolgt über den Gletscher zur Gemmipasshütte und anschließend ins Tal.

Thomas Bohne